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Star Trek: Discovery – Besprechung zu “Licht und Schatten” (S2E7)

Von Sebastian Blasek

Spoilerwarnung.
Diese Rezension enthält massive Spoiler zu „Licht und Schatten„, der siebenten Folge der zweiten Staffel „Star Trek: Discovery“ und sollte erst gelesen werden, wenn man diese und andere Folgen der Serie bereits gesehen hat.

I. Einleitung.
Sind wir etwa die Bösen?
In einem kürzlich von Philipp Walulis erstellten Video holt der Fernsehsatiriker zu einem Rundumschlag aus und erklärt die Diskrepanz zwischen den oft weit auseinander klaffenden Bewertungen professioneller Kritiker und denen frenetischer Fans dadurch, dass sich letztere Gruppe selbst des Vergnügens beraubt, Filme, Serien oder Einzelfolgen genießen zu können. Zu oft stellen sie sich selbst ein Bein, weil sie zu hohe Erwartungshaltungen an den Tag legen, sich in Theorien verschiedenster Qualität verlieren oder erzählerischen Neuerungen nicht aufgeschlossen gegenüberstehen.
Und Walulis hat recht.
Vieler seiner Ausführungen kann ich mich vorbehaltslos anschließen, zumal bereits in der ersten Staffel Discovery den wilden Spekulationen der Fans Tür und Tor geöffnet wurden – nicht zuletzt durch Rezensionen wie diesen hier.
Sollte man aus diesem Grund nicht besser auf diese Fan-Kritiken gänzlich verzichten, um den Kreislauf zu durchbrechen?
Nein!
Rezensionen für Fans von Fans haben eine Daseinsberechtigung.
Dass Star Trek Discovery nämlich momentan in aller Munde ist, liegt vor allem daran, dass sich Fans jeglicher Couleur damit auseinandersetzen, darüber diskutieren und auch darum streiten. Man kann und sollte als Trekkie auch eine Meinung über eine neue Serie haben dürfen und so, wie die Discovery viele begeisterte Fans hat, muss man auch der anderen Seite das Recht einräumen, damit nichts anfangen zu können.
Und da liegt der Wert von Fan-Rezensionen.
Sie geben ein Stimmungsbild jener Szene ab, die auch in den dunklen Jahren ihrer Franchise die Treue gehalten hat. Sie bieten eine Perspektive, die nur wenige professionelle Kritiker einbringen können. Und sie sind am Ende des Tages nur Einzelmeinungen bestimmter Autoren, denen man sich zum Teil, aber sicherlich nie in Gänze anschließen kann.
Womit wir die perfekte Überleitung für die Rezension dieser Woche auch schon gefunden hätten…

II. Story.
Panik auf der Discovery!
In einem Anflug spontanen Heldentums hat sich Captain Christopher Pike zusammen mit Ash Tyler hinter das Steuer eines Shuttles geworfen, um eine temporale Anomalie genauer unter die Lupe zu nehmen, die in einem direkten Zusammenhang mit dem Auftauchen des roten Engels steht.
Doch es kommt wie es kommen musste.
Das Shuttle geht in diesem Riss in der Zeit verloren und die Crew arbeitet auf Hochtouren, um ihren Kommandanten und den Sektion-31-Verbundungsoffizier zurück an Bord zu holen. Ihre Trumpfkarte heißt Paul Stamets, dessen Immunität gegen Raum-Zeit-Verwerfungen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen kann.
Vom ganzen Trubel an Bord bleibt allein Michael Burnham recht unbeeindruckt, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie einen Spontan-Urlaub auf ihrer vulkanischen Heimat eingelegt hat.
Als sie den düsteren Machenschaften ihrer eigenen Mutter auf die Schliche kommt, findet sie endlich, was sie seit so langem so verzweifelt sucht:
Ihren bärtigen Adoptivbruder Spock

III. Lobenswerte Aspekte.

Strickmuster.
Endlich ist er da!
Nach sechs Folgen vergeblichen Hoffens taucht nun in der siebenten (von insgesamt vierzehn Episoden der Staffel) der langerwartete Star-Trek-Messias Spock auf.
Doch wer allen Ernstes damit Auflösungen, Aufklärung oder gar Antworten in irgendeiner Form verbunden hat, sieht sich abermals getäuscht.
Im Gegenteil, statt Erzählstränge zu schließen werden munter neue aufgemacht.
Burnham ist durch einen Terroranschlag Waise geworden?
Jetzt kennen wir den Verantwortlichen!
Der rote Engel (jetzt in überarbeiteter Form im Vorspann!) war bislang der Retter in der Not?
Jetzt ist er beinahe für den Tod Pikes und die Infiltration eines Crewmitgliedes verantwortlich!
Wohin führt der vom roten Engel in den Wahnsinn getriebene Spock seine Adoptivschwester Michael Burnham?
Ausgerechnet in Pikes Gedankengefängnis auf Talos IV!
Die Menge an Fragezeichen in den Köpfen der Zuschauer wird kontinuierlich weiter erhöht, anstatt ihm in diesem überschaubaren Erfolgsmoment eine kleine Atempause zu gewähren. Andere Baustellen wie die Folgen Culbers abrupter Wiederbelebung, Burnhams ach so teuflischen Verhaltens gegenüber ihrem Adoptivbruder oder Sarus Transformationsprozess werden hingegen – ohne auch nur in einem Wort angeschnitten zu werden – weiter auf die lange Bank geschoben, wo sie geduldig auf eine Behandlung warten.
Das Merkwürdige dabei ist, dass man sich als Zuschauer inzwischen nicht mehr davon stören lässt. Die kurzweilige Folge hat nicht zuletzt in dieser atemberaubenden Fülle von Enthüllungen, vermeintlichen Lösungen und unerwarteten Entwicklungen ihren Reiz, die gesamte Serie in diesen Aspekten gar ihren Stil gefunden. Nachdem mittlerweile die Hälfte der zweiten Staffel ausgestrahlt worden ist, bleibt festzuhalten, dass sie sich nicht nur von den düsteren Schatten der ersten Staffel befreit hat, sondern darüber hinaus eine positive Richtung eingeschlagen hat, die deutlich optimistischer in die Zukunft blicken lässt.
Darüber hinaus ist „Licht und Schatten“ eine handwerklich gelungene Folge mit mittlerweile zu Serienstandards erhobenen Elementen wie grandiose CGIs (Außenaufnahmen der Discovery, des Shuttles, der Sonde, Vulkans, des Asteroidenfeldes), ein großartiger Soundtrack, aufwändige Szenenwechsel, Schnitte und Kameraschwenke sowie porentiefe Nahaufnahmen bei Dialogen.
Dabei kann man darüber hinwegsehen, dass zu diesen Standards längst auch typischen Abrams-Elemente wie Wackelkamera und Lensflares gehören.
Zudem kann man erleben, wie neben dezenten Kanon-Referenzen auf den Mutara-Sektor, katras oder Talos IV ein ganz besonders traditionsreiches Star-Trek-Sujet angeschnitten wird: Zeitreisen. Dieses klassische Kopfschmerzthema wird mit passenden Kommentaren gewürzt, geschickt mit der eigenen Serienerzählweise verwoben (etwa mit dem Bezug auf die Episode „T=Mudd²„) und (als Herkunftsort des roten Engels) gar zum Staffelgegenstand erhoben. Dass es nicht ein wenig zu sehr in die Richtung ‚Temporaler Kalter Krieg‚ (TKKg) geht, werden zukünftige Folgen aber erst noch unter Beweis stellen müssen.
Noch mehr Star-Trek-Feeling verleiht allerdings die Zusammenarbeit der Crew dieser Folge. Sie wächst nicht nur an ihren Aufgaben, sondern auch zusammen. So wie Pike und Tyler ihre Differenzen überwinden, um in etwas überstürzter Manier zu ‚best buddies‚ zu werden, bauen auch Burnham und Georgiou, Stamets und Tilly und natürlich Burnham und Spock ihre Beziehungen zueinander aus. Vor allem aber erhält die Crew mehr Raum in Erscheinung zu treten, was in der Aufwertung der mysteriösen kybernetischen Figur Airiam (die gleichzeitig Erinnerungen an Data und HAL 9000 weckt) seinen Höhepunkt findet.
Kurzum: Die Regiedebütantin Marta Cunningham (übrigens die amerikanische Ehefrau des britischen Sarek-Darstellers James Frain) macht einen guten Job in einer Folge, die symptomatisch für die positive Entwicklung der Serie in der zweiten Staffel herhalten kann.
Allerdings fehlt der mit vierzig Minuten im Vergleich zu den letzten Episoden etwas kurz geratenen Folge ein echter Abschluss. Viel eher sitzt man am Ende etwas irritiert vor dem Fernseher um sich etwas ungläubig zu fragen, ob das jetzt schon alles war. De Gründe dafür sind mannigfaltig. So gibt es beispielsweise einen Monolog Burnhams, der die Folge einleitet, aber keinen, der sie abschließt. Alles geht viel zu glatt. Lediglich der Erzählstrang an Bord der Discovery wird beendet, während der um Spock und Burnham in einem wenig aussagekräftigen Cliffhanger mündet. Das Ende von „Licht und Schatten“ scheint jedenfalls eher wie die erste Hälfte einer Folge, bei der irgendjemand zu frühzeitig den Stecker gezogen hat.

Charaktermomente.
Auch in der siebenten Folge der zweiten Staffel erleben wir mehr Licht als Schatten.
Unter den Lichtgestalten lässt sich der Name Christopher Pike ganz weit vorne finden.
Das liegt nicht nur darin begründet, dass Anson Mounts darstellerische Leistungen mal wieder den gesamten Handlungsstrang an Bord dominieren. Nein, seine ausgeprägten Antipathien zu Ash Tyler, werden hier durch besonders schnippische Wortgefechte verdeutlicht, die erahnen lassen, wie viel Spaß den Autoren das Schreiben der Dialoge dieser Folge bereitet haben muss. Dabei sieht man nicht nur den fröhlichen (wie aus den Abramstrek-Filmen), sondern auch den nachdenklichen Pike, der (wie etwa in „Der Käfig„) vehement mit sich selbst hadert. Mount spielt beide scheinbar konträren Seiten der Figur mit einer unaufdringlichen Glaubwürdigkeit, die eine perfekte Brücke zwischen beiden Universen schlägt.
Sonequa Martin-Green als Michael Burnham hingegen macht ihren Job nicht schlecht, aber ganz persönlich empfand ich ihre Figur stets dann am spannendsten, wenn sie von Arista Arhin in diversen Rückblicken auf Vulkan verkörpert wurde. Zwar gab es darüber hinaus noch die ein oder andere durchaus angenehme (weil nicht zu übertrieben sentimentale) Szene, doch als erwachsene Burnham wusste sie vor allem in der Zweikampfszene mit Michelle Yeoh zu überzeugen.
Der Zweikampfpartnerin Philippa Georgiou gelang ebenfalls ein Ausrufezeichen zu setzen. Neben den Kug-Fu-Einlagen war ihre Darstellung insofern ansprechend, dass man sich ihrer Figurenmotivation zu keinem Zeitpunkt sicher sein kann. Sicherlich hat sie nicht aus reiner Nächstenliebe gehandelt, als sie Burnham zur Entführung ihres Bruders anstiftete – auch wenn sie wieder einmal eine unabstreitbare Schwäche für diese Version ihrer Spiegeluniversumsziehtochter offenbart. Und sicherlich beschränkt sich ihr Verhalten nicht allein darauf, ihrem direkten Vorgesetzten eines auszuwischen – obgleich ihr dies sichtbar Freude bereitet. Dass sie ganz nebenbei auch noch eine der maßgeblichsten Enthüllungen dieser Folge zum Besten gibt (vgl. Denkwürdige Zitate) zeigt deutlich auf, dass man von ihr in Zukunft eher noch mehr, als weniger sehen wird.
Neben Pike stachen in meinen Augen aber vor allem zwei andere Schauspieler im Zusammenspiel heraus: Mia Kirshner als Amanda Grayson und James Frain als Sarek.
Denn Hand auf’s Herz: Mir hat der leblosen Beziehung der beiden stets die Nachvollziehbarkeit gefehlt. Als hätten sich beide nach einer Annonce mit dem Wortlaut „Einsames Menschenweibchen sucht erfolgreichen vulkanischen Diplomaten zwecks Eheschließung, um ihm auf die einsame Wüstenwelt zu folgen und ein tristes Leben als gehorsame Hausfrau und folgsame Mutter zu führen, Chiffre: PonFarr4free“ gefunden, bildete ihre Beziehung tatsächlich einen der dringendsten Punkte auf der Originalserien-Figurenliste, der einer Überarbeitung bedurfte.
Und die ist durchaus gelungen.
Amanda Grayson thematisiert offen und selbstbewusst (wenn auch mitunter an Über-Mutterinstinkten leidend) die Probleme ihrer Beziehung, während ihr Mann Sarek seiner Frau den berühmten vulkanischen Stoizismus entgegenhält und für den Bruchteil einer Sekunde nur eine minimale Prise Emotion erahnen lässt. Plötzlich sieht man Leidenschaft und Feuer in einer Beziehung, deren Daseinszweck in „Reise nach Babel“ noch vor allem komödiantische Züge trug.

Neben diesen fünf großen Höhepunkten gibt es eine Reihe kleinerer.
Alan van Sprang etwa, der als Sektion-31-Repräsentant Leland erschreckende Überzeugungskünste offenbart und dem Zuschauer zeitweilig ein ähnlich beruhigendes Gefühl wie Michael Burnham beschert.
Oder Anthony Rapp als Paul Stamets, der sich nicht nur in die Gefahrenzone katapultiert, sondern quasi im Vorbeimarsch das labile Ego von Sylvia Tilly aufpoliert.
Oder Shazad Latif alias Ash Tyler, der nach endlosen Grabenkämpfen mit Pike seinen Frieden mit dem neuen Kommandanten der Discovery gemacht zu haben scheint.
Und natürlich Ethan Peck, dessen langersehnter erster Auftritt als Spock zwar über große Strecken unter einem Mantel des Schweigens (bzw. wirren Brabbelns) verdeckt blieb, aber in lichten Momenten durchaus andeuten konnte, dass er in kommenden Folgen für ordentlich Furore sorgen wird.
Tilly [Mary Wiseman] und Saru [Doug Jones] hingegen konnten einige nette Momente (z.B. ihre gemeinsame Spekulation über ihren wahrscheinlich verlorenen Captain) für sich in Anspruch nehmen, ohne allerdings von ähnlich großer Tragweite wie die zuvor genannten Charaktere zu sein. Das fiel aber auch nicht allzu sehr ins Gewicht, denn sie waren – zusammen mit Rhys, Detmer, Owosekun, Bryce und Airiam – Teil einer gut geölten Discovery-Maschinerie, die mit jedem einzelnen Zahnrad dazu beitrug, ihren Captain vor dem Verschwinden in einer Zeit-Anomalie zu bewahren. Diese inspirierende Team-Arbeit war wie bereits angemerkt der bestimmende Star-Trek-Moment dieser Episode.
Am Ende ließe sich daher fabelhaft darüber streiten, ob es der Folge gutgetan hätte, auch noch andere Crewmitglieder wie Jett Reno, Nhan, Linus oder Doktor Pollard in diese illustre Runde zu integrieren. Aber dass ausgerechnet Wilson Cruz alias Hugh Culber nach seinen Identitätsfindungsschwierigkeiten in der letzten Episode nun noch nicht einmal Erwähnung findet, bleibt schlussendlich einer der wenigen dunklen Flecke auf der ansonsten sauberen Weste von „Licht und Schatten„.

IV. Kritikwürdige Aspekte.

Merkwürdige Bezüge zur Gegenwart.
Michael Burnham ist eine Frau, die ihren Weg geht.
Das merkt man schon an ihrem eigentlichen männlichen Vornamen, der in Verdrehung des Johnny-Cash-Klassikers „A Boy Named Sue“ dafür sorgt, dass sie trotz aller Schwierigkeiten besteht. Sie ist tough, intelligent und selbstbewusst, kurzum ein Musterbeispiel in puncto weibliches Rollenvorbild bei Star Trek.
Aber gleich die Eingangsszene dieser Folge hat mich genau wegen dieses Anspruchs gestört.
Klar hat Burnham ihren eigenen Kopf und geht ihren eigenen Weg, aber dass sie tatsächlich die Koffer packt, bevor sie von Pike die Erlaubnis für einen Landurlaub erhält (vgl. Denkwürdige Zitate), ist ein völlig falsches Signal.
Captain  Pike ist nämlich nicht nur irgend ein Mann der sich den Wünschen seiner Offizierin aus purem Chauvinismus in den Weg wirft; er ist ihr vorgesetzter Captain, in dessen Verantwortungsbereich es unter anderem liegt, seiner Crew Urlaub zu erteilen oder auch zu verwehren, wenn seiner Meinung nach die Umstände einen Verbleib des Mannschaftsmitgliedes an Bord verlangen. Burnhams trotziges Kofferpacken ist dadurch keineswegs feministische Eigeninitiative, sondern ein bedenklicher Umgang mit der Befehlskette, die in einer hierarchischen Organisation von vitaler Bedeutung ist. Bricht Burnham mit diesem Grundprinzip, dann bricht damit die Serie mit der Glaubwürdigkeit des Konstrukts einer Sternenflotte, in der sich Frauen und Männer gleichermaßen am Rangsystem orientieren und zum Wohl der Gemeinschaft dessen Einhaltung befördern.
Zudem sendet es das Signal aus, dass Burnham eben nicht aus ihrer temporären Degradierung wegen Meuterei gelernt hat, sondern ungebrochen die gleiche Aufmüpfigkeit an den Tag legt, durch die die Föderation von iihr schon einmal in einen verheerenden Krieg geführt wurde.
Aber Feminismus ist ein hochaktuelles Thema und in Zeiten, in denen Frauen noch immer nicht einmal das Gleiche verdienen wie Männer auch ein legitimer Gegenstand für eine gesellschaftskritische Science-Fiction-Serie wie Star Trek. Doch an dieser Stelle hätte man vielleicht besser abwägen sollen, ob dieses Statement es wirklich wert ist, die Grundfesten des eigenen Universums und die Lernfähigkeit der eigenen Figur zu unterminieren.
Nicht weniger tagesaktuell sind auch Lernbehinderungen. Es ist fraglos eine schöne Idee, ausgerechnet den Vorzeige-Schlaukopf Star Treks frei nach dem Motto „Eine Lernbehinderung ist nicht das Ende aller Weisheit, sondern nur der Anfang.“ solch eine Entwicklungsstörung aus dem Nichts heraus in den Lebenslauf zu zaubern (wobei die Verheimlichung eines solchen vulkanischen  Stigmas nachvollziehbarer ist, als nie ein Wort über seine Geschwister zu verlieren). Immerhin lässt sich Zuschauern mit dieser in der Tat weit verbreiteten Erscheinung zeigen, dass sie das Potential haben, außergewöhnliches zu leisten und genauso wie Keira Knightley, Stephen Spielberg, Keanu Reeves, Jamie Oliver, Orlando Bloom, Richard Branson, Whoopi Goldberg oder eben Spock die Welt verändern können.
Dennoch bleibt der Einschub letztendlich arg konstruiert, nicht zuletzt, weil es im Dialog zwischen Spocks zankenden Eltern so klingt, als wäre allein das Vorlesen von „Alice im Wunderland“ ausreichend gewesen, um Spock wieder zurück in die Erfolgsbahn zu katapultieren bzw. zurück in alte Zeiten zu stürzen. Gerade bei einem Kind, dass völlig ohne emotionale Bestärkung durch die Eltern auskommen musste, dürfte eine solche Lernbehinderung ungleich drastischere Ausmaße annehmen. Mal sehen, ob wir in kommenden Episoden noch nähere Angaben dazu erhalten.

Logiklöcher und Kanonbrüche.
Ein großer Aufreger für viele Star-Trek-Fans war gleich bei der Landung Burnhams auf Vulkan der unerwartete Regen, der das Anwesen Sareks fest im Griff hatte.
Doch bei näherem Hinsehen ist das eigentlich kein großes Problem.
Natürlich ist Vulkan eine Wüstenwelt. Doch es ist auch ein ganzer Planet mit einer Wolkendecke, mindestens einem See und einer reichhaltigen Pflanzenwelt. Selbst das Death Valley, einer der trockensten Orte der Erde, kommt im Jahr auf durchschnittlich achtundzwanzig Regentage und es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass die Bedingungen auf Vulkan vor allem in den stark besiedelten Regionen zumindest diesen Voraussetzungen entsprechen. Zudem ist das in erster Linie metaphorische gemeinte Wetterphänomen zeitlich äußerst begrenzt; wenige Augenblicke später ist von dem Gewitter bereits nichts mehr zu merken.
Nicht minder merkwürdig mutet an, dass Burnham abermals meutert, als hätte sie weder aus ihren Erfahrungen der ersten Staffel gelernt, noch den Ausführungen ihres Adoptivvaters gelauscht. Doch bei Lichte betrachtet bieten sich ähnliche Umstände, in denen auch Picard seine Offiziere mehrfach zu Ungehorsam gegenüber unvertretbaren Befehlen von Vorgesetzten aufgerufen hat. Burnhams Handeln zugunsten eines wehrlosen Offiziers, der darüber hinaus auch noch mit ihr verwandt ist, steht in bester Tradition von Befehlsverweigerungen wie in „Das Standgericht„, „Das Pegasus-Projekt“ oder „Star Trek – Der Aufstand„.
Aber auch wenn ich gleich zwei Mal für die Discovery-Autoren einspringe, heißt das nicht, dass ich mit sämtlichen ihrer Entscheidungen glücklich bin.
Etwa mit der Interpretation der diplomatischen Immunität, wie sie Amanda Grayson in dieser Folge für sich beansprucht. Zwar gilt dieser Rechtsschutz in der Tat auch für Familienmitglieder, aber die Familie befindet sich immerhin auf einer der Kernwelten der Föderation! Klar ist diese Planetenallianz eine Vereinigung mehrerer eigenständiger Planeten, doch dass auf Vulkan Föderations- und Sternenflottengesetze weniger Gültigkeit als beispielsweise auf der Erde hätten, halte ich für eine sehr gewagte Hypothese.
Man stelle sich nur einmal vor, dass die französische Frau des deutschen Botschafters ihren Sohn in einem früheren Berliner Luftschutzbunker versteckt, damit dessen Verurteilung wegen Verstoßes gegen das Völkerrecht vor dem Europäischen Gerichtshof nicht rechtskräftig werden kann.
Zudem können – jedenfalls nach aktuellem Recht – entgegen Sareks Äußerungen nicht die Diplomaten selbst, sondern nur die beauftragenden Staaten diplomatische Immunität wieder aufheben (was durchaus Sinn ergibt wenn man sich vorstellt, ein Schurkenstaat würde einen Diplomaten durch Folter zwingen, seinen Status fallenzulassen).
Unklar ist mir zudem, was mit Kaminar passieren wird. Immerhin lag die mysteriöse Raum-Zeit-Verzerrung, von der jener tödliche Zeit-Tsunami ausging, im Orbit der Heimatwelt Sarus. Hatte die Explosion Auswirkungen auf den Planeten oder lassen die Drehbuchautoren diese Ungereimtheit einfach bequemerweise unter den Tisch fallen?
Und um einen weiteren Fehler ihrerseits an dieser Stelle einmal richtigzustellen:
Nicht das Shuttle ist im Mutara-Sektor verschollen, sondern sein Passagier Spock. Das Shuttle ist nicht spurlos verschwunden – wie wir erst vor zwei Folgen in „Die Heiligen der Unvollkommenheit“ gelernt haben – sondern dürfte sich wohl noch immer in Lelands Sektion-31-Schiff befinden, wohin es von Georgiou in dieser Episode gebracht wurde.
Ist es wirklich so schwer, die eigene Handlung im Hinterkopf zu behalten?
Und dann bereitet mir auch die Einbindung von Talos IV gehörig Kopfschmerzen. Laut zeitlicher Einordnung fand die Handlung von „Der Käfig“ unmittelbar vor „Brother“ statt und war einer der Gründe, warum Pike den Krieg zwischen der Föderation und den Klingonen verpasst hat. Doch aus der Aufnahme des Planeten in die Handlung ergeben sich gleich mehrere Fragen.
Ist Talos IV nicht eher ein Planet als ein „System„?
Was ist mit der General Order 7, die das Ansteuern des Planeten unter Todesstrafe (!) verbietet?
Oder wird dieser Besuch erst zur Entstehung dieses Befehls führen?
Es obliegt der kommenden Folge diese und noch viele andere Fragen zu beantworten…

V. Fazit.
Licht und Schatten“ ist mehr Licht als Schatten.
Die kurzweilige und mitreißende Folge hält sich kaum mit Lösungen auf und öffnet stattdessen eine Reihe weiterer spannender Baustellen, die den Großteil der kommende Episoden beschäftigen wird. Auf handwerklich und darstellerisch hohem Niveau greift sie mit Zeitreisen ein klassisches Erzählthema Star Treks auf und stellt die Crew der Discovery gleichberechtigt neben die familiären Angelegenheiten Burnhams. Zwar gilt es noch das ein oder andere Logikloch zu stopfen, aber ansonsten bleibt das größte Manko der Folge, dass sie eher wie der erste Teil einer Doppel- oder Triple-Folge wirkt.
So muss der Zuschauer wohl erst bis nach der nächsten Folge warten, um auch ein abschließendes Urteil über „Licht und Schatten“ fällen zu können.

Bewertung.
Starker erster Teil eines Mehrteilers.


VI. Schluss.
Die Bösen, das sind die anderen.
Vielleicht ist es schlichtweg so, dass sich die Zeiten verändert haben. Serienkonzepte sind anders, Fernsehübertragungen sind anders und Sehgewohnheiten sind anders.
Soll der Fan vor dem Fernseher da immer derselbe bleiben?
Die Entwicklung eines kritischen Fantums ist keine Über-Nacht-Erscheinung, sondern das Ergebnis einer zeitgemäßen Evolution, die seinen Katalysator meiner Meinung nach im Internet hat und die Anhängerschar einer jeden Franchise für immer verändert hat.
Es ist zu einfach, sich als Studio, Produzent oder Geldgeber hinzustellen und mit dem Finger auf die bösen Fans zu zeigen, denn im Moment beweist gerade Discovery, dass man – bei aller noch bestehenden Kritik – auch gut fahren kann, wenn man den Fans und ihrer Meinung etwas Beachtung schenkt, statt auf Teufel komm raus das Rad neuzuerfinden. Schließlich beschränkt sich ein guter Teil ihrer Kritik nicht allein auf übersteigerten Erwartungen, wirren Theorien oder Ablehnung von Innovationen.
Und überhaupt; ist ein Fußballspiel weniger langweilig, nur weil man das Ergebnis am Abend vorher am Stammtisch richtig vorhergesehen hat?
Sicher nicht (außer natürlich es war ein 0:0).
Vor allem, wenn man sich die Gefahren bewusst macht, die von Fantheorien fraglos ausgehen können, kann es durchaus sogar Freude bereiten, mit anderen Fans zu spekulieren, sich in Absurdität seiner Theorien zu übertreffen zu versuchen oder am Ende die Genugtuung zu verspüren, Recht gehabt zu haben.
Jeder Mensch ist anders und um das zu beweisen, rufe ich an dieser Stelle einen Wettbewerb der ganz besonderen Art aus: Schreibt in den Kommentaren dieser oder zukünftiger Rezensionen auf, wen Ihr für den roten Engel haltet. Der Leser, der am Ende den richtigen Tipp zuerst abgegeben hat (es gelten Datum und Uhrzeit des Kommentars) wird vom Autor dieser Zeilen – passend zur Staffel – mit einer Flasche Vulkan-Bier belohnt (Details zum Versand werden nach Ausstrahlung der letzten Folge per Mail geklärt).
Ich bin sehr gespannt auf Eure Tipps…

Denkwürdige Zitate.

Sie haben ihre Tasche schon gepackt?
Aber doch nicht ohne Ihre Erlaubnis, Sir…“
Christopher Pike und Michael Burnham

Wo ist Burnham?
Auf Urlaub. Aus persönlichen Gründen.“
Warum weiß ich nichts davon?
Weil… eben persönlich ‚persönlich‘ bedeutet…“
Ash Tyler und Pike

Mr. Tyler, der Stuhl steht über dem Abzeichen.
Pike

Kennen Sie die Redewendung vom fünften Rad am Wagen, Mr. Tyler?
Pike

Emotionen verwirren mich.
Mich auch.
junger Spock mit junger Burnham

Selbst wenn ich wüsste wo er ist, würde ich niemals – unter keinen Umständen – zulassen, dass er für Morde angeklagt wird, die er nicht begangen hat.
Amanda Grayson

Aber ganz vorsichtig wie beim Auftauchen im Wasser. Nicht, dass sie die Zeitkrankheit bekommen, Sir.
Die Zeitkrankheit? Gar nicht schlecht.“
Na ja, alles klingt gut, wenn man ‚Zeit‘ davorsetzt…“
Sylvia Tilly und Pike

Offiziere, aus unserer Forschungsmission ist eine Rettungsmission geworden. Der Captain und Tyler verlassen sich auf uns.“
Saru

Vielleicht lautet die Frage nicht wo sie sind, sondern wann.
Saru

Hinter dem Ereignishorizont ist die Raumzeit unendlich gekrümmt. Das Shuttle zu finden ist da wie ein Sandkorn in einem Hurricane zu fangen. Und das mit einer Pinzette.
Paul Stamets

Wie kannst Du es wagen? Ich habe dieses Leben angenommen, weil ich Dich liebe. Und jetzt bezahlt Spock den Preis dafür, so wie eh und je. Und das war immer meine größte Angst.
Amanda Grayson

Deine Obsession mit einem Buch über das Chaos hat unseren Kindern einen schlechten Dienst erwiesen.
Sie waren diejenigen, die auf beiden Seiten des Spiegels standen, nicht Du, Sarek. Du hattest nie wirklich Respekt vor dem Menschsein.
Dann hätte ich wohl eine Vulkanierin geheiratet.“
Hättest Du Vulkan für mich verlassen? Nein! Ich habe alles für unsere Familie geopfert.
Das ändert nichts an dem Fakt, dass Du einen Flüchtling beherbergt hast. Das ist ein empörender Missbrauch meiner Amtsgewalt.
Ich lebe nicht unter Deiner Amtsgewalt. Ich bin Deine Frau. Und Deine Gefährtin. Also lass Dir etwas einfallen…“
Sarek und Amanda

Ihn der Gnade von Sektion 31 auszusetzen wäre, wie ihn den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen.
Burnham

„Und es gibt noch einen logischen Grund dafür, warum Michael es tun muss. Deine Karriere als Sternenflottenoffizier würde erneut in Gefahr geraten, wenn Du Deine Dienstpflicht nicht erfüllst. Und ich bin nicht bereit unsere beiden Kinder an einem Tag zu verlieren.“
Sarek

Wie schön! Dann haben Sie ja, was sie wollten!!
Wie war das?
Ernste Lage, hohes Risiko, geringe Überlebenswahrscheinlichkeit und als Zugabe nehmen Sie mich mit ins Grab!
Tyler und Pike

Season 1

Besprechung Episode 01 & 02
Besprechung Episode 03
Besprechung Episode 04
Besprechung Episode 05
Besprechung Episode 06
Besprechung Episode 07
Besprechung Episode 08
Besprechung Episode 09
Besprechung Episode 10
Besprechung Episode 11
Besprechung Episode 12
Besprechung Episode 13
Besprechung Episode 14
Besprechung Episode 15

Season 2

Besprechung Episode 16
Besprechung Episode 17
Besprechung Episode 18
Besprechung Episode 19
Besprechung Episode 20
Besprechung Episode 21

Sebastian Blasek (auch als Turon47 bekannt) ist in selbst seinen späten Dreißigern noch immer ein großer Star-Trek-Fan, nachdem er 1988 das erste Mal “Raumschiff Enterprise” im Westfernsehen sehen durfte. Aufgewachsen in einem Staat den es nicht mehr gibt, wohnt er heute in Potsdam, wo er Deutsch und Geschichte studiert hat. Der anglophile Fußballfan schreibt in seiner spärlichen Freizeit Artikel für die Star-Trek-Tafelrunde “Hermann Darnell” und schläft am Wochenende gern aus.

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