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Die grossen Fresserinnen und Fresser

Niemand weiss, woher sie gekommen sind. Mit einem mächtigen Appetit, geräumigen Mägen und maximal ausgedehnten Lebern sind sie jedenfalls ausgestattet. Zudem sind sie gesegnet mit riesigen, schwitzenden Monsterhänden, die alles einsammeln, was da kreucht und fleucht. Von diesen Grabschern wird die Beute sogleich in gierige, speicheltriefende Mundhöhlen – Kratern gleich – geschaufelt.

Dann rutscht das Material, lebendes und totes, durch die Speiseröhren der grossen Fresserinnen und Fresser, in jene Untiefen der mächtigen Leiber hinunter, wo sich alles zu einem amorphen Brei vermengt, den wohl niemand besonders sexy finden würde, wie man heutzutage zu sagen pflegt.

So verschwinden Eltern, Tiere, Kinder, Autobahnbrücken und historisch bedeutsame Kulturgüter, gleich mitsamt den Museen zusammen, in denen diese prachtvollen Kunstwerke wohnen: Die Bausubstanz stellt in diesem Fall so etwas wie den Teig um die Roulade dar.

Aber es werden auch ganze Rotlichtviertel, Campingplätze und Therapiezentren geschwind in die Mords-Mägen befördert. Die grossen Fressenden von heute kennen und machen da keine Unterschiede mehr.

Es wird einfach alles geschluckt. Im besten Fall hört man danach noch einen lauten Rülpser.

Sodann wird mit Vergnügen verdaut.

Getsren hat einer von ihnen den ganzen Louvre heruntergewürgt. Am Stück. Ohne auch nur ein einziges Mal zu beissen. Komplett mit der Mona Lisa, der Venus von Milo und einem mächtigen Brocken jenes Erdreichs zusammen, das unter dem Fundament des berühmten Museums lag. Einem Kissen gleich.

Dann spülte er das edle Fressgut herunter, indem er die ganze Seine aussaugte, dafür hatte er eigens einige Kilometer Pipeline-Röhre aus dem fernen Arabien mitgebracht. Der Sog, den sein gieriger Schlund erzeugte, ward derart gewaltig, dass auch gleich der Pegel des Ärmelkanals um 99 Prozent gesunken ist.

Da haben sie nicht nur in Le Havre blöd aus der Wäsche geschaut. Sondern beispielsweise auch in Dover.

Auf dieses frohe Fressen und Saufen folgte der obligatorische mächtige Rülpser, der gleich die ganze Lichterstadt vergiftete, derart, dass dort alles Leben auf einen Schlag vergangen ist. Bis weit hinaus in die Vorstädte. Riechen konnte man das Rülpsgas sogar bis ins Elsass. Danach kam unserem Protagonisten der Eiffelturm gerade recht.

Als Zahnstocher.

Und wie es halt so ist: Mit dem Essen wächst der Appetit. Vor allem, wenn man schön hastig isst und kaum kaut. Bald schon galt so ein Museumskomplex in jenen illustren Fresskreisen nur noch als Amuse-bouche.

Für den grösseren Hunger mussten hinfort ganze Städte dran glauben.

So hat eine von ihnen die Insel Hongkong aus dem Südchinesischen Meer gepflückt, zusammengerollt – und in wenigen Happen im Mund verschwinden lassen. Wie eine Frühlingsrolle. Mit jener rezenten Jahrgang-Fischsauce. Danach hatte sie noch Lust auf ein Dessert:

Ach Macao, Du warst einmal…

Wer nun aber denkt, dass diesen gewaltigen Schleck- und Schluckmäulern auch entsprechend gewichtige Worte entfahren würden, sieht sich getäuscht.

Über den Gewaltsfressen thronen nämlich lediglich diminutive Gehirne. Denkapparate, die nur einfache Bemerkungen formen können. So sagt einer von ihnen, zu jener anderen, die gerade Hongkong heruntergewürgt hat: „Hahaha. Sie mags halt asiatisch.“ Weil diese Äusserung nicht gerade geistreich ist, gibt er sie einfach zweimal zum Besten; wobei er das „Hahaha“ bei der Verdopplung hinten anfügt – wegen der Symmetrie: „Sie mags halt asiatisch. Hahaha.“

Auf solche Bemerkung pflegen die Anderen einsilbig zu antworten, meist im Sprechchor. So sagen sie etwa „jaaa-jaaa“ oder „eeeeecht?“ oder „ojeh-ojeh“. Das Gespräch wird jeweils von der Voluminösesten unter ihnen beendet; mit dem knappen Spruch: „Schlucken, schlucken. Niemals spucken!“

Darauf gackern sie allesamt. Wie glückliche Freilandhühner. Und klatschen einander gegenseitig geräuschvoll auf die bebenden Schwellbäuche, dass es eine wahre Freude ist.

Schon geht das grosse Fressen weiter.

Da ihr Appetit eben stetig zunimmt, dauert die Fresserei jeweils nicht besonders lange. Schon sind alle Dörfer, Städte, Länder, alle Berge, Wüsten, Seen unserer Welt in jenen eminenten – man könnte auch „fetten“ sagen, aber das darf man heute nicht mehr – Bäuchen verschwunden, in denen die geräumigen Mägen warten, wahnwitzige Mengen an Säure bereithaltend.

Und die Polkappen werden flugs von rauen Zungen weggeleckt. Wie Sorbet. Also wird unser lieber Planet, der wohl nimmermehr in jenem wunderbaren Blau erstrahlen dürfte, der Heimwehfarbe aller Weltraumreisenden, bis auf seinen Kern abgenagt. Diesen Kern schlingt die Voluminöseste unter ihnen gleich am Stück runter, vielleicht ist sie die Chefin dieses hungrigen Zirkels.

Aber wer weiss solche Dinge schon genau?

Danach sagt sie knapp: „Jetzt muss ich scheissen. Scheissen muss ich jetzt…“

„Ja-ja, ojeh-ojeh, ja-ja…”, sagen die anderen. Und so ziehen sie ihre himmelweiten Hosen runter, drücken gigantische Scheisshaufen ins Weltall, die sich, unter den Kräften der Gravitation, zu einer perfekten braunen Kugel zusammenballen, welche vielleicht die Grundlage neuen, bisher unbekannten Lebens darstellt.

Doch dies kümmert unsere Vielfrasse, Weibchen wie Männchen, nur wenig. Denn sie gleiten bereits wieder durch den gekrümmten Raum. Weiter, immer weiter…

Neuen kulinarischen Abenteuern entgegen.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

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Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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