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48 blutige Stunden

Maren versuchte, die Arterie abzuklemmen, um die Blutung zu stoppen, ihre Hände in den blauen Plastikhandschuhen zitterten nicht, waren ruhig, aber es half ihr nicht, dass sie seit über vierzig Stunden im Dienst war, sie versuchte immer besser zu werden, dennoch wuchs in ihr die Angst einen Fehler zu machen, eine falsche Entscheidung zu treffen. Sie wusste genau, dass jeder Arzt fiel, aber dann stehst du wieder auf und versuchst, noch besser zu werden.

Es war der dritte Unfall in dieser Nacht, der Wagen lag auf der Seite und die Feuerwehr hatte die Passagiere rausschneiden müssen, die Strasse war in blaues Licht getaucht, die Polizei hatte die Kreuzung gesperrt, wegen des Grossaufgebots musste die zweite Ambulanz die Unfallstelle umfahren, um das zweite Auto zu erreichen. Maren fiel wieder ein, dass es beim Unfall auf der Brücke noch ziemlich hell gewesen war.

Sie versuchte sich zu sagen, dass sie nicht immer Assistenzärztin bleiben würde und vielleicht irgendwann einmal wieder eine Freundin finden würde, sie klemmte eine weitere Arterie ab, immer wieder überrascht, wie sehr die Medizin trotz allen Computern grosse Ähnlichkeit mit einer Metzgerei hatte. Da war die OP, bei der sie assistiert hatte und der Oberarzt kurzerhand den Darm des Patienten aus der Bauchhöhle gehoben hatte, um eine Verhärtung wegzuschneiden, nachdem sie  den schmierigen blutigen Schlauch wieder in den Bauch zurückgestopft hatte, ass sie einige Wochen kein Fleisch mehr, es war ihr nur schon schlecht geworden, wenn sie rohes Fleisch sah.

Der Knochen ragte aus Oberschenkel, Maren sagte: «Wir müssen versuchen, das Bein zu stabilisieren, sonst können wir die Blutung nicht stoppen.» Die Zeit arbeitete gegen sie, wäre der Patient nicht bald transportfähig würde sein Bein nicht mehr zu retten sein. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, ob sie bei dem Unfall auf der Brücke waren oder die Ambulanz beim Auto stand, das gegen den Verkehrsteiler gekracht war. In den letzten Stunden hatte sie sechs Patienten versorgt, konnte sich aber nicht mehr erinnern, was genau ihnen gefehlt hatte.

Manchmal musste man etwas zerstören, um jemanden zu heilen, sie teilte etwas Gewebe, um Platz für den Knochen zu schaffen und war nicht sicher, ob sich die Nervenzellen je wieder erholen würden, aber es war nicht so, dass sie viel Zeit hatte, um die Entscheidung zu treffen, sie versuchte einfach das Richtige zu tun, ohne sicher zu sein, ob es wirklich richtig war.

«Braucht ihr noch Hilfe, wir fahren sonst», fragte der Arzt aus der ersten Ambulanz. «Es ist schwierig, den Knochen zu richten, er verliert immer noch viel Blut.»

Energisch schwang sich der Arzt in die Ambulanz, sie liess ihm etwas Platz, so dass er sich die Wunde ansehen konnte. Er wirkte auf sie wesentlich frischer und sie war froh um die Unterstützung.

Zurück im Spital hielt Oberarzt Pfister es für eine gute Idee, eine Art «Antretensapell» für die Frühschicht abzuhalten, Maren konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, sie fühlte sich ausgelaugt und schuldig und hoffte, ihr letzter Patient würde wieder gehen können. Der Oberarzt geriet mehr und mehr in Schwung, er meinte in der Medizin brauche es keine Helden, nein, es brauche «Teamplayer», die das Grossse und das Ganze nicht aus den Augen verlieren würden, es brauche keine «Helden», sondern Leute, die «Hand in Hand» arbeiten würden.

Als sie ihre Rapporte beendet hatte, war sie seit 48 Stunden bei der Arbeit, sie konnte nicht mehr besonders viel zu spüren, aber irgendwie ging es in Ordnung, sie wusste, sie musste schnell nach Hause, auch wenn ihre Wohnung mit den zusammengewürfelten Ikea-Möbeln und dem leeren Bett wenig Trost bieten würde. Sie zog sich ein Thon-Sandwich aus dem Automaten und freute sich darauf, es in ihrer leeren und unaufgeräumten Küche zu essen. In der Stadt hatte der Tag betriebsam begonnen, verschwommen nahm sie die Menschen auf dem Bürgersteig wahr, Maren wartete bei einer Ampel, die Abgase legten sich schwer auf ihre Lunge und sie dachte, sie hätte vielleicht doch ein Taxi nehmen sollen.

Sie hatte keine Probleme über die Kreuzung zu kommen, sie folgte einer breiteren Strasse, hier waren nicht mehr so viele Lastwagen, dafür waren noch viele Studenten auf dem Fahrrad unterwegs, die zu spät zur ersten Vorlesung kommen würden. An ihre eigene Zeit an der Uni konnte sie sich nicht erinnern, es schien so lange her zu sein, doch an diesem Morgen schien alles weit weg, Maren konnte sich auch nicht richtig daran erinnern, wann sie zur Schicht losgegangen und was für Wetter da geherrscht hatte.

Plötzlich fürchtete sie sich, war nicht mehr sicher, ob sie die Arterie richtig abgeklemmt hatte, vorhin hatte sie es versäumt, nach ihrem Patienten zu sehen und hatte jetzt Angst, dass sie doch einen Fehler gemacht hatte. Als sie versuchte das Spital anzurufen, rempelte sie beinahe eine alte Dame an, die sie einfach übersehen hatte. Zwar weckte sie das Adrenalin etwas, doch war sie nicht sicher, ob sie es bis zu ihrer Wohnung schaffen würde. Müde, überreizt und erschöpft wurde die Strasse vor ihren Augen undeutlicher, ihr Kopf machte die Umgebung zu einem fiebrigen Traum.

Maren musste rüber, auf die andere Strassenseite, dann konnte sie die Abkürzung zu ihrer Wohnung über den Schulhof nehmen, es war ein älterer Lastwagen, dessen Fahrer spät dran war und der deswegen zu schnell um die Ecke kam, sie bemerkte das rumpelnde Gefährt zu spät und wurde mehrere Meter mitgeschleift.

«Jemand muss eine Ambulanz rufen und die Polizei», hörte Maren, die gleichzeitig die Leute nicht sehen konnte. «Sie blutet ziemlich schlimm, wir müssen sie vielleicht auf die Seite lagern». «Nicht auf die Seite» dachte sie und dann fiel ihr ein, dass sie während ihres Medizin-Studiums nie sicher gewesen war, ob Reikjavik wirklich die Hauptstadt von Island sei. «Ihr Körper sieht ganz verdreht aus, vielleicht sollten wir sie nicht bewegen.

Die Sirenen der Ambulanz hörte sie nicht mehr.

Foto Unsplash/Ani Kolleshi

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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