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High im Regen

Graue, gleichgültige Menschen gingen geduckt durch graue, gleichgültige Strassen, auf die ein grauer, gleichgültiger Regen klatschte, ich hockte am Fenster einer kleinen Bar in der kleinen Stadt und schrieb fahle, wenig bedeutende Worte auf ein Papier, das mir die Serviertochter Mira zusammen mit einem billigen Kugelschreiber gegeben hatte. Eigentlich hatte ich mich weigern wollen, ein Vorwort zur zweiten Auflage zu schreiben, doch Adrian, mein literarischer Agent, hatte gemeint, eine Einleitung sei unbedingt notwendig, da es der Verlag verlange.

Im Literatur-Betrieb oder im «Betrieb», wie wir eingeweihten Profis es formulierten, war der «Verlag» eine Instanz, die gottgleich über dein literarisches Schicksal entschied, denn der «Verlag» besass Papier, Tinte und Karton für den Buchumschlag und hoffentlich etwas Geld für dein Honorar, letztlich entschied der «Verlag», ob du zum «Betrieb» gehörst oder, ob du dazu verdammt sein würdest, deine Stories einer Gesellschaft von anderen dilletantischen Hobbyschreibern in einem Hinterzimmer vorzulesen.

Versonnen starrte ich durch das Glas, versuchte unter den Schirmen auszumachen, ob die Frauen gut aussahen, erhaschte aber einzig den fragenden Blick eines älteren Mannes, der es aber zu eilig hatte, um der Sache auf den Grund zu gehen, es kam mir seltsam vor, dem Hamsterrad aus Arbeit, Einkaufen und allerlei Besorgungen zu zusehen, von diesen Dingen war ich schon ziemlich lange weit entfernt, zwar kaufte ich mein Brot selber und konnte im Supermarkt auch selbstständig den teuren Wein aussuchen und an der Kasse gegenüber der Kassierin einen arschlochhaften Spruch zum Besten geben. Obwohl meine schriftstellerische Bedeutungslosigkeit in diesem Moment, an diesem Fenster kaum noch möglich zu steigern gewesen wäre, hatte die Zusammenarbeit zwischen meinem Agenten und dem Verlag es mir ermöglicht, ein Leben fern der Realität zu führen, während mich das einbrechende Buchgeschäft und dürftige Honorare mich von dem Konsumterror bewahrten, dem normale Menschen offensichtlich nur allzu leicht erlagen.

«Was machst ’n da?», fragte Mira, die an diesem Nachmittag die verlassene Bar hütete und gelangweilt und wütend ein halbes Paket Nikotin-Kaugummi kaute.

«Ich bin ein rückgratloser Sklave, ich muss ein Vorwort für mein Buch schreiben, es geht in die zweite Auflage.»

«Ein Sklave, aha!», sagte Mira und ging zurück zur Spülmaschine, sie war zwar an mein wirres Gefasel gewöhnt, doch schienen ihr die Leiden eines Schriftstellers, der den Luxus und die Musse hatte schon am Nachmittag in Bars rumzuhocken zu wenig ernst zu sein, als dass diese «brutalen» Umstände ihre Anteilnahme erforderten.

Vor dem Fenster hob erneut ein Mann seinen Schirm zum Gruss, offensichtlich starrte ich allzu auffällig auf die Strasse. Und wenn ich in den letzten Jahren auch nur irgendetwas einigermassen Bedeutsames gedacht oder geschrieben hätte, so hätte man es als auktoriales Beobachten des kleinstädtischen Alltags durchgehen lassen können, aber seit mich Carla verlassen hatte, da ihr unser Leben – das vor allem aus Pizza bestellen und überteuerten Wein trinken bestand – nicht mehr aufregend genug vorkam, hatte ich mich – soweit es überhaupt noch möglich war – noch weiter von der Schreiberei und diszipliniertem Nachdenken entfernt.

Richtig übelnehmen konnte ich es ihr nicht, während sie am Morgen zur Arbeit ins Spital eilte, um sich um das Leid richtiger Menschen zu kümmern, gamte ich sinnlose Spiele an der Playstation, bei denen sich künstliche Menschen mit allerlei Waffen beschossen oder es um völlig realistische Trips durch den entfernten Weltraum ging und manches Mal musste sie mich nach einer Schicht gar betrunken aus der Bar abholen, da ich dort den Nachmittag trinkend verbracht hatte und mir die Dinge etwas entglitten waren. Schlimmer als die grossen Sünden waren vielleicht die unzähligen kleinen Sünden, die zu einem mehr und mehr wachsenden Unverständnis führten.

Zwar sammelte ich fleissig die Menü-Zettel verschiedener Take Away-Lieferservices, sorgte dafür, dass Wein und Bier nicht ausgingen und war –wie gesagt – gut im frisches Brot besorgen, gleichzeitig jedoch kochte ich nie etwas, ausser ich lud meine Schriftsteller-Kumpels ein, was meist zu einem wüsten Besäufnis und einer tagelang nach Rauch stinkenden Wohnung führte und während Carla einer richtigen Arbeit mit Arbeitskollegen und allem nachging, hängte ich höchstens alle drei Wochen einen Post It-Zettel an den Kühlschrank mit einer Idee für ein Buch, die prompt nichts taugte, jammerte dafür umso mehr über meine künstlerischen Leiden und hörte ihr dafür nicht zu, wenn sie von ihrem Tag erzählte, während ich in Wirklichkeit nicht einmal daran dachte, meinen Laptop aufzuklappen, um auf dem Computer Worte in sinnvoller Reihenfolge aufzureihen.

Die Wahrheit. Die Wahrheit? Die Wahrheit war wahrscheinlich diejenige, dass ich mein Pulver verschossen hatte und mir nichts mehr einfiel, mehr und mehr entglitt mir die Literatur, die Notwendigkeit solche zu schaffen, da mir inzwischen das Kreuzfeuer einer um Beachtung ringenden Gesellschaft auf die Nerven fiel, nicht, dass ich jetzt Mira verachtet hätte, die vor der Spülmaschine gerade ein Selfie auf Insta, Tik Tok oder sonstwo veröffentlichte, es war der Zustand der dauernden, künstlichen Aufregung, die dazu führte, dass weder Künstler noch Politiker oder Wirtschaftsführer in der Lage waren, einen Gedanken ernsthaft zu verfolgen. Die Wahrheit war sicherlich, dass ich kaum anders war, was sollte man mit einem ernsthaften Gedanken, wenn da keiner mehr war, mit dem man einen ernsthaften Gedanken teilen konnte.

Die Wahrheit. Die schmerzhaftere Wahrheit war, dass ich mein Leben mit Carla für selbstverständlich gehalten hatte, nach einem mittelmässigen Erfolg mit einem mittelmässigen Roman, hatte ich es mir in einer Festung der Gleichgültigkeit bequem gemacht, die für Carla wiederum zu einem Gefängnis der Einsamkeit geworden war, aber hey, ich war doch derjenige, der den «Verlag» hatte, der ein Buch veröffentlicht und missglückte Lesungen vor etwa dreissig Personen abgehalten hatte.

Der Regen fiel grauer, gleichgültiger und der Abend dämmerte einfallslos und mittelmässig, die Leute in der kleinen Stadt suchten Parkplätze, überlegten sich, ob sie irgendwo essen gehen sollten oder, ob sie sich irgendeinen Superhelden-Scheiss auf Netflix reinziehen sollten, andere hatten den Helm abgesetzt, die Baustelle verlassen und mussten noch auf den Zug, wollten vorher aber noch ein Bier zischen, wieder andere begannen im schwächer werdenden Licht ihre Sorge zu ertränken und hofften, am nächsten Tag mit einem nicht allzu grossen Kater aufzuwachen. Immerhin, ein kleiner Moment des Vergessens, ein kleiner Moment der Leichtigkeit.

Auf meinem Zettel standen ein paar Worte hingekritzelt: «Die Absicht meines Romans <Die Metzgersmeisterstochter> geht es um irgendetwas» oder die Meisterleistung: «Alle guten Ukulele-Spieler stammen aus Hawaii». Da ich weder über Hawaii noch über die Ukulele wirklich viel nachdachte, waren diese Worte für ein Vorwort über einen Roman, in dem es um einen unmusikalischen Schweizer Metzger und seine Tochter, deren Musikalität nicht näher beschrieben wird,  überraschend, doch machte ich mir keine Illusionen: Mira würde keine Ahnung haben, wo Hawaii ungefähr lag, noch würde sie wissen – oder wissen wollen – was man mit einer Ukulele überhaupt machte.

«Weisst du, was eine Ukulele ist?»

Mira zweifelte: «Du bist schon wieder betrunken?»

«Nein, ich wollte bloss eine interessante Frage stellen …»

«Na, dann lass dir vielleicht etwas Besseres einfallen, aber ich kann jetzt nicht sagen, dass ich jetzt gerne Ukulele hören würde, oder drüber nachgedacht hätte, aber vielleicht du, als Schriftsteller, du musst dich um solchen Quatsch kümmern, den kein Mensch wissen will.»

«Hast du eine Ahnung, was ein Schriftsteller so will?», fragte ich Mira zurück, aber an einen kleinen Tisch hatten sich Gäste gesetzt und sie hatte hatte zu tun, bevor ich erklären konnte, dass ich zwar auch nicht viel Ahnung hatte, was Schriftsteller so tun sollten, aber dass es wohl kaum sehr viel mit Hawaiianischen Ukulele-Musikanten zu tun hätte.

Zurück zu meinem Vorwort: Agent Adrian hatte vorgeschlagen, ich solle mit etwas Spritzigem, einem Witz beginnen und dann meine ernsthaften auktorialen Anliegen darlegen, seltsam, dass ausgerechnet er das vorschlug, nachdem ich bei meinem letzten Job, eine «spritzige» erotische Story für eine Anthologie zu schreiben völlig versagt hatte, in der Geschichte schien ich ein Typ zu sein, der von weiblichen Rücken besessen war und das erst noch in verschiedenen Städten, wie London, Paris oder Budapest und als mir der Stoff ausgegangen war, griff ich logischerweise auf einen Handrücken in Berlin zurück, kein Wunder war die Geschichte, in der die Leute einen manchmal verschwitzten Rücken, aber kein Gesicht und keinen Charakter hatten, zackig vom Verlag abgelehnt worden.

Der Verlag. Ja, so ein Verlag das waren Leute mit guten Ideen, Ideen, wie eben derjenigen eine «spritzige erotische Anthologie» mit einem literarischen Feigenblatt zu versehen, auch wenn es nur von einem abgehalfterten und längst vergessenen Schriftsteller stammte. So ein Verlag beschäftigte viele gescheite Leute, die lange etwas sehr Kompliziertes studiert und Arbeiten mit komplizierten, unverständlichen Titeln wie «Symbol und Tabu in der Linguistik der Renaissance» geschrieben hatten, was ihnen die Gelegenheit gab, endlose Diskussionen mit ihren Tutoren zu führen und schliesslich auf völlig unverständliche Weise Geschichte, Psychologie und Kunstgeschichte völlig willkürlich zu vermischen und sich nach Beendigung des Werks in der Kneipe wichtig zu machen.

Eine normale Tätigkeit kam für diese Leute nach einer solch unmenschlichen Anstrengung natürlich nicht mehr in Frage, darum landeten sie meist in einem Verlag oder im Korrektorat einer Zeitung, für diese Leute kam es auf schwer verständliche Weise nicht in Frage, selbst einen Artikel zu schreiben oder eine Kurzgeschichte im Hinterzimmer den anderen Dilettanten zu präsentieren, etwas selbst zu tun, war für sie beinahe eine Beleidung, wenn sie danach gefragt wurden, warum sie nicht selbst etwas schufen, reagierten diese Leute mit der Verwunderung der Unschuldigen: Sie hatten nicht vor, die Reinheit der Sprache, deren Komplexität nur sie im Griff hatten mit einem realen Werk zu beschmutzen.

Mit der Zeit wurden diese Leute Bürofürze, die eifersüchtig «die Sprache» bewachten und mehr und mehr als Existenzberechtigung jene Verachtung verstanden, die sie den Schriftstellern, Journalisten und allen anderen Idioten, die versuchten etwas zu schreiben, entgegenbrachten. Bei einem Verlag gab es ausreichend Gelegenheiten, die armen Autoren zu demütigen. Ein wichtiger Teil des Prozesses war dabei die Ablehnung von Manuskripts, die vor allem auf Nichtbeachtung basierte. Gelang es dem verunsicherten Schreiberling endlich die Aufmerksamkeit eines Verlegers zu erregen, folgte ein schwieriger Tanz um den heisssen Brei, zwar hatte die bemitleidenswerte Künstlerin sorgfältig ihr Werk geschaffen, doch galt es nun das Thema zu hinterfragen, Vielbeschäftigkeit vorzuschützen und möglichst hochnäsig zu verstehen zugeben, dass dieses Körnchen Aufmerksamkeit bei einem solchen Stress im Verlag schon ein Glück vergleichbar nur mit einem Lottogewinn sei. Dazu gehörten dramatische Seufzer, die andeuteten, dass es beinahe unmöglich sei, dass das Manuskript etwas tauge.

In dieser ersten Phase war es auch noch sehr wichtig auf viel erfolgreichere Schreiber hinzuweisen, diese waren meist seit Jahren etabliert und hatten wahrscheinlich mit jemandem geschlafen, da ihre Bücher sogar beworben wurden.

«Martin Suter, einfach toll, tolles Handwerk, sehr edel geschrieben.»

Kein Witz, an einem Empfang zur Veröffentlichung der «Metzgersmeistertochter» in den Büros des Verlages rutschte dieser Schwachsinn ausgerechnet meiner Lektorin raus. Das zarte Champagnerglas wäre mir beinahe aus der Hand gerutscht, der Boden schien kurz nachzugeben – kein Witz – so als würde der Allmächtige eine solche Dummheit mit einem kleinen Erdbeben bestrafen.

Nichts gegen Martin Suter. Er war reich und berühmt, aber keine besondere Bereicherung für die literarische Welt, dieser Mann schrieb Kochrezepte komplizierter Gerichte in Prosaform auf und auf gewisse Weise musste man sagen, dass das traurig, deprimierend, sehr deprimierend war, dass die Welt offensichtlich so vollgefressen, übersättigt war, dass das Publikum Stories darüber las, wie man einen selten teuren Pilz auf möglichst bescheuerte Weise garkochte.

In der nächsten Phase der Buchproduktion geht es darum auf haarspalterische Art möglichst die Absichten des Schriftstellers zu verwässern und ihn mit schlimmen Gefeilsche, um Worte, Satzstellungen und Passagen kleinzukriegen, so dass er dank des zunehmenden Überdrusses in der Auseinandersetzung mit dem immer gleichen Kram, mehr und mehr bereute, je einen Bleistift angefasst zu haben und auch nur ein Wort auf einen Einkaufszettel gekritzelt zu haben.

So bald all das vorbei ist und das Buch aus der Druckerei kommt, folgt die Kehrtwende: Jetzt ist es der Verlag der dieses «vielversprechende literarische Werk» auf heldenhafte Art entdeckt hat und auf selbstlose Weise die Schriftstellerin oder den Schriftsteller unterstützt hat, jetzt ist die Zeit des Schulterklopfens, der Gratulationen und geheuchelter Bewunderung angebrochen, doch gleichzeitig ist dabei klar, dass du eben doch nicht derjenige warst, der etwas Bahnbrechendes über die Renaissance geschrieben hat. Das hat Martin Suter zwar auch nicht, aber wen kümmert’s?

In der Bar wartete Mira gelangweilt auf den Schichtwechsel, zwar bekam sie allmählich mehr zu tun, da der Feierabend die Leute zum Apéro trieb, die Stimmung wurde etwas ausgelassener, doch Mira hatte nach sieben, acht Stunden des Getränke-über-des-Tresen-reichens die Nase voll. Dazu fehlte ihr die Raucherei, sie fluchte im Vorbeigehen: «Diese Nikotin-Dinger nützen einen Scheiss, sie machen den Tag nur länger.»

Auf den Vorwort-Zettel hatte ich nun noch ein elefantenartiges Tier gezeichnet, was nicht weiterhalf, obwohl die Antwort auf der Hand lag. «Die Metzgersmeistertochter» erzählte von der Auseinandersetzung von einem verwitweten Metzger und dessen Tochter, die ihm in der immer schlechter laufenden Metzgerei aushalf, obwohl sie rohes Fleisch, das Geschrei der Tiere beim Schlachten und vor allem den Geruch nach Blut und Eingeweiden der das Haus durchdrang hasste. Sie war solidarisch, half aus, die geschäftlichen Schwierigkeiten nahmen überhand, je mehr Fleischfabriken ins Spiel kamen und Shopping-Tempel kleine Läden verdrängten. Die Tochter kämpfte mit sich: Obwohl sie es gerne gehabt hätte, wenn die Metzgerei dicht gemacht hätte, blieb sie an der Seite ihres Vaters, zersägte Rindshälften, schnetzelte Leber und kämpfte mit dem Würgereiz. Es war die Geschichte alltäglicher Sorgen, innerer Kämpfe und Zerrissenheit und ich war so abgehoben, dass ich das nicht einmal mehr in einem Vorwort erklären konnte.

Das ist es, was bleibt von einem regnerischen Tag, der länger und länger wird, wenn du nicht rauchst, die schreckliche Wahrheit um die kleinen Dinge, die Carla dazu gebracht hatten, mich zu verlassen und ganz am Schluss kann ich Ihnen in diesem Vorwort nur danken, dass sie sich noch für eine kleine Metzgerei interessieren, die es schon lange nicht mehr gibt.

Foto: Alex J./ Unsplash

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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