in

„Oh mein wundes Herz“ oder: Kochen Sie mit mir?

Ich vermute, dass einige dies lesen wollen, weil Sie sich ein feines Rezept erhoffen. Ja, das kriegen Sie, zum Schluss. Nachdem ich Ihnen erzählt habe, wie es zu diesem Menu mit wundem Herz kam. Here we go: Immer, wenn ich fast verzweifle, wie es in meinem Roman in progress weitergehen soll, lege ich eine Kochpause ein. Das ist nie geplant. Schon lange bin ich eine überzeugte Shoppinghasserin, aber es muss halt sein und manchmal wähle ich Produkte aus, die einfach schön aussehen: Ein knalloranger Kürbis, elegante lange Süsskartoffeln, ein schön kompakter, nicht zu grosser Kopf Rotkohl, leuchtend blaue Zwetschgen, Äpfel, die noch so nach Äpfel duften wie ganz viel früher, fleischige Pouletschenkel. Wenn das alles so vor mir liegt, setzt sich vor meinen Augen ein Menu zusammen. Ein Herbstmenu. Und wenn ich es vorbereite, weiss ich, dass es sehr fein sein wird.

Kochen kann ich recht gut. Kochbücher schreiben kann ich auch ganz gut. So gut, dass ich ein Zeit lang genötigt wurde, „den Marmorkuchen von Seite soundso“ oder „die gefüllte Kalbsbrust, du weisst schon…“ für Gäste zuzubereiten. Das mache ich schon lange nicht mehr. Ich meine, ich bin ja seit ewigster Zeit geschieden, wieso soll ich noch für andere kochen wollen? Ich koche am liebsten für mich alleine. Weniger Einkaufsstress, herrliche Stille am Herd und dann alles aufessen, wo ich will. Wenn ich so höre, dass Frauen, ja es sind ja immer die Frauen, vorstöhnen, dass sie nach dem Job, am Wochenende, einfach dauernd, noch was einkaufen, es kochen, alles wegräumen müssten, weil es von ihnen erwartet bin, dann preise ich jedes Mal, dass ich keinen faulen Kerl habe, der dieses Catering by Ehefrau erwartet.

Wieso macht ihr den Seich noch?, frage ich hie und da. Ratlose Mienen. Die machen das genauso automatisch, wie sie ihre Haare flächendeckend färben. Dabei schaut er schon lange nicht mehr hin, schreckt nur auf, wenn das Serviceteil das Posten vergessen hat. Oder tot in der Küche liegt. Aber dann ist er nach spätestens einem Jahr wieder ehelich versorgt. Ja, ich weiss, ich klinge zynisch. Es gäbe auch Momente, wo ich gerne verheiratet wäre. Zum Beispiel, um wieder ein Haustier zu haben. Den Hund kann man mit dem Mann an der Leine abends noch rausschicken, die Katze, nein, das geht nicht, das Katzenkistli putzt einer garantiert nie. Und drum, weil ich eben alles solo manage, schrecke ich vor einem noch hilfloseren Lebewesen, als es ein Mann im Haus wäre, zurück.

Ich müsste dann wieder dies und das einkaufen, bewirtschaften, ich hätte dauernd ein schlechtes Gewissen, nicht zu genügen. Der Katze, dem Hund, dem Goldfisch. So wie es die Frauen in meinem Umfeld haben. Das sie zu Höchstleistungen treibt, ausser in den Bereichen, die sie wirklich gerne haben/hätten. Einige wissen gar nicht mehr, dass sie irgendwelche Freiheiten hätten. Aber vielleicht wäre das doch ein ganz schönes Leben, denke ich gerade. Da muss man sich doch überhaupt keine Gedanken mehr machen, man hat das Männchen oder das Frauchen an der Seite. Der Hund wedelt, die Katze schnurrt. Die Kinder drögeln nur heimlich. Man verreist, man hat eine grössere Wohnung als die nebenan, ein neueres Auto. Man ist nie alleine. Man muss nicht schreiben. Nicht verzweifeln, wie es weitergeht mit der Geschichte. Mit der eigenen Lebensgeschichte. Da ist ja schon das Enkeli, mit dem man aufschneiden kann. Und zum Schluss kriegt man „a scheine Leich“, wie man in Wien sagt, und alle kommen und sind froh, dass sie noch nicht dran waren.

Wieso schüttelt es mich immer, wenn ich in solche Leben hineinblicke, wenn solche Leben sich zum Beispiel an Einladungen versammeln und von Dingen reden, die sich ausserhalb dieser Leben ereignen, gottlob, wie dann versichert wird? Weil ich einen kleinen Moment lang neidisch bin, dann den grösseren jedoch gottenfroh, nicht so leben zu dürfen/müssen. So langweilig, so voraussehbar. So ordentlich. So, ich weiss nicht mal, weil es so weit entfernt von meiner eigenen Existenz ist. Nicht mal unbedingt äusserlich, obwohl das ungefärbte Haar schon ein bisschen seltsam ist. Eher in mir drinnen. Ich denke dann, wenn ich an solchen Orten weile: also das, was da verredet wird, jetzt gerade, könnte ich wieder zu Hause telquel einbauen, erzählerisch. Was ich auch tue. Manchmal mit schlechtem Gewissen, aber es sind halt quasi tolle Romanzutaten-Rezepte, denen ich mit Worten und Sätzen nachkoche.

Heute Nacht, nach einer solchen Einladung, hatte ich einen seltsamen Traum, ich war mit einem Mann im Bett, alles war so, wie es sein sollte, wie es wohl bei anderen, die ordentlich liiert sind, sei dürfte, da kam seine echte Ehefrau und machte eine Szene. Ich glaube, er ist aufgestanden und von mir gegangen. Schön nach Hause. Als ich aufwachte, fühlte ich mich einsam, beschloss eine kommende Kolumne mit „Oh du wundes Herz!“ zu betiteln. Am Morgen ass ich etwas Kleines, dann begann ich mit Gusto zu kochen, aus besagten Zutaten. Bestimmt sind Sie neugierig geworden, wie das Menu geht. Also gut, hier das Rezept für Rotkraut, den Rest können Sie sich ab meinem Menu-Foto zusammenkreieren. Da ist ja alles schön ausgebreitet und nix Schischi. In der Einfachheit liegt nämlich die Raffinesse. Und dann, wenn Sie solo sind wie ich, können Sie irgendwann gemütlich schlemmen und spätabends die Resten direkt ab Kühlschrank naschen. Mach ich heute Abend auch so.

Das Rotkraut

Ein Kopf Rotkabis ziemlich fein mit dem Küchenmesser scheibeln, geht ganz schnell, dann in einer grösseren Pfanne in etwas Rapsol andünsten, zusammen mit einem gestückelten Apfel, einigen Dörrzwetschgen, vorher eingelegt oder nicht, wenn vorhanden einer oder zwei gestückelten, frischen Feige(n). Es geht darum, den herben Rotkabis mit süssen Herbstfrüchten zu vereinen. Ablöschen mit einem Glas Most, überstäuben mit Bio-Bouillonpulver. Alles gut umrühren, köcheln lassen. Nun noch einen Gutsch Apfelessig oder Balsamico. Haben Sie noch vorige Heidelbeer/Johannis/Aprikosengomfi, gut, davon gehen zwei Kaffeelöffel in das sanft köchelnde Rotkraut. Brauner Zucker oder etwas flüssiger Honig passt auch gut. Das Rotkraut soll nicht schwimmen, aber sehr gut in der Flüssigkeit blubbern können. Es gilt, fleissig zu probieren, mag man es sehr weich oder eher knackiger, süsser oder eher essiger? Bei mir wird es jedesmal anders, oh, eben genau das Gegenteil eines geordneten Daseins, das wäre ja immer gleich und schmeckt drum fade statt fein. Wer will das schon? (ich manchmal…)

www.marianneweissberg.ch

 

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Marianne Weissberg

Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

Blick war dabei. (Die Woche 38/2018)

Das Wochenend-Beste in Züri von Andrey Babich