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Tunnelblick


Kinder spielen mit einem Ball, lachen und weinen, die Wolken am blauen Himmel verlieren sich in der Höhe, während Vögel sich den richtigen Ast in den Kronen der Bäume des Parks suchen. Der Frühling hat begonnen, die Welt erwacht, aber alles, was sie wahrnimmt ist, dass er sie wieder sitzengelassen hat. Lisa zittert ein bisschen, die Sonne wärmt sie nur langsam, ihr ist noch immer kalt, sie hätte gerne eine Zigarette und sie bereut jetzt, dass sie ihre letzten Münzen für ein Fanta Lemon rausgeschmissen hat. Sie schaut hoch zur stillgelegten Kunsteisbahn, sie hat zu viel getrunken und doch wirkt der Alkohol nicht mehr nach. Von der Nacht weiss sie nur noch wenig, zumindest hatte sie es versucht, doch die meisten Typen meinten, sie sein zu jung, zu unerfahren, sie meinten, es brächte nichts, wenn sie ihnen einen blase, ihr Arschloch sei noch zu eng und ihre Fotze …

Und doch liess er sie einfach sitzen. Lisa wusste, sie hatte es versucht, und sie hatte es nur für ihn gemacht, trotzdem liess er sie sitzen und sie hatte nicht viel gegessen und die Zigaretten waren ihr bei dem Arschloch ausgegangen, der ihr Arschloch nicht gemocht hatte. Die Prügel waren schlimm, aber nicht das Schlimmste gewesen, denn natürlich hatte er sie weder geschützt, noch getröstet und hier waren jetzt alle diese Farben: Die Vögel, die Bäume, der Himmel und der Geruch von Gras und die spielenden Kinder, das Versprechen einer Zukunft.

Ihr tat der Arsch weh, zwischen den Beinen brannte es, sie war sicher, sie hatte eine Krankheit eingefangen, der Lohn dafür waren ein paar zerknüllte Geldscheine, die er ihr aber noch in der Nacht abgenommen hatte. Wahrscheinlich hatte er Zigaretten, wahrscheinlich schlief er noch oder besoff sich schon wieder. Als sie vorhin in die Wohnung zurückgekommen war, hatte er sie geprügelt, angeschrien, das Geld sei zu wenig, todmüde hatte sie geweint und gewimmert, sie könne nicht noch mehr Schläge ertragen und er hatte sie nur aus der Wohnung geworfen. Sie habe es nicht verdient, in einem Bett zu schlafen, wenn sie so schlecht im Bett sei.

Lisa schnorrte sich eine Zigarette von einer jungen Frau mit Kinderwagen, sie setzte sich zurück auf die Bank. Die junge Frau hatte sich Sorgen gemacht, gefragt: «Bist du denn schon sechzehn, müsstest du nicht in der Schule sein?» Lisa hatte sprachlos genickt und sich wieder verzweifelt und abgelehnt gefühlt, während auf der Wiese neben ihnen die Schmetterlinge tanzten und die Vögel in den Bäumen jubilierten.

«Geht’s dir gut? Sollen wir jemanden anrufen? Du siehst so aus, als seist du geschlagen worden.»

«Nur eine Zigarette, bitte, nur eine Zigarette.»

Die junge Frau suchte einen Augenblick in der Jacke, hielt ihr das Päckchen hin, sagte sie könne auch mehrere nehmen, fragte nochmal, ob sie sicher sei, es sei vielleicht besser, die Polizei zu rufen. Lisa getraute sich nicht, mehrere Zigaretten zu nehmen, sie wollte die Frau nicht aufhalten, wollte nicht noch mehr Aufmerksamkeit. Und doch tat ihr ihre Nettigkeit fast weh.

«Ich bin nicht sicher, ob das jetzt gut ist, aber ich werde weiter gehen, aber falls etwas nicht stimmt, solltest du dir Hilfe holen.»

Die Erinnerung an die Nacht war nur ein dunkler Schatten, aber sie liess sie nicht in Ruhe. Sie wusste nicht, wo sie hin sollte. Es war nicht gut gelaufen. Lisa wusste nicht, wie sie an ihn geraten war. Sie hatte die Schule geschwänzt, sie war schlecht gewesen, hatte sich nicht mehr richtig hin getraut und hatte niemanden gehabt, der sich um sie gekümmert hätte. Für eine schnelle Nummer hinter den Büschen und einen Joint war sie jedenfalls gut genug gewesen. Die Hiebe kamen erst später. Und jetzt sah sie keinen Ausweg mehr. Immerhin im Park würde sie noch eine Weile sitzen können. Natürlich hatte sie Hunger und ihr war trotz des Sonnenscheins kalt, aber für den Moment war sie hier sicher.

Sie musste eingeschlafen sein, die Sonne blendete jetzt und der Arm, auf den sie sich aufgestützt hatte, fühlte sich taub an. Inzwischen waren die Kinder andere, der Tag ging weiter, nach und nach kamen mehr Leute in den Park, um zusammen zu reden, zu lachen, essen und zu trinken. Es fiel ihr schwer, die Tränen zurückzuhalten. Lisa ahnte, dass sie alles falsch gemacht hatte. Aber, wenn es sein musste, würde sie hier in diesem Park pennen, auf keinen Fall wollte sie nochmals eine so schlimme Nacht erleben. Da war sie sicher. Schliesslich legte sie sich eine Weile auf die Wiese. Es wurde Abend bis er sie fand.

Die Meldung eines schwerverletzten minderjährigen Mädchen sorgte erst am übernächsten Tag für Schlagzeilen. Die Stadt zeigte sich entsetzt, schnell wurde davon gesprochen, es solle im Rotlicht-Milieu mehr Razzien geben, endlich solle härter durchgegriffen werden und dann werde es auch schnell besser. Es sei Zeit, dass die Polizei sich darum kümmere. Bei den verschiedenen Behörden gab es Sitzungen, es fielen harte Worte. Die Ärzte wussten nicht, ob Lisa es schaffen würde. Von Drogen war die Rede, davon, dass es unverständlich sei, dass eine Fünfzehnjährige die Schule so lange ohne Konsequenzen schwänzen könne.

Der schwarze Peter wurde von Behörde zu Behörde fleissig weitergegeben. Trotzdem wurde nur drei Tage später ein kleiner Fisch aus der Untersuchungshaft entlassen, ohne dass er der Körperverletzung angeklagt worden war. Eine junge Mutter hatte sich bei der Staatsanwaltschaft gemeldet und gemeint, sie könne sachdienliche Angaben machen, doch die Polizei verfolgte die Spur nicht weiter. Sie meinte, die Angaben über die Lisa seien zu vage und zu ungenau, schliesslich sei sie da ja noch unverletzt gewesen.

Die Sache wäre fast schon in Vergessenheit geraten. Sozialarbeiter hatten sich im Spital die Klinke in die Hand gegeben. Der Jugendschutz hatte eingegriffen. Ein Platz für Lisa in einem Jugendheim war gefunden worden. Lisas Eltern waren verzweifelt. Und doch. Erst als er sich wieder vor einem Schulhaus herumtrieb und den jungen Mädchen Joints anbot, fing man an ihn polizeilich zu suchen. Offenbar hatte der junge Mann von Geld gesprochen, dass es zu verdienen gebe, von den Drogen, die man dann kaufen könne. Bis dahin hatte Lisa niemand geglaubt.

Foto: Unsplash/Eddy Lackmann

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Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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