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Eine kleine Wahrheit

Ein Auto fuhr unter dem Fenster vorbei, die Sonne war irgendwo hinter dem Hügel erst zu erahnen, bald würden die Vögel in den Bäumen anfangen zu zwitschern, die Börse in Japan schliessen, ich versuchte, meinen Arm unter deinem Oberkörper vorsichtig herauszuziehen, ohne deinen Schlaf zu stören, obwohl ich nie besonders stark gewesen war, fühltest du dich nicht schwer an und als ich meinen Arm zurück hatte, drehtest du dich murmelnd um und schliefst ruhig weiter. Eine gute Sache, es war ja noch zu früh um aufzustehen, wir waren ja keine Vögel.

Es war noch viel zu früh, ich tappte durch unsere dämmerig-schattige Wohnung, an der wir schon lange, vielleicht zu lange nichts mehr geändert hatten, atmete tief und fragte, wann ich aufgehört hatte zu verstehen, was da draussen los war. Es ging schon eine Weile so. Mir war die Welt entglitten, was ich fühlte war, dass es zu spät für Gebete und Proteste war und nur noch ein Aufschrei helfen konnte. Morgen für Morgen hätte ich gerne aus den Fenster geschrieen, was zum Teufel ist hier nur los, aber ich wusste genau, ich bekäme keine Antwort. Zu spät, um sich zu wehren. Mehr als heulende Sirenen und ein kurzer Aufenthalt in einem psychiatrischen Ambulatorium und ein paar Pillen waren nicht drin, wenn man rumschrie. Dein Atem ging ruhig, deine Brust hob und senkte sich regelmässig und friedlich, du zogst die Decke etwas enger um dich, wolltest noch nicht wach werden.

Ich kratzte etwas Pulver aus der Kaffeemühle und hoffte, der Wasserkocher würde nicht allzuviel Lärm machen. Irgendwann würdest du aufstehen müssen, die Börse in Zürich mit dem Handel beginnen und diese Seite der Welt würde mit ihrem Gewusele, ihrem Rumgerenne weiter- und weitermachen. Gute Gründe: Das Bruttoinlandprodukt musste gesteigert, die Produktivität erhöht und die Taschen mit Geld vollgestopft werden. Mein Fuss blieb am Küchentisch hängen, ich fluchte leise und suchte weiter nach Zigaretten. Es schien lange her, seit wir uns auf einer griechischen Insel kennengelernt hatten, die Welt schien unterdessen eine andere geworden zu sein, obwohl man das unmöglich so genau wissen konnte.

Du sagtest manchmal, wenn ich behauptete, die Welt werde immer befremdlicher, fremder: «Es bringt nichts zu zweifeln, die Zeit lässt sich nicht aufhalten, auch wenn es so aussieht, als habe die Gegenwart ihr Versprechen verloren und die Zukunft ist nur noch ein Spielball, um uns zu manipulieren.» Eine ganze Weile –es war mir bewusst, dass niemand mehr «eine ganze Weile» sagte– hatte ich vom Versuch gelebt, die Dinge zu beschreiben, so wie sie waren, vom Versuch eine sinnvolle Geschichte zu erzählen.

Irgendwann waren die Dinge um uns herum zerbrochen und wir sahen dabei zu, obwohl wir reich waren, obwohl wir mächtig waren und eine Stimme hatten, aber wir sahen lieber einfach zu wie die Dinge langsam aus dem Gleichgewicht gerieten, um zu fallen, um zu zerbrechen und manche halfen kräftig mit, sie zu zerschmettern.

Philosophie hat kein Rezept für kaputte, zerbrochene Dinge. Nicht einmal im poststrukturalistischen oder postmodernen Sinn, die Dinge zerbrachen und es kümmerte niemanden, ausser es tauchte auf der Abrechnung der Kreditkarte auf. Niemand wollte etwas mit der Beschreibung der Realität zu tun haben, niemand dafür bezahlen, stattdessen schrieb ich irgendwelchen Kommentaren von irgendwelchen, manchmal wichtigeren oder weniger wichtigen Leuten auf Twitter hinterher, um wenigstens einen Teil der Miete bezahlen zu können. Und schlussendlich waren da immer noch die Märkte. Etwas über die Märkte zu erfinden, ging natürlich immer. Während schon die griechischen Philosophen Realität und Wahrheit für eine flüchtige Angelegenheit gehalten hatten, hatten die beiden Dinge mittlerweile mehr als einen guten Grund so schnell wie möglich abzuhauen.

Viel zu beschreiben war nicht geblieben. Es brachte nicht viel, die Scherben aufzuheben, die Fragmente anzusehen und zu erklären, dazu ging alles zu schnell, die Dinge zerbrachen schneller als man sie aufwischen, zusammensetzen oder beschreiben konnte. Ich goss etwas Wasser in die French Press und hoffte der Rest des Pulvers würde reichen, um nicht nur kaffeeähnliches Wasser trinken zu müssen. Mit der dampfenden Tasse ging ich zum Fenster, dem Fenster hinaus zur Allee, dem Fenster hinaus zu den alten Platanen, dem Fenster, aus dem wir manchmal zu zweit hinausschauten, die Stadtbäume sahen im schwachen Morgenlicht etwas kränklich und grau aus, aber wir waren viel zusammen an diesem Fenster gestanden und hatten ohne viel zu reden einfach nur hinausgesehen.

Ein Auto fuhr unter dem Fenster vorbei, die Sonnenstrahlen drangen hinter dem Hügel hervor, die Vögel hatten ihren Tag begonnen und die Börse in Japan hatte einen nicht besonders erfolgreichen Handelstag abgeschlossen, wahrscheinlich würde es ein warmer Tag werden, du schliefst noch immer ruhig, ich wünschte ich könnte es besser beschreiben: Die Arme über deinem Kopf, die dunkelbraunen Haare verworren und üppig auf dem Kissen. Die Augen geschlossen, die Augenlider  gefangen im Schatten der Träume und der Entrücktheit einer anderen Welt. Keine gute Beschreibung. Aber immerhin. Eine kleine Wahrheit.

Foto: Unsplash/Oleg Ivanov

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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