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Weggetreten – H. A. F. 2

Nie eine besonders gute Idee Dan Brown zu lesen, doch die Donau flüsterte träge in einer unverständlichen Sprache vor sich hin, an der Böschung hingen am späten Nachmittag noch nicht viele Leute herum, dafür hatte es viel Sonne und es schien nicht viel zu geben, was schiefgehen konnte. Vor einer Weile waren Zigaretten und Bier ausgegangen, die Heldin von «Meteor», Rachel Sexton, war eben auf eine komplizierte Weise von einer Eisscholle in der Arktis ins Eismeer gerutscht und drohte in ihrem aufblasbaren Hightech-Schutzanzug zu erfrieren oder zu ertrinken – oder es drohte sogar beides. Noch wusste ich nicht, dass sie ein U-Boot retten würde, weil sie vorher mit ihrem Eispickel auf der Scholle herumgehämmert hatte.

Du warst aus dem Nichts gekommen, wolltest eine Zigarette und irgendetwas in mir schmolz, fiel in sich zusammen, ohne dass ich richtig wahrnehmen konnte, was da gerade passierte. Nicht, dass ich verstanden hätte, was du sagtest oder hätte erahnen können, welche Sprache du sprachst, dennoch wurden meiner Eingeweide von einer Reihe kleiner Explosionen erschüttert, Explosionen, die nicht gleich das ganze Gebäude einstürzen liessen, die aber dafür sorgten, dass es in der einen oder anderen Ecke brannte.

Mit einem Blick auf den trägen Fluss suchte ich verzweifelt nach meinem Atem und einer Art Fassung, brachte ja nichts, sich komplett lächerlich zu machen. Deine pastellfarbene Bikinihose machte mit den kleinen Blumen draufgedruckt machte mich verlegen, du verstandest mein Stammeln auch nicht, nahmst das leere Zigarettenpäckchen, schütteltest es und lachtest, um dann dein Feuerzeug zu schwenken, du standest über mir, es kostete mich einige Mühe nicht auf die Blumen, nicht zwischen deine Beine zu starren. Sorgfältig, übersorgfältig legte ich Dan Brown weg, war ja sowieso scheisse mit dem Eis und der Arktis und ich schüttelte den Kopf, keine Zigaretten mehr, leider.

Du lachtest immer noch und meintest wohl, es sei Zeit, für Nachschub zu sorgen. Deine Hände deuteten auf die Brücke, die über uns thronte und von Pest nach Buda führte und deine Gesten erklärten vermutlich, es sei auch nicht weit. Die Freude und den Schmerz in deinen Augen verstand ich sofort, obwohl ich im Grunde keine Ahnung hatte, was du mir abesehen von den Zigaretten sagtest. Du deutestest auf Dan Brown grinstest breit und deine Hände signalisierten, ich solle aufstehen.

Wir schlenderten unter der Brücke durch, gingen über Scherben, leere Bierbüchsen und da die Donau seit einer Weile wenig Wasser führte, stank es krass nach alter Pisse. Im Gegensatz zu mir kanntest du dich gut aus und wir standen, nachdem wir unter der Brücke wieder aufgetaucht waren, bald in einem kleinen Eckladen und kauften ein paar Büchsen «Pivos» und Zigaretten. Immerhin verstand ich soviel. Wieder knirschten die Scherben unter den Doc Martens, in denen wir modischerweise barfuss herumliefen.

Zurück bei Dan Brown und den Badetüchern an der Donau fragtest du, ob ich ein «Mèvesz» oder so ähnlich sei, ein Künstler also, klar, du sprachst etwas ungarisch, aber es war wohl nicht deine Muttersprache. «Magyar» fragte ich und deutete auf dich, wieder verstand ich die Antwort nicht, aber nein, du warst nicht Ungarin, die Sonne wurde etwas schwächer, immer mehr Magyar kamen von der Arbeit und setzten sich trinkend und lachend an die «Duna», die verschiedenen Lärmmaschinen mischten den neuesten Techno mit Hip Hop und irgendwo spielte einer Gitarre. Wir öffneten erst einmal ein Bier, du kramtest in deiner Freitagtasche herum und ich versuchte auf Englisch zu erklären, dass ich in Budapest gestrandet war. «I’m waiting on a project to proceed and I can’t leave because I’m still paid.» Du schütteltest den Kopf, die Haare fielen dir über die Augen, du hattest keinen Plan davon, was ich gesagt hatte.

Die Spitze deiner Zunge leckte die Camel der ganzen Länge nach ab, so dass du den Tabak aus der aufgeschlitzten Zigarette mühelos auf die zusammengeklebten Papierchen krümeln konntest, eine schnelle und geschickte Arbeit. Weitere Erklärungen wären wohl sinnlos, da du sie nicht verstehen würdest und doch hatte ich ziemlich lange mit niemandem gesprochen. In der Pension sprach die nette Hausherrin etwas englisch, doch es gab nicht viel zu sagen, einige Tage war der Kameramann länger geblieben und immerhin hatte ich am Abend mit ihm etwas trinken können und wir hatten etwas über den Film gesprochen. Ich war gewarnt gewesen. Doch das Projekt hatte nicht schlecht gewirkt. Der Kurzfilm einer Hollywood-Tante, die immerhin in ein paar Folgen von «Game Of Thrones» eine Königin gewesen war, ihre erste Regie-Arbeit und ein ganz interessantes Drehbuch. Und dann hatten sie diesen tollen Kameramann engagiert, die Locations waren gescoutet gewesen und nur die Hollywood-Frau hatte gefehlt.

Sorgfältig legtest du den Joint weg, nahmst einen Schluck Bier und schautest mich direkt und offen an, du sagtest etwas, deine Augen erhoben sich der Sonne entgegen und die Welt schien wärmer, offener, klar auch, wir würden den Joint dann rauchen, wenn die Sonne bereit war unterzugehen. Du hieltest die schwarzen Doc Martens nebeneinander, deutest auf deine etwas geröteten Füsse und wieder liessest du mich innerlich zerbrechen.

Die Warterei. Das Warten. Die sich wiederholenden Anrufe. Die Durchhalteparolen. Die Stimmen am anderen Ende der Leitung im Produktionsbüro, in denen immer mehr Mitleid, Verständnis auch mitschwang, und deren Ungeduld gleichzeitig ebenfalls wuchs. Niemand hatte eine Ahnung, wo Bella eigentlich sei, «Rehab» flüsterte man sich auf den Gängen zu, «neuer Lover», auch, aber für mich als Produktionsleiter mit etwas Regie-Erfahrung hiess das alles nichts. Ausser, dass ich der Übriggebliebene war. Nach einer Woche hatte ich das leerstehende Hotel – einer der Drehorte – und das leerstehende Theater als Proberaum nochmals für zwei Wochen reserviert. Wenn ich mich in der Stadt ausgekannt hätte, so hätte ich diesen Job selbst zu Fuss in ein, zwei Stunden erledigen können.

Es war nicht gut gelaufen, Schauspieler flogen ein, ich empfing sie am Flughafen und dann gingen sie wieder, seit zwei Wochen herrschte Funkstille, die ganze Sache stand still, alle waren weg. Mein Vertrag lief aber noch drei Wochen und leider war ich nicht rausgekommen. Es sei Bellas Lieblingsprojekt, sie sei für eine grosse Rolle im Gespräch, man wolle sie bei Laune halten und darum müsse ich durchhalten. Es waren weniger die finanziellen Folgen, die mich erschreckten, sondern die unausgesprochenen Drohungen. Klagen, üble Nachrede und das stille in Aussicht stellen, dass die Szene mich erst fallen lassen und dann vergessen würde.

Deine Zehen wühlten zwischen den kleinen Steinen, dass Tuch, das du um dich herumgeschlungen hattest, um zum Laden zu gehen, hattest du wieder abgelegt und die pastellfarbenen Blumen auf deinem Bikini wirkten ziemlich stylish. Vielleicht war es das Bier, aber ich hatte das Gefühl, deine Brüste zu verstehen, wollte aber trotzdem nicht  zu lange auf sie starren und erklärte deshalb auf schweizerdeutsch, dass die Abreise des Kameramanns, den ich ja bewunderte, ein schlechtes Zeichen sei, es sei auch nicht gut, dass kein einziger Schauspieler mehr in der Stadt sei. Und ja, es sei auch schlecht, dass niemand wusste, wo denn eigentlich Bella steckte.

Deine Augen schienen irgendwie zu verstehen, du strecktest die Hand aus, aber ich war eben erst richtig in Fahrt gekommen, wie war es möglich mit diesem Scheiss ein Star zu werden: Eis-Drachen, Eis-Zombies, andere Zombies oder komische Monster und dazu ein gefaktes Mittelalter, wenn das eigentliche Mittelalter doch schon schlimm genug gewesen sei. Du schienst zu verstehen und schautest mich einfach an. Du deutest auf meine Füsse, sie sahen ebenfalls rot aus, die Doc Martens hatte ich mir aus Langeweile gekauft und darum, weil jeder, der hier im Sommer mit einer kurzen Hose rumstolpterte diese Schuhe trug.

Die Sonne thronte über den Häusern von Pest, die Duna fing im Abendrot an zu glitzern und in der Luft hing plötzlich ein schwerer, süsslicher Geruch, an der Böschung war der Startschuss gefallen, die sorgfältig vorbereiteten Joints wurden jetzt endlich geraucht. Dein Gesicht wurde einen Augenblick lang von einer dicken süsslichen Wolke verdeckt, du zogst den Rauch tief hinunter und dein Blick wurde einen Augenblick lang glasig. Bedächtig nahm ich den Joint aus deinen feingliedrigen Fingern und empfand selbst diese kleine Berührung als Offenbarung.

Nach zwei, drei Zügen war ich bereit, dich zu heiraten, in deinen graugrünen Augen zu versinken und dir einen Heiratsantrag zu machen. Es war Zeit für ein weiteres Pivo, ich nahm einen tiefen Schluck und der Alkohol erlaubte mir, für einen Augenblick meinen Körper und meine bedingungslose Unterwerfung zu vergessen. Die Sonnenstrahlen drangen noch zwischen den Häusern hindurch, unsere Körper berührten sich nicht und doch hatten Bier und Hasch dafür gesorgt, dass sie seltsam verbunden waren.

Schwere Schläge donnerten an die windschiefe Türe meiner Pension, die Schlitze in den Rolladen verrieten, dass die Sonne schon hoch am Himmel stand. «Bella ist da», brüllte eine männliche Stimme durch die Türe. Von dem ganzen Krawall aufgescheucht taumelte ich aus dem Bett und stolperte erst einmal über die leeren Bierdosen, die wir auf dem Rückweg noch besorgt hatten und über die verdammten Doc Martens, die wir achtlos weggeworfen hatten.

Wir waren so dicht gewesen, dass wir ein paar scheue Küsse getauscht hatten. Irgendwann fand ich heraus, dass du Marissa hiessest, du streicheltest meinen Arm, während ich gerne an deinem Ohr geknabbert hätte, die Energie aber nicht aufbrachte, meinen Mund in die Nähe deines Kopfes zu bringen. Immer wieder hatten wir auf Rauchschwaden gestarrt, die zur Decke waberten.

«Hi», sagte ein dynamischer junger Mann als ich die Türe aufriss. Das Entsetzen auf seinem Gesicht wurde grösser je mehr ihn die Rauchschwaden aus dem Zimmer einhüllten. Angewidert rümpfte er die Nase, du hattest den Kopf in der Decke vergraben. Er sei der Personal Assistant von Bella, sie sei jetzt hier und begierig darauf, über das Projekt zu sprechen. Ich ging einige Schritte zurück ins Zimmer, nahm einen angerauchten Joint aus dem Aschenbecher und kickte einige Bierbüchsen in die nächste Ecke.

In meinem Kopf wurden die Dinge zwar nicht klarer, aber immhin trug mich das High noch ein bisschen. «Über das Projekt sprechen» hiess nichts gutes. Einen Film den man abdrehen wollte, über den musste man nicht sprechen. Er sei froh, dass er mich gefunden habe, mit der Produktionsfirma habe er schon gesprochen und Bella wolle unbedingt mit mir einige Ideen diskutieren. Der Tag war heiss, es war kein Bier mehr da. Auf dem Bett schienst du die Geduld zu verlieren, du wühltest etwas zwischen den leeren Dosen herum, fandest schliesslich ebenfalls einen Stummel. Der Typ stand ratlos in der Tür, sah ratlos drein, verstand nicht, dass jemand nicht gleich losrannte, wenn Bella rief. Aber ich hatte mehr  alsvier Wochen gewartet.

Der Pilot gab Gas, das Flugzeug erschauerte kurz und schoss schliesslich über die Bahn auf Feryhegy. Jeden Tag war ich am Fluss gewesen. Vierzehn Tage lang hatte ich Abend für Abend die Bars abgeklappert. Tagsüber hatten wir etwas gefilmt. Schnell war klar geworden, dass Bella in einem kurzen glänzenden Moment dieses Drehbuch geschrieben hatte, genauso schnell wurde aber auch klar, dass sie weder eine Schauspielerin war, die ein solches Kammerspiel tragen konnte, noch hatte sie eine Ahnung wie man einen Film inszenierte. Es half auch nicht, dass sie die ganze Zeit soff und kiffte und darum dem Kameramann immer im flaschen Moment dreinredete. Immerhin, die Drehtage dauerten nicht lange. So, dasss ich den Sonnenuntergang bei der Brücke nicht verpasste. Am Ende der Startbahn angekommen, hob die Maschine endlich ab.

Die Begegnung mit dir hatte eine seltsame Leere hinterlassen. Wir hatten uns nach dem Meeting mit Bella verabredet gehabt. Aber es hatte nicht geklappt, vielleicht war ich zu spät gewesen. Reisehöhe, ein leichter Druck auf den Ohren. Nach Budapest war ich nie mehr zurückgekehrt. Weiss nicht, ob du noch immer dort lebst, irgendwann hatte ich einmal herausgefunden, dass du wohl ukrainisch oder weissrussisch gesprochen hattest. Das war alles, was ich wusste und alles, was ich hatte war die Erinnerung an einen Abend, an dem wir wirklich hoch geflogen waren.

 

 

Foto: Ryan Moreno/Unsplash

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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