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Notizen aus dem Weltraum

Ihre Augen verdunkelten sich funkelnd, sie sah konzentriert aus, ihr Atem kam schneller und flacher jetzt. «Der Mond schon in der Nähe?»
Keine gute Frage, wenn jemand Sterne sieht …», antwortete sie und ihre Hand legte sich drängend auf meine, die zwischen ihren Beinen eingeschlossen war. «Braucht die Rakete mehr Schub?»
«Was kommt als Nächstes, die Frage, ob noch genug Treibstoff im Tank ist oder, ob wir die nächste Stufe zünden sollen?»
Das Leintuch verfing sich zwischen ihren Schenkeln und beinahe hätte ich meine Space-Torpedos zu früh abgefeuert. Sie wand sich auf dem Bett, meine Hand fest im Griff des Weltraumgreifers. Diese seltsame Idee lenkte mich von der Dringlichkeit des Torpedo-Abschusses ab.

Unendliche Weiten, der Weltraum!

Ihre Augen waren jetzt geschlossen und sie hatte ihre Beine von der Decke freigestrampelt. Die Landung stand kurz bevor. Da waren noch ein paar Manöver im luftleeren Raum und es war geschafft.
Mit spitzen Fingern nahm sie das Kondom mit ins Bad und schmiss es weg. Sie wusch sich die Hände und rief: «Der Weltraum, echt jetzt?»
«Was soll man machen, wenn man die Space-Torpedos nicht zu früh verschiessen will?»
«Wir sollten einfach nicht über Sex reden, ich mag mich noch gut an die Unterwasserwelt erinnern. U-Boote und solchen Quark.»

Im nächsten Zimmer plätscherte es friedlich und sie riss Papier von der Rolle, was nicht hiess, sie wollte mir etwas ersparen, sie rief: «Du hattest irgendeinen Film gesehen und nach den U-Booten kamen die Haie, du sprachst über Haie, nur um nicht zu kommen.»

Die Spülung ging und ich verstand nicht, warum sie mich nicht längst verlassen hatte, ich hatte ihr wirklich Dinge über Haie ins Ohr geflüstert. Aber natürlich versuchte ich abzulenken: «War da nicht auch etwas mit einer Harpune, Scheisse, wir sollten wirklich nicht über Sex reden.»

«Schatz, du sprachst über den Herrscher der Meere, der Hai, der aus der Tiefsee zuschnappt und man könne nicht sicher, ob er nicht …»

«Du hast ja recht, wir sollten wirklich nicht über Sex reden», versuchte ich mich rauszureden.

Sie setzte sich aufs Bett und schien nachzudenken. Ihr Rücken sah toll aus und ich berührte ihre Wirbel. Unfassbar, dass sie sich mit mir abgab. Sie sagte: «Es ist schon toll, wir sollten einfach nicht drüber reden.»

Schneller als ich wollte, rutschte mir raus: «Aber da kommt doch der Weltraum vor.»
«Schon klar, kennst du viele Frauen, die von Ausserirdischen gevögelt werden wollen?»

Sie stand auf, ihre nackte Silhouette zeichnete sich deutlich gegen das Fenster ab. Ihre Schönheit erschien dadurch geheimnisvoller, unsterblicher. Sie liess die Nacht zu einem unergründlichen Wesen werden, der Heimat von Schatten, ungeträumten Träumen, verschwitzten Leibern und der unnachgiebigen Sterne. Da war er wieder der Weltraum.

Sie kam zurück ins Bett, Rauch kam aus ihrem Mund. Sie hatte den Aschenbecher vergessen und ging nochmals kurz weg. «Es ist kalt da draussen ohne dich», sagte ich: «Es ist der Weltraum.»
«Du schaffst das», erklärte sie, als sie zum Bett zurückkam. Und meinte dann: «Sonst machen wir es zusammen.»

Naja, ein Space-Torpedo blieb vielleicht noch.

Foto: Unsplash/Drew Tilk

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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