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Der Terror-Club

Sie sah sehr schön und sehr bleich aus, ihre Beine waren unnatürlich abgewinkelt, ihre Haare waren voller Kotze und neben der Lache aus Blut hatte sich eine Lache aus Pisse gebildet. Konrad, mein Geschäftspartner schüttelte sein I-Phone wie ein Irrer, aber ich war nicht sicher, was wir tun sollten, ich meine, wir waren junge Geschäftsleute, wir besassen einen erfolgreichen Club, da rief man doch nicht wegen jedem Scheiss die Polizei an.

«Eine Tote ist doch kein Scheiss», brüllte er mich an. Unser Sicherheitschef war wie immer um diese Zeit schon zu nichts mehr zu gebrauchen und brabbelte nur vor sich hin.

«Vielleicht sollte jemand nachsehen, wer sie ist?», schlug ich vor, getraute mich aber auch nicht, näher an sie heranzugehen, sie sah auf ganz schlimme und perverse Weise schön aus, eine erschreckende Schönheit, die eine tiefe Furcht auslöste, genau jene Furcht, die wir als Club verkauften.

Es war mein Vater gewesen, der gedacht hatte, ich hätte umsonst studiert und eigentlich hatte er recht, ich hatte umsonst studiert, denn die Welt, die wir unterdessen alle teilten, die Diskussionen, die wir und die von uns gewählten Entscheidungsträger führten, basierten nicht mehr auf Wissen oder Dingen, die man mit Wissen verwechseln konnte. Seit einigen Monaten hatte ich nichts mehr dagegen: Am Ende gaben wir den Leuten, was sie wollten und mehr.

«Sie heisst Rebekka», brüllte Sicherheitschef Alain, der nach einigem Rumgefummle an ihrem toten Hintern ihren Pass gefunden hatte.

Konrad wedelte mit seinem I-Phone und sagte: «Gib mir mehr, ist sie jemand, der wichtig ist?»

Ihm war egal, dass sie mit Mitte zwanzig die Tochter von jemandem sein musste, sie vielleicht einen Freund hatte und, es so oder so schrecklich war, dass sie jetzt tot zu unseren Füssen lag.

Zugegeben, die Moral war nicht unsere Welt, wir streuten Asche auf den Boden, behaupteten sie sei verflucht, gleichzeitig stellten wir kiloweise Plastikpäckchen hin, die so aussahen, als hätte sie Pablo Escobar – nicht der Echte, sondern der aus Narcos – persönlich abgepackt. Neben dem Kaviar lagen Maschinenpistolen, wir hatten Räume, in denen es an den Wänden nur Hass-Pornos zu sehen gab und andere, in denen Schauspieler unsere Mitglieder mit nach Drehbuch  psychologisch quälten.

Wie bei vielen aufstrebenden Unternehmen hatten unsere Ideen nicht sofort funktioniert. Im Gegenteil. Die Leute mit Kaviar, Wodka und Koks erschrecken, ihre perversen Wünsche erfüllen, das taten doch die teureren Techno-Clubs in Berlin schon lange und ein bisschen Gruppensex im Dark Room schockierte niemanden mehr. So musste der Angst-Club irgendwie noch mehr bieten. Mein Vater motzte schon wieder, weil wir Verluste einfuhren. Aber schliesslich waren wir ja junge, aufstrebende Geschäftsleute.

Wir zogen den Leuten den Boden unter den Füssen Weg, in unserem Club war jeder deiner Schritte falsch, den Wodka bezahlen, unmöglich, Mitglied werden, verstörend. In die Toiletten kippten wir Metzgerei-Abfälle und liessen sie verrotten und wir hatten einen sehr hohen Verbrauch an Securities, weil sie jene Gäste verprügeln mussten, die ruhig und gesittet waren, was scheinbar gegen den Security-Ehrenkodex verstiess, egal wie minimal dieser war. Und dann waren da die Räume aus denen man nicht mehr rauskam, für das breite und das jüngere Publikum hatten wir Typen, die sie zu einem Drogendeal zwangen. Auch wenn die jungen Schnösel das Umsatzziel erfolgreich erreichten,wurden sie trotzdem verprügelt und ihnen gedroht, dass die Freundin entführt und vergewaltigt werden würde. Aber das war nur für die jungen Leute. Für die älteren hatten wir uns schlimmeres einfallen lassen.

Dunkelheit und widerlichste hygienische Bedingungen nutzten sich schnell ab, so dass wir bald auf Psychoterror setzten mussten. Wir stellten Räume zur Verfügung, in denen sich der Kaviar türmte, der Champagner floss, hier tummelten sich schöne Leute und hatten lautstark Spass, aber es war unmöglich an diesem Spass teilzunehmen. Kein BMW, kein Mercedes, keine Goldkarte nützte etwas, und dann war da noch dieser Typ. Der Direktor. Nabil. Und die Gerüchte, dass eine junge Frau verschwunden sei und womöglich Clubbesitzer Nabil der Übeltäter sei. Logischerweise war Nabil das Produkt unserer kranken Phantasie, aber die älteren, arrivierten Leute drehten durch, wenn sie nicht teil des Clubs, des Spasses, des inneren Zirkels sein konnten und so bald sie reif waren, fingen wir an, sie so richtig zu terrorisieren.

Die Computer in unserem Büro riefen sie dauernd in der Nacht an. Mit unverständlichen Botschaften. Auf dem Internet und in den sozialen Medien veröffentlichten wir Messages, die sagten, dass Leute in unserem Club die Linie des dunklen Kreises überschritten hätten und deswegen pestartige Krankheitssymptome entwickelt hätten, einige von diesen Leuten hätten leider nicht rechzeitig ihre Beiträge an Nabil entrichtet, so dass sie das Gegenmittel nicht bekommen hätten und deswegen …

Ein dunkler Kreis. Schlimm stinkender Müll aus dem Schlachthof: Konrad und ich wurden über Nacht reich. Sie wollten uns alle bezahlen. Aber hey, es ist ja nie leicht, den Vater zufriedenzustellen. Wir wollten den Leuten immer mehr Angst machen und sie noch mehr für diese Angst zahlen zu lassen. Als Geschäftsleute waren wir nicht einfallsreich. Zwar bestellten wir irgendwelche schwarze Magie-Fritzen ins Büro, aber von irgendwelchen Flüchen und all dem Scheiss hatten wir keine Ahnung und würden sie auch nicht verstehen. Von der Bottom-Line, der Einnahmen-Optimierung dagegen schon. Die Sprache der psychotropen Drogen und Verlust des Ansehens verstanden wir als wohlstandsverwahrloste Kids dagegen nicht so schlecht. Die Idee war lächerlich: Wir würden schlimmsten Aberglauben mit Verlustängsten, Orientierungslosigkeit und sozialer Ausgrenzung mischen und seither strömten die reichen, gelangweilten Säcke nur so zu uns.

«Was haben wir getan?», fragte Konrad. Ein cooler Typ, aber nicht einmal im besten Licht charismatisch wirkend, aber jetzt brachte er es schlicht auf den Punkt: «Sag’ mal, haben wir Rebekka umgebracht?»

Vor uns lag sie auf dem Boden, sie hatte tolle Schuhe gehabt, teuer, und sie hätte nicht sterben müssen. Sicher hätte im Club jemand aufpassen müssen, aber unser Geschäft war Terror.

«Wie sieht denn ihre Nase aus, hat sie zu viel von dem echten Koks erwischt?»

Das geilste Prinzip des Angst-Clubs: Du wusstest nie, bekommst du gute Ware, tolles Gras, tolles Koks, oder ziehst du dir Backpulver rein oder im Fall von Marihuana irgendeinen Kuh-Dung, den wir aus eigens Alabama importiert hatten. So war es immerhin teurer Kuh-Mist

«Wir haben doch niemanden umbringen wollen.»

«Sie bringen sich selber um.»

Da es ja fast unmöglich war zu zahlen, ohne schwer terrorisiert zu werden, da es unmöglich war, zu wissen, ob du an der Bar einen schönen Tequila bekommst oder nur einen Orangensaft mit etwas Ziegenpisse drin und Leute anwesend waren, die zum inneren Kreis gehörten, ohne von der Pest heimgesucht zu werden, drehte unser Publikum durch, so dass wir vor einigen Wochen sogar die Öffnungszeiten verlängert hatten.

Konrad und ich hatten einige Tage in Untersuchungshaft verbracht, offensichtlich hatten wir nicht mit der Solidarität unserer Angestellten rechnen können: Alle hatten ausgepackt. Gnadenlos. Auch die Polizei zeigte wenig Verständnis für den Stil unseres Clubs. Jedes Mal, wennn sie mich zum Verhör holten, schubsten sie mich ziemlich herum und murmelten, es sei «so krank, so eine kranke Scheisse». Im Verhörraum versuchte ich Kommissarin Grau zu erklären, es gehe einzig und allein ums Geschäft und heutzutage müsse man dem Publikum einen Event anbieten.

Die Polizistin sagte: «Wir haben im Lager ihres Clubs einen Vorrat von verschiedenen Exkrementen gefunden, verrottetes Fleisch», sie hob ihren Aktendeckel, zog ihre Augenbrauen hoch und sagte kalt: «In ihrem sogenannten Angstclub liegen Drogen offen herum, können sie mir das erklären, das alles ist immerhin gegen das Gesetz.»

«Die Leute wollen das, sie kommen in unseren Club, um sich zu fürchten.»

«Es ist widerlich, ich weiss nicht, ob sie widerlich sind, sie sind doch ein junger Mann, haben sie denn nichts besseres zu tun, als sich so einen Dreck auszudenken.»

«Woran ist Rebekka gestorben, da war so viel Blut und sie hat in die Hose gemacht.»

Sie wies mich streng daraufhin, dass wir keinerlei Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatten, es keine Kameras gab und wir weder Brandmelder noch Feuerlöscher hatten.

«Wenn Sie in den Angst-Club gehen, wollen Sie da Feuerlöscher sehen? Sie wollen sich fürchten, sich gruseln, da wollen Sie doch kein Notausgangssschild sehen.»

«Egal, in welchen Club ich gehe, ich will nicht verbrennen und ich bin ziemlich sicher, dass Rebekka nicht sterben wollte», wütend schlug sie den Aktendeckel zu. Sie hatte recht, unsere Sicherheitsvorkehrungen waren unglaublich miserabel und unser Sicherheitspersonal sorgte ja nicht für Sicherheit, sondern für Unsicherheit. Da müsste es für die Polizei ein Leichtes sein, uns für die Verstösse gegen hunderte von Vorschriften dranzukriegen. Dachte ich da noch an die Hygiene wurde es mir noch mulmiger. Geschäftsmann hatte ich werden wollen und nicht Knacki.

Nach den ersten Verhören, nach dem die Grundfragen geklärt waren, Fragen wie, ob ich Rebekka an dem Abend gesehen habe, ob ich ihren Ausweis angefasst oder ob ich schon einmal früher am Abend auf der Frauentoilette gewesen sei undso weiter. Fragen, die ich nur abschlägig beantworten konnte. Seit der Club immer schlimmer geworden war, beschäftigten Konrad und ich uns vor allem damit, hinter den Kulissen das Geld zu zählen und uns noch abwegigeren Scheiss auszudenken. Und, ehrlich gesagt, uns selbst gefiel es im Angst-Club gar nicht mehr: Der Gestank, die Atmosphäre und man wusste ja nicht einmal, was man zu trinken bekam. Da war es in unserem Büro besser, obwohl auch die Klimaanlage hier den Geruch nach Gammelfleisch nicht ganz wegbrachte.

Der Anwalt meines Vaters hatte mich bei seinem Besuch etwas beruhigt gehabt, er hatte erklärt, es seien Verstösse, vielleicht werde der Club geschlossen, aber da wir sonst unbescholtene Bürger waren, würden wir wohl wieder frei kommen. Kaum fühlte ich mich optimistischer, fing die Kommissarin bohrende Fragen anzustellen: «Wo ist Nabil, wir haben verschiedene Zeugen, die sagen in ihrem Club habe schon einmal einen mutmasslichen Todesfall gegeben. Einige ihrer Gäste vermuten, ein Geschäftsführer namens Nabil stecke dahinter. Leider haben wir diesen Mann bis jetzt nicht angetroffen, also, wo ist er?»

Ich wand mich auf dem Stuhl in dem Verhörraum, während sie mich sehr kritisch und doch auch etwas unfreundlich ansah. Die Kommissarin sah ausgeruht auf, so ausgeruht wie jemand, dessen Leben aufgeräumt und dessen Gewissen rein war.

«Sehen Sie, sehen Sie, wir haben Nabil nur erfunden.» Ich fühlte Verzweiflung in mir hochkriechen, was wenn die Kommissarin wirklich glaubte, der Direktor sei echt. Ich erklärte: «In jedem guten Club braucht es jemanden, dessen Hintern man küssen kann, um in die Lounge zu kommen oder am Eingang nicht warten zu müssen. Darum haben wir uns jemanden ausgedacht, denn es nicht gibt. Wir dachten, es macht unser Publikum verrückt, wenn es von jemandem hört, dem man in den Arsch kriechen kann, den es aber einfach nie findet».

«Sie packen besser aus, ihr Geschäftspartner hat es schon getan. Nur wenn sie uns vorbehaltlos alles sagen, können sie sich schützen.»

«Frau Grau, sie wissen doch, dass wir uns allerlei Quatsch ausgedacht haben, dass war auch hier der Fall. Es gibt in unserem Club niemanden, der Nabil heisst.»

Sie sah mich resigniert und ordentlich an, klappte die Akte zu und verliess den Verhörraum.

Konrad hatte unseren Ziegenpisse-Lieferanten in die Sache mitreingezogen und der Polizei dessen Adresse gegeben. Während ich noch einige Male ziemlich hart verhört wurde, fand die Polizei bei ihrenn Recherchen heraus, dass es keine anderen Vermissten oder toten Frauen ausser Rebekka gab, die mit unserem Club in Verbindung gebracht werden konnten. Dennoch gelang es mir nie, die Geschichte von Nabil voll und ganz aufzulösen. Die Ermittler schlossen nie ganz aus, dass er nicht doch noch auftauchen würde. Immerhin war der Ziegenbesitzer aus dem Schneider. Das war doch schon etwas.

Rebekka Blum hatte sich ablenken wollen, sie hatte Liebesgekummer gehabt. Ihr Freund hatte die 28-Jährige betrogen, deshalb war sie mit Freunden etwas länger unterwegs gewesen. Jemand hatte den jungen Leuten von einem neuen aufregenden Club erzählt und deshalb waren sie bei uns gelandet. Es war ihr Pech, dass die Krankenschwester einen Riecher für den richtigen Stoff gehabt hatte. Keine Kuhdung-Joint für Rebekka! Und wenn sie einen Wodka wollte, wollte sie einen Wodka und bekam ihn auch.

Unsere Leute waren offensichtlich etwas übereifrig geworden, man hatte anderen Gästen erzählt, Rebekka wisse Bescheid, kenne sich besser aus. Offenbar war ihr jemand nachgegangen. Nach einem Schubser auf der Toilette war sie ausgerutscht. Ob auf Kuhdung oder auf dem Fett der Fleischüberreste konnte nie abschliessend geklärt werden.

Offensichtlich hatte jemand ihr Angst machen wollen. Ein tragischer Unfall, verursacht durch unseren Terror. Zusätzliche Erklärungsprobleme verursachte der Urin auf dem Boden. Aber da ja unsere Toiletten naturgemäss nur schlecht funktionierten, hatte sie vielleicht nur die Notdurft verrichtet, da sie die Faxen dicke hatte und auch schon gut bedient gewesen war, so weit gingen die Vermutungen der Polizei.

Mein Vater sagte gerade als ich ihm den Flyer meines neuen Projekts geben wollte, dass ich nochmals Glück gehabt hätte und hoffentlich etwas daraus gelernt habe. Ich spürte, wie ich bleich wurde und steckte schnell das Papier in meine Jacke zurück. Es schien der falsche Moment ihm den «Psycho-Club» vorstellen zu wollen. Aber der Erfolg würde uns recht geben: Nach all der Aufmerksamkeit in den Medien und der Gratiswerbung dank all der Geheimnisse waren die Mitgliederanfragen durch die Decke geknallt. Wir hatten sogar Anfragen, ob wir das Konzept nicht internationalisieren wollten. Wir würden sie etwas anpassen müssen, aber wir waren fest entschlossen, es durchzuziehen, wir träumten schon von eine McDonald’s-Kette der Angst.

Foto: Peter Forster/Unsplash

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Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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