in

Das Böse und sein kleines Brüderlein, das Dumme

Das Böse und sein kleines Brüderlein, das Dumme, schleichen durch die  dunkle Nacht. Auf der Suche nach einer Aufgabe. Und die werden sie auch noch finden, zweifelsohne, bevor der nächste Morgen kommt, wenn er denn anbrechen mag.

So schleichen sie vorbei, an den Liegenschaften der Reichen und Schönen, den Museen, in denen das verratene Erbe der Menschheit verstaubt, an den Kirchen, in denen Wein und Brot anscheinend in Blut und Fleisch verwandelt werden, an jedem verdammten Sonntag.

Die beiden nächtlichen Rabauken können sich problemlos Zutritt verschaffen – zu fast jedem Gebäude. Durch jede Ritze im Mauerwerk, durch Kamine, notfalls auch von unten, durch die Kanalisation.

Und wenn sie einmal drinnen sind, ist es sehr schwer, sie wieder loszuwerden, da sind Küchenschaben und Bettwanzen ein Zuckerschlecken dagegen.

Tatsächlich haben sie fast jedes Haus, an dem sie da vorbei schleichen, schon einmal besucht, markiert, infiziert.

Ausser jener Bruchbude am Stadtrand, in der niemand wohnen möchte, der etwas auf sich hält, wie man zu sagen pflegt. Doch für jene, die sie bewohnen, stellt sie ein Schloss dar, eine magische Burg.

Die Kräfte, die jenes Haus umwehen, bilden einen starken Schutzwall, den selbst das Böse und sein kleines Brüderlein, das Dumme, nicht überwinden können.

Erstaunlich daran ist der Umstand, dass jene, die unsere Bruchbude bewohnen, sich des Schutzes, den sie geniessen, nicht einmal bewusst sind. Wenn sie darum wissen würden, täte sich der Schutzwall allerdings sofort im Nichts auflösen, wie sich Zucker in einem jener heissen Schnapskaffees auflöst, die Bäuche, Herzen, Köpfe so vortrefflich wärmen.

Wie aber ist jener mächtige Schutzwall zustande gekommen, der ausgerechnet jene Bruchbude umgibt?

Nicht einmal die schönste Kirche, der nobelste renovierte Altbau (mit Lift), das altehrwürdigste Museum verfügen schliesslich über einen derart mächtigen Zauber.

Der Schutzwall hat sich über viele Jahrzehnte geformt, in denen das windschiefe Mehrfamilienhaus am Stadtrand, dessen Wände brüchig, dessen Leitungen verrostet, dessen Dachbalken angefault sind, durch Generationen von Wilden bewohnt wurde und wird, die sich den Teufel darum scheren, wie „die dort draussen“ diese unsere Welt haben wollen, von wilden Frauen und Männern bewohnt wurde und wird, die sich nicht um die Regeln, Selbstverständlichkeiten, Empfindlichkeiten jenes imaginären Gebildes scheren, das man da grosskotzig Gesellschaft nennt.

Sie haben ihre eigenen Gesetze. Sie helfen ihren Mitmenschen, wenn sie können. Doch sie versuchen nicht, anderen Leuten ihren Trip aufzuschwatzen.

Sie sind ein bisschen laut, bunt, exzentrisch, gestehen diese Eigenschaften jedoch auch allen anderen zu, die dieses Jammertal namens Welt durchschreiten müssen. Sie kümmern sich um ihre eigenen Angelegenheiten – ihre einzige Erwartungshaltung an ihre Leidgenossen, ihre Mitmenschen draussen eben, ist, dass diese auch in dieser Art verfahren.

Sie tun, was sie wollen, tun, was sie können, leben ihre Träume, soweit das physikalische Universum es zulässt – und noch ein bisschen darüber hinaus. Doch niemals versuchen sie, die Träume anderer Leute zu zerstören.

Und weil sie so sind, werden sie von den Mitgliedern jenes imaginären Gebildes, das man eben Gesellschaft nennt, in der Regel scheel angeschaut, misstrauisch beäugt, niederschmetternd bewertet, scharf verurteilt – aus purem Neid.

Denn die Bewohner unserer Bruchbude sind Meisterinnen und Meister des Verbrechens, der opferlosen Verbrechen. Sie ziehen ihre Energien und Inspirationen nämlich just aus jenen Dingen, welche den verklemmten Mitgliedern jenes imaginären Gebildes, das man gemeinhin Gesellschaft nennt, gegen den sprichwörtlichen Strich gehen, weil diese feinen Damen und Herren zu feige dafür sind und sich so sehr vor dem Tod fürchten.

Genau diese Dinge halten auch das Böse und sein kleines Brüderchen, das Dumme, auf Distanz. Und erzeugen die Elemente, formen die Bausteine des Schutzwalls, der die alte Bruchbude umgibt.

Die Nächte der wilden Frauen und Männer sind lang – und morgens stehen sie spät auf. Dergestalt sind die Bewohnerinnen und Bewohner der Bruchbude am Stadtrand desorganisiert. Zudem warten sie seelenruhig auf die erste Mahnung, auf die zweite – und verscheuchen am Ende noch den strengsten Gerichtsvollzieher.

Sie kleiden sich so, wie es ihnen gerade passt. Sie beten zu den Göttinnen, Göttern, Dämoninnen und Dämonen, in die sie sich gerade verliebt haben. Sie beschäftigen sich hemmungslos mit Fragen und Gedanken, die sie in philosophische und theologische Untiefen sowie Widersprüche führen, welche den Mitgliedern jenes imaginären Gebildes, das man Gesellschaft nennt, natürlich überhaupt nicht behagen, weil sie nicht „zielführend“, nicht „produktiv“, nicht „wirtschaftlich“ sind. Sie nehmen sich ihren Teil aus dem Sortiment der körperlichen Liebe, exzessiv, zu zweit, zu dritt, zu viert, wie es gerade passt, in allen Tonarten halt, die der Quintenzirkel der körperlichen Ausschweifungen hergibt.

Zudem vibriert die ganze alte Hütte vor lauter Musik.

Etwa achtzig Jahre ist es her, als der Jazz in diese Wände eingezogen ist, später kam mit Macht der Rock’n’Roll dazu, dann erschienen Blues, Soul, Funk, tropische Rhythmen, Reggae, HipHop, elektronische Beats – samt und sonders leben dieses Musikstile heute friedlich unter dem alten Dach zusammen.

Hier sind alle Hausgenossinnen, Hausgenossen ziemlich laut, deshalb stört niemand die anderen.

In den Wohnungen, im Treppenhaus, im Keller riecht es beruhigend nach Haschisch, Marihuana, Zigarren, Zigaretten, alle helfen einander gerne aus, wenn jemand mal kein Salz hat, keine Suppe, keinen Schnaps, kein Horoskop, kein MDMA, keinen Pulverschnee.

Yeah, Ladies and Gents, die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Hauses wünschen sich kein langes Leben, sie wünschen sich ein erfülltes Leben. Sie nehmen sich, was sie bekommen können. Ohne irgendjemanden zu irgendetwas zu nötigen, ohne irgendjemanden zu belästigen.

Denn sie sind beredt, entspannt, offen, tragen ihre Exzentrizitäten stolz durchs Leben; das sieht bekanntlich immer gut aus.

Wenn sie mit irgendwem mal nicht klar kommen, trennt man sich einfach voneinander, ohne Gram, denn in dieser alten Bruchbude kennt man weder die Rache – noch den Neid.

You go your way. I go mine, ganz einfach, möchte man meinen.

Egal, was die dort draussen reden und schnöden, in diesem windschiefen Haus am Stadtrand wird ununterbrochen musiziert, hemmungslos diskutiert, wird vorzüglich fabuliert, halluziniert, orgasmiert.

Leider soll dies aber nicht so bleiben.

Dem Bösen und seinem kleinen Brüderchen, dem Dummen, ist es nämlich gelungen, Herrn Bisenbender und seine böse Freundin, Frau Absudr, sie wohnen im grauen Block gegenüber, wo er als Wart arbeitet, davon zu überzeugen, der alten Bruchbude den roten Hahn aufs Dach zu setzen.

Die Brüder spielen diesmal also gewissermassen über die Bande.

In einer späten Nacht wird das böse Paar unser Haus mindestens semi-professionell (sie haben reichlich geübt) in Brand stecken. Weil sie der „Unmoral ein Ende setzen müssen“, so ihre Rechtfertigung.

Alle guten Leute, die im Hause wohnen, werden verbrennen, während sie sich vergnügen. Gemeinsam mit ihren exotischen Haustieren, Bibliotheken, Musiksammlungen, Voodoo-Altaren, Sexspielzeugen, Drogen-Arsenalen.

An einem frühen Morgen wird schwarzer Rauch gen Himmel steigen, dort draussen am Stadtrand.

Doch wird die Orgie weiter gehen. In der Unterwelt. Wo die Schatten wohnen.

“None, breathed the light, faint & faery, of the stars, and two. For I am divided for love’s sake, for the chance of union. This is the creation of the world…“

ABRA-HAD-ABRA!

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

Facebook Profil

Und schon ist Greta weg vom Fenster. (Die Woche 26/2019)

Aus der Nostalgiekiste: Der Soundtrack zu Super Mario Land