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Stille, die verdammte Stille

Versuch‘ deine Hand nicht zu bewegen, nicht, bevor du sprichst, versuch einen Moment hier, an dieser Stelle zwischen Bauchnabel und Schambein zu bleiben, versuch‘ einen Moment deine Stimme zu finden, ohne dich zu verlieren, ohne, dass dir deine Scham in die Quere kommt, versuche einen Moment lang, deine Stimme zu finden, die Stille zu brechen, die verdammte Stille, die über uns herrscht wie eine wortlose Königin, immer, wenn wir zusammen ins Bett gehen.

Das stärkste Gefühl, es sollte nicht bestimmen dürfen, es sollte nicht darüber herrschen, was wir uns sagen oder nicht sagen dürfen. Vielleicht sind wir rein, aber wir sind auch verloren, und alles ist vergeblich, wenn wir keine Stimme finden können und die Stille, die verdammte Stille brechen können.

Es ist das stärkste Gefühl und nun steckt deine Hand irgendwo auf meinem Bauch fest, gefangen in Hemmungen, gefangen in Angst und meine Haut fühlt sich schon wärmer an, während deine Hand gerne weiter reisen würde, sie gerne meine Scham berühren würde und obwohl ich geil darauf bin, dass sie endlich weiter nach unten gleitet deine Hand, mich da berührt, wo ich am nacktesten, am verwundbarsten bin, so sind wir dennoch gefangen in seltsamer, leerer Stille, die uns den Augenblick stiehlt.

Ich möchte, dass du sprichst, etwas sagst, mir erklärst, wer du bist und sagst, was du sagen könntest, sagen müsstest, damit ich weiss, wer du bist und weil du eine Stimme hast und nur deine Stimme die Stille brechen kann. Du kannst alles sagen, kannst sein, was du willst, wir werden nackter, verzweifelter, geiler auch, aber trotzdem brauchen wir eine Stimme, es wäre toll, wenn weder Scham noch Angst verhindern würden, dass wir reden können.

Ich kann’s dir nicht sagen. Ich kann dir nicht sagen: Versuch‘ deine Hand nicht zu bewegen, bevor du etwas sagst, doch die Wahrheit ist: Angst, Scham und Stille herrschen über unsere Körper, darum ist es so still und manchmal so kalt, selbst wenn sich unsere Körper sich am nächsten sind. Unsere Körper wissen nicht, wie sie lügen sollen, es wird warm und wir schwitzen, gerne würde ich dich zwischen den Beinen berühren, gerne hätte ich es, wenn du kommst und es spielt keine Rolle, ob du es mit offenen Augen tust, gerne würde ich die Wellen spüren, stärker und stärker, hören wie dein Atem schneller geht, während es dir langsam kommt, so wie du es immer tust und dann kommst du und, ja, es gefällt mir.

Manchmal herrscht Stille. Wir werden nicht ewig schweigen können. Irgendwann wirst du deine Hand bewegen müssen und die verdammte Stille brechen müssen.

Foto: Unsplash/Kristian Flour

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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