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Diese Leichtigkeit, diese Schwere, diese Fülle, diese Leere

Die Existenz. Diese Leichtigkeit, diese Schwere, diese Fülle, diese Leere. Kaum auszuhalten. Als ich jene Dame damals ganz unerwartet finden durfte, da war es, als hätte sich eine Tür geöffnet – in eine phantastische neue Dimension. Wie ich sie dann wieder verloren habe, wurde diese Türe zu geschmettert. Mit einem mächtigen Knall. Nichts ist nun übrig geblieben, ausser der Gewissheit, dass es solche Türen gibt.

Sowie geborstene Trommelfelle.

Schon ist der Teufel auf den Plan getreten. Mit einem störrischen kleinen Geschöpf an der Hand, das einen borstigen roten Pelz am Leibe trug, sich nur widerwillig in die Realität dieser unserer Welt ziehen liess – und immerzu vor sich hin murmelte, während dickflüssige schäumende Speichelbäche aus seinen Mundwinkeln flossen. Der Teufel wollte mir dieses Ding als Mündel andrehen. Er versprach mir im Gegenzug einen Platz im VIP-Bereich des siebten Höllenzirkels. Doch ich hatte nicht die geringste Lust auf den Deal.

Ich wollte nicht noch auf etwas Zusätzliches aufpassen. Man muss ja schon auf genügend schwierige Dinge aufpassen, wenn man zu den Lebenden zählt.

Zudem muss man immer alles gut beobachten, die Details im Auge behalten.

Jedenfalls sagte ich ihm, dass er abzischen solle. Zunächst hat er sich gesträubt. Aber ein kleines bannendes Pentagramm-Ritual reichte in diesem Fall aus, um den Gehörnten loszuwerden. Der Erzengel Michael ist aufgrund meiner Beschwörung mit seinem Flammenschwert herbei geeilt, direkt aus dem Irgendwoher, und hat Tabula rasa gemacht. Ruckzuck. Immerhin, das stete Üben jener altehrwürdigen Rituale der Hohen Magie bringt einen vorwärts.

So nimmt selbst dieses kleine, grundlegende Bannungs-Pentagrämmchen mit den Jahrzehnten eine Wucht an, die sogar einen Höllenfürsten zu beeindrucken vermag. Für einen kleinen Moment wenigstens – und du musst nicht einmal tiefer in die magische Trickkiste greifen.

Also habe ich meine kleine Nussschale wieder aufs pechschwarze Wasser dieses endlosen Meeres gesetzt, das ich halt schon lange befahre, nachdem ich vorher für eine halbe Ewigkeit durch seine Fluten schwimmen musste. Doch heutzutage habe ich zwei starke Ruder zur Hand.

Schon bin ich weit draussen. Sehe keinerlei Uferzonen oder Landzungen mehr. So muss es sein. Ich halte also inne, rauche eine Zigarette, zwei, drei Zigaretten, packe dann meine Stahlflöte aus – und entlocke ihr einen schrillen, kreischenden Tonreigen, ausschliesslich im phrygischen Modus gehalten, den man wohl bis zu den 62 Monden des Saturn hinauf hören kann. Und glauben sie mir, es gibt auf diesen Monden schon Ohren, die hören können.

Denn alles im Universum lebt, auf eine seltsame Weise, hört, sieht, riecht, fühlt, in einer noch merkwürdigere Manier – und spricht. Eine Sprache, die manchmal verständlich ist, manchmal aber auch nicht.

Meine Flötenklänge haben nun immerhin einen mächtigen Vogel angelockt. Mit meiner Steinschleuder schiesse ich ihn flugs vom Himmel, schneide ihm sodann den voluminösen Bauch auf und verzehre seine Eingeweide. Roh. Gegen Parasitenerkrankungen bin ich ja schon lange immun. Den Rest des Kadavers werfe ich ins schwarze Wasser.

Futter für die Seeungeheuer.

Jetzt habe ich also geraucht, gegessen, danach noch Whisky aus dem Flachmann gesaugt. Glennfarclas 105. Sie wissen schon, Fassstärke. 60 Prozent Alkohol. Feine Sache. Als nächstes will ich eine Lady besuchen, am liebsten von innen.

– Wegen der Nächstenliebe.

Wohin soll ich mich nun wenden? Welche Insel ist heute dran? Mit Medusa hatte ich neulich Streit, aufgrund einiger Details in Sachen Lubrikation. Astarte und Medea sind momentan auch nicht gerade gut auf mich zu sprechen, weil sie finden, dass ich einfach allzu viele Unglücksgeschichten mit mir rumschleppe.

Ich würde sie bloss runterziehen, haben die Damen gemeint, beide ganz unabhängig voneinander.

Kali hat gerade ihre Tage. Und ertränkt deshalb fröhlich zahllose belebte Welten in Fluten von schwarzem Blut. Da will Mann lieber nicht stören. Ich werde also Bhairavi ansteuern, die es mag, wenn du sie mit ihrem zweiten Namen ansprichst: Tripurabhairav. Dies tue ich auch geflissentlich, wenn ich mich an ihrem Flammenleib wärme, der eines Tages die ganze herrliche Schöpfung versengen wird.

Sie haben es schon gemerkt, ich bin ein Tantrika, einer zur linken Hand. Eigentlich wollte ich das nie werden. Aber Sie wissen ja, wie es ist.

Wenn man jenen tiefen Abgrund mal überwunden hat, der da zwischen Teth und Daleth gähnt, trifft ES die Wahl. Linke Hand, rechte Hand, ab durch die Mitte, über die Brücke, da hat man selber nix zu melden. Du wirst aus diesem kosmischen Würfelbecher geschleudert, fällst sodann einfach auf das Spielfeld, das ES für dich ausgewählt hat. Das Sein ist fatal. Aber das kennen Sie sicher alles bereits.

Doch ich will Sie nun nicht länger um ihre wertvolle Zeit betrügen. Ich muss schliesslich rudern, rudern, rudern, denn am Horizont kann ich schon jene Feuersäule erkennen, die mir anzeigt, dass ich mich der Dame meiner Wahl stetig nähere. Ich eile nun also zu ihr hin.

Und Sie machen am besten einfach das, was Sie gerade wollen, dürfen, müssen – oder Sie eilen halt schnurstracks in die Sonntagsschule. Wenn ich nicht verbrenne, melde ich mich dann wieder einmal, möglicherweise aus jenem Irrenhaus, das am Ende aller Wege auf Wanderer wartet, jenseits der Zeitläufe. Ha: Saim Ha: Sa: Kreem Ha: Saim. Yes.

Die Existenz. Diese Leichtigkeit, diese Schwere, diese Fülle, diese Leere. Kaum auszuhalten.

Vielleicht treffen wir uns ja eines Tages im Ain Soph Aur. Wenn Sie allerdings dort hin kommen wollen, müssen Sie zuerst alle Vernunft zum Fenster rausschmeissen. Mit Anlauf. Gedankenlos. So wie ich es einst getan habe, ich weiss schon lange nicht mehr, wann das gewesen sein mag…

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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