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Alles ist nichts

Der Regen tropft von meiner Hutkrempe, tropft sodann zu Boden. Heute regnet es Blut. Besser als Öl, denke ich, und mache mich auf den Weg. Ich werde heute zur Hölle fahren.

Mit jenem Zug, dem man die Nummer 51 zugewiesen hat, in einem Büro ohne Namen, in dem Selbstmordkandidaten freudlos arbeiten. Zuvorderst eine Dampflok namens Alura, die so anthropomorph ist, dass man sie einfach mit einem freundlichen «Guten Morgen» begrüssen muss, selbst am traurigsten Tag.

Aus der Konservendose

Was habe ich nicht alles gemacht…? Wo bin ich nicht überall gewesen…? Was habe ich nicht alles gesehen…?

…den Berg der Verzweiflung, den dunklen Wald der Sünden und Erbsünden, die Freiheitskämpferin am Galgen. Ich habe Eiterbeeren gepflückt, bin durch das Land Nod gereist, habe zwei Antipodinnen gevögelt, gleichzeitig, in der Küche meiner Grossante, die gerade auf der Toilette weilte, was immer lange dauerte, weil sie sich nur von Schokoladen-Crème ernährte, jener aus der Konservendose.

Ich habe gestohlen, Strümpfe und Schuhe für meine Geliebte, die ich in nichts anderem sehen wolle, lasziv tanzend, mit schwarz geschminkten Lippen, zwischen denen eine Fluppe frech in die Welt hinausragt. Uns so kam es dann auch.

Als die Leichenträger meine Grosstante abgeholt haben, lag ihr lebloser Körper auf dem flauschigen Spannteppich. In der guten Stube, so seitlich gekrümmt, Schokoladen-Crème lief aus ihrem klaffenden Leichenmund, braunes Rinnsaal.

Sie war an ihrer Leib- und Magenspeise erstickt, weil sie sowieso unter Asthma litt und einem gebrochene Herzen.

Ich fand es gut

Als die Fluppe abgebrannt war, hat meine Geliebte sie aus dem Mund gespuckt, direkt vor meine Füsse, begleitet von einem dicken Speichel-Schleimball. Das gelbliche Mondlicht, das so ganz unabsichtlich durchs Fenster fiel, beleuchtete ihre Brüste – oder möchten Sie lieber, verehrte Leserinnen, dass ich Titten schreibe? – und ihren Hintern. Ich fand es gut. Zumal sie nun auf die Knie sank, auf allen Vieren in meine Richtung krabbelte. Auf die Fluppe folgte eine Eichel – und ich kann Ihnen versichern, dass diese nicht an einem Baum gewachsen ist –, zwischen den schwarz geschminkten Lippen. Ein Bild, das ich ebenfalls nie mehr vergessen werde.

Ich bete darum, dass es als letztes Bild vor meinen Augen stehen wird, wenn ich dereinst das Zeitliche segnen werde.

Hintertüren aufgestossen

Und sonst? Ich habe tief aus dem Brunnen der Dämonengöttin Pombagira getrunken, habe Kriege, Bürgerkriege und Naturkatastrophen erlebt, auf Ferienreisen, deren Ziele ich aufgrund meines schlechten Gewissens auswählte. Ich habe Insektenkot von Blättern geschleckt; es hat süsslich geschmeckt. Aber auch sonst bin ich schlecht. Denn ich habe zu viele Hintertüren aufgestossen, obwohl sie lieber geschlossen geblieben wären, aber dies war halt normal, dort, wo ich herkam.

Und Du hast Deinen Lockenkopf zu mir herumgedreht, hast mir direkt in die Augen geschaut, zwei Blitze aus Deinen Pupillen abgeschossen, in meine Richtung. Da habe ich gewusst, dass ich nach dem Kommen gehen muss, ich wäre lieber geblieben.

Danach bin ich in Neukölln gestrandet, in einem Lokal, das Udo Kier gewidmet ist, man darf dort rauchen, Wodka trinken, Kokain schniefen. Letzteres war nicht lupenrein.

Von vier strengen Mönchen

Doch das spielt keine Rolle, wenn man sich so verliebt hat, dass man am liebsten einen Notfall daraus machen würde. Aber das geht eben nicht, weil man als kleiner Junge von vier strengen Mönchen erzogen worden ist, in der Einöde, deren oberstetes Gebots da lautete: «Beiss die Zähne zusammen, Junge.» Immerhin, die acht Mädchen im Kloster wurden noch schlechter behandelt.

Natürlich war ich zu Gast in jenem Allotria-Haus, in dem man knappe acht Stunden lang von Spassvögeln, von Fachpersonen, die Menschenledermasken tragen, durch die Dunkelheit geführt und gejagt, verprügelt, beleidigt, geplagt, unfreiwillig gebadet und frisiert wird. Dazu kommt, dass sie dich dazu zwingen, ekelhafte Dinge zu essen, splitternackt über Scherben zu robben. Eine «Tour» nennen die das. Der Spass kostet sogar Eintritt, drei Büchsen Hundefutter, auch  eine ganze Familienpackung wird dankbar entgegengenommen.

Danach fühle man sich gut, wird gemeinhin gesagt. Das Ganze war zwar sehr professionell gemacht, aber ich spürte nachher überhaupt nichts. Ich habe schon so lange nichts mehr gefühlt, dass ich gar nicht mehr weiss, wie sich das Fühlen anfühlt.

Es ist Fettblut

Der Blutregen wird stärker und stärker. Endlich bin ich auf dem Bahngleis 6 angekommen. Ich begrüsse die gute alte Dampflok Alura mit einem freundlichen «Guten Morgen». Ich sauge mir das Blut, das vom Himmel gekommen ist, von den Fingern. Ich kenne den Geschmack, es ist Fettblut. Dann steige ich in den Erotikwagen, dort wartet eine liebegute Dame auf mich, eine Frau wie ein solides Backsteinhaus, so klopfe ich halt – ohne viel Federlesens – an eine weitere Hintertüre.

Die Dame hat einen trockenen Humor und sagt: «Wir stechen in See, mein Sohn!» Ich sage: «Butter bei die Fische.» Sie antwortet: «Es hat keinen Zweck, den falschen Leuten das Richtige erklären zu wollen.» Der Zug fährt los. Nächste Station: Purgatorium.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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