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Sylvia Kristel

Der Sound zu den Filmen: Schmierig, süsslicher Zuckerschock, der die Verwegenheit des mehr oder weniger erotischen Tuns in Klebrigkeit erstickt. Die etwas überbelichteten Bilder wirken aus heutiger Sicht seltsam fahl und die immer halbnackten Frauen und Männer hatten diese blässliche, etwas kränklich-gelbsüchtige Hautfarbe. Eine tolle Idee, ein Sexfilm ohne Sex, dafür mit sehnsüchtigen Blicken und unmöglichen Dialogen.

Vielleicht kein gutes Zeichen, dass ich mich mit Gedanken über eine holländische Softporno-Darstellerin beschäftigte, statt mir endlich einen Job zu suchen. Aber seit ich auf dem Flohmarkt eine Biografie von «Emanuelle» gekauft hatte, blieb ich gefangen in einer morbiden Faszination, die mich davon abhielt, mehr für den wirtschaftlichen Aufschwung zu tun.

Du warst schon gegangen, schliesslich durftest du deine Schüler nicht warten lassen, du hattest dich verabschiedet mich schnell geküsst und gemeint, es könnte nicht schlecht sein, wenn ich vielleicht ein paar Anrufe machen würde, um wieder einmal einen Job zu bekommen. Die Bäume vor dem Fenster schwankten im Wind, sanft und geduldig, eine Geduld, die du allmählich zu verlieren drohtest, vielleicht war nur ich es, aber ich fand, deine Küsse wurden kälter, der Ton deiner Ermahnungen schärfer. Immerhin ich hatte einen Job bekommen, es musste der Wodka gewesen sein, den ich vor dem Einschlafen getrunken hatte, doch ich hatte tatsächlich Georg angerufen und er sagte die ETF’s seien ein heisses Thema, ich solle einen Artikel darüber schreiben und mich vor allem auf die Rendite konzentrieren.

Da sass ich nun also an meinem Schreibtisch, starrte auf die Baumkronen, das steil abfallende Dach und überlegte mir, ob mich der Fall auch wirklich umbringen würde, wenn ich mich aus dem Fenster werfen würde. Konnte sein, es gab Menschen oder menschenähnliche Wesen, die sich für «Exchange Traded Funds» und deren Rendite interessierten, aber es erschien mir unwahrscheinlich und ich fühlte mich sofort schlecht.

Immerhin hatte ich nach einigen Telefonaten mit Bankleuten und ehemaligen Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion schon einmal einen Satz: «Bei Anlagen sollte man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, wenn es um die Performance im Vergleich mit den Indices geht.» Nicht gerade Shakespeare, aber ich hatte nach einer kleinen Suche auf dem Internet festgestellt, dass viele Artikel über solche Sachen rieten, eben nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen, wenn die «Underperformance» drohte.

Der Job der Sexgöttin ist kein leichter und wird nicht leichter, wenn einen die Filmproduzenten bescheissen. So wurde Sylvia Kristel in der Rolle von Emanuelle berühmt, aber nicht reich. Mit elf Jahren fing sie als Mädchen an filterlose Zigaretten zu rauchen, mit sechzehn verliess sie die Heimatstadt Utrecht, um als Model zu arbeiten. Als Sylvia Kristel mit sechzig starb, hatte sie fünfzig Filme gedreht, darunter keinen, an den man sich erinnern musste, doch dafür war sie irgendwie zu einem stubenreinen Symbol für die freie Liebe geworden, damals als man noch glaubte, die Liebe befreien zu müssen. Diese Gedanken kämen im Wirtschaftsteil wohl nicht besonders gut an, schliesslich waren strukturierte Produkte eine ernsthafte Angelegenheit.

Sara Szyndler von der Bank hatte gesagt, ETFs seien gut, wenn die Investoren sparen wollten und nicht viel Geld hätten, es gelte aber richtig zu rechnen, sie hatte ziemlich lange geredet und ich war nicht undankbar gewesen. Sie hatte auch gesagt, dass bei einem Performancevergleich immer die Kursveränderungen – also der Total Return – mit einbezogen werden sollte und auch die Nettoinventarwerte sollten nicht ausser Acht gelassen werden. Das waren die Dinge, die ich mir auf meinem Block notiert hatte. Im Moment versuchte ich diese überaus weisen Worte aufzuschreiben. Ich dachte an Äpfel, ich dachte an Birnen, ich dachte an dich. Daran, dass du mich mehr und mehr für einen Loser hieltest, was mir leid tat und dann dachte ich an Sylvia Kristel.

Jeder vernünftige Mensch hätte das getan. Im Angesicht der Dividendenausschüttungen. Dem Basisindex gegenüber. Momente, in denen nicht einmal mehr Internet-Porno für Erleichterung zu sorgen kann. Das Head Portfolio, Dividendenausschüttungen, nur ein Sprung aus dem Fenster kann das alles beenden, aber da war sie: Eine dünne Holländerin mit kleinen Titten, die vor sieben Jahren mit sechzig gestorben war. Es lief nicht gut, der zweite Satz meines Artikels schien weiter entfernt als je zuvor. Eine Abweichung von 0,11 Prozent bei den Indexpunkten über vier Jahre und weniger Ausschüttungen.

Die Erinnerung an Sylvia Kristel, die Erinnerung an Emanuelle, die Verklemmtheit und Unschuld alter Softpornos und eine Holländerin, die je älter umso schöner wurde. Aber vielleicht sah nur ich das so.

Ich fühlte mich tot, als ich über den Net Asset Value nachdachte und versuchte etwas dazu zu kritzeln. Ich hatte endlich wieder einen Schreibjob, aber er war tödlich. Mein Value war im Arsch. Ich war alt und verloren, mein Talent vergeudet, nur noch gut dazu Leute zu verarschen, in dem ich auf unverständliche Art über Finanzprodukte schrieb, die nicht einmal die Leute verstehen konnten, die sie erfunden hatten.

Ich quetschte einen weiteren Satz aus mir heraus, der natürlich auch gestohlen war, es war etwas in der Art, dass in den grossen Indices die Dividendenausschüttungen reinvestiert würden, also miteinberechnet worden waren, woraus der clevere Spekulant folgern durfte, dass er noch mehr verdiente, ohne sich die Hände mit irgendeiner Art von Arbeit schmutzig zu machen. Alles easy bei den strukturierten Produkten.

Sylvia hatte es schon vorweggenommen, zwar war sie keine grosse Schauspielerin, aber an die Tür gelehnt, stöhnend, mit weichen Knien, die Hände des Mannes – oder Frau – nicht zu sehen, aber zwischen ihren Beinen – vielleicht – verdeckt von einem nonnenartigen Rock oder grossen Tuch. Der Zinseffekt – diesmal sind es die Tattoos, die die Sache verwegen machen, wieder ist nicht viel zu sehen, ausser ihre Brüste, die ganz alleine für den Pornoteil sorgen müssen, aber ein bisschen schwülstige Synthesizermusik reicht, um für Erregung zu sorgen.

Schnell sorgt der Zinseffekt für Beruhigung. Deine Nachmittagsstunden sind ausgefallen, du küsst mich in den Nacken, ignorierst, dass ich ein Word-Dokument geöffnet habe, siehst aber dafür, dass Plakat des ersten Emanuelle-Films.  «Sag‘ mal, machst du auch mal etwas anderes als Pornos schauen», dein Ton verrät, es ist keine Frage. «Eigentlich schreibe ich gerade einen, aber ich komme nicht vorwärts.» Die Spekulation bei den ETFs ist der Zinseszins-Effekt, etwas, was auch niemand versteht und ich möchte dir gerne erklären, dass das mit Sylvia Kristel nicht so schlecht ist, dass sie neben der verklemmten Idee für exotischen Sex, den du nie siehst, aber auch dafür stehen könnte, dass die sexuelle Freiheit irgendwann einmal immerhin eine Hoffnung gewesen war.

Aber wahrscheinlich wolltest du nichts von einer abgehalfterten Schauspielerin hören, die ihr Leben lang Kette geraucht hatte und nie mehr zu den Kanälen von Utrecht zurückgekehrt war, wolltest nicht wissen, dass die Ironie an diesen Filmen war, dass ihnen jede Ironie fehlte. Du gingst zum Kühlschrank, um dir ein Sandwich zu machen. In schneller Folge schrieb ich Worte wie Exchange Traded Funds, Underperformance, Synergie-Effekt an den Börsen und verkündete den Glauben an den Index und hatte Silvia Kristel vergessen. Für den Moment jedenfalls.

 

Foto: Picdump

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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