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Jenseits des Horizonts alles Denkbaren

Als die Engel, die Vögel, die Flugzeuge allesamt von Himmel gefallen waren, starb zuletzt auch die Hoffnung, jene auf eine bessere Zukunft. Die Menschen wollten nur noch im Jetzt leben. Die Gegenwart wurde für sie zum einzigen sicheren Ort.

Mit der Vergangenheit mochten sie sich nicht mehr befassen, denn die hatte ja zu jener Scheisse geführt, in der man nun bis zum Hals steckte. De Zukunft war gestrichen. Also pack alles rein, in das ganz grosse Jetzt. Mach dir keine Gedanken.

Du kommst aus dem Nichts. Du gehst ins Nichts. Also tu, was du kannst, tu, was du magst, tu, was du willst. Was Du nicht in die Gegenwart packen kannst, hat keine Chance mehr darauf, jemals realisiert zu werden.

So wollten sie es also übertreiben, wollten alle Grenzen und Gesetze überwinden, über jeden Strang schlagen. In jedem einzelnen kostbaren Moment, der ihnen noch blieb, in dem sie sich aufzulösen, in dem sie gleichsam Ewigkeit zu erfahren hofften.

Folgerichtig begaben sie sich auf eine kollektive Suche nach Grenzen, Gesetzen, Strängen.

Doch diese gestaltete sich gar nicht so einfach…

Denn die Engel, die Vögel und die Flugzeuge waren alle bereits vom Himmel gefallen, waren auf dem harten Boden des blauen Planeten aufgeprallt, zerplatzt wie Marmeladenbomben, andere waren in Meeren und Seen versunken, Beute blinder Aasfresser, der letzten Bewohner einer einst blühenden Unterwasserwelt.

Das war natürlich alles nicht einfach so passiert. Der grosse Absturz hatte seine Vorgeschichte, die ausserordentlich verdriesslich gewesen ist, soviel kann ich Ihnen versichern, Ladies & Gents.

Eine Vorgeschichte, in deren Rahmen alle, die da waren, gravierende Fehler begangen hatten. Danach hatten sie sich diese Fehler gegenseitig vorgeworfen. Endlos. Mit Worten, Gesängen, Schlachtrufen, unter Einsatz von Schmähschriften, Gerichtsverfahren, öffentlichen Demonstrationen, schwerem ballistischem Geschütz. Tag und Nacht.

Bis dann alle zugaben, Fehler gemacht zu haben – und sich deshalb fortan zurückzogen, sich die Köpfe mit Selbstvorwürfen zermarterten.

Nun brüteten sie aber weiter, jede und jeder für sich. Die Fehler, die sie gemacht hatten, empfanden sie nun als derart schwerwiegend, dass sie einfach nicht mit dieser Schuld leben konnten. Sie konnten diese Schuld keinesfalls wegdenken, rationalisieren, verdauen.

Nicht einmal die Zeit hat geholfen.

Die Mühlen ihrer Gehirne arbeiteten unter Volldampf weiter.  Aber dann kam ihnen – allen beinahe gleichzeitig – ein Lösungsansatz in den Sinne. Der funktionierte etwa folgendermassen:

„Moment mal. Ich habe diesen und jenen Fehler nur gemacht, weil andere vorher Fehler gemacht hatten. Meine Fehler wurden nur möglich durch die Fehler anderer. Ich hatte doch gar keine Möglichkeit, anders zu handeln, war durch die Verfehlungen der Anderen prädestiniert. Meine Fehler beruhten auf einem fehlerhaften Fundament, das andere gebaut hatten. Ich kann also nicht zur Verantwortung gezogen werden; weder vor einem menschlichen, noch vor einem göttlichen Gericht, noch vor meinem Selbst.“

Dieser Lösungsansatz führte zu einem individuellen Aufatmen, welches allerdings nur von kurzer Dauer war.

Denn es war der Atem des Drachen, der damit in die Welt kam.

Dieses individuelle Aufatmen erzeugte schliesslich die schlimmste kollektive Hölle, die es auf dieser Erde jemals gegeben hat.

Denn nun suchte jede und jeder bei allen anderen die fundamentalen Fehler, auf deren Grundlage ihre oder seine eigenen Fehler ja erst möglich geworden seien. So wurde der Mensch wieder einmal des Menschen allerschlimmster Feind. Auf die Zerknirschung und die Selbstvorwürfe folgte ein Kampf: Alle gegen alle.

Dabei war allen jedes Mittel recht, denn der Zweck heiligt die Mittel – vom Morgenstern bis zur Atombombe.

So bekämpften sich die Leute gegenseitig. Selbstverständlich wurde die Umwelt dabei in Mitleidenschaft gezogen. Doch darauf achtete niemand. Derart wichtig war es allen einzelnen Individuen, zu beweisen, dass die Grundfehler, aus denen alle anderen Fehler emporgewachsen waren, nicht bei ihnen selber zu suchen waren, sondern bei anderen.

Doch das Leiden der Umwelt war echt.

Und weil es echt war, hatte es Konsequenzen, schuf es Realitäten. Eine Kette von Plagen legte sich um den blauen Planeten, die eben darin gipfelte, dass die Engel, die Vögel, die Flugzeuge alle eines Tages vom Himmel gefallen sind.

Als Reaktion darauf brachen die Menschen ihre Kämpfe ab. Entschlossen, die Vergangenheit zu begraben, da es ja keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft mehr gab. Und sich ganz auf die Gegenwart, auf den Moment zu konzentrieren, dabei einfach alles, alles, alles zu tun, nach dem ihnen der Sinn stand – und vor allem eins: Über die Stränge schlagen!

So suchte also  jede und jeder nach ihrem oder seinem Sinn, versuchte zu lesen, was denn nun in ihrem oder seinem Sinn stehe, auf dass sie es ausführen könnten. So suchte also jede und jeder – wie weiter oben erwähnt – nach ihrem oder seinem Strang, über den sie schlagen wollten, so richtig.

Doch seltsam, sie fanden keinen Sinn mehr, in dem sie hätten lesen können, sie fanden keinen Strang mehr, über den sie hätten schlagen können, fanden keine Ideen, Hemmungen, Regeln, Gesetze mehr, gegen die sie hätten verstossen können, keine Grenzen mehr, die sie hätten überwinden können.

Fanden daher auch keinen Moment mehr, in dem sie sich hätten auflösen können.

Und so hat das Ende dieser Welt ausgesehen. Ganz bleich und leer und sinnlos geworden hauchten sie am Ende ihre Seelen aus, die sich verflüchtigen. Wie Zigarettenrauch. Jenseits des Horizonts alles Denkbaren. Und zu Staub wurden ihre Körper. So weit hatten sie es also gebracht, weil sie sich ihre Fehler weder selbst noch gegenseitig vergeben konnten, weil sie damit begonnen hatten, die Fehler hinter den Fehlern, hinter den Fehlern, hinter den Fehlern, ja die – oder den – Urfehler zu suchen.

Die Ironie der Geschichte ist, dass ein kosmischer Schreiber den Untergang des blauen Planenten einige Jahrzehnte später bemerkte, was für ihn eine äusserst kurze Zeitspanne darstellt, denn er ist 7’55’327’812 Jahre alt; bemerkte, anhand eines kleinen Lichteffekts im gekrümmten Raum. Sein kurzer Eintrag dazu lautet wie folgt: „Objekt Gaia. Untergegangen. Kein Überleben festgestellt. Vorgang folgerichtig. Unsere Denker haben dem Objekt von Anfang an keine lange Lebensdauer prognostiziert. Weil vermutlich fehlerhaft konstruiert.“

Also verfasste der Schreiber noch eine Notiz. An die Schöpfungsabteilung: „Fehler bei der Erschaffung des Objekts Gaia höchst wahrscheinlich. Überprüfen bitte. Und bei weiteren Schöpfungen vermeiden!“

Dann machte der kosmische Schreiber Feierabend. Ging zu seiner Freundin. Und liess sich von ihr den Knorpel polieren. Bis dieser glänzte. Wie eine Posaune im blutroten Licht eines Sonnenuntergangs…

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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