in

Es ist vorbei

Es gab keinen Grund, wieso sie auf dem Vorsprung des Hotels hätte stehen sollen, keinen Grund, damit zu drohen zu springen. Es passte einfach nicht zum blauen Himmel über Weimar zu den sauberen Gärten und den herausgeputzten Häusern. In Weimar geschah selten etwas dramatisches und mein langweiliger Vortrag zur Makro-Ökonomie hatte wenig dazu beigetragen, die kleine Stadt aus ihrer Ruhe zu reissen.

Der Vortrag war zwar schlecht gewesen, aber auch nicht so langweilig, dass man sich gleich das Leben nehmen musste, kein Grund über den Balkon hinaus auf den Vorsprung zu klettern. «Kristen, komm wieder rein, wir können über alles reden.» Verzweifelt lehnte ich aus dem Fenster und bettelte sie an, zurück ins Zimmer zu klettern. Vor dem Eingang des Weimarer Hyatt schossen die Passanten fleissig Handy-Fotos, es war nicht klar, ob jemand daran gedacht hatte, die Rettungskräfte zu alarmieren.

«Kristen, es war nur ein Joint, das klingt wieder ab.» Abgesehen von der kleinen Ansammlung von Schaulustigen streckte sich Weimar sanft und harmonisch dem Horizont entgegen, so wie es der Heimat des Dichterfürsten entsprach.Während ich aus dem Fenster gelehnt, flehte und bettelte, zogen die Wolken unnatürlich wohlgeformt über die Landschaft. Ich versuchte meine Hand auszustrecken, Kristen zu berühren, um einen Kontakt herzustellen, doch sie schob sich entlang der Mauer weiter von meinem Fenster weg. Nur ein paar Zentimeter, das reichte schon und sie war unerrichbar für mich.

Auf dem Vorsprung sahen ihre Füsse stark und geerdet aus, sie war barfuss und stand sicher auf dem schmalen Vorsprung. Sinnloserweise dachte ich daran, dass ich ihre Füsse mochte. Ich sagte, sie solle mit mir reden, doch Kristen sah mich nur fragend an: Was gäbe es schon zu sagen, da draussen? Rund um den Brunnen im kleinen Park vor dem Hotel wurden die Schaulustigen unruhig, zu wenig Action. Aus dem inneren meines Zimmers kam der süssliche Rauch des herunterbrennenden Joints, ich starrte auf Kristens Brust um zu sehen, ob ihr Atem schneller ging, ob sie Angst hatte, ihre Hände, Arme und ihr Rücken waren eng an die Hotelwand geschmiegt, sie fragte nach einer Zigarette.

In der Hoffnung etwas Zeit gewinnen zu können, sagte ich, ich würde ihr sofort ein Päckchen holen, nicht ohne sie darauf hinzuweisen, dass es viel zu gefährlich sei da draussen zu rauchen. Sie schüttelte nur den Kopf und ich bekam es noch mehr mit der Angst zu tun. Es musste mir bald etwas einfallen. Ich stürzte ins Zimmer, schnappte das Päckchen American Spirit und ein Feuerzeug, drückte den Joint im Aschenbecher aus und rannte zurück zum Fenster. Ich streckte meinen Arm aus dem Fenster und Kristen rutschte etwas näher. Ich fürchtete mich so sehr, mir wurde schlecht, sie kam noch näher, unsere Hände berührten sich kurz und das Feuerzeug fiel sieben Stockwerke in die Tiefe. Immerhin hatte sie das gelbe Päckchen mit dem Indianerkopf erwischt.

«Das gibt keinen Sinn, jetzt komm doch endlich rein, wir können darüber reden», fluchte ich in den Abgrund hinein, der sich vor uns öffnete. Ich holte drinnen noch ein Feuerzeug.

Von Berlin aus war der Weg nach Weimar nicht weit, dennoch hatte ich in Betracht gezogen über Erfurt einzufliegen. Am Ende war es dann doch absurd von Berlin nach München und dann nach Erfurt zu fliegen. Als Professor bekam ich immer wieder Einladungen für Vorträge. Normalerweise bedankte ich mich fürs Interesse und schickte einen Assistenten hin. Dies hätte auch geklappt, wenn ich nicht wegen einer Affäre mit einer Studentin bei der Rektorin in Ungnade gefallen wäre. Für einen augenscheinlich langweiligen Wirtschaftsprofessor war mein Sündenregister ziemlich lang geworden. Unter den Studenten machten Kiffergeschichten die Runde, scheinbar hatte eine Minderjährige, die sich an eine meiner Parties eingeschlichen hatte, eine Toilette in meinem Haus vollgekotzt und dann war da noch der Umstand, dass ich tatsächlich eine Affäre mit einer 25-jährigen Ethnologie-Studentin gepflegt hatte, wenig hilfreich auch, dass ich gleichzeitig eine Affäre mit der Rektorin am Laufen hatte, die von ihrer Ehe die Nase voll hatte.

Meine wirtschaftlichen Einsichten, meine wissenschaftlichen Verdienste waren unbestritten, die Bundesregierung hätte mich beinahe zum Wirtschaftsweisen berufen, doch dann waren meine Eskapaden ans Licht gekommen und ich hatte Glück gehabt, dass man mich nicht emeritiert hatte. Die Kifferei, die Parties und die Affäre mit Esther, das alles war mir nicht weiter verrückt vorgekommen. Es hatte in einem der Badezimmer in meinem Haus begonnen, ich hatte in den Spiegel gesehen, sah meine etwas zu langen Haare, die immer weisser wurden und hatte plötzlich das Bedürfnis mich mit Jugend und Leben zu umgeben.

Esther war blond und gross, überaus viel hatten wir uns nicht zu sagen und doch weckte sie in mir die Gier das Leben auszukosten. Ein kiffender Professor, der eine zu junge Frau vögelte, eregte an der Uni Berlin kein grosses Aufsehen. Schliesslich war man weltoffen, aufgeklärt. Zunächst hatte mir auch die kotzende Minderjährige nicht geschadet, dann fielen die Dinge auseinander. Zwar konnte ich von Esthers Brüsten nicht genug kriegen und doch bekam ich es nicht hin.

Kristen rauchte auf dem Vorsprung, hilflos lehnte ich aus dem Fenster, gerne hätte ich Feuerwehr, Psychiater, Polizei oder alles Mögliche bezahlt, um aus der Situation herauszukommen, aber scheinbar konnte ich mich nicht freikaufen. Es war nicht einmal sicher, ob jemand da unten Alarm geschlagen hatte, eher das Gegenteil, die Leute wollten nichts verpassen, warteten auf den Sprung. Auf dem Vorsprung geschah nichts, einzig, wenn Kristen ausatmete, stieg eine kleine Rauchwolke auf, die sich bald auflöste.

Obwohl ich mein Leben lang viel geredet hatte, obwohl ich meinen Lebensunterhalt mit Reden verdiente, fehlten mir jetzt die Worte, trotz allen Vorträgen, grossen Sprüchen und professoralen Beratungen fiel mir nichts ein, was hätte helfen können. «Kristen», bettelte ich.

«Danke für die Zigarette», erwiderte sie und schaute dann wieder auf den Horizont vor sich.

Eigentlich hätte ich nicht in Weimar übernachten müssen, da es nach dem Vortrag mit der Bahn locker zurück nach Berlin gereicht hätte, auf kindische Weise jedoch wollte ich die Uni mit Spesen bestrafen. Obwohl ich meinen Vortrag hätte vorbereiten sollen, trank ich nur Kaffee und las Zeitung. Im beschaulichen Weimar hatte ein unbedeutendes Künstlerkollektiv dreckige Windeln auf einen Pavillion geworfen, die Künstler hatten den Verdacht, dass Dichterfürst Goethe mit dem Gedicht «Heideroesli» die Vergewaltigung von Frauen verherrlicht hatte. Im Gedränge der Deutschen Bahn fiel es mir leicht, die humanistischen Wissenschaften noch mehr zu verachten. Wer zum Teufel sah in einem Heideröschen ein Symbol für Frauen?

Die Deutsche Bahn war wohl kein Beispiel für das, was der Markt leisten konnte, sie war immer zu teuer und zu spät und je grösser der Erfolg beim Publikum, umso defizitärer schien sie zu werden, trotzdem schien die Ökonomie mit Zahlen und Logik als Grundlage verlässlicher als seltsame literarische Symbole. Profit und Gewinn schlossen schlicht alle anderen Gedanken aus.

Vielleicht wäre mir am Fenster etwas eingefallen, wenn ich Goethe gewesen wäre, so blieb mir unter diesem Fensterrahmen nicht viel. Ich wusste, dass Kristen, selbst Ökonomin, meinen Vortrag nicht besonders gut gefunden hatte, wusste sie war keine gute Kifferin.

Ich weiss, du bist etwas über dreissig, weiss, du hast schöne Füsse und weiss, du bist im Bett willig, aber nicht besonders experimentierfreudig, was für einen Mann in meinem Alter eine Erleichterung war, da mir so übertriebene Akrobatik erspart blieb.

Ich ahnte, dein Vater hätte sich vielleicht mehr mit dir abgeben sollen, da du dich sonst kaum an einen weisshaarigen Professor herangeschmissen hättest. Ob du dich nun an ihm rächen wolltest oder nicht, war mir egal, denn du hattest tolle Brüste und einen unsteten Blick, dem ich nicht widerstehen konnte. Wir hatten etwas Wein getrunken, waren essen gegangen und landeten schliesslich in meinem Zimmer. Vor ein paar Stunden hatte ich das alles für eine gute Idee gehalten.

Unterdessen war ich nicht mehr so sicher. Ich war ein Gefangener an diesem Fenster und sah wie die Kippe langsam in die Tiefe glitt. Kristen zündete sich eine weitere Zigarette an und starrte weiter auf die Landschaft vor sich. Ich weiss, ich werde Weimar wieder verlassen, ich weiss, dass ich dich nicht mitnehmen werde, dass ich dich nicht mitnehmen kann oder will.

«Sieh‘ mal, es gibt einen Menschen. Jemand, der auf dich wartet, der der Richtige für dich ist. Er ist schon hier irgendwo, er muss dich nur noch finden. Vielleicht findest du ihn ja auch selbst.»

«Leck mich am Arsch!», sagte sie, ohne zum Fenster hinüberzusehen.

«Ich weiss nicht, was du willst, warum du da draussen stehst, ich weiss es einfach nicht.»

Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn es wahr gewesen wäre, aber im Grunde hatte ich eine ziemlich gute Ahnung. Esther hatte gesagt: «Wir sind jetzt ziemlich lange zusammen, aber du kennst mich nicht, du siehst mich nicht einmal richtig. Es ist so, als wäre ich ein Spielzeug für dich. Irgendwann schmeisst du mich weg.»

In dem Moment schien es mir, als sei der Spass vorbei. Und er war vorbei, Esther verteilte auf dem Campus Flugblätter, in denen sie vor mir warnte. Sie schrieb, ich sei nett, im Bett niedlich und grosszügig, gleichzeitig sei ich aber ein gefährlicher, weil frustierter Alter, der nur junge Frauen ausnutzen wollte, ohne sich emotional auf sie einzulassen.

Die Gleichung war nicht aufgegangen. Nicht nur hatte die Rektorin ihre Affäre mit mir beendet und mich verwarnt, auch die Morgenpost rief immer wieder an und bat mich meine Seite der Geschichte zu erzählen. Wenn ich etwas gesagt hätte, hätte ich sagen müssen, dass das Resultat meiner Rechnung nicht stimmte. Ich hätte sagen müssen, dass ich diese Affären nicht aus Liebe pflegte, sondern sie als eine Art Geschäft ansah, ich den vergeblichen Versuch unternahm meine Jugend zu verlängern. Einen kurzen Moment lang hatte mir Esther gezeigt, dass ich es nicht hinkriegte. Es gelang nicht ein Geschäft mit dem Tod zu machen.

Der Deal war gescheitert, ich verliess das Hyatt durch den Hinterausgang. Am Empfang hatten sie meine Kreditkarte ohne Fragen akzeptiert. Vor einigen Minuten war die Polizei vorgefahren. Am Fenster hatte ich erkannt, es war nichts mehr zu machen. Der Deal war gescheitert. Ich fragte Kristen, ob sie noch genug Zigaretten hätte, packte dann schnell meinen Koffer und spülte den Joint die Toilette hinunter und machte mich auf den Weg zum Bahnhof.   

Foto: Elvis Ma/Unsplash

Gefällt dir dieser Beitrag?

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

Der Schweizer Mann des Jahres

Mega: Mega-Tournee von Mega-Titan vor 10.000 Meganern megamässig angelaufen! (Die Woche 35/2019)