in

Isnichwahr!

Der Morgen war noch nicht ganz vorbei, das Licht im Café aber trotzdem schummrig. Sie stützte den Kopf mit ihren Händen, als drohe er zu zerbrechen. Sie sagte nur: «Isnichwahr!» Dabei hatte ich es ernst gemeint: Die Welt war im Arsch. Mit der Gleichberechtigung klappte es nicht recht, der Sexismus sass viel tiefer als man meinte, dann waren da die Rechten, die die Debatte vergifteten und die Populisten, die auch nicht viel besser waren.

-Isnichwahr, sagte sie nur und dabei hatte ich ihr doch genau auseinandergesetzt, dass die Welt gerettet werden müsse. Man durfte auch die Vielfliegerei nicht vergessen, Tourismus, der die «echten» Leute aus ihren «echten» Wohnungen trieb. Im Hinterzimmer mischte Günther gerade ein spezielles biologisches Olivenöl, dass er liebevoll «Oglio» nannte. Es galt noch Putin und Trump zu bedenken, Ausbeutung und drohende Kriegsgefahr. Mit ihrem Kopf schien etwas nicht zu stimmen, sie schaukelte ihn mit den Händen hin und her, so als müsse sie sich versichern, ob er noch da wahr.

Die Sache mit den internationalen Kapitalflüssen hätte ich vielleicht nicht erzählen sollen, trotz des Cappucinos, der hoffentlich aus biologisch angebauten Kaffeebohnen stammten, wirkte sie jetzt etwas schläfrig. Sie hatte ihm Moment nichts zu sagen. Aber da war mir schon die Geschichte mit den politischen Begrifflichkeiten eingefallen: Es war nämlich so, dass man früher «Fortschritt» gesagt hatte und heute neoliberal «Innovation» predigte. Überraschung, Freunde, Innovation war kein Fortschritt für Niemanden, Innovation war einfach das machbare, das aus der kapitalistischen Logik heraus gemacht wurde, während man früher Fortschritt in Technik und Wissenschaft noch mit gesellschaftlichem Wohl verband. Innovation war reiner Selbstzweck, wie schon nur das Wort sagte.

-Isnichwahr, sagte sie und ging schnell auf die Toilette, Günter sprach kurz mit ihr über sein «Oglio» und sie sagte nur: «Isnichwahr »und das sie jetzt aber wirklich schnell müsse. Selbst mit allen meinen Isnichwahrs hatte sie mehr mit Günther geredet als mit mir. Aber was sollte man tun, wenn die Welt bedroht war, wenn nicht einmal die jungen Leute diese Dinge ansprachen, ich musste doch eine klare Position beziehen. Ich nahm mir vor, wenn sie zurückkam, ihr zu erklären, dass eine Position, eine Haltung wichtig sei und dass man darüber sprechen solle.

«Alter», sagte Günther: «Alter, ich glaube sie geht gerade hinten raus». Ich sah, wie sie ihre Jacke um sich zog, durch den Garten eilte und auf dem Trottoir schnell vom Café wegging.

-Isnichwahr!

Photo Tom Sodoge/Unsplash

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

Bürotypen, die du in jeder Firma findest – Teil 18

Als Dresden brannte: «Die Meysers» – ein Romanauszug