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In der Enge des Tales

Ein Tanz. Einen Tanz am Dorffest im Tal. Es war drei Monate her. Aber jetzt fühlte sich die Stille schlimmer an als ihr Zorn, hilflos versuchte Emmas Vater zu vermitteln, doch die Mutter war über den Punkt hinaus, an dem sie noch hätte umkehren können oder wollen.

«Es war nur ein Tanz, Mutter. Nicht mehr als ein Tanz.»

Doch die Mutter hatte den Ausdruck in den Augen des Mannes gesehen, ein Ausdruck voller Feuer und Leidenschaft, die Eifersucht auf alles und jeden, der versuchte dem Mann in die Quere zu kommen. Emmas Mutter glaubte an Gott und an die einfachen Dinge. Manche Jahre waren die Schafe fruchtbarer, die Ernte auf den Feldern besser. Sie war eine Frau, die aus wenig viel machen konnte und die Familie mit eiserner Faust regierte.

Kranke Tiere, verheerendes Wetter, die Männer, die im Pub Dampf abliessen und schliesslich am nächsten Tag zu nichts zu gebrauchen waren, das alles war für Emmas Mutter normal. Es gab Zeiten, da nahm der Himmel Rache, Momente, in denen Gott seinen Schäfchen im engen Tal ihre Grenzen aufzeigte. Emma gehörte nicht zu den Dingen, die einfach zu verstehen waren. Emma war für die raue Landschaft zu schön, zu feingliedrig und vor allem zu intelligent. Die Bücher in der Bibliothek des Nachbarortes, hier gab es ja keine, hatte sie allesamt schon mit zwölf gelesen gehabt. Die Streitereien der Mutter mit der Lehrerin des Dorfes hatten immer stürmischere Proportionen angenommen, forderte die allseits beliebte Frau sie doch auf, Emma in der Stadt studieren zu lassen, es schien der Dame nicht bewusst zu sein, dass sich auf den abfallenden Hängen kaum die Schafe halten konnten, geschweige denn Gold finden liesse mit dem sich ein solch absurdes Unterfangen finanzieren liesse. Es war ein hartes, stolzes Leben und sie beklagte sich nicht.

Der jüngere Sohn Isaak ging mit Vater Samuel auf die Felder, half mit den Tieren und Emma sollte ihr helfen, den Hof in Schuss zu halten. Jenes kleine Haus, in dem es schnell feucht, kalt und nass wurde, so bald der Regen die lehmigen Abhänge mit Nässe durchtränkt und gesättigt hatte. Ins Häuschen trugen «ihre» Männer jeden Tag Schlamm und Dreck hinein, so dass es immer etwas zu tun gab. Doch es ging mit dem Teufel zu: Emma erledigte ihre Aufgaben im Haushalt schnell und ohne je zu murren, sie konnte die Ärmel hochkrempeln und hatte am Abend immer noch die Kraft, den Nachbarn zu helfen, Briefe zu schreiben und auch ein Buch hatte sie auch immer dabei. Wenn sie versuchte mit ihrer Tochter zu sprechen, ihr das Leben und die Gottesfurcht zu erklären erwiderte Emma schwerverständlich nur: «Mama, es ist nicht so, dass man sich vor dem zu fürchten braucht, was man nicht oder noch nicht kennt. Es wird schon gut.»

Damit konnte die Mutter nichts anfangen, sie wollte nichts anfangen mit Dingen, die sie nicht kannte.

In einem nebelverhangenen Tal einem harten Boden den Lebensunterhalt abzuringen, fiel schliesslich schon schwer genug. Emma war zu intelligent, um stolz zu sein, nie hatte sie vorgehabt, den Zorn der Mutter auf sich zu ziehen und ihren Vater zwischen die Fronten geraten zu lassen. Seit sie ein kleines Mädchen war, hatte sie sich an die Enge des Tales gewöhnt, an das Schweigen in den Wäldern und das unablässige Rauschen des Windes, der die Wolken über den Himmel tanzen liess. Die kleine Schule hatte keine Lehrerin mehr, heute unterrichtete Emma noch die Kleinen, so dass diese nicht weit in den Nachbarort marschieren mussten. Der Tag als die Lehrerin hatte gehen müssen, war traurig für sie gewesen, Emma hatte eine Gesprächspartnerin verloren und sie vermisste auch das emsige Treiben der Kinder rund um die Schule, da sie dort gerne ausgeholfen hatte.

«Du darfst dir nichts einreden lassen, es ist nicht alles für alle Menschen vorbestimmt. Da kann man sich nicht einfach wünschen, was man will.»

Emma konnte nicht genau sagen, wann oder warum sie mit dem Mann etwas angefangen hatte. Er war ein «Auswärtiger», ein lächerlicher Fatzke, der geologische Untersuchungen durchführte und nicht einmal «richtige» Schuhe besass. Viele Male sass er abends im Pub, während sie die Briefe für die Bauern schrieb, die Haare lächerlich lang, die Hände nicht ans Arbeiten gewöhnt. Und doch waren es jetzt diese Hände, die sie zweifeln liessen. Ihr Körper gierte nach diesen viel zu gepflegten Händen auf ihren Brüsten, an ihrem Hals und doch hätte sie ihn am liebsten in die Fresse geschlagen. Ihr schien es, als führten sie die Hände über die Grenze in ein verbotenes Land, als zeigten sie ihr einen Teil von sich, den weder sie noch ihre Mutter sehen wollen und jetzt war die Mutter zornig.

Und doch wollte Emma nicht ohne die Erlösung sein, die ihr diese Hände brachten und doch hasste sie sich selbst dafür. Der Auswärtige war länger und länger im Dorf geblieben, hatte seine Untersuchungen verlängert, hatte sie immer wieder auf ihren Spaziergängen oder auf dem Weg in die Schule abgefangen. Irgendwann waren sie in einander gefallen, angezogen und abgestossen zu gleich. Der Widerspruch als Reiz einfach zu stark.

In dem kleinen Bauernhaus herrschte seit der Tanzerei feuchtes Schweigen. Die Eltern waren sich nicht einig, der kleine Isaak verstand die Welt nicht mehr und Mutters Zorn war der Verachtung und der Stille gewichen. Gleichzeitig kam Emma mit den Naturgewalten, die in ihr herrschten nicht klar, sie wusste ja, sie wollte sich nie einem Mann beugen, so wie es hier im Dorf üblich war. Wie die Lehrerin wollte sie unabhängig sein, das Lachen der Kinder hören und sich nicht um die dreckige, feuchte Unterwäsche eines Mannes kümmern müssen.

Die Widersprüche, dass sie sich ohne, dass es sie je gestört hätte, um die lange Baumwollwäsche ihres Vaters kümmerte und dass sie mit ihm Schulter an Schulter auf dem Feld arbeitete oder Lämmer schlachtete, fiel ihr nicht einmal ein. Plötzlich waren die Dinge anders, ganz anders und sie wusste nicht warum. Es war ihr klar, der Auswärtige würde ihr Leben nicht verstehen, denn sie wollte weder sich selbst aufgeben, noch das Leben, dass sie kannte. Im Grunde mochte sie die schroffe unnachgiebige Landschaft, es war alles, was sie kannte, sie kam leicht mit der klammen Kälte mit der sie aufgewachsen war klar und störte sich nicht daran lange und hart zu schuften, bis der Rücken wehtat. Emma bewunderte ihre Mutter, die kochte, die Kleider so lange wieder zusammennähte, bis ausser Stofffetzen nichts mehr zu retten war und doch schien in ihr noch etwas Fremdes zu sein. Doch je mehr sie den Städter ablehnte, um so mehr schien er sie zu begehren, obwohl Emma selbst dachte, sie würde in der grossen Stadt kaum als grosse Schönheit durchgehen und besonders freundlich zeigte sie sich ihm gegenüber auch nicht.

Das Wasser im Fluss war klar, die Schafe grasten still, friedlich und dumm an den Hügeln, kurze Zeit bliebe das Wetter besser, machte der Wind, ermüdet, eine kurze Pause, im engen Tal wurde es sommerlich hell und das kleine war kurze Zeit weniger feucht. Der Fremde hatte seine lächerlichen Schuhe ausgezogen. Emma wollte endlich ihren Zorn vergessen, das Schweigen, den Zorn ihrer Mutter. Sie wusste, sie wäre gerne Lehrerin geworden, aber sie konnte ihre Eltern, ihren Bruder nicht mit dem lieben Gott und den Schafen zurücklassen. Es gelang ihr  einfach nicht, sich zu erklären. Es waren nicht die Worte, die ihr fehlten, sie hatte ja viel gelesen, sie konnte sich ausdrücken und sie erinnerte sich an die Lehrerin und dennoch schien sie mehr mit dem engen Tal zu verbinden, als sie ausdrücken konnte, selbst dann, wenn sie die ganzen Worte der Canterbury Tales verwendete.

Seine Füsse baumelten im Fluss und sahen bleich und schwach aus. Obwohl es warm war, schien er zu frieren.

Er sagte: «Du musst doch hier raus, das Tal ist zu eng für dich.»

Emma kannte die Enge, die Dunkelheit, die schon bald wieder fallen würde, wenn der Herbst näher käme. Sie ahnte, er würde nie genau verstehen, wie es in ihr aussah, seine Welt war eine andere. Sie starrten schweigend, etwas verloren auf den Fluss, auf die kleinen Wellen, die auch keine Antwort hatten. Sie fragte sich, ob ihre Wut die Wut der Mutter war, er wusste nicht, ob sie jemals gewusst hatte, dass er nicht der Mann war, der er vorgab zu sein.

«Du hast mich nie gefragt», sagte er und schüttelte seine Socken, die zu dünn aussahen, als dass man sie hätte stopfen können. Emma wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie dachte an den Tanz, die Hände auf ihren Brüsten, die Hitze, die dann in ihr aufstieg und dann dachte sie an die Schafe und dran, dass es in dem kleinen Haus viel zu eng war. Er wollte ihr etwas erklären, sie solle ihm zuhören: Jede Vermessung nehme einmal ein Ende. Er wurde immer verzweifelter, sprach von Geld, von Orten, an denen sie wohnen konnten, wenn sie es nur wollten, er sprach davon, dass er früher auch nur ein einfacher Mann gewesen sei und davon, dass es viele Geografen gebe und er für seine Laufbahn habe kämpfen müssen. Er sprach von Kohle, die Wände schwarz werden liess. Er redete von der Bahnlinie, neben der er aufgewachsen war und hoffte, sie würde ihn verstehen. Emma verstand ihn nicht. Da waren Schafe auf den Hügeln, Wolle und Fleisch, sie glaubte, er würde sie nicht verstehen. Immerhin, sie war an diesem Nachmittag nicht wütend geworden.

An diese Dinge erinnerte sie sich. Und es war seltsam, sie wusste, es war seltsam, dass nur so wenig geblieben war. Eine alte Frau jetzt, war sie noch immer nicht sicher, ob ihr ihre Mutter verziehen hatte. Ein Tanz. Nur ein Tanz vor vielen Jahren. Und doch, ihre Mutter war so wütend gewesen und sie war geblieben in der Enge des Tales. Sie fror. Schwer, feucht und schwarz fiel die Erde in die Grube. Es fühlte sich wie ein Verrat an. Aber sie hatte wirklich gedacht, sie hatte geglaubt, sie würde irgendwann einmal Lehrerin werden können. Im Regen auf dem kleinen Friedhof dachte sie nur an die Hände auf ihren Brüsten, die Möglichkeiten, an die Schafe. Dann sah sie hinauf und sah die Enge des Tales. Sie war hiergeblieben. Einfach hiergeblieben. Und jetzt war ihre Mutter tot. Ihr Vater war schon länger gestorben und ihr Bruder hatte bald darauf geheiratet und war weggezogen. Sie war alleine, weil sie hiergeblieben war. Die Erde fiel feucht und schwer in die Grube.

Foto: Nathan Anderson/Unsplash

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Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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