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HAF – High mit Darts

«Hast du das wirklich gesagt, musste das denn jetzt sein?»

«Naja, ich war etwas irritiert, die haben bevor ich dran war, stundenlang über Darts gesprochen und dann ist es einfach aus mir herausgekommen, ich weiss auch nicht, warum?»

Die Mienen im Fernsehstudio waren düster geworden, die Moderatorin, die mir ganz gut gefallen hatte, war wortlos aufgestanden, verfolgt von einem Techniker, der meinte, sie müsse das Funkmikro dalassen. Im Schminkraum wurden mir die Feuchttücher wortlos in die Hand gedrückt, offensichtlich musste ich mir die weisse Pampe selbst vom Gesicht wischen. Im Vorraum des Studios grinste mich Carla – die mir den Gefallen erwiesen hatte, mich zum Interview zu begleiten – immerhin an und war auch bereit, mit mir zu reden, obwohl ich gerade «Sport als überflüssige und lächerliche Bespassung in der Überflussgesellschaft» bezeichnet.

Tapfer hatte Moderatorin Oceana Ueberwasser, von der ich gerne gewusst hätte, ob sie sich in der Schule viele «Wasserwitze» hatte anhören müssen, mit gut gepflegtem Graubündner Akzent versucht, das Gespräch zurück auf mein Buch zu lenken. Vielleicht waren es die Scheinwerfer, vielleicht der Joint, den ich vor dem Studio reingezogen hatte, aber ich geriet nur noch mehr in Fahrt. So beschimpfte ich die Protagonisten der Vorgängersendung, die versucht hatten, den Reiz von Darts zu erklären, als wohlstandverwahrloste Schnösel, die mit einer idiotischen Aktivität die Zeit nahezu brutal zu Tode schlagen würden.

Dann driftete ich endgültig ab, anstatt Werbung für die zweite Auflage der «Metzgersmeistertochter» zu machen, hob ich zu einem geschichtlichen Exkurs an, vor allem darüber, dass Sport bis im 18. Jahrhundert eine Beschäftigung von reichen, adligen Schnöseln gewesen sei, die sonst einfach nicht genug zu tun hatten und sich aufs vom Stallburschen gesattelte Pferd hockten, so dass sie beim Crickett nicht einmal selbst rennen mussten. Ob sie wisse, fragte ich Oceana Ueberwasser, dass Darts in den 1980ern vor allem eine Ausrede gewesen sei, sich im Pub zu betrinken, da ihnen der Thatcherismus ja die Jobs gestohlen gehabt hatte. Es sei geradezu ein Wunder, dass sich die vielen Besoffenen nicht gegenseitig mit den kleinen Pfeilen erschossen hätten.

Oceana schüttelte verzweifelt den Kopf, versuchte einen Scherz darüber, dass Schriftsteller, vor allem so tolle Autoren, wie ich einer sei, eben die Welt etwas anders sahen als weniger intellektuelle Menschen. Die Lichter waren zu hell, das Lächeln von Oceana künstlich und ich kriegte die Kurve einfach nicht mehr. Auf mein Buch angesprochen erklärte ich, dass der Metzger kaum Zeit und Energie für so etwas Sinnloses wie Sport gehabt hätte. Im Gegenteil, nach der harten Arbeit in der Schlachterei sei dieser wohl eher froh gewesen, endlich die Beine einmal hochlegen zu dürfen.

Ehrlicherweise hatte ich in dem Moment zum ersten Mal darüber nachgedacht, ob der Typ Sport mögen würde oder nicht. So wie ich ihn sah, hätte er allerdings gut Fussball an der Glotze schauen können, nicht ausgeschlossen, dass er mit seiner Tochter durchaus auch das Stadion der kleinen Stadt besucht hätte, um ein Spiel zu sehen. Mein Metzger war ein Mann aus dem Volke, ein Handwerker, dessen Kunst allmählich ausstarb, da Tierfabriken und industrielle Schlachthöfe mehr und mehr seinen Job übernahmen. So gesehen war es wahrscheinlich, dass er zwischendurch abends mal Ronaldo und Messi beim Spielen zusah.

Draussen vor dem Studioturm zündete ich mir erst einmal eine an, der Wind fuhr durch Carlas Haar und sie frisch und gesund aus, während ich traurig dachte, dass sie wohl nie mehr zu mir zurückkäme, obwohl sie mich immer noch ein bisschen mochte. Auf einer Projektionssäule vor dem Eingang lief der Trailer zu meinem Interview: Da sah ich etwa nachdenklich auf den Rhein, schrieb auf völlig gekünstelte Weise eine Widmung in ein Buch und schliesslich –oh Überraschung– kritzelte ich an meinem Schreibtisch «Ob la di ob la da» auf einen Block. Naja, das war alles ein bisschen unheimlich und nun würde sehr wahrscheinlich niemand mein Buch kaufen.

«Meinst du, sie können das rausschneiden?», fragte ich Carla, die mir die Zigarette aus der Hand genommen hatte, um einen Zug zu nehmen.

«Da müssen sie aber scheissviel rausschneiden.»

«Scheissviel, was ist denn das für ein Wort?»

Sie sah mich an und in ihren Augen lag ein unterdrücktes Lachen: «Das macht dir jetzt Sorgen, ob <scheissviel> ein Wort ist oder nicht? Immerhin hast du fast alle Leute beschimpft, die irgendwas mit Sport zu tun haben und das sind viele.»

Ich nahm die Zigarette zurück. «Die Sache mit den Darts hat mich verwirrt, diese Fettsäcke, die ihre Pfeile in der Gegend rumpfeffern, auf unverständlicherweise Punkte zählen und sich noch als Atlethen sehen … Das war einfach zu viel für mich. Wie kam man bloss einen Film über so was drehen. Wer kommt auf eine solche Idee?»

Carla meinte, sie sei ja keine Schriftstellerin, aber sie frage sich, wo ich gelebt hätte, es müsse mir doch klar sein, es gebe über jeden Quatsch einen Film und falls nicht, so würden ihn die Leute heute selbst auf Youtube stellen. Ein Widerspruch den sie sehe, sei auch, dass ich Stunden damit verbrächte, Videospiele zu spielen anstatt endlich wieder einmal etwas Brauchbares zu schreiben. Sie biss sich auf die Lippe, es war ihr nicht recht, mich kritisiert zu haben und ich erkannte, dass sie glücklich war und deswegen niemandem, nicht einmal mir, an den Karren fahren wollte.

Mit den Videospielen hatte sie ganz recht, mit der Nichtschreiberei auch, einen Augenblick war ich sprachlos, nur um mich auf der Projektionssäule in Grossaufnahme zu sehen, zwar gab es vor dem Studioturm keinen Ton, doch ich wusste ja, dass ich ein Wahnsinniger war, der die englischen Adligen beschimpfte, weil sie Polo spielten und die Arbeitslosen dafür, dass sie arbeitslos waren und deswegen Zerstreuung suchten, auch wenn diese nicht die Intelligenteste sein mochte. Das mit den Adligen ging ganz in Ordnung, aber die Arbeitslosen …

«Es ist ja wahr, ich habe Mist gebaut, ich hätte …»

«… du hättest nur über dein Buch sprechen müssen, sie hat dich danach gefragt. Verzweifelt, immer wieder, aber du konntest nicht aufhören.»

«Wusstest du, dass sie Oceanna Ueberwasser heisst, ist das nicht lustig?»

«So etwas könnte ein Erfolg für dich sein. Immerhin bekommst du Beachtung.» Sie meinte, ich solle uns noch eine anstecken, sie wolle noch ein paar Züge nehmen und müsse dannn zur Spätschicht im Krankenhaus.

Aus dem Studio strömten verschiedene Leute auf ihre Velos oder auf die Strassenbahn zu, es wurde früh dunkel und niemand wirkte wirklich zufrieden, was aber nicht weiter auffällig war. Vielleicht hätte es eine Zeit gegeben, vielleicht war sie nicht einmal lange her, da hätte ich Carla erklären können oder dürfen, dass ich etwas Mühe mit einer Welt hatte, in der eine Sendung über Darts fast eine Stunde dauerte, während Kultur vom Opernhaus über Literatur knappe zwanzig Minuten bekam.

Es war nicht so, dass mein Buch erfolgreich oder besonders gut gewesen wäre und doch war es schwierig in viereinhalb Minuten zu erklären, wer ich war, was ich damit beabsichtigt hatte und warum man es lesen sollte. Dafür zogen dann die Darts-Typen mit ihren Pfeilen am eigens angefertigten Gürtel zehn Minuten vom Leder, warum sie kleine farbige Pfeile auf eine runde Scheibe donnerten und warum dies für sie zu einem bedeutungsvollen Lebensinhalt geworden war.

So rauchten wir noch einen Moment, Carla sah hoch auf die Uhr des Bahnhofs nebenan und meinte, sie müsse sich langsam beeilen. «Langsam beeilen», früher hätte ich das nicht durchgehen lassen, aber Wortklaubereien halfen hier nicht weiter. Nachdem ich ihr einen Moment lang zugesehen hatte, wie sie auf ihrem Fahrrad in der Dämmerung ihrer Spätschicht als Krankenschwester entgegenfuhr, rammte ich meine Hände in meine Taschen, um schliesslich etwas ziellos vom Studioturm und der Projektionssäule wegzugehen. Viel blieb nicht zu sagen. In einer Welt, die dauernd auf Sendung war, die Konsum, Sex und sonst jeden Quatsch dauernd optimierte, blieb das Kantsche «Ding an sich» ein schwacher Trost: Gleichzeitig war es in einer solchen Epoche wohl egal, ob du – um dich selbst zu erhalten –Pfeile auf eine Scheibe an der Wand wirfst oder versuchst, Wörter aneinanderzureihen.

Foto: Unsplash

   

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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