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Das grosse Ganze war gut

Neue Horizonte haben sich damals täglich aufgetan. Ein wunderbar warmes Licht hat die Welt erfüllt. Und den Menschen in die Herzen hinein geleuchtet. Eine grandiose spielerische Leichtigkeit wehte durch das Zentrum aller Aktivität. Und diese Aktivität trug reiche Früchte, die wiederum Samen enthielten. Aus denen glanzvolle neue Aktivitäten hervorwuchsen.

Die auf einer jeweils noch höheren Ebene zu glorreichen Erfolgen führten.

Alles lief wie am Schnürchen.

Ohne Krampf. Ohne Kampf. Unangestrengt. Es flutschte einfach. Auf ganz und gar natürliche Art und Weise. So wie die Jungfrau zum Kind kommt. So wie Wein, Brot, Fisch sich auf wundersame Art und Weise vermehren (angesichts einer Hochzeitsgesellschaft, die einem wohl erigierten Glied und einer angenehm lubrifizierten Vagina ihren traditionsgemässen Tribut zollt).

So, wie einer übers Wasser schreitet. Mühelos.

Es gab keinen Neid. Es musste nicht auf die Zähne gebissen werden. Alles geschah halt einfach so. In einem herrlich strömenden Flow.

Die Welt, die Menschen, die Tiere und Pflanzen bewegten sich in nahtloser Harmonie, die an einen Tanz erinnerte, der von einem sanft pulsierenden Rhythmus beflügelt wird. Dabei konnte die härteste Arbeit mit einem Vergnügen ausgeführt werden, welches jenem gleichkam, das sonst höchstens mit einem voll und ganz befriedigenden Geschlechtsakt zu erreichen ist, auf den sanfte Ermattung folgt – und dann ein tiefer gesunder Schlaf.

Nicht jene genauso verzweifelte wie nervöse Erschöpfung, die unsere heutigen Tage auffrisst. Die sich bereits beim Aufwachen anmeldet. Während des Tages monströse Ausmasse erreicht. Und dafür sorgt, dass wir am Abend dann halt doch nicht einschlafen können.

Obwohl wir jenen tiefen Schlaf so dringend nötig hätten. Einen Schlaf, der süsse Träume und neue Visionen erzeugt. Nicht jene Nachtmahre, die uns Heutige durch die Dunkelheit jagen. In einem nervösen Dämmerschlaf, aus dem wir immer wieder hochschrecken, geplagt von Ängsten; um unsere Sicherheit, unsere Zukunft, unser gesellschaftliches Ansehen.

Damals. Ja damals war das ganze Leben wie eine einziges orgiastisches Schäferstündchen, wie gesagt, sogar die allerhärteste Arbeit war wie ein libidinöses Stelldichein! Obwohl es das Wort libidinös noch nicht einmal gegeben hat. Damals. Ja damals waren die Tage und Nächte von einem Taumel der Glückseligkeit durchdrungen. Obwohl das Wort Taumel noch gar nicht zum Wortschatz der Menschen gehörte. Damals. Ja damals übertraf die Zukunft jeweils bei weitem die Gegenwart.

Obwohl sich niemand um die Zukunft Gedanken machte.

Natürlich haben die Menschen damals Drogen und allerlei dunkle schwere süsse berauschende Flüssigkeiten zu sich genommen. Sie taten dies jedoch in der gleichen gelassenen Manier, mit der sie Mandarinen, Kartoffeln und Marzipan genossen. Unaufgeregt. Sorglos. Unschuldig. Sie taten es nicht, um ihre Sorgen zu vergessen. Die taten es, um den reinen Schauer des Lebens noch intensiver geniessen zu können.

So liebten sie das Leben. Und freuten sich auf den Tod.

Die Ekstase ihrer Existenz war so rein, dass sie sich sogar über Schmerzen freuen konnten. Weil sie körperliche und seelische Pein als notwendige Hervorbringungen des grossen Ganzen akzeptierten. Und das grosse Ganze war gut. Weil es alles, das da existierte, umfasste, umarmte, umhüllte. Durchdrang. Niemandem wäre es in den Sinn gekommen, jemand anderem das Vergnügen zu neiden, zu schmälern, zu verderben. Denn alle waren vergnügt.

Doch dann kam jener denkwürdige Tag, an dem ein grosser schwarzer Vogel, dessen Schwingen das Sonnenlicht verdunkelten, auf unserer Erde landete und ein mächtiges Ei legte. Auf dem höchsten Berg der Welt.

Dort brütete er es aus. Als die Schale dann endlich von innen her durchbrochen wurde, kam jedoch kein junger schwarzer Vogel zum Vorschein. Sondern ein reizendes ausgewachsenes Geschöpf. Fast menschlich. Aber ein bisschen mehr als nur das, ein bisschen runder, ein bisschen zauberhafter. Mit zwei starken Armen ausgestattet, zwei geschickten Händen, zwei standhaften Beinen, einem hübschen Kopf, einem blonden Schopf, einer goldenen Zunge und einer süss flötenden Stimme.

Kaum war es geschlüpft, entschwand der grosse schwarze Vogel in der Unendlichkeit des Weltalls. Und ward auf unserer Erde nimmermehr gesehen.

Das Wesen aus dem Ei stieg dann zu den Menschen herab. Alle, die es sahen, verliebten sich umgehend in das Geschöpf. Verzaubert lauschten sie seinen Worten, betrachteten seinen Körper, versanken in seinen Augen.

Und so kam die Veränderung. Nach und nach. Denn vorher waren sie alle gleich gewesen auf dieser Erde, waren sie allesamt schön und gescheit gewesen…

Doch das Geschöpf aus dem Ei überragte sie, es unterschied sich von ihnen  – und war ihnen auf der anderen Seite doch so ungeheuer ähnlich, aber halt dieses entscheidende bisschen zauberhafter. Sie wollten ihm nahe sein, jede und jeder wollte ihm noch näher kommen als die anderen. Körperlich, geistig, seelisch. Sie lauschten seinen Reden, in denen eine Weisheit anzuklingen, mitzuschwingen schien, die aus wundervoll wohlklingenden Worten geformt war, garniert mit dunklen, arabesk mäandernden Anekdoten, die zwar inhaltlich nicht wirklich zu verstehen waren, aber trotzdem süchtig machten.

Alle wollten sie den Körper des Wesens besitzen. Alle wollten sie von ihm geistig unterwiesen werden. Alle, die mit dem Wesen in Kontakt traten, erhielten den Eindruck, dass sie genauso wunderbar werden könnten, wenn sie es nur fertigbringen würden, diesem Geschöpf sein Geheimnis, seinen Trick zu entlocken.

Also schmeichelten sie dem Wesen, umgarnten es, brachten ihm Geschenke, betteten es warm und weich, schenkten ihm den süssesten Wein ein, schufen ihm eine Welt prallvoll mit auserlesenen Genüssen und Vergnügungen, lauschten seinen Reden endlos. Doch sie verstanden den Sinn dieser Reden nicht – obwohl die Wortkaskaden doch so wundervoll anzuhören waren…

Das Geheimnis blieb unerschlossen.

Und langsam verkehrte sich die Liebe zu diesem einzigartigen, ganz und gar überlegenen Wesen. In pechschwarzen Hass. Die Menschen begannen, das arme Geschöpf unter Druck zu setzen, zunächst sanft, dann nachdrücklich – und am Ende grausam. Es redete unterdessen stetig weiter. In gewählten Worten, die es wie Perlen aneinander reihte.

Noch als sie das Wesen folterten, mit der Peitsche, mit der glühenden Zange, auf dem Rad, sprach es weiter. Eine Rede, die gleichsam wie bewegende Musik erschallte. Doch die Erklärung, das Geheimnis hinter den Wortmelodien spuckte es nicht aus. Auch nicht, als sie das Wesen aufspiessten, in der verzweifelten Hoffung, dass es sein Geheimnis unter Todesqualen doch noch preisgeben würde. Seine letzten Worte stellten zwar einen akustischen Genuss für die versammelten Ohren und Trommelfelle dar. Doch ihr Sinn erschloss sich den Menschen nicht. So zerstückelten sie den Kadaver, verbrannten die Stücke. Und warfen die Asche in jenen kalten Wind, der plötzlich aufgekommen war.

Nun war nichts mehr wie vorher. Alle Reden des Wesens waren ja aufgeschrieben worden. Wort für Wort. Die Menschen studierten diese Reden. Unermüdlich. Sie versuchten, Methoden aus den Transkriptionen abzuleiten, die es ihnen ermöglichen sollten, jenes entscheidende Quäntchen besser, ebenso wie jenes legendäre Wesen zu werden, das sie derart geliebt, umgarnt, bestochen, bedrängt, gequält und am Ende grausam getötet hatten. Weil ihnen seine Perfektion so erstrebenswert, so erreichbar erschienen war. Bald entstanden viele verschiedene Lehren, entwickelten sich diverse Auslegungen der aufgezeichneten Reden des wunderbaren Wesens. Extrakte und Extrapolationen, die es ermöglichen sollten, dessen Perfektion zu erlangen.

Diese Lehren und Auslegungen gestalteten sich jedoch ganz und gar widersprüchlich.

Es kam, wie es kommen musste. Den Lehren und Auslegungen entsprangen alsbald Interessengruppen, die zu Parteien mutierten, die am Ende zu hochgerüsteten Armeen avancierten.

Jene herrliche spielerische Leichtigkeit, die die Welt einst erfüllt hatte, verwandelte sich in eine dumpfe, wutschwangere Schwere, einen immerwährenden Kampf zwischen Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Auslegungen jener Worte, die das Wesen einst gesprochen hatte, sowie der Lehren, die diesen Auslegungen entsprungen waren. Die Bemühungen, die Botschaft des Wesens doch noch zu erheischen und gewinnbringend umzusetzen, wurden immer anstrengender und ermüdender. Der leichte Fluss des Lebens gefror zu einem Gletschermassiv.

Die härteste Arbeit war nicht mehr wie ein orgiastisches Schäferstündchen, sondern tonnenschwer, trostlos, undankbar. Während alle  libidinösen Aktivitäten zu harter Arbeit geronnen – und plötzlich immer gewaltsamere Formen annahmen. Weil sie kein schöner Selbstzweck mehr sein durften. Sondern zunehmend höheren, ja vermessenen Ansprüchen genügen sollten, die solch‘ einfache Aktivitäten einfach nicht erfüllen konnten.

Der Horizont war also eng geworden. Das Licht fahl und grau. Die Früchte verdorrten. Noch bevor sie geerntet werden konnten. Unsere Welt ertrank in Blut, Eiter und saurem Bier. Bis nichts mehr übrig geblieben war. Nur ein grauer Brocken, der nun traurig durchs Weltall treibt. Bewohnt von toten Seelen. Von uns.

Und das alles nur, weil einst jenes perfekte Wesen einem fremden Ei entschlüpft war. Jenes Wesen, das einen überirdischen Zauber auf diese Erde gebracht, eine Ahnung von etwas höherem unter die Menschen getragen hat. Unter Menschen, die es am Ende zwischen den  Mahlzähnen ihres verzweifelten, eifersüchtigen Zorns zu Tode kommen liessen. Weil sie die Perfektion des Wesens aus dem Ei zwar geniessen durften. Sie sich aber nicht zueigen machen konnten.

Unterdessen fliegt der grosse schwarze Vogel weiter. Durch die Untiefen des Universums. Auf der Suche nach einem weiteren Planeten. Auf dem er sein nächstes mächtiges Ei ausbrüten kann.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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