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Schneekugel

Die Sonne stand einfach still. Unbarmherzig und hart und klar, machte sie sich bereit unterzugehen. Hinter der gleissend gelben Linie des Horizonts zu verschwinden. Danis Lippen waren jetzt so spröde, dass es wehtat, sie anzusehen. Nach dem letzten Sandsturm hielten die Stäbe unser Zelt nur noch notdürftig zusammen. Die Frage, ob es ein Fehler gewesen war, einer Umweltschutzorganisation mit dem vielversprechenden Namen «Pour l’nature» zu vertrauen, kam uns unterdessen so clever vor, wie die Idee den T-Rex in Jurassic World hochzuzüchten, so dass das Vieh nicht nur besser sehen konnte, schneller war und erst noch mit Ultraschall im Dunkeln operieren konnte.
Aber Dani mochte nicht einmal mehr über Jurassic World lachen. Kein gutes Zeichen.

Ich hatte Dani in Paris kennengelernt. Mit Naturschutz, geschweige denn mit dem Murmelwarmrüssler, einer extrem hässlichen Art von Ameisenbär, hatte ich nicht viel am Hut. Ohne Geld für mein rattenverseuchtes Zimmer im Quartier Latin hatte ich eben bei Pour l’nature angefangen zu arbeiten. Die Leute waren Vegetarier, sahen gesund aus und vor allem hatten sie mich eingeladen nach Feierabend etwas trinken zu gehen. Aus Geldmangel unter Alkoholentzug leidend konnte ich an dem Abend nur gewinnen. Aus Masochismus zogen wir uns erst einmal einen Vortrag über die Natur Haitis rein, bevor es was zu saufen gäbe. So etwas sei gut für die Teambildung meinte Etienne, der sein Biologie-Studium zwar abgebrochen hatte, dafür fest daran glaubte, er werde irgendwann der Chef von Greenpeace werden. Von seinem Vortrag blieb mir nicht viel in Erinnerung, ausser, dass die Natur von Haiti quälend langweilig war.

Etienne und einige seiner Getreuen wollten zuerst noch in ein veganes Restaurant in der Nähe von Montmartre, in das Abbatoir vegetale oder so ähnlich, ich atmete auf, als ich sah, dass eine Tür weiter warmes Licht aus den Fenstern einer Bar drang.

«Es gibt immer zuerst einen Vortrag», lachte Dani als sie sich neben mir an den runden Tisch zwängte, exotischerweise hielt sie einen Blackberry in den Händen und grinste respektlos: «Etienne kann es nicht lassen, sich aufzuspielen.» Die kleine Gruppe, die das Restaurant ausgelassen hatte, wachte vor ihren Gläsern auf, die Benommenheit, die die Natur Haitis ausgelöst hatte, war wie weggeblasen. Auch wenn ich nur die Fotokopien machte und Akten aus dem Archiv im Keller holte, war sogar mir klar, dass Etienne unser Obernaturschützer war, über ihn machte man sich bei Pour l’nature nicht lustig.

«Es stimmt doch, oder?», grinste Dani angriffslustig in die Runde. Die anderen jungen Leute, meist Praktikanten, nickten nur verzweifelt. Sie erklärte, es sei wichtig, erst später an die Teamabende zu kommen, seine Vorträge seien immer langweilig und im Bett sei er nicht besonders und jetzt wolle sie endlich ein Glas Wein.

Sie stellte sich an den abgewetzten Bartresen, winkte dem «Maitre» zu und lachte mit leuchtenden Augen zu unseren Tischen herüber. Ihre Kleidung war schlicht geschnitten, eine ausgewählte, kostspielige Eleganz. Im Büro war sie mir schon ein paar Mal aufgefallen, aber ich arbeitete in einer anderen Sphäre, als Unterling sah ich sie höchstens im Kaffeeraum oder wenn wir zufällig beide auf den Lift warteten. So oder so ich brauchte den Job, denn sonst würde ich sogar aus meinem Rattenloch von Zimmer rausgeschmissen werden. Zuhause hatte ich die Zwischenprüfungen meines Biologie-Studiums verkackt und entschieden, es sei Zeit, etwas zu erleben. So hatte ich mein Zimmer in Zürich untervermietet und war in Paris gelandet. Paris, im Glauben hier würde mir schon etwas einfallen. Nach einem halben Jahr war ich pleite und ideenlos, machte unzählige Fotokopien und erledigte Botengänge und teilte in der Stadt der Liebe meine Matraze höchstens mit Flöhen und anderem Ungeziefer.

«Was kannst du mir über Haiti sagen», erschreckte mich Dani und schüttelte ihr halblanges, braunes Haar.

«Ja, Haiti, also…» Sie setzte sich neben mich, ihre grünlichen Augen blickten herausfordernd und mir fiel keine Antwort zu Haiti ein.

Natürlich wolltest du nichts zu Haiti wissen, sondern nur sehen, ob du mich aufziehen konntest, unterdessen waren die Veganer ebenfalls in die Bar gekommen, die Dinge wurden auf sympathische Weise lauter und lebendiger. Vom Murmelwarmrüssler oder von anderen Ameisenbären war an diesem Abend noch keine Spur.

Wir trafen uns am nächsten Abend an der Seine, da ich pleite war, hatte ich dir erzählt, ich sähe mir am Fluss gerne die Bücher an, das helfe mir Stress abzubauen. Am Ende kauften wir uns einen billigen Wein, setzten uns unter neben einen Brückenpfeiler. In einem Brockenhaus hatte ich dir eine Schneekugel besorgt. Es war zu dunkel, um die Schneeflocken, die um Notre Dame herumwirbelten gut zu sehen, aber ich hielt das kleine Mitbringsel für romantisch und hätte mir kein grösseres Geschenk leisten können. Am nächsten Abend wartete ich wieder bei den bouqinistes und du musstest den Wein bezahlen, was den Vorteil hatte, dass wir in ein Bistro gingen und uns nicht den Hintern an der nächtlichen Seine abfrieren mussten.

Schon vor dem Sandsturm hatten wir nicht mehr sagen können, ob unser Navi erst jetzt nicht mehr funktionierte oder nie funktioniert hatte, nur das Satellitentelefon war noch früher im Eimer gewesen. Immerhin hatten wir da die Vorräte noch nicht verloren gehabt. Du sagtest: «Wenn ich denke, dass ich das nur gemacht habe, um meinen Vater zu ärgern.» Ich wollte dir den Sonnenuntergang in der Wüste zeigen, aber du hattest keinen Blick mehr dafür. Inzwischen war uns klar geworden, wir hätten die Ausrüstung selbst prüfen sollen und spätestens als der Führer, den Pour l’nature engagiert hatte nicht aufgetaucht war, hätten wir die Übung abbrechen sollen.

Die Sonne sank, es würde nie schnell kalt werden, in der Wüste gab es einen Grund sich vor der Dunkelheit zu fürchten, aber die Schönheit des Abendrots war atemberaubend, der Himmel war eine Kuppel, die der Endlosigkeit Farbe verlieh.

«Dani, Dani», flüsterte ich und hoffte, sie würde reagieren. Sie stöhnte nur ausgetrocknet, nochmals benetzte ich ihre Lippen, wir hatten nicht mehr viel Wasser und mir schwindelte. Resigniert starrte ich auf die nutzlosen schwarzen Apparate. Ich musste etwas tun, wusste aber nicht was. Dani schien bleich und gleichzeitig fiebrig. Sie sah beängstigend aus. Ausgerechnet jetzt dachte ich an Sex mit ihr und an die gute Zeit, die wir in Paris gehabt hatten.

Vielleicht hätte ich merken müssen, dass etwas nicht stimmte, weil sie mein Zimmer im Quartier Latin charmant fand, sie bedenkenlos ihre teuren Klamotten auf den Boden, wo sie zweifellos die Ratten anknabbern würden: «Kein Problem, meine Eltern kaufen mir neue.»

Für mich war sie ein Wunder: Sie war gross, stark, furchtlos, elegant und beinahe endlos gebildet. Sie mochte ihre Eltern nicht, sprach viel von Doppelmoral und liess oft an ihren Professoren an der Sorbonne kein gutes Haar. Da ich im Moment eher ein zielloser Penner mit ein zwei Jeans und einigen verlausten T-Shirts war, hatte ich keinen Grund sie zu kritisieren. Klar, ich hatte sie gefragt, was sie eigentlich bei «Pour l’Nature» mache, worauf sie meinte, als Biologin habe sie zuerst gedacht, sie wolle die Welt retten, dann habe sie jedoch schnell gemerkt, Etienne sei vor allem hinter dem Geld ihres Vaters hergewesen und habe sie überhaupt nicht forschen lassen.

Unvorstellbar wie gerne ich mit ihr redete, unverstellbar, wie sehr wir es genossen fast schon nächtelang durch die Strassen und Gassen zu schlendern, in der festen Überzeugung der Verliebten, dass die Welt uns gehörte und wir soeben die Nacht erfunden hatten. Und ja, falls jemand anders die Nacht erfunden hätte oder die Sterne, dann wäre es auch egal, weil wir ja uns hatten. Im Büro blieb ich ein Unterling, der all die Veganer und irgendwie verschrobenen Umweltschützer immer weniger mochte. Noch immer respektierte ich die Mission, gleichzeitig empfand ich «Pour l’Nature» als von seltsamen Eitelkeiten zerfressen und es schien einen schwer zu verstehenden Wettkampf zu geben, wer denn jetzt mehr kompostiert und wer seine Unterhosen auf die umweltschonendste Art gereinigt hatte. Aber gut, es war ein Job und ich hatte ja nichts Besseres zu tun.

Nur noch einen Moment. Einen Moment bis die Sonne hinter dem Horizont versank. Auf eine furchtbare Gluthitze würde in wenigen Augenblicken eine erbarmungslose Kälte folgen. Immerhin hatten wir die Thermodecken noch nicht verloren. Ich murmelte, flehte und bettete ganz vorsichtig ihre Locken auf einen Hightech-Rucksack, der dazu gemacht war den Weltuntergang zu überdauern, uns aber keinen Scheissdreck genutzt hatte. Dann lagerte ich genauso vorsichtig ihre Füsse hoch, um sie besser in die Decke einwickeln zu können.

Du hattest es mir zu spät erklärt. Du sagtest, als wir noch dachten, dass sie uns finden und retten können würden: «Weisst du, der Murmelwarmrüssler ist kein wichtiges Tier, er ist vielleicht selten, aber es gibt sehr wahrscheinlich genug Ameisenbären, so dass der Verlust aus biologischer Sicht zu verschmerzen wären.»

Ich hatte nicht die Kraft zu streiten. Und auch keinen Grund. Irgendein wahnsinniger Spender hatte für die Forschung des geliebten Rüsslers Kohle auf den Laden gelegt. Inzwischen wusste ich, dass ich vielleicht einige Dinge übersehen hatte. Zwar liess sich Etienne von allen Mit-Ökos anbeten, als habe er eigenhändig jede Pflanze auf der Welt gepflanzt, aber seine Affäre mit Dani, die er konsequent «Danielle» nannte, hatte er doch nicht überwinden können und wie bei jeder Organisation, bei der es nicht so viel zu tun gab, ausser auf das Geld von Sponsoren zu warten, um dann Entschlüsse zu fassen, wie man es ausgeben könnte, waren Dani und ich längst Thema bei den Gesprächen im Kaffeeraum.

Dani und Etienne arbeiteten jeden Tag zusammen, was mich nicht eifersüchtig machte, da wir ja eben die Nacht erfunden hatten und gerade dabei waren, die Sterne zu erfinden. Wie wir dabei waren auf die harte Art zu erfahren, hatte Etienne die Dinge anders gesehen. Eifersucht ist eine schlimme Sache. Und nicht einmal in seinen besten Momenten mit einer Schüssel biologischen, geschmacklosen Hummus vor sich, war Etienne kein Arschloch. Dennoch hatte er uns problemlos aufs Glatteis geführt.

Ich schlotterte. Die Nacht war klar und die Sterne bildeten eine helle Kuppel über unserem von Sandstürmen zerfetzten Zelt. Wir hätten mehr googeln sollen. Ich wünschte ich hätte besser aufgepasst in den Überlebenskursen. Hatte ich aber nicht. Mit zitternden Händen rieb ich Danis Hände, schlotternd versuchte ich Leben in ihre Schenkel unter der Decke zu kriegen. Schwer zu sagen, wie lange die Nacht noch dauern würde, schwer zu sagen, ob wir durchkommen würden. Ich kroch zu den Wasserbehältern und jenem Segel, wo sich Tau sammeln sollte, einer der wenigen Gegenstände, der noch nicht weggeweht worden war.

«Hey, Karl!»

«Etienne, wie läufts?»

«Ja, ja, wir hätten da was, bei dem du uns helfen könntest, das wäre eine gute Sache.» Die Sterne waren beeindruckend und ich hoffte, er würde an seinem Hummus ersticken. Dani und ich waren selbst schuld. Er hatte von Projekten gesprochen. Von Aussichten und Dani hatte gehofft, sie würde ihren Vater noch mehr ärgern können. An der Pinwand von Pour l’Nature waren wir die «Murmelhelden» geworden und Etienne und Dani hatten sogar ein Interview gegeben.

«Alles ungefährlich, wir sind gut vorbereitet auf diese Dinge, besser als Greenpeace», hatte er uns versichert und schon waren wir losgeflogen.

Der Horizont verdunkelte sich. Der Sand baute sich zu einem Sturm auf, Danis Puls war nur noch schwach und er würde noch den Rest unserer Ausrüstung wegfegen. Ich flösste ihr die letzten Schlucke Wasser ein, weil ich nicht sicher war, ob ich es noch länger bei Bewusstsein bleiben würde. Ihre Augenlider bewegten sich schnell, es tat mir weh, ihre spröden Lippen anzusehen, und ich hatte die dunkle Ahnung, es sei vorbei.

Dani murmelte: «Schneekugel.»

Ich wollte wissen, was sie meinte, aber der Wind wurde schon lauter und dann würde die Hitze den Sand runterdrücken und wir waren nicht mehr so stark. Das Heulen der Katastrophe wurde lauter und lauter, wir würden die Schneeflocken um Notre Dame nicht mehr erleben, immerhin hatten wir sie in einer Glaskugel gesehen. Eine erste Welle von Sand fegte den Rest unseres Zeltes weg, überall war jetzt und das Atmen fiel immer schwerer. Der Sturm liess nicht nach und wahrscheinlich würden uns der nächste Windstoss unter einer Sandlawine begraben. 

Foto: Toa Heftiba/Unsplash

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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