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Hologramm-Tour: Zwei Mal sterben mit Amy Whinehouse

Sie ist wieder da. Im nächsten Jahr soll die Soulsängerin Amy Whinehouse sieben Jahre nach ihrem Tod als Holgramm wieder auferstehen und auf Tournee gehen. Im besten Fall ist das absurd, im schlimmsten raubt es einer Frau ihre Geschichte, in der steiler Aufstieg und Absturz nahe beieinander lagen.

Weisser Sand am Strand, eine Bar unter Palmen, weiter vorne ein paar farbige Liegestühle. Ein laues Lüftchen weht über die Karibik-Insel Dominica. Die dünne junge Engländerin unterscheidet sich nicht von anderen Touristen. Vielleicht hat sie etwas mehr Tattoos, vielleicht wirkt sie etwas ausgehungerter. Soul-Sängerin Amy Whinehouse war vor dem Star-Rummel in London geflüchtet. Versuchte sich zu erholen von Alkohol und Drogen und der dauernden Flucht vor den Paparazzi der Sun. Mit dem Album «Back To Black» war Whinehouse zum Mega-Star geworden. Die lebensfreudige Sängerin geriet bald in Teufelsküche: Zuerst trank sie zuviel, dann kamen noch Koks und Heroin dazu. Ganz das klassische Arbeitermädchen genoss sie das Leben, liess sich mit schlimmen Typen ein.

Bald waren Schnappschüsse von ihr den englischen Boulevard-Zeitungen um die tausend Pfund wert. Im Karibikparadies versuchte sie wieder auf die Beine zu kommen. Mit 25 war sie ausgebrannt, hatte genug vom Musikbusiness und dem Druck immer wieder auftreten zu müssen. Mittlerweile litt sie sogar unter Magersucht, die durch die Drogen ausgelöst worden war. Die Ruhe auf Dominica dauerte nicht lange. Bald taucht ihr Vater Mitch, ein Londoner Taxifahrer, mit einem Kamerateam eines englischen Privatsenders auf. Er hat mit dem Sender ein Geschäft gemacht und will seine Tochter vor die Kameras schleppen.

In der Doku «Amy» von Aisf Kapadia geht diese Szene unter die Haut. Nicht nur staucht der Vater seine Tochter gnadenlos zusammen, weil sie nicht vor die Kameras treten will, er versteht auch nicht, dass sie Ruhe von dem ganzen Rummel braucht. Drei Jahre später wird Amy Whinehouse tot sein. Sie wird mit über 4 Promille Alkohol im Blut in London gefunden. Jetzt soll sie wiederauferstehen. Als Hologramm. Natürlich war Elvis zuerst, denn Elvis darf nicht sterben und auch Michael Jackson gibt es als dreidimensionale Aufnahme zu sehen.

Die Hologramm-Shows erscheinen im besten Fall absurd. Sowohl bei Elvis, Jackson oder Amy Whinehouse gibt es unzählige «richtige» Filme von Konzertauftritten oder Dokumentationen über ihr Leben. Das Bedürfnis nach einem künstlichen Abbild erscheint obszön. Natürlich steckt hinter der Hologramm-Amy Vater Mitch Whinehouse. Ganz offensichtlich ein sehr geschäftstüchtiger Mann. So meint er bei der Ankündigung der Holo-Tournee, dass eine neue Generation von Fans die Chance erhalten solle die Talente seiner Tochter bewundern könne.

Papa Whinehouse übersieht dabei allerdings, dass seine Tochter zunehmend unter dem Tourstress gelitten hat und sich mehr und mehr ins Privatleben zurückgezogen hatte. Nach der Ankündigung wünschten sich viele Fans, dass man die Künstlerin in «Frieden» ruhen lassen solle, denn schliesslich sei die Musik, die sie hinterlassen habe genug. Am Ende bleibt Geschäft Geschäft. So wird sich die Auferstehung von Amy Whinehouse nicht verhindern lassen. Heikel wird die Geschichte dadurch, dass für das dreidimensionale Abbild Schauspielerinnen die Bewegungen imitieren. Das Bild der Sängerin wird aufgehübscht, künstlich aufgemotzt. Ein Hologramm hat kein Lampenfieber.

Am Ende bleibt ihr so nicht einmal ihr musikalisches Vermächtnis. Nach dem Tod bleibt ihr nicht einmal das Bild ihres Körpers, denn dieser lebt als seltsames Imitat weiter. Dies, obwohl es genügend Filme über ihre Konzerte gibt. Sieben Jahre nach ihrem Tod stimmt nachdenklich, dass ihre Biografie, bei der Glanz und Elend, Aufstieg und Absturz so nahe zusammenlegen, im Bild eines Projektors bedeutungslos wird. Nicht nur verliert die Sängerin ihre Geschichte, sie wird durch ihre Auferstehung praktisch ein zweites Mal gekillt.

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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