in

Duma XII: Gottes Wort

Duma knallte in einen Baum, verfing sich kurz in dessen Krone und landete schliesslich einigermassen weich auf einem Moos- oder Blätterhaufen. Blut ausspuckend, dachte sie, sie müsse die Sache mit den Sprüngen endlich wieder besser in den Griff bekommen. Alles eine Frage der Konzentration. Gelandet war sie in einem kalten, dunklen Wald und hatte keine Ahnung, warum ausgerechnet hier. Irgendwo in Russland? Alaska, Schweden? Sie kannte sich mit Bäumen und Wäldern nicht aus.

Erschrocken über den Anblick der Polizisten in Kampfmontur, war sie gesprungen, ohne lange darüber nachzudenken, wohin die Reise gehen sollte. Spätnachts, umnebelt von Drogen und Wodka war sie schon oft spontan gesprungen und eben so oft in einer anderen Zeitzone gelandet. So hatte sie am Sunset-Boulevard dann einfach einen Hot Dog gegessen, um dann wieder zurück nach Berlin zu hopsen. In diesen Augenblicken hatte sie schlicht Lust auf einen Hot Dog oder auf den Sunset Strip in L.A. gehabt. So dass es automatisch klappte.

Die Basler Polizisten dagegen weckten ungute Erinnerungen: Die Schlägerei im Münster, die Angst, die eigene Kraft nicht unter Kontrolle zu haben und die graue, eiskalte Hand des letzten Traums, der ihre Instinkte lahmgelegt hatte. Frierend ging sie einige Schritte durch den Wald. Die Bäume ragten majesätisch, stolz auf ihr Alter, hoch in den Himmel, den man aber fast nicht sehen konnte. Die Orientierunglosigket schien komplett, eine Richtung war so gut wie die andere. Duma schlotterte, bahnte sich zwischen den dicken Stämmen einen Weg, obwohl sie keine Ahnung hatte, wo sie hinwollte und in die Wärme hätte springen können.

Ein paar Vögel stiegen in die Höhe, sie wunderte sich, ob hinter einem Busch ein Bär oder ein Wolf warteten. Ungestört ging sie weiter über den weichen Waldboden. Im Spital hatte sie sich an den Alltag gewöhnt. Den Morgen hatte sie meist bei den alten Leuten verbracht, sie manchmal zum Kiosk begleitet, oder sie war einfach nur an ihrem Bett gesessen und hatte darauf geachtet, ob ihre Träume noch Kraft oder Lebenswillen hatte. Die Fragen der Ärztin nach ihrer Herkunft oder ihrer Identität hatte sie nicht genau beantworten können. Eigene Erinnerungen oder Träume zu erkennen fiel ihr schwer. Sie wurden dauernd von neuen Eindrücken überdeckt.

Hier im Wald war die Welt der Träume stiller, sie waren nur eine schwache Ahnung in ihrem Bewusstsein. Sie musste in ziemlicher Abgeschiedenheit gelandet sein. In der Stille versuchte sie sich daran zu erinnern, wann sie sich das Zungenpiercing hatte stechen lassen oder warum sie das Kinderheim in Kleinhüningen verlassen hatte. Damals musste sie noch ein kleines Mädchen gewesen sein. Die Träume hatten sie durcheinandergebracht und sie konnte nicht genau sagen, wo sie als Nächstes gelebt hatte. Laut sagte sie zum Dickicht, das ihre Stimme dämpfte: «Es ist wirklich nicht so, dass es eine Engelsschule gegeben hätte.»

Erst später entdeckte sie in den Träumen von Geistlichen, den Träumenvon frommen Leuten oder Künstlern, die Rebellion der Engel, die angeführt von einem mehr oder weniger unheimlichen Erzengel, gegen Gott rebellierten. Der Allmächtige erschien meist vor einem hellen, meist zu hellen Licht, so dass man ihn nicht erkennen konnte. Die Geistlichen, die Frömmler, sie träumten viel von Miltons «Paradise Lost» oder von der Bibel, gequält von unbeantwortbaren Fragen und manchmal von Verstössen, die sie begangen hatten. Lustigerweise schienen diese «Gebote» auf eine Steinplatte gemeisselt worden zu sein, auf einem Berg, über den die Blitze eines verheerenden Gewitters zuckten. Das Wort Gottes diktiert in einer Kakaphonie von Donner und kollidierenden Wolken. Und damals hatte Duma noch nicht einmal Drogen genommen.

In anderen Träumen waren die Engel Lichtbündel, die die Menschen begleiteten und ihnen über die Strasse halfen oder ihnen mit Rat und Tat zur Seite standen, so dass in ihnen die Hoffnung geweckt wurde, dass sie schon wieder einen Job oder eine Geliebte finden würden. Ob diese Wesen, wie sie selbst, ab und zu einen Joint rauchten oder sich auf dem Londoner Markt in Notting Hill eine Lederjacke schenken liessen, blieb aufgrund dieser Träume unklar.

Mit den Jahren erforschte sie die endlosen Kontinente und Meere der Träume mehr und mehr, sie kannte die Berge, die sich bis in den Himmel erhoben, die Gebirgsmassive, die Kontinente durchzogen, die endlosen Abgründe voller Bilder erschreckten sie nicht mehr und sie entdeckte noch mehr Türme und Haufen von Bildern und noch mehr Bildern, allesamt dem rastlosen Schlaf der Menschen entspringend, den übermüdeten und geplagten Menschen, die im kalten Kunstlicht ihrer Städte sich in ihren verschwitzten Laken wälzten, ohne Ahnung oder Bedauern, das sie das Mondlicht und die Sterne, die ihnen Trost hätten spenden können, nicht mehr sehen konnten, da sie im Neonlicht ertranken.

Duma hatte gelernt, die Träume zu ertragen und sie war sich sicher, dass falls es noch andere Engel oder Wesen gab, diese genau wie sie, weder schliefen noch träumten. Mittlerweile hatte sie Kokain entdeckt und, dass sie eine Vorgängerin gehabt hatte. Schliesslich nahm sie sogar ihren Namen an. Das war besser, als keinen Namen zu besitzen. Offenbar hatte ihre Vorgängerin die Träume geschützt, sie mehr kanalisiert und Bilder und fiebrige Visionen durch andere Bilder ersetzt. Zu ihrer Zeit war dies schon schwerer geworden, da unterdessen die Menschen wieder und wieder zu ihren Bildern zurückkehrten.

Duma lernte es mit den schrecklichsten Bilder umzugehen und gleichzeitig ihr Königreich zu schützen, sie hatte akzeptiert, dass es Licht und Schatten gab, gleichzeitig liessen manche Drogen sie mehr ertragen und es war nicht so, dass sie körperlichen Schaden davontrug oder Angstgefühle verstand. Sie lernte, sie musste weder für Drinks, noch Hamburger oder für Hotelzimmer zahlen. Gerne gab sie zu, die Sache mit den Engeln hatte sie mit der Zeit etwas aus den Augen verloren. In einem Sturm der Bilder schien es wenig Sinn zu machen, die einzelnen Kreise der Hölle unterscheiden zu wollen und es war nicht so, dass ihr irgendwer sagen konnte oder wollte, was sie tun sollte.

Im fast undurchdringlichen Schweigen dieses Waldes würde sie die Antwort allerdings auch nicht finden. Obwohl sie fror, wusste sie die Stille zu schätzen und entschied sich noch einen Augenblick in der Wildnis zu bleiben. Seit sie durch das Münsterdach gekracht war und im Spital gelebt hatte, feierten die Engel in der Traumwelt ihr Comeback: Viele Menschen gingen in der Hoffnung schlafen, dass eine höhere, gar eine göttliche Ordnung geben könnte. Es schien nicht viel zu brauchen, um Hoffnung zu wecken, von der Realität abzulenken.

Plötzlich wogen die Sorgen um die Existenz nicht zu schwer, plötzlich halfen sich die Menschen wieder und nach Jahrzehnten sah sie in den Träumen von Politikern oder Wirtschaftsführern wieder die Bereitschaft den Ärmsten zu helfen. Den Verhungernden in Eritrea oder den Verfolgten in Myanmar half das alles zunächst sehr wenig. Und doch, es schien als würden sich jene, die das Gewehr in der Hand hielten plötzlich davor fürchten, auch damit zu schiessen. Selbst die Banden in Chicago und L.A. liessen sich von dem Basler Engel verunsichern. Und Duma hätte nie gesagt, dass ihr die Alpträume aus dieser Ecke der Welt vermissen würde.

In den Träumen eines Cambridge-Professors hatte Duma gesehen, wie die ursprüngliche Welt, von Gott geschaffen, in einer «Flammenglut» aufging. In der Nacht vorher hatte Eva geweint, sie wusste am nächsten Tag mussten sie und Adam weg. Aus der Welt, aus dem Paradies. Duma blieb skeptisch und nach drei, vier Mai Tais war sie es noch mehr: Eva war dumm. Adam war dumm. Unwissend. So wie sie. Die Unschuld der ersten Menschen liess sie gar nicht erkennen, dass sie im Paradies lebten oder gelebt hatten. «Aber naja», murmelte sie manchmal betrunken an einem Bartresen irgendwo: «immerhin hat es mit den Alpträumen hervorragend geklappt».

Ein Erzengel hatte vorausgesagt, dass die Sintflut und das jüngste Gericht folgen würden. Auch die Ankunft von Gottes Sohn gehörte zur Prophezeiung. Sie lernte aus den Träumen dieses Mannes, der gerade über den Lokalhelden von Cambridge, Milton, schrieb, dass die Engel von Gott einen freien Willen bekommen hatten. Im Gegensatz zu den beiden ersten Menschen. In den paradiesischen Zeiten hatte es schon eine klare Befehlskette gegeben.

Die ersten Träume der ersten beiden Menschen belustigten sie. Es war ein Typ namens Satan gewesen, der zuerst in der Gestalt einer Kröte versucht hatte, Eva zu verführen und sie in ihren Träumen zu beeinflussen. Zu wenig sexy, das ging schief. In der nächsten Nacht versuchte es der Typ nochmals. Er schlüpfte in eine schlafende Schlange und raunte in Evas Ohr, sie solle einen Apfel vom  Baum der Erkenntnis essen. Für Duma blieb es ein Rätsel, wie die Frau unter all den Apfelbäumen im Paradies ausgerechnet den verwunschenen Apfel finden konnte, aber heute war die Frage nicht mehr so wichtig. Leute wurden für viel weniger umgebracht.

Ein weiterer Typ namens Michael begleitet von niedlichen Cherubinen vertrieb mit einem himmlischen Heer aus Engeln Adam und Eva aus dem Paradies. Dass zur Erkenntnis auch «fleischliche Lust» gehörte, begeisterte den nicht mehr ganz jungen Professor. Mit dem Sex war offenbar die Unschuld dahin, und darum war das Paradies kein Paradies mehr. Immerhin verlässt das Paar den Garten Eden, hinter ihnen ein Meer aus Flammen, Hand in Hand. Duma, eigentlich keine grosse Romantikerin, gefiel das.

Im Traum des englischen Professors war Erzengel Michael immer ein Riese. Adam und Eva und die anderen Engel dagegen erschienen wie Zwerge. Während dem Professor tagsüber die Dialektik und Symbolik der ganzen Geschichte schon klar war und seine Vorlesungen grossen Wert auf Aufklärung und eine moderne Sicht auf das Übersinnliche legten, so fühlte er sich im Schlaf mehr zu den riesigen Erzengeln hingezogen. Der Kampf zwischen Racheengel Satan und Gottes Chefengel Michael faszinierte ihn. Seit die Frau des Professors gestorben war, trugen die beiden in manchen Nächten einen endlosen Kampf aus, der ihn seltsamerweise trotz aller Trauer und Depression am Leben hielt.

Duma war trotz allen religiösen Träumen, die Nacht für Nacht geträumt wurden, nicht wirklich eine Gläubige geworden. Ihr war aber klar, sie war keiner der grossen Engel, sie schien mehr eine Hilfskraft, die mit den Menschen ihre Träume teilte und sie für sie bewahrte. Das war ihr nur aus einem Grund klar geworden. Egal, wie sehr sie sich anstrengte: Sie fand in millionen und aber-Millionen von Träumen nicht die leiseste Spur von einem eigenen Traum. Auf dem Kontinent der Nacht gab es keine Spur von ihr, keine Vorstellung, kein Bild, sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was in ihrem Innern vorging.

Duma erkannte, dass die Abgeschiedenheit die beste Gelegenheit wäre, die Spur des «letzten Traums» aufzunehmen, da sein Echo so stark war, dass Reste der Visionen noch heute zwischen den Wipfeln der Bäume zu finden sein müssten. Vielleicht müsste sie auch in die Wüste springen, wo es noch verlassener, noch stiller war. Immerhin stellte Duma sich das so vor. Sie hatte die Wüste ja nur in Träumen gesehen. Aber vorher hatte sie noch eine andere Idee. Da gab es vielleicht jemanden, mit dem sie reden konnte.

Im Spital hatten die Behörden die Sigristin des Münsters nicht vor gelassen, obwohl sie sich nur nach ihrem Wohlergehen hatte erkundigen wollen. Duma hätte gerne mit ihr geredet, die Idee dann wieder aus den Augen verloren. Duma warf einen letzten Blick auf die Tiefe des Mooses, das Wald atmen liess, die heruntergefallenen Äste und die dicken Baumstämme. Noch einmal füllte sie ihre Lungen mit frischer Luft. Dann schloss sie die Augen. Sie hatte wirklich vor, einen präzisen Sprung auszuführen, mit einer Landung so sanft, dass sie niemand bemerken würde. Ihr Ziel im Münster war weit weg vom Eingang der Kathedrale. Hinter den Altären, im Kirchenschiff dagegen hatte es einen runden Gang. Dort war viel Platz und normalerweise waren nur wenig Menschen dort.

Duma hielt ihre Gefühle bewusst zurück. Es sollte ein kleiner, zahmer Sprung werden, der durch keinerlei emotionale Störungen beschleunigt oder beeinflusst werden sollte. Sie wusste, sie hätte das alles besser üben sollen. Aber einigermassen geklappt hatte es es ja, darum hatte sie die Disziplin etwas aus den Augen verloren. Die Landung war so sanft, dass sie sie leicht mit den Knie abfedern konnte. Sie stand inmitten von singenden und meditierenden jungen Leuten. Auf dem Münsterplatz in Basel versammelten sich noch mehr Leute, seit das Gerücht die Runde gemacht hatte, der Engel sei verschwunden und niemand wisse, wann er wieder zurückkehre.

Entdeckt wurde sie von einem rothaarigen Mädchen mit einem breitkrempigen Hut, sie trat scheu auf Duma zu und musterte sie. «Ich bin Iris, ich bin sicher, dass du es bist. Es ist toll, dass du zu uns gekommen bist. Wir haben jeden Tag für dich gebetet. Ich hoffe, du würdest in einer Meditationen erscheinen, aber wenn du jetzt bei uns bist, ist das viel besser. Würdest du mit uns beten?»

«Ich bin nicht besonders gut im Beten», murmelte Duma leise, die ratlos in der Menge der jungen Leute stand. «Ich bin Betty», stellte sich eine Pfadfindern vor. «Wir helfen dir, es ist leicht zu beten, wir könnten auch singen.» Iris meinte: «Wir müssen Frère Paul holen, er wird sich sehr freuen, Sie endlich kennenzulernen.»

Mehr und mehr Gläubige hörten auf zu singen, das Gerücht, Duma sei auf dem Münsterplatz, verbreitete sich schnell. Der Ruf nach Frère Paul wurde lauter. Er müsse den Engel treffen, mit ihm sprechen. Die Mädchen versuchten, Duma aufs Münster zuzudrängen, selbst wenn Frère Paul nicht die Andacht hielt, wäre er wahrscheinlich in der Nähe oder könnte herbeigerufen werden. Iris sagte begeistert: «Weisst du wir wären fast abgereist. Zwar hat es uns nicht gestört, dass du vielleicht eine Zirkusakrobatin aus England, denn Gott ist für alle da. Aber es schien nicht mehr so speziell. Aber jetzt sehe ich, du bist ein Engel. Du hast eine starke Ausstrahlung.»

«Ich habe nicht gerade eine grosse Ahnung von diesen Dingen …»

«Möchtest du unser Faltblatt oder ich könnte dir auch etwas auf Youtube zeigen?», meinte eine andere junge Frau neben Iris.

Einige Meter vor dem Münster teilte sich die Menschenmenge vor Duma, von den Mädchen geschoben, hatte sie keine Wahl als auf die notdürftig zusammengehämmerte Bühne zu zugehen. Frère Roger eilte schon mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Der Priester führte sie auf die Bühne, berührte sanft ihre Schulter, damit sie sich dem Publikum zu wandte, senkte den Kopf, faltete die Hände und fiel in ein stilles Gebiet. Die Gemeinschaft betete mit ihm, obwohl einige lieber gejubelt hätten.

Allmählich wurde Duma ungeduldig. Sie wollte mit der Sigristin sprechen, sie um Rat bitten. Wenn sie irgendwo in der Stille dem Traum des Engels auf die Spur kommen konnte, wollte sie Emilia fragen, was sie dann tun sollte. Ihr war klar, sie war kein besonders wichtiger oder starker Engel, aber dafür hatte sie keine Ahnung, wie die himmlische Ordnung eigentlich beschaffen war und vielleicht konnte ihr die Sigristin sagen, ob es Engel gebe, die schlafen und träumen dürften.

Frère Paul breitete seine Arme aus, seine Jünger erlaubten sich jetzt einen kleinen Jubel und einen Moment lang herrschte eine Stimmung, wie an einem Rockkonzert. Auch bei der Fotografiererei gab es nun gar kein Halten mehr. Hundertfach wurde Duma mit Frère Paul aufgenommen.

«Es ist ein Zeichen, ein Zeichen», sagte Frère Paul mit sonorer Stimme. Er sprach nicht besonders laut, dennoch hallte seine Stimme über den ganzen Platz. «Noch gestern sprachen viele davon, unser Engel sei eine rumänische Zirkusakrobatin, die in England aufgetreten sei. Ein Verlagshaus sagte sogar, sie seine Mossad-Agentin. Nun sehen wir, dass das nicht wahr ist. Denn nur der tiefe Glaube kann unseren Engel heute zu uns geführt, um heute mit uns zu beten.»

Duma flüsterte dem Abt zu, dass sie keine Ahnung von diesen Dinge habe. Frère Paul verneigte sich nur fromm vor ihr und gab ihr das Mikrofon. Er schien überzeugt, sie könne nichts falsch machen.

«Ich habe keine grosse Ahnung, wie man betet. Ich habe es noch nie gemacht. Aber ich kenne eure Träume», sagte Duma ungeschickt, während die Menge seufzte.

«Es spielt keine Rolle wie man betet, oder ob man sich mit dem Beten auskennt, das Gebet kommt von Herzen, aus der Liebe, die uns alle umfasst. Schon Taizé-Gründer Frère Roger hat unsere Gemeinschaft darauf aufgebaut, dass es mehr als die eigene kleine Liebe, die wir uns tragen. Frère Roger hat deutlich gemacht, dass unsere kleine Liebe in der grossen Liebe Gottes aufgeht.»

Er legte eine dramatische Pause ein, seine Gemeinde wartete angespannt darauf zu erfahren, was das alles mit dem Engel zu tun hatte. «Dadurch, dass diese Frau, diese einfache Frau zu uns gekommen ist, ihr alle zu uns gekommen seid, sind wir Gott näher gekommen. Es wäre schön, wenn sie ein paar Worte zu uns sagen könnten.» Frère Paul blickte Duma erwartungsvoll an. Sie überlegte, ob sie wegspringen wollte. Aber im Münster würden sie sie schnell finden und sie wollte immer noch mit Emilia sprechen. Schliesslich hatte die Frau ja Theologie studiert.

Die Augen der jungen Menschen leuchteten ihr gierig entgegen, sie spürte, dass sie nicht alle Deutsch oder Französisch sprachen, da sie aus der ganzen Welt angereist waren. Duma war sich nicht sicher, was sie sagen sollte. Frère Paul meinte, es könne auch nur eine Grussbotschaft sein. Ein Wunsch für die Armen und die Ausgeschlossenen. «Das hilft mir jetzt auch nicht wirklich», murmelte Duma. An ihr Publikum gewandt, sagte sie: «Es war ein Traum, der mich verwirrt hat und drum konnte ich nicht richtig landen. Es war ein Unfall, das ich hier bin, ihr müsst das nicht überbewerten. Normalerweise mache ich meine Arbeit in der Dunkelheit.»

«Es war Vorsehung», sagte Iris stolz neben ihr. «Kannst du uns Gottes Wort weitergeben?»

«So viel ich weiss, hat Gott schon länger nichts mehr gesagt …», sagte Duma: «Auf jeden Fall nicht zu mir.»

Damit waren die Umstehenden nicht zufrieden. Sie murmelten untereinander, bevor jemand sagte: «Aber ein Engel hat geträumt, dass ist fast so, als hätte Gott gesprochen?» Duma schaute schweigend über die Menge. Frère Paul wartete, ob noch etwas kommen würde. Schliesslich meinte ein junger Mann aufgeregt: «Was ist mit dem Ende der Welt. Das ist ja schliesslich vorausgesagt. Die Welt endet, wenn die Engel auf die Welt zurückkehren. Bis du eine Vorbotin, kommen noch andere.»

Das konnte sie selbstverständlich auch nicht richtig erklären, sie sagte aber, sie sei schon immer hier gewesen und falls es andere Engel gäbe, so wären die wohl auch immer hier gewesen. Duma meinte etwas verzweifelt: «Seht mal, ich glaube nicht, dass ich bin, was ihr sucht. Dazu habe ich viel zu wenig Ahnung von diesen Dingen. Und einen guten Draht zum Chef habe ich wahrscheinlich auch nicht. Aber eine Vorbotin bin ich sicher nicht, denn ich bin jetzt schon so lange bei euch, und es hat sich nicht viel verändert.»

Die jungen Gläubigen widersprachen ihr, meinten, gerade die Zweifelnden und Verzweifelnden lägen Gott am Herzen. Sie dürfe nicht verzagen. Sie strömten auf sie zu, ein Wattebausch aus Körpern der immer dichter wurde, je mehr sie sich wünschten, sie zu trösten und ihr nahe zu sein. Verlegen bedankte sich Duma und überlegte, ob sie wegspringen sollte. Vielleicht nicht. Das würden diese Begeisterten nur noch mehr als ein Wunder ansehen. Zum Glück fing jemand an zu singen und alle fielen mit ein.

Neben ihr schien Frère Paul in sich gekehrt. Das war nicht gut gelaufen. Sein Orden hatte viel mit der göttlichen Liebe und wenig mit dem jüngsten Gericht am Hut. Heute würde er das aber nicht mehr erklären können. Er murmelte seinen singenden Brüdern und Schwestern zu: «Meine Schwestern, meine Brüder, wir lassen unserem Engel jetzt etwas Zeit. Aber natürlich ist sie immer zum Gebet eingeladen.»

Erneut nahm er Duma sanft am Arm und sie verliessen die Bühne. Etwas neben dem Haupteingang des Münsters hatten die Pilger ein Zelt aufgestellt. Hier konnten sich die Besucher anmelden oder wurden informiert, wo in der Stadt sie bei einem Mitgläubigen einen Schlafplatz finden könnten.

Duma folgte Frère Paul nur widerwillig in das Zelt. Es störte sie nicht, mit ihm zusammen zu sein, aber in den letzten drei Wochen hatte sie viel zu viele Fragen beantworten müssen.

-Und Mist. Es ist nicht so, dass ich ihnen viele Antworten geben könnte.

Mit einer «Husch-Husch-Bewegung» mit den Händen scheuchte Frère Paul zwei Damen aus dem Zelt, die sich um alles kümmerten. Duma dagegen fragte vorher noch verzweifelt: «Können Sie mir vielleicht einen Wodka besorgen?»

«Wir haben nur Wasser hier», sagte die Frau, die als letztes aus dem Zelt ging, sich aber leicht am Kopf wehtat, aus Überraschung, dass der Engel mit ihr gesprochen hatte und weil sie vergessen hatte, dass der Ausgang zu niedrig für ihre Grösse war.

«Ich werde sie nicht lange aufhalten. Ich wollte nur fragen, warum sie ausgerechnet zu uns gekommen sind, sie haben sich ja niemandem offiziell gezeigt und nun muss ich mir überlegen, was es für uns bedeutet, dass der Engel zu unserer kleinen Gemeinschaft gekommen ist.»

«Ich wollte zu Emilia, habe aber offenbar meinen Sprung nicht so gut berechnet und bin dann bei euch auf dem Platz gelandet. Es war ein Missverständnis. Sorry. Du hast auch keinen Wodka?»

Frère Paul, der sich mit einem ernsthaften Problem konfrontiert glaubte, verdrehte die Augen und bat um einen Augenblick. Er ging hinaus und wies einen Jüngling, der vor dem Zelt wartete an, er solle so schnell wie möglich «Wodka» besorgen. Die Fragen «woher», ob «mit oder ohne Eis» hörte der Pater schon nicht mehr.

Es klappte überraschend schnell. Während Duma immer wieder eine Flasche Fusel aus dem Supermarkt ansetzte, versuchte Frère Paul darüber zu sprechen, dass sie eine «stille, bescheidene Glaubensgemeinschaft» wären, die Werte wie «Gemeinschaft» und «Bescheidenheit» in einer immer verrückteren Welt vertreten würde. «Ihr seid mir schon sympathisch», murmelte Duma, die bei sich dachte, dass ihr der Wodka schon gefehlt hatte. Sie überlegte auch, es sei wieder einmal Zeit, tüchtig in den Ausgang zu gehen.

«Von Ihnen geht etwas Spezielles aus, es ist nicht leicht zu fassen, aber wir merken es alle. Und doch wäre es schade, wenn sich alles Gute in der Welt auf Sie konzentrieren würde.»

Nach einem kurzen Zögern fügte er noch an – wahrscheinlich damit sie wirklich verstand: «Es hat lange gedauert, bis jeder gemerkt hat, dass er selbst etwas tun muss, dass ihm die Entscheidung nicht abgenommen wird.»

Duma spürte, dass er Recht hatte. Es war lange her, seit der Sohn des Zimmermanns von Nazareth die Welt erlöst hatte. Heute wäre es nicht so einfach: Es verkäme zur globalen Reality-Show.

Sie murmelte etwas verlegen: «Meine Aufgabe ist ziemlich klein, ich kümmere mich um die Träume, ich glaube, ich bin weder besonders wichtig, noch besonders stark. Es hat sich auch noch nie jemand von oben um mich gekümmert.»

Sie hatte keine Lust, ihm von den Waisenhäusern zu erzählen, von den Jahren, in denen sie die Bilder einfach überrannt hatten und sie noch keine Ahnung gehabt hatte, wie sie zwischen den Zeitzonen springen konnte, damit sie nicht in einer dauerhaften Nacht gefangen blieb. Genauso wenig konnte sie erklären, warum sie alle Träume sah. Etwas leichtfertig vergass sie, dass sie noch zu Emilia hatte gehen wollen, um ihren Plan mit ihr zu besprechen. Nach einer halben Flasche Wodka hatte sie den «letzten Traum» schon ganz vergessen und nahm sich vielmehr vor, einen Abend lang feiern zu gehen. Sie war sich sicher, dass konnte nicht schaden.

Sie liess einen ratlosen Glaubensführer zurück. Frère Paul setzte sich schwer auf eine Holzbank, stützte den Kopf in beide Hände und hatte keine Ahnung, wie er seinen Gläubigen erklären sollte, dass ihnen kein Engel – und schon gar nicht dieser Engel – etwas von ihrer menschlichen Bürde abnehmen konnte. Dass es ein schlechter Tausch wäre, die Barmherzigkeit einer Gemeinschaft mit einem vom Himmel gefallenen Engel der Träume zu tauschen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

Ehem. Sozi feiert Hochzeit in der ehem. DDR. (Die Woche 41/2018)

In der Apokalypsen-Manufaktur