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Ein tödlicher Gruss vom Zürcher Seelenhügel?

Kann es sein, dass Figuren aus meinen Romanen plötzlich lebendig werden und mir mysteriöse, ja Droh-Botschaften, zukommen lassen? Also langsam glaube ich daran. Ich fange mal mit der zweiten Botschaft an: Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Mail eines Züri-Kaffis: Jemand habe ein Geschenk für mich abgegeben. Ob ich es abholen könne? Hm, wer sendet mir ein Geschenk in ein Kaffi? Zugegeben dort gibt es die besten Torten von Züri, die ich hie und da schlemme, aber wer weiss davon schon? Anderntags ging ich hin. Die Servicelady wuchtete eine grosse Schachtel aus dem Abstellkämmerli. Gopf, dachte ich, das soll ich jetzt heimschleppen, womöglich eine Bombe? Besser pack ichs an Ort und Stelle kurz aus, dann verwüstet es dort und nicht daheim. In der Schachtel lag eine gläserne Ikebana-Vase, so jedenfalls stands auf der beigelegten Gebrauchsanweisung. Modell Fritz Hansen, also kein Ding aus dem Billigsortiment von Ikea. Ikebana? Ich las die Gruss-Karte, eine gewisse Virginie liess mich grüssen, weil ich so inspirierend sei. Hä? Kenn ich nicht, Ikebana mach ich nicht.

Im Gegenteil, Ikebana mieft nach verwöhnter Züriberggumsle, die ihr Hobby den neidischen Freundinnen vorführen will. Ich war versucht, das mysteriöse Geschenk auf einer Parkbank, angeschrieben mit GRATIS!, zu deponieren, doch ich ahnte, dass es mir etwas sagen wollte, also schleppte ich es heim, stellte es auf, sah es an, nein danke, und legte es in die Schachtel zurück. Doch eines blieb: War nicht die fiese Klothilde Lustenberger selbsternannte Ikebana-Meisterin? War sie etwa aus meiner Krimikomödie «Lili und der Schmock» entsprungen und wollte mir ebenfalls etwas mitteilen. So wie bereits zuvor Prof. Dr. Dr. Prof. Wilhelm Lustenberger, Dozent am «Institut für Familienbande», ein Heuchler par Exzellence und Gemahl der grobschlächtigen Kloti. Lechzi-Lusti predigte Treue, belästigte jedoch lustvoll seine verschüchterte Assistentin und verdiente Millionen mit seinen bigotten Bestsellern zum Thema der perfekten Paarbeziehung. Ausserdem trachtete er meiner Leading-Lady Lili nach dem Leben.

Ich kann jetzt nicht ins Detail des Romans gehen. Nur so viel: Vier gestandene Frauen ahnen, dass gewisse Männer privat und beruflich Leichen im Keller haben und beschliessen, undercover zu ermitteln. Das kommt im vermeintlich feinen Züri aber gar nicht gut an, und man(n) beschliesst, die Aufmüpfigen auszuschalten. Besagtes Ehepaar Lustenberger, das am «Zürcher Seelenhügel», da wo die Psychoinstitute auch in Realität so dicht wie Krokusse blühen, residiert und tyrannisiert, ist mir in Sachen Charakterzeichnung, also in ihrer verklemmt zwinglianischen Art, äusserst gelungen. Finde ich. Offensichtlich zürnen die beiden mir jedoch aus dem Roman heraus, mir, der ahnungslosen Autorin. Und so schickte mir Lechzi-Lusti vor einigen Monaten einen seiner Jünger in Form meines vermeintlich neuen Shrinks. Und das ging dann so:

Dr. Jünger (Name passend geändert) war mir von meiner Hausärztin empfohlen worden, ich beklagte mich bei ihr über mörderische Träume, dem müsse ich besser nachgehen, fand sie und gab mir die Jünger-Nummer. Ich rief an, aha, so der Shrink, da würde er mir umgehend einen Termin geben wollen, dann folgten sehr, sehr elaborierte Ausführungen, wo, wie und wann ich klingeln sollte, in seiner Praxis. Die lag an einem Ausläufer besagten Seelenhügels, und als ich eintrat, empfing mich ein dünner Asket, ganz in strengem Schwarz. Erst müsste ich die Praxisräume besichtigen, sagte er, allerdings nur das eine Mal, danach dürfe ich nur noch ins Wartezimmer und ins Therapiezimmer. Ich kam mir mit meinem To-Go-Kafibecher in der Hand sofort ein wenig unordentlich vor. Hier war ja alles so geschmackvoll, Ton in Ton, will heissen grau in grau. Im Therapiezimmer standen auch keine gemütlichen Sessel, so wie in den Filmen über leidende Leute, die einen verständnisvollen Shrink mit einladendem Sofa vorfinden, sondern es sah aus wie im Versicherungs-Büro. Und als Dr. Jünger sogleich sein Notebook aufklappte, die Finger über den Tasten schweben liess, fühlte ich mich wie in einem Job-Interview. Auch weil über mir eine gleissende Deckenlampe hing, die mich sicher sehr unvorteilhaft aussehen liess. Es war ja noch Vormittag, und das sehe ich generell müde aus. Was ja per se nicht schlecht war, denn ich wollte ja über meine Alpträume reden. Zuvor wollte Dr. Jünger jedoch über seinen eigenen Werdegang berichten. Live, denn eine Website hatte er nicht. Sein äusserst geschätzter Lehrmeister war jahrelang ein gewisser Prof. Dr. Z. gewesen. Nasowas dachte ich, den kenn ich doch, die Welt ist ja klein… Dr. Jünger trug gleich ganz viele Termine ein, eigentlich viel mehr, als ich geplant hatte, dann stand ich wieder draussen. Danach kam erst mal die Jahreswende, erst einige Wochen danach der zweite Termin.

Ich hatte also Zeit gehabt, gründlich zu überschlafen und mich gründlich zu erinnern. Als ich wieder im Wartezimmer sass, schneite es gar lieblich, ich schob die Gardine zur Seite und linste nach draussen. Da eilte auch schon Dr. Jünger herbei, zuckte zusammen, ging ans Fenster und drapierte die Gardine wieder sehr ordentlich und blickte mich liebevoll strafend an. Da wusste ich, das ist ein Tüpflischisser, der es im Nu schafft, Regeln, nämlich seine, aufzustellen und das Gegenüber in den Senkel zu stellen. Und jetzt muss ich unbedingt über seinen Ziehvater reden, denn ausgerechnet jener Psycho-Guru, Prof. Dr. Z., so war mir irgendwann mit einem grossen UPS! eingefallen, hatte nämlich als Vorbild für meine Figur des Fieslings Prof. Lustenberger gedient, dies weil Z. in Realität mir vor vielen Jahren übel an den Karren gefahren war. Damals, als ich für ein grosses Magazin ein Portrait aus Anlass seines neuesten Bestsellers über die angeblich ideale Paarbeziehung, schreiben sollte. Eine Auftragsarbeit, die ich ohne Emotionen erledigte, auch wenn es eher mühsam war, die Aufgeblasenheit der Psycho-Koryphäe in Worte zu fassen. Und, ich kanns aber nicht beschwören, der Schmock versuchte bei jenem Termin in seiner Seelenhügel-Villa, mir einen Stapel seiner Werke zu verkaufen. Jedenfalls passte ihm das fertige Portrait gar nicht, und er liess es ohne mich zuvor zu kontaktieren, direkt via wankelmütiger Chefredaktion abschiessen. Sowas ist mir in meiner jahrzehntelangen, journalistischen Laufbahn gerade zweimal passiert. Und jedes Mal war eins zuviel.

Ich möchte mit Ihnen über jenen Prof. Z. sprechen, auf den Sie so grosse Stücke halten, sagte ich also Dr. Jünger. Z. ist mir begegnet und zwar so unvorteilhaft, dass er als Vorlage für den bigotten Bösewicht meines Romans diente. Was meinen Sie dazu? Dr. Jünger verschränkte die Arme, sah mich dünnlippig an, erklärte, ich sei wohl eine, der dies und das nicht passe, was ihm ja noch nie untergekommen sei und damit sei die Sitzung beendet. Er warf mich hinaus. Und damit wiederholte sich exakt eine Szene meines Romans, in dem Lechzi-Lusti die aufmüpfige Lili aus seiner fahrenden Limousine werfen lässt. Da hatte ich ja noch Glück gehabt, dachte ich, als ich noch sehr lebendig wieder vor dem Haus stand, und musste lachen. Gut, ich gebe zu, ich habe Dr. Jünger beim Abschied noch gesagt, er sei ein verklemmter Zwinglianer, ein ordentliches Schlusswort musste einfach sein. Man gönnt Frau ja sonst gar nichts.

Und bevor Sie sich an den Kopf langen und denken, die Weissberg spinnt wirklich, was will Sie mir jetzt eigentlich erzählen?, verkünde ich endlich meine Schlussfolgerung dieser ganzen Story: Mein Roman muss wohl von Prof. Z. gelesen worden sein. Vielleicht kaufte er ihn sogar an einer Lesung, und ich hatte keine Ahnung, wer dieser gwagglige Greis, der die jungen Damen im Publikum lüstern musterte, war. Und als Rache, dass er sich als «Lechzi-Lusti» erkannt fühlte, beauftragte er seinen Dr. Jünger, dass dieser mich in den Wahnsinn treiben sollte. Doch als er hörte, dass ich mich genauso unbelehrbar wie meine Heldin Lili gebärdet hatte, kam als zweites die Ikebana-Warnkeule, die er unter dem Tarnnamen Virginie (sic Jungfrau) in jenes Kafi sandte. Wobei irgendwie gefällt mir die Vorstellung besser, dass er dies durch seine Gattin erledigen liess. Meine Vorlage für die eingebildete Klothilde, die auch mal mordete, um ihr güldenes Dasein am Seelenhügel nicht zu gefährden. Ui, da muss ich jetzt ja total aufpassen, was noch kommen mag, wenn peu à peu all meine Figuren ihre kleinen Messenger aussenden, um sich zu rächen! Ich glaube, ich schreibe nie mehr ein Wort!

www.marianneweissberg.ch – da finden sich auch mörderische Leseproben aus besagtem Roman.

 

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Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

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