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Im Delta des Toten Flusses

Er war ein schwarzes Schaf, aufgezogen unter einem bleigrauen Himmel, auf einer schwarzen Weide, mit pechschwarzer Milch zunächst, später schwarzem Gras. Sie war aus der Hölle der Blutegel gekommen, dem nördlichen Regenwald im Delta des Toten Flusses, wo die Morgennebel aus dem Urschleim kriechen, wo die Spinnen und Schlangen nachts ins Schlafzimmer eindringen, manchmal sogar bis ins Bett vordringen.

Wie sie ein Paar geworden waren, wusste Gott alleine. Und wenn ich Gott sage, bin ich mir durchaus bewusst, dass dieses grosse Wort in unserem Fall eine mächtige dunkle Mutter beschreibt, die dem ganzen Universum die Zunge rausstreckt…

…doch zurück zum angesprochenen Paar:

Ihr Umgang mit den Fährnissen der Welt hatte ihn fasziniert. Seine stoische Ruhe hatte sie in den Bann gezogen. Eine Ruhe, die nur dann von ihm abfiel, wenn er den Bock für sie machte, manchmal im Schlafzimmer, manchmal in der Küche, manchmal in einem Kellerraum, den sie extra dafür eingerichtet hatten, mit allen Schikanen. Dann wurde er zu dem Tier, das er ja eigentlich war, kannte er keinen Schmerz, keine Rücksicht, keine Scham, keine Grenzen. Danach glitt er wieder in seine stoische Ruhe zurück, die ihn manchmal gleichsam in einen Stein, einen Fels verwandelte. In ein schweigendes Stück Umgebung eben.

Er fühlte sich von ihrem selbstverständlichen Umgang mit Viechern angezogen, von jener Sorte, die den meisten Leuten das eiskalte Grauen bescheren. Aufgrund ihrer Herkunft konnte sie ganz easy und selbstverständlich mit lebendem Material umgehen, das für andere den fruchtbarsten Nährboden für abgründige, unheilbare Phobien bildete.

Blutegel liess sie einfach gewähren. Liess sie an ihren Adern saugen, bis sie gesättigt waren. Es bereitete ihr sogar Freude, zuzusehen, wie aus den kleinen, dünnen, raupenartigen, armen Dingern – im Laufe des Saugprozesses – fette rötliche Geschöpfe wurden, die am Ende, wenn sie genug Blut in sich aufgenommen hatten, einfach vom Körper abfielen. Sie betrachtete diesen Prozess als ganz und gar vernünftige Einrichtung der Natur. Ihr Umgang mit Schlangen war etwas differenzierter. Sie spürte immer, wenn sich ihr eine Schlange näherte, unfehlbar, musste gar nicht hinsehen. Zudem hatte sie einen siebten Sinn dafür, ob es sich um Giftschlangen handelte oder nicht. Ungiftige Serpentes liess sie einfach gewähren, im Dachgebälk, im Badezimmer, sogar unter dem Kopfkissen. Giftige Schlangen tötete sie sofort, ein Griff, ein Schlag – und das Ding fiel erschlafft zu Boden. Am Abend verwendete sie den Kadaver dann gerne. Als Basis für eine köstliche Suppe. Spinnen betrachtete sie als Snacks. Klaubte sie aus ihren Netzen und schluckte sie einfach runter. Lebendiges Essen.

„Es gibt gefährliches Schlangengift. Es gibt jedoch kein gefährliches Spinnengift. Spinnengift ist lediglich anregend,“ pflegte sie zu sagen.

Nach ihrer Hochzeit, die zahlreiche Tier- und Menschenopfer erforderte, Blutopfer natürlich, bis zum letzten Tropfen, einige Gäste sprachen von ungefähr 6000, während andere darauf beharrten, dass es exakt 12’538 an der Zahl gewesen wären, bauten sie sich ein Haus. Im Delta des Toten Flusses, wo pittoreske Felsformationen aus dem Wasser ragten, in dem sich in langen Tropennächten jene berühmten Sternzeichen spiegelten, die am dunklen Himmel die Jahreszeiten anzuzeigen pflegten, im Frühling der Gehängte, im Sommer das Glücksrad, im Herbst die Lust und im Winter der Teufel.

Ihr Haus hatte ein komplex gestaltetes Giebeldach, mit einer stolzen Anzahl von Dachreiterinnen und Dachreitern garniert, die allesamt Gottheiten oder Drachen darstellten, welche gerade allerlei sexuelle Manöver ausführten, „unsere Blitzableiter“, pflegten sie diese Kunstwerke zu nennen, die sie gemeinsam gestaltet hatten.

Das Haus an sich hatten sie ebenfalls gemeinsam erbaut, die Arbeitsteilung sah dabei folgendermassen aus. Er baute, sie schleppte die Steine und Holzbalken an. Dies entsprach durchaus ihren Talenten. Sie konnte in sehr kurzer Zeit unglaublich viele Gesteinsbrocken aus den pittoresken Felsformationen herausbrechen, die das Delta des Toten Flusses zierten, und sie konnte eine ungeheure Anzahl von Bäumen fällen. Das Anschleppen der Materialien kostete sie dann nur noch ein Lächeln, denn ihre Kraft war unvergleichlich. Er verfügte hingegen über die notwendige unendliche Geduld für den eigentlichen Bau ihres Häuschens, das ja auch ein Tempel war, ein Sakralbau der Fleischeslust, der Samo-Madochistik, des Lachens, Sterbens und der dunklen Göttin mit ihrer schönen Zuge nämlich. Unter seinen geschickten Hufen entstanden die lustigsten Winkel, Ecken – und schliesslich die fröhlichen Augen des Gebäudes: Fenster.

So genossen sie den reinen Schauer des Lebens. Die Tage erfüllt von sinnstiftender Arbeit, des Abends pflegten sie die mächtigen Krokodile zu jagen, die in den Wassern des Delta hausten, die Nächte waren der Ekstase der Fleischeslust gewidmet – und wenn immer möglich, wurde zwischendurch gegessen: Spinnen-Sashimi, Schlangensuppe mit Brunnenkresse, Krokodilschwänze mit Baumbrot – und an Feiertagen gab es jeweils eine bunte, gesunde Eintopfmixtur aus Hunde-, Nilpferd- und Affenhirnen.

Sie hatten viele Kunden, klein und gross, die ihr Haus aufsuchten, das ja auch ein Tempel war. Für diese Menschen führten sie – gegen teures Entgelt – komplexe Rituale durch, gegen Liebeskummer und Krätze, für die Anhäufung von Geld und Gut, gegen Schwiegermütter und Kopfläuse, für Potenz und Seelenheil. Wenn sie einmal nicht mehr weiterwussten, fragten sie jenen alten Weisen um Rat, der auf einem der pittoresken Felsen wohnte, in einer kleinen Hütte. Er kannte alle Formeln und rituellen Anwendungen – und teilte sie gerne mit den beiden. Angesichts der Gegenleistung, die er dafür erhielt, war dies verständlich, er durfte dem Paar – sein Lohn für Rat und Tat – nämlich bei der Ausübung der Fleischeslust zusehen, was die beiden umso wilder werden liess. Weil sie das gackernde Lachen, welches dem Alten entfuhr, sobald sie zur Sache gingen, als ausgesprochen anregend erlebten.

So führten sie zwei pralle, arbeitsreiche Leben, erfüllt von Sinn, Ziel und Zweck.

Manchmal hatten sie, auch das gehörte dazu, ein bisschen Streit, dabei vertraten sie immer die gleichen, konträren Ansichten, feste Positionen, die sie niemals aufzulösen gedachten, aus denen sie keinerlei Synthese ziehen wollten, denn dafür sei der Streit von der grossen dunklen Göttin geschaffen worden, auf dass man die Zwietracht gut ausleben könne, so ihre gefestigte und geteilte Überzeugung.

Sie vertrat dabei den Standpunkt, dass alle Gesetze der Welt alleine in der praktischen Vernunft verankert sein konnten, in der Welt der Tätigkeiten nämlich, diese Vernunft sei natürlich schon ein präzises Abbild des mystischen Universums, stehe aber nur solange mit letzterem im Einklang, als sie, die Vernunft eben, während die Tat ausgeführt werde, nicht auf die mystische Ebene schiele, sondern sich selbst – in einem reinen, von mystischen Beimischungen ungetrübten Tun – genüge.

Er hingegen ging davon aus, dass jedes Tun nur dann möglich sei, wenn sich die mystische Ebene und jene der Tätigkeiten bereits vor Ausführung einer Tat homogen vermischt hätten, anders sei keinerlei Tätigkeit möglich, denn die Erkenntnisse, welche jede Tat erst ins Sein rufen, würden bereits auf einer Vermischung der beiden Ebenen, um die es hier geht, beruhen, jede Tat sei Zeugnis und Ausdruck einer ursächlichen Bewegung auf der mystischen Ebene, die strenge Trennung der beiden Elemente, die sie verlange, sei deshalb ein Ding der Unmöglichkeit.

Da stritten sie wunderbar – um sich nachher wieder zu versöhnen, oft genug in jenem Kellerraum, den sie extra behufs des Auslebend ihrer libidinösen Bedürfnisse eingerichtet hatten, die für sie beide – in diesem Punkt waren sie sich einig – auch immer ein Sakrament darstellten. Dieses Ausleben nahm jeweils viel Zeit in Anspruch, wurde vorher umsichtig geplant, denn es sollte ja nichts Bekanntes ausgelassen –  zudem jedes Mal mindestens ein Unbekanntes entdeckt – werden.

So waren sie also verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger. Stützen der Gesellschaft im Delta des Toten Flusses.

Dergestalt hätte es lange Zeit weitergehen können, doch sollte es nicht sein. Bereits nach zweimal dreimal elfmal zehn Jahren kam es zum Ende. Nicht nur unseres sympathischen Paars, sondern der ganzen Welt, die es umgab. Dieses Ende entsprang einer Laune Gottes, also jener mächtigen dunklen Mutter, die dem Universum die Zunge rausstreckt. Plötzlich hatte Mutter genug „von dem Zeug da unten“, hob ihr Schwert, welches sie diesmal mit ihrer oberen rechten Hand führte, und zerschmetterte die Welt unserer Freunde mit einem einzigen Schlag. Nur Staub blieb übrig, den die dunkle Göttin flugs in ihr linkes Nasenloch hochzog, mittels eines Strohhalms aus Vrndavana, den sie diesmal mit ihrer unteren rechten Hand führte.

Das Ganze ereignete sich derart schnell, dass niemand auf der Welt den Übergang von der Existenz in die Nichtexistenz auch nur ein bisschen spüren konnte. Auch unser Paar nicht. Wenn die beiden ihn bemerkt hätten, wäre er ihnen übrigens sehr zupass gekommen. Denn beide hatten sie sich schon zwei ganze Leben lang auf den Weltuntergang gefreut.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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