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In der Apokalypsen-Manufaktur

Also lasst uns in die Nebelzone ziehen, lasst uns treiben, Schiffe in der Nacht, auf den  unberechenbaren Wassern der Existenz, einer neuen Realität entgegen, die sich nicht von Antworten oder Fragen beeindrucken lässt, weil sie diese ja nicht einmal von jenen unterscheiden kann.

«Jedes Ende sei ein neuer Anfang, meinen die Weisen. Wahrscheinlich haben sie damit Recht. Also gibt es eigentlich gar kein Ende. Und folglich auch keine wirklichen Anfänge», sagte Ona ernst und leise, in der Kreativabteilung der Apokalypsenmanufaktur.

In jenen Nebel hinein, der sie und Al und Eve während der Arbeit umhüllte, einen Nebel, der einfach ständig da war – wie leiser Herzschmerz oder eine schleichende Quecksilbervergiftung.

Eve, eine elfenhafte Gestalt, jedoch mit einem riesigen Busen ausgestattet, einer überdimensionierten Terrasse gleich – üppig mit Blumen, vielleicht sogar mit Früchten garniert –, die beinahe waghalsig vom ansonsten bemerkenswert zierlichen Bau ihres Körpers abstand, hatte wie stets ihre Zwei-Ton-Flöte dabei, geschnitzt aus grobem Holz.

In die sie kräftig zu blasen pflegte, ohne Unterlass, wenn sie nicht gerade sprach – doch sprach sie wenig – oder ass – doch ass sie wenig – oder ihren heimlichen Lover, den Herrn Musikalrat der Apokalypsenmanufaktur, der ein bisschen streng nach Leinöl roch, an seinem Hemd meist jenen berüchtigten Knopf zuviel offen liess, zudem viel älter war als Eve, mit dem Mund bediente, aber das kam selten vor, weil der Herr nicht mehr permanent Schabernack treiben wollte, was den vielen Jahren, auf seinem sprichwörtlichen Buckel versammelt, geschuldet war, die raren Nummern nahmen dafür zumeist einige Zeit in Anspruch…

Ein Arrangement übrigens, das sich für beide recht befriedigend gestaltete.

Wenn der Herr Musikalrat, ein gestandener Anhänger der Geheimlehren des Ordo Templi Orientis (O.T.O.) übrigens, und seine Eve es allerdings auf eine andere Art und Weise trieben, die sich südlich vom so genannten Blasen ereignet (manchmal gar südlich und umseitig), was schliesslich auch hin und wieder vorkam, geschah dies unausweichlich und ausnahmslos zum Klang der Zwei-Ton-Flöte…

…was ihm gefiel; weil er befand, dass Eve einen guten Ansatz pflege.

Al, ein Bildungsbürger von Format, pflegte sich seinerseits die Innenfutter seiner beiden vorderen Hosentaschen herauszuschneiden, immer gleich nach dem Kauf eines neuen Beinkleids, da machte er keinen Hehl daraus. Also nannte er die beiden Schlitze, die da übrig blieben, «meine Durchgriffe».

Unterhosen trug er nie. Er hatte, dank dieser Massnahme, stets freien Zugriff auf sein Gemächt.

So hielt er sich – permanent reibend und fummelnd, mit den Händen in den Hosentaschen – in einem dauernden Zustand der Erregung, der für ihn die notwendige Grundlage des Lebens, des Arbeitens darstellte. Einen Höhepunkt liess er nur ausnahmsweise zu, jeweils mit leichtem Bedauern: «Denn», so pflegte er zu sagen, «die Erregung ist wichtiger als die Entladung, in der Erregung manifestiert sich nämlich die kreative Energie».

Für seine beiden Ehefrauen, die venusischen Zwillingsschwestern Lana und Nala, Controllerinnen bei der Apokalypsenmanufaktur, die eine Vorliebe für hautenge silberne Overalls, gewisse Körperregionen strategisch freilassend, und das Werk von Pauline Réage (oder war es Anne Desclos?) teilten, war das recht herausforderungsreich.

Die allabendlichen Orgien- und Mysterienspiele (jaja, frei nach Meister Nitsch) in ihrem trauten Dreierheim dauerten nämlich mindestens so lange wie eine Aufführung von Wagners Götterdämmerung, waren epische Kavalkaden der Ausschweifung, ohne Tabus, der fröhliche alte Richard Freiherr von Krafft-Ebing (1840 – 1902) hätte seine Freude daran gehabt, dabei wurde die Erregung gesteigert, gesteigert, gesteigert…

Und nur äusserst selten, wenn die Zwillinge ganz lieb bettelten – oder ihm gerade danach war -, liess sich Old Al zu einem Happy End bewegen, dann war allerdings Feuerwehr total angesagt.

Meistens hörte er jedoch am liebsten just in jenem Moment auf, in dem die Erregung kaum mehr auszuhalten war, mit folgenden Worten: «Und diesen Dampf nehme ich morgen mit ins Geschäft. Dort kann ich ihn prima gebrauchen. Euch beiden würde ich dasselbe raten.» Wenn sich die Zwillinge dann halt gegenseitig aus der Verzweiflung halfen, was seiner forschenden Aufmerksamkeit niemals entging, schaute er sie verächtlich an, sagte irgendetwas Abfälliges über Leute, die nie gelernt hätten, mit ihren Energien haushälterisch umzugehen.

Trotzdem hielten die venusischen Zwillinge ihrem Al die Treue, denn ansonsten war er ja ein ganz Lieber.

Ona ging dies alles am stolzen Hinterteil vorbei. Wirkte sie doch als Chefin hier, ultrakompetent, megaprofessionell, blitzgescheit, darüber hinaus hatte sie die perfekte Sanduhrenfigur, die sogar noch unter der sackartigen Arbeitskleidung des Hauses inspirierend wirkte, und rauchte Kette: Cigarillos.

Diese Lady strotze nur so vor robuster Kraft, die stets danach schrie, auf die Probe gestellt zu werden.

Al und Eve arbeiteten gerne unter ihr, in der Kreativabteilung der Apokalypsenmanufaktur, stets von jenem hartnäckigen Nebel umhüllt.

Ona arbeitete haargenau, liess jedoch allen Beteiligten genügend – gefühlten  – Freiraum, in dem sie sich sich entfalten konnten, Freiraum, der in Tat und Wahrheit eben gar nicht so frei, sondern ebenfalls präzise durchgeplant war, von ihr persönlich, denn Ona kannte die Fähigkeiten und Anliegen ihrer Unterhunde aus dem Effeff.

So waren alle hochzufrieden!

Ja. Ona war immer Herrin der Lage. Sie hatte die Lieferanten im Griff und die Kunden, die Teppichetage und die Beschwerdenführer, sie hatte im Apokalypsenmetier von der Pike auf angefangen und dann alle Zusatzausbildungen mit Bravour absolviert – ihr konnte so leicht niemand etwas vormachen.

Nur am Abend brauchte sie einen Ausgleich, dann stieg sie zu den sechs Drei-Mann-Zellen der Aufräumer hinunter, die man ja in jeder Apokalypsenmanufaktur benötigt, mächtige, rohe, ja vertierte Männer mit gruselig-schmutzigen Gedanken, sie stieg also dort hinunter, mit nichts als einem roten Stringbody von Obsessive – sowie einem paar tüchtigen Schnürstiefeln – am Leibe, und sprach: «Macht mit mir, was Ihr für gut befindet; tut, was immer Euch gefällt – und redet bitteschön recht wüst mit mir, während ihr es tut». Und das taten sie. Fürwahr. Bis der elektrische Hahn den neuen Morgen einkrähte. Grob war es, saugrob, «punishing», wie die Engländerinnen gerne sagen.

Doch Ona schätzte diese Nocturnes, sie ging nichts als gestärkt aus ihnen hervor.

Über die nächtlichen Ausflüge der Chefin wusste der ganze Laden Bescheid. Und das wusste wiederum sie, doch es störte sie kein bisschen. Ihr Stamina war nämlich das Objekt allgemeiner Bewunderung. Auch ihrer Autorität über die Aufräumer tat dies alles erstaunlicherweise keinen Abbruch, denn diese wussten, was sie an Ona hatten, Abend für Abend – und keinesfalls wollten sie, dass diese rauschhaften Vergnügungen jemals aufhören. Deshalb schufteten sie wie Sklaven für Ona. Am Tag.

Um sie dann abends wie eine Sklavin zu benutzen, in ihren schmutzigen Drei-Mann-Zellen.

Alas, es war schon ein Universum der pikanten Arrangements, die zu einer bizarren – aber ganz und gar realen – ausgleichenden Gerechtigkeit führten, welches sich in jenen nebelverhüllten heiligen Hallen der  Apokalypsenmanufaktur ausdehnte, die übrigens zunehmend grandiosere Untergangspläne realisierte. Um ihre Kundschaft zu befriedigen, die ihrerseits immer anspruchsvoller wurde.

Und eines Nachmittags stellte der liebe Al seiner Chefin Ona jene interessante Frage: «Wir setzen hier ja dauernd Untergänge um, Meisterin, die wir vorher umsichtig planen, Weltuntergänge, ja Untergänge ganzer Sonnensysteme. Wie kommt es denn, dass trotzdem niemals etwas zu Ende ist, dass unser Metier immer weiter geht und weiter? – Denn eigentlich ist das doch unser Geschäft, das Ende.»

Die Antwort, die Ona ihm darauf gab, steht am Anfang diese Texts, der nun – gottlob – bald zu Ende ist, unwiderruflich, gleich nach der Einleitung.

Und Widerstand ist bekanntlich, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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