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Eine Träne des Universums

Sie ist eine Admiralin. Ihre Seele spiegelt die Launen der alten Mama Ozean. Er ist ein Senner. Die dünne Luft der Berghöhen hat seinen Charakter geformt.

Sie sind zusammengekommen. Unter dem Himmel der heiligen Barbara, Schutzpatronin der schweren Artillerie, die in der wunderbaren Welt des Voodoo mit Shango synkretisiert wird, Donnergott aus der feuchten Welt des afrikanischen Dschungels, Loa der Trommler und Schlagzeuger, Träger der Doppelaxt, eine Klinge rot, die andere schwarz.

Also wurden sie ein Liebespaar.

Der Bund ihrer Herzen ward besiegelt mit dem Honigwein des Paradieses. Zudem mit Pech und Schwefel – aus dem zweiten Höllenkreis, wo die Sünderinnen und Sünder der Liebesleidenschaft von furchtbaren Orkanen gepeitscht werden.

Und es ist in diesem Fall die sprichwörtliche Liebe auf Distanz, welche die Herzen befeuert.

Ihre seltenen Treffen sind gleichsam wie Gewitter des Eros. Sie treffen sich in der Wüste, in der alten Handelsmetropole Amsterdam, in den Ruinen des versunkenen Atlantis, auf der dunklen Seite des Mondes…

Gerade gestern ist es wieder zu einem derartigen Treffen gekommen. Inmitten der Wüste Gobi. In den Mauern der alten Festung Karakorum, Hauptstadt des Reichs von Dschingis Khan, gegründet im Jahr der grossen Göttin 1220.

Die Liebe der Admiralin und des Sennen ist ein wahres Monster: Tonnenschwer, grenzenlos, hemmungslos. Stark wie der gute alte Godzilla, der Tokyo dem Erdboden gleichmachte, denn beide wurden sie einst gewaschen, mit allen Wassern der postmodernen Metaphorik.

Sie war auf einem fliegenden Holländer in die Gobi geflogen. Er ist mit seiner Kuhkarawane nach der alten Stadt gezogen. Beide hatten ein beachtliches Gefolge dabei, aus liebreizenden Jünglingen und Mädchen. Beide hatten sie unglaubliche Geschenke mitgebracht.

Er verehrte ihr das berühmte Leoparden-Bikini, welches die Pin-Up-Prinzessin Bettie Page einst so reizend trug, vor der Kamera der Bunny Yeager, nachdem sie es mit ihren heiligen Händen, die so manchen harten Zauberstab in eine zuckende, giftspeiende Schlange verwandelten, selbst angefertigt hatte; mit jenen geschickten Händen eben, die nun die pechschwarzen Ziegen von Elysium melken.

Sie schenkte ihm den Bademantel des Napoleon Bonaparte, in dem der Korse einst so manche wohlgeformte Mademoiselle empfangen hat. Zu hemmungslosen Liebesspielen, die mehr an die triumphalen Schlachten von Marengo und Austerlitz gemahnten – als an jene unglückliche von Waterloo.

Die Admiralin und der Senne umarmten sich zur Begrüssung, mit einem Druck, der sogar einen Hundert-Tonnen-Stahlklotz zerpulvern könnte, doch die beiden haben starke Knochen.

Während ihre Gefolgschaften den Liebenden eine Jurte aufbaute, unter dem endlosen Himmel der Gobi, assen die beiden ein köstliches geröstetes Lamm und heizten einander an, mit fröhlichen Gesprächen, durchzogen von ausgewählten Zweideutigkeiten. Sowie mit tiefen Blicken, die von mächtigem Verlangen kündeten.

Als sie sich dann in ihre geräumige Jurte zurückzogen, in deren Mitte ein fröhliches Feuer loderte, begann eine herzerwärmende Kavalkade erotischer Ausschweifungen, die sogar Vātsyāyana, dem Autor des Kama Sutra, die Schamröte ins Antlitz getrieben hätte.

Das Stöhnen, die Schreie, die wunderbar schmutzigen Wortkaskaden, die sie dabei ausstiessen, animierten auch die Mädchen und Jünglinge ihrer Gefolge, die draussen auf dem Wüstenboden lagerten, auf reich bestickten Decken, rund um die grosse Jurte.

Da hob eine ungeheure Orgie an. In der Wüste Gobi. In deren Verlauf alle Tore geöffnet, alle Pfade beschritten wurden, welche im Rahmen einer umfassenden erotischen Perspektive zur Verfügung stehen.

So stark waren die kosmischen Vibrationen dieser geballten Liebesspiele, dass sie einen Kometen – mit einem besonders langen Schweif – dazu verlockten, über den Himmel zu ziehen. Wer diesen Kometen sah, konnte drei Wünsche äussern, die garantiert in Erfüllung gehen.

Leider wurde dem Autor dieser Zeilen die ganze Geschichte erst heute zugetragen, von einem jener verzauberten Raben, die er permanent als Spione um die Welt schickt. Deshalb habe ich den Kometen verpasst.

Und Sie, verehrte Leserinnen, liebe Leser, haben in dieser Sache erst recht den Kürzeren gezogen, denn Sie haben erst vor einigen Augenblicken von der ganzen Geschichte erfahren.

Tröstlich an der Sache wirkt der Umstand, dass jeder Augenblick eine Träne des Universums ist, welche die ganze Ewigkeit enthält.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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