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Als Dresden brannte: «Die Meysers» – ein Romanauszug

«I’ve heard people’s stories, or maybe dreamed them after hearing so many similar things, of women standing on the glowing roads that led to Dresden with babies in their arms, watching the city burn after the bombing in World War II.»

Chris Whitley

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Gegen Ende des tausendjährigen Reiches brannte in Dresden, was als unbrennbar galt –  die Häuserfasaden aus Sandstein und der Asphalt in den Straßen. Alles andere lies sich bedeutend leichter entzünden: Ob die Ballkleider betuchter Dresdnerinnen, oder der braune Lederriemen einer geflüchteten Mutter aus Breslau, an den diese ihre 6 Kinder auf dem Frostbeulenmarsch über vereiste Felder, sowie während der anschließenden Fahrt im Viehwaggon nach Dresden Hauptbahnhof festgebunden hatte damit sie nicht verloren gingen. Einerlei ob ortsansässiger, in seiner eigenen Stadt quasi zu allem berechtigter Dresdner, oder ein Flüchtling ohne Recht auf irgendwas: Dresden am 13. Februar 1945 war anders als Auschwitz, und anders als das Dresden von Heute: Wer die schutzbietende Stadt rechtzeit erreichte, zum goßen Feuerwerk, wurde von diesem auch gerecht behandelt. Alles, jede und jeder kamen dran. Nur Juden gab es keine mehr, es war nicht zu ändern, wieder einmal sahen sie sich ausgeschlossen von den Feierlichkeiten – allesamt waren sie längst vergast. Selbst einen Juden konnte man schließlich nur einmal töten.

Schöne, hässliche, junge und alte Frauen waren die Zierde der Veranstaltung. Sie brannten vereint, wie zu den besten Zeiten der Inquisition. Die meist alten oder kränklichen, nicht einmal für Hitlers letztes Aufgebot als wehrtauglich eingestuften Männer schlossen sich an, gleich ob in Uniform oder Unterhose. Denn was war das Leben schon ohne die Weiber, erst Recht nach 5 paradiesischen Jahren an Frauenüberschuss.

Auch die unzähligen Kinder in Dresden, verstanden trotz ihres jugendlichen Alters schon das eine oder andere vom Leben. An diesem Tag verstanden sie recht schnell, dass sie gerade für immer verlassen wurden. Futsch war er, der Schoß der Familie, das traute Heim, samt dem warmen Federbettchen, niemals nicht wieder ein Renftel von frischem, noch warmen Malfabrot, oder ein Wiener beim Fleischer am Schillerplatz als Belohnung für ewiges, endloses, unaushaltbares Anstehen. Ohne Mama, ohne Papa, ohne jeden Schutz irrten sie umher, und erst Recht ohne die Chance jemals in der Schule lernen zu können, dass die Flammen welche sie gerade so übermütig durch die Luft wirbelten, als wöllten sie mit ihnen spielen bevor sie sie fraßen, an die 800° Celsius heiß waren. Lediglich den Neugeborenen blieb die Tortur erspart, diese, sozusagen, überaus brenzliche Situation reflekieren zu müssen. Bereits damals galt, was bis heute Ehrensache ist: Bitteschön immer nur das Beste für unsere Kleinsten der Kleinen. Ein Baby verdampfte im Zeitraum eines Wimpernschlags. Bevor auf ewig zur Ruhe gezwungen, schwoll sein Geschrei ein letztes Mal grausig an, das Recht auf Leben einzufordern, ein Leben, was ihm niemals vergönnt sein würde. Holy-hell on earth – Immerhin, die Erfahrung wie es sich anfühlte unvorstellbare Schmerzen zu erleiden – ohne etwas zu verstehen oder jemanden um Hilfe bitten zu können – war im Unterhaltungsprogramm des Kurzurlaubs auf Erden enthalten gewesen. Und für Grenzerfahrungen im Leben, sollte man, zumindest im Rahmen seiner äussert beschränkten Möglichkeiten, ein wenig dankbar sein.

Wenn die Menschen auch größtenteils ziemlich schnell verschwunden waren, mit ihren Überresten war es wie verhext …

Entkernen Sie mal ein lange bewohntes Apartment geliebter oder Ihnen verwandter Menschen, dann bekommen sie eine leise Ahnung wie hartnäckig längst Verstorbene ihre letzten Spuren verteidigen: An den Wänden lauern die Umrisse von auf dem Sperrmüll gelandeten Bildern, Deal: Zu Lebzeiten erhielten die der Tapete einen Rest Jungfräuligkeit, indem sie Zigarettenrauch und andere menschlichen Ausdünstungen fernhielten, also erinnerten diese rauhen Fasern nun störrisch an die gmeinsame Vergangenheit. Gut, runter mit der Tapete. Aber wie stehts mit dem Linoliumboden in der Küche und was du darunter finden könntest? Bist du darauf gefasst, auf den Einkaufszettel? In Omas schrägangesetzter Handschrift? Drei Wochen nach ihrem Krebstod?

Die Alliierten vertrauten am 13.Februar ganz auf die Wirkung ihrer Vier-Pfund-Thermit-Bomben. Sie verzichteten, vor allem aus Mangel an Know How vor Ort, auf die viel fortschrittlichere Technologie der Nazis: Deren sich lange in der Praxis bewährte und für äusserst sauber befundene industrielle Massentötung, in der Hauptsache ein perfektes Zusammenspiel aus Vergasung und anschließender Entsorgung in riesigen Ofenanlagen, war ja auch nicht wirklich so einfach nachzuahmen. Das waren schon echte Füchse, diese Deutschen!  Also nahm es nicht Wunder, das die in Dresden, sozusagen, im freien ausgeführte Auslöschung tausender und abertausender menschlicher Existenzen ein paar signifikante Spuren hinterließ: Wer die Muse hatte ein wenig in die Ecken zu schauen, fand verschiendenartig geformte Knochen – für den Moment durchaus mit einer ärcheologischen Sensation verwechselbar. Seltsam nutzlos erscheinendes Knorpelgewebe bedeckte den Boden von so manchem Luftschutzbunker, aber vor allem, gab es unfassbare Mengen an rumpfartigen Gebilden aus verkohltem Menschenfleisch zu bestaunen. Es mussten Tausende und Abertausende sein. Baumstammartige Klumpen, schwelend, als könnten sie sich noch ein letzes Mal mitteilen, obwohl aufgrund aller gerade dahingegangener Lebenserfahrung doch nun wirklich hätte klar sein müssen, dass sich kein Mensch je anhören will, was die Geschichte lehrt.

Gebraten wirkte Menschenfleisch erstaunlich knusprig, ganz ähnlich dem von Rehen oder gar Wildschweinen. Nur dass es nicht anähernd so gut roch und bedeutend eher zu Kohlenstaub zerfiel. Vereinzelt, zum Beispiel in der Nähe vom alten Schlachthof, gingen auch Ölbomben nieder, dort sahen die menschlichen Überreste wie frisch gekochtes Rindfleisch aus.

Verdampfendes Blut mit kleinen Fettaugen darin, bildete riesige Lachen.  Wenn man es nicht besser wüsste, würde man sie für Überreste menschlichen Angstschweißes im Angesicht des Todes gehalten haben. Ohne jede Eile, mit dem gesunden Selbstbewusstsein frisch ausgestoßener Lava, – wenn auch nicht ganz so stückig -, floss die zähflüssig-blutende Pampe auf die von den Bomben säuberlich offengelegten Keller hinzu. Dummerweise hatten die wenigen noch Lebenden dort bereits mit, oder treffender, in ihrem eigenen Blut alle Hände voll zu tun.

Fleisch, Blut und Knochen waren jedoch noch lange nicht alles, was einen Menschen ausmachte. Immerhin, die lebenslange Übung zahlte sich aus: Die für immer zum Schweigen gebrachten Seelen verhielten sich erstaunlich ruhig. Das seltsame Heulen in der Stadt konnte man ihnen jedenfalls nicht zum Vorwurf machen. Nein, dieses, nennen wir es ruhig Freudengeheul, kam doch tatsächlich von der Hitze der Flammen, welche sich in zu kurzer Zeit über zu viel Sauerstoff hermachen durften.

Eine Sache darf man, bei aller gebotenen Pietät, ebenfalls nicht unerwänt lassen: Die brennenden, menschlichen Haare waren ein echtes Ärgernis: Sicher, sie rundeten das Bild dieser Hölle akustisch ab, mit ihrem geheimnisvollen Geknister, aber sie ließen es sich auch nicht nehmen, ihr Verglühen in Form eines gräßlichen Gestanks zu vergelten, den keine Nase je vergessen würde. Sofern deren Besitzer noch über zwei heile Beine verfügte, um weiterhin am spannenden Rennen um eine gelungene Flucht aus diesem Inferno teilnehmen zu können.

Dabei sein war alles für die Dresdner, und meistens wars das dann auch. Ein erfolgreicher Abschluss, dieses Vorläufers der ultimativen Reality-show um alles oder nicht war indes nur wenigen vergönnt. Das war durchaus so gewollt. Neben einigen anderen Kleinigkeiten, wie z.b. der Unterbeweisstellung der Schlagkraft der britischen Royal Air Force, ging es hierbei immerhin um Bestrafung. Diese hatte sich Deutschland nach Meinung der Allierten redlich verdient. Der Trick bei dieser besonderen Art von Strafaktion war, die Brandbomben so über dem dichtbesiedelten Stadtzentrum abzuwerfen, dass sie einen sogenannten Feuersturm entfachen würden. In gewisser Weise war diese Form von Kriegsführung, zumindest was die Menge der abgeworfenen Bomben sowie der an der Operation beteiligten Bomberverbände anging, eine Art Strategietest. Ganz ähnlich, wie ein paar Monate später im Sommer dieses ereignisreichen Jahres, der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Aber die Aufregung war umsonst gewesen, alles ging so glatt über die Bühne, wie die schnurrenden, gut geölten Leinen am Bombenschacht einer B17 bzw. eines in der Abendsonne glitzernden Lancaster-Bombers:

Alles und jeder brannte, verglühte und schwelte dahin im schönen Elbtal. Die Dresdner nahmen mit sich in den Tod, was sie ausgemacht hatte: Hoffnung und Hunger, Harndrang und Hass, Heldenverehrung und verschmandeten Hosenlatz. Heil, war hier nichts mehr. Hinab ging es, in die Hölle für alle, und klein Helmut flog noch hinterher. Heil dir, Heil Hitler!

2

Gebäude stürzten ein, vor und hinter ihr –  unglaublich nah! Dabei war hier gar kein Platz für solch einen Irrsinn! Greta Schmolke konnte es nicht glauben. Sie weigerte sich. Erst als der Schutt – ganz Gentleman – eine Abordnung feinsten Staubes auf ihr Lieblingskleid rieseln ließ, ließ sie sich dazu herab sich der Realität des 13. Februar zu stellen. Es hatte keinen Sinn, längst Offensichtliches zu negieren, als wäre man nach wie vor zarte 16 und so dumm wie naiv. Widerwillig, voller Abscheu vor all dem Schmutz um sich herum, entschloss sie sich, die in ihr aufkommende kalte Wut zu nutzen um den ersten klaren Gedanken ihres womöglich letzten Tages auf Erden zu fassen: Sie musste hier raus. Ihr Zuhause gab es nicht mehr. Das Haus auf der Holbeinstraße hatte einen Volltreffer abbekommen. Samt ihrer wenigen Habseligkeiten würde sie sich auf den Weg Richtung Schillerplatz machen müssen. Über das Blaue Wunder hoch zum weißen Hirsch, raus aus dem brennenden Tal. Dahin wo die Villen standen, die Villen der Reichen, welche sicher auch diesmal ungeschoren davon kämen.

Greta sah hinab auf die zusätzliche Belastung, ihren Sohn. Er würde ein Mann werden. So wie der Mistkerl, der sie hatte mit dem Balg sitzen lassen. Mit aufeinander gepressten Lippen musterte sie das dicke, lärmende Menschenpaket im Bauch des Kinderwagens: ‹Dieses – in seiner Unerträglichkeit mit nichts auf Erden zu vergleichende – Quengeln und Schreien eines Babys,› dachte sie. Wie sehr war ihr das bereits zu Zeiten verhasst gewesen, als sie es lediglich am Rande hatte ertragen müssen. Als sie noch fluchtartig die Straßenseite wechseln konnte, weil es – Jesus, Maria und Joseph -, ein Fremdes, und nicht das ihre gewesen war.

Mitten durch das Tosen des Angriffs bohrte sich Alfreds Brüllen in ihren Gehörgang. So wie er es eigentlich immer tat, die ganzen acht Monate hindurch die er auf der Welt war. Das Chaos um ihn herum hob ihn ebenso wenig an wie die eisige Stille der Abstellkammer, in die er so oft abgeschoben wurde: Seine Mutter war mit allem möglichen beschäftigt, nur nicht mit ihm. Das und nichts anderes, war sein Problem! Ihre Missbilligung – oh ja – die bekam er des Öfteren zu spüren. Aber das war ihm egal. Immerhin ging mit ihrem Barmen und Klagen eine gewisse Aufmerksamkeit einher. Andererseits würde er niemals etwas anderes als ihre Liebe akzeptieren. Und die Liebe musste es da draußen geben! Er selbst liebte ja sogar sein eigenes, gottverdammtes Scheißleben.

Sie kamen nicht weit. Unweit der medizinischen Akademie fand sich der kleine Tross vor einem riesigen Schutthaufen wieder, von dem sich kein Mensch hätte vorstellen können, dass er gestern um diese Zeit noch ein fünfstöckiges Wohnhaus gewesen sein sollte. Ein Ausweichen war nicht möglich, Greta würde über das obskure Mikado aus Ruinen drübersteigen müssen. Sie stand vor der Wahl entweder zuerst ihren Koffer, oder aber, Alfred auf die andere Seite zu tragen. Ihre bebenden Nüstern gewahrten seiner, ihn, diese Blage, diesen so unzerstörbar wirkenden kleinen Kobold, den sie nie gewollt hatte. Die Aussicht auf einen Moment Ruhe, und sei es in dieser grotesken Situation (Was, bitteschön, konnte sie denn für diesen Irrsinn hier?) gab den Ausschlag. Sie nahm ihren Koffer und fing beherzt an zu klettern.

Oben angekommen, gingen ihr zwei grundverschiedene Gedanken durch den Kopf welche im Nachhinein dafür sorgen sollten, dass sie diesen Moment niemals mehr vergaß. Sie dachte: ‹Eine Frau ohne Kleider ist ein Nichts!› Und übergangslos: ‹Niemand sieht mich. Was, wenn ich einfach weitergehe …?›

Ein Augenblick war keiner mehr, sobald er sich scheinbar endlos dehnte. Erbarmungslos verwandelte er sich in eine Situation. Eine Situation, in der die Entscheidungsträgerin nicht dazu kam sich der Tragweite dessen bewusst zu werden, wozu sie sich im Herzen längst entschieden hatte. Die abgrundtiefe Schäbigkeit ihres Tuns wurde schlichtweg vom Lauf des Leben überrollt. Grausam wie es war, schien es heute auf Gretas Seite zu sein: Ganz in der Nähe des Hauses an dem sie den Kinderwagen abgestellt hatte, – es handelte sich um eine alteingesessene Dresdner Fischräucherei -, ging eine Sprengbombe nieder und zerriss die Szenerie. Greta befahl ihren langen Beinen loszurennen. Ihre wohlgeformten Extremitäten bekamen nicht viel zu tun – die Beschleunigung welche Gretas Körper vorantrieb als säße sie auf einer Kanonenkugel -, kam einzig und allein von der Druckwelle herüber.

In ihren Tagträumen im Village kramte sie Jahr um Jahr in den Beweisen für ihre Unschuld und hielt gestochen scharfe Bilder in den Himmel über Manhattan. Wie sie sich hatte sofort umgedreht, wie eine Furie bereit und willens, nach ihrem Kind zu suchen; aber dass da rein gar nichts mehr gewesen war. Ihrer absolut sicher, sich genau erinnern zu können, glaubte sie irgendwann tatsächlich, was immer sie glauben wollte.

Bis zu jener Nacht auf der Lower Eastside, in der sie von ihren Träumen nicht zurück in einer weiteren schlaflosen Nacht im Bauch von Big Apple, sondern tiefer, in einem noch dunkleren Traum erwachte. Dort roch es nach Rauch und verbranntem Fleisch. Zwei glutrote Augen, die Augen des kleinen Alfred, bohrten sich durch all ihre Lügen. Unerbittlich wie ein Laserstrahl, stellten sie nur eine Frage:

Warum?

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Autor: Gastautor

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Isnichwahr!

5 feine Feten fürs Züri-Wochenende