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High mit Chef Gaston: «Le Chef» (I)

Das Filmstudio lag im Hinterhof eines Hochhauses, ausser einem Übertragungswagen gab es auf dem leeren Parkplatz vor dem Eingang nichts zu sehen, ich rauchte auf einem gesichtlosen Hinterhof in der kleinen Stadt und Chef Gaston als Star des Werbespots, der hier abgedreht werden sollte, war spät dran. «Le Chef» selbst hatte darauf bestanden, dass ein Autor beim Dreh anwesend sein müsse, falls etwas an seinem Text verändert werden müsste. Da ich nach dem Flop der zweiten Auflage von der «Metzgersmeistertochter» in Geldschwierigkeiten steckte, konnte ich einen bezahlten Job nicht ablehnen.

Die Supermarktkette «Poldi» hatte sich vorgenommen, mit der Marke «Chef Gaston» im «Effizienz-Food-Bereich» weitere Marktanteile zu erobern. Du musstest über keinen kompliziert klingenden Abschluss einer Fachhochschule verfügen, um die Idee der Poldi-Marketingfritzen zu verstehen: Chef Gaston als vermeintlicher, französischer Gourmet-Koch sollte Savoir Vivre ausstrahlen, höhere Preise der Produkte sollten durch die Anlehnung an die französische Küche gerechtfertigt werden.

Wie gesagt, mir war keine Wahl geblieben: Ich hatte schlicht das Geld gebraucht, obwohl es mich noch heute würgte, dachte ich an das «Boeuf Bourguignon», das man mir zu Recherchezwecken zugeschickt hatte. Offensichtlich hatten die Marketing Leute von Poldis übersehen, dass gräuliche Erbsen in einer bräunlichen Plastikschale begleitet von grauen Fleischbrocken und matschigen urinfarbigen Kartoffeln schon beim Auspacken des Gerichts Brechreiz auslösten.

Da sich die Poldi-Gigamärkte keinen echten «Chef» leisten wollten, der ihnen Franchisekosten hätte berechnen können, stellten sie stattdessen mich an, um die «Back-Story» des «leidenschaftlichen Chefs und Lebemanns» zu erfinden, während Produktentwickler das Produkt kreiirten. Der Gedanke an den Slogan: «Sein Leben ist die Cuisine» liess mich schon wieder leicht würgen, naja, vielleicht hätte ich einfach frühstücken sollen, bevor ich hierher kam. Stattdessen steckte ich mir noch eine an, um die Zeit zu vertreiben.

Der Eingangsbereich des Studios lag ruhig und dunkel da, die Empfangsdame, die mich begrüsst und meinen Namen auf einer Liste eingetragen hatte, war im Innern des Gebäudes verschwunden. Anna-Lara und Max-Bert, meine Auftraggeber und die Marketingmenschen von Poldi, waren nirgendwo zu sehen, sie schienen ebenfalls nicht erpicht darauf zu sein, mich so schnell wiederzutreffen. Mein Fehler, konnte gut sein, dass ich nach ein, zwei Flaschen Chianti einige Mails verschickt hatte, in denen Worte wie «Schwach- oder Wahnsinn» wiederholt vorgekommen waren.

«Ein Knaller, es muss ein Knaller sein», hatte Max-Bert am Poldi-Konferenztisch vor zwei Wochen gesagt. Auf dem Tisch war selbstverständlich kein Aschenbecher und das erst noch in einem Raum, in dem das stärkste Getränk Wasser ohne Kohlensäure war.

«Ja, ein Knaller und Action!», bestätigte Anna-Lara und ergänzte, es brauche ein ausdauerndes «Brainstorming». Max-Bert murmelte fasziniert: «Wie bei Jamie Oliver, wie bei Jamie Oliver». Er meine damit, es brauche «Action» wie beim Engländer, als ob die Aussage, wenn man sie nur einmal ausspräche schwierig zu verstehen  wäre.

«Es muss aber elegante Action sein, Action, die dem gehobenen Segment entspricht», stellte Anna-Lara klar und Max-Bert nickte begeistert.

«Es muss der Zielgruppe entsprechen», bekräftigte Anna-Lara. Mochte sein, die junge Frau, sie war vielleicht knapp dreissig, war etwas zugeknöpft, aber ich mochte sie, obwohl sie immer fröhlich und ausgeschlafen war. Max-Bert dagegen wirkte etwas komplexer: Er gab sich Mühe die obligate Oberflächlichkeit des entschlossenen Marketingmenschen klischeehaft zu verkörpern, trotzdem schlichen sich manchmal Zweifel in seinen Blick und ganz so ausgeschlafen war er auch nicht immer.

Geschlagene zwei Stunden – bis sie endlich an ein weiteres Meeting mussten – hockten wir im Konferenzraum und die beiden strotzten vor Begeisterung und dieser Art Pseudo-Kreativität, die mich trotz meinen drängenden finanziellen Sorgen fast hätten davonrennen lassen. Begeistert schrieben sie abwechselnd Worte wie «Miami» oder «Inspiration» auf eine Flip Chart, um dann vorwurfsvoll zu fragen: «Willst du nichts aufschreiben?»

«Nein, nein, lasst nur, ich denke noch über Miami nach, das ist doch nicht in Frankreich?»

Anna-Lara biss sofort an: «Aber sieh mal, Miami ist hell, ist dynamisch, da gibt es Flamingos …»

Vielleicht gab es in Miami Flamingos im Zoo oder in der Eingangssequenz von Miami Vice, dennoch konnte ich es nicht lassen: «Soll die Reihe des Chefs denn Flamingofrikassee anbieten?»

Sie wurden einen Moment still, ordneten peinlich berührt ihre Designerklamotten, um sich dann zu fragen, wer einen solch miesepetrigen, alten Furz angestellt hatte, um solch eine dynamische und moderne Produktelinie zu entwerfen. Selbstverständlich war «Miami» nicht der Höhepunkt der Kreativität, dieser kam mit den Drehbüchern der Werbespots der Agentur, die ich mit «dem speziellen Chef Gaston Stallgeruch» ergänzen sollte.

Zu den unglücklichen Mails führte dann jene Szene, bei denen der Chef mit weisser Chefkochhaube und Beef Bourguignion mit dem Fallschirm aus einem Hubschrauber springen und dabei natürlich auch gleich noch einen Salto schlagen sollte. Kann gut sein, die beiden hatten an der Fachhochschule, an der sie beide irgendein Diplom mit einem blumig bombastischen Titel, wie «Master Of Consumeroriented Skill Marketing» erworben hatten, nicht gut aufgepasst, darum hatten sie verpasst, dass der Fallschirmsprung in jeden Werbespot hineingeflickt wurde, wenn nur das Budget reichte. Zeitgemässer Wagemut, Risikobereitschaft und Action waren dabei die beliebig austauschbaren Schlagworte, die man als Werbeagentur den Kunden nach dem dritten Glas Champagner verklickerte. Ein Sprung aus dem Hubschrauber passte für Kreditkarten, Eau de Toilette, Autos und jetzt offensichtlich auch für gräulichgrünes Essen.

Fachhochschule hin oder her, ich hätte die Mails nicht senden sollen, wahrscheinlich hatte ich einfach zu viel getrunken gehabt, um es mir verkneifen zu können, sonst hätte ich gespürt, es  würde sowieso nichts nützen. Immerhin hatte ich von Anna-Laras Visitenkarte gelernt, es gab einen Titel wie «Master Of Consumeroriented Skill Marketing» oder kurz und leicht greifbar «MOCSM» abgekürzt.

Plötzlich kam Bewegung auf den Parkplatz vor dem Studio, vielleicht hätte ich Fleiss vortäuschen, meine Zigarette ausdrücken und hineineilen sollen, um zu zeigen wie scharf ich darauf war, endlich den ersten Chef Gaston-Werbespot abzudrehen. Da nichts weniger der Wahrheit entsprach, blieb ich leicht fröstelnd im Schatten des Hochhauses stehen und sah zu wie die Taxis vorfuhren. Ziemlich zackig stiegen die Anzugträger der Werbegentur und die Leute von Poldi-Gigamarkt aus den Autos. Gespannt wartete ich auf Chef Gaston, zwar war ich derjenige, der dessen Lebensgeschichte wohl am besten kannte, beim Casting war ich jedoch nicht dabeigewesen und war darum gespannt, wie Chef Gaston, dieser Feinschmecker und Lebemann, dieser aufopferungsvolle Sternekoch denn aussehen würde.

Voller Tatendrang stürmten die Anzüge auf den Eingang zu, die Empfangsdame hatte im Foyer unterdessen Licht eingeschaltet und die Leute trugen begeistert ihre Namen in die Besucherliste ein. Ich war sicher, sie hatten alle tolle Abkürzungen auf ihren Visitenkarten, die sie in die mittlere Kolonne eintragen konnten, während ich nur ein verzweifeltes «Autor» hinter meinen Namen gesetzt hatte, weil es mir zu anstrengend vorgekommen war, das längere «erfolgloser Schriftsteller» hinzuschreiben.

Zuerst dachte ich, es sei das Hochhaus, der düstere Schatten, der alles kleiner wirken liess, als es war. Der zweite Blick liess mich beinahe den vollständig heruntergebrannten Zigarettenstummel verschlucken: Viel hätte nicht gefehlt und Chef Gaston wäre ein echter Zwerg gewesen. Der Darsteller des Gourmets und Lebemannes, der seine steile Laufbahn als Tellerwäscher in den düsteren Hafenkneipenküchen Marseilles begonnen hatte, war nur ein bisschen grösser als ein Hobbit. Klar, die Chefkochhaube würde ihn grösser erscheinen lassen und auch wenn etwa Tom Cruise nicht der Grösste war und Kamerawinkel viel ausmachen konnten, so blieb unklar, warum die Anzugträger ausgerechnet einen kleinwüchsigen Fettsack für die Lancierung einer edlen Gourmetmarke ausgesucht hatten.

Es gab Brands, wie etwa derjenige mit dem gutmütigen Grossvater, dessen Glatzkopf auf der Packung sagen sollte, dass Zeug sei hausgemacht, das Grinsen eines Opas funktionierte auch für überteuertes Olivenöl und andere Spezialitäten. Schwerer zu verstehen dagegen, wie eine Fertiggericht-Reihe mit einem pummeligen Zwerg neu lanciert werden sollte.

Und hier kam die nächste Überraschung, ich fummelte gerade an meinem unmodischen Jackett herum, um das zweite Päckchen Glimmstengel hervorzukramen, das sich irgendeiner Tasche versteckte, als der Kleine, der sich gestreckt, gegähnt und umgesehen hatte, auf mich zukam und sagte: «Hai una sigaretta per favore?»

«Si, si», stammelte ich und nestelte weiter an meiner Jacke herum.

«Guarda nella tasca della giaca», sagte Chef Gaston unbeirrt auf italienisch und deutete auf eine Seitentasche meines Jacketts. Anstelle eines grossen, eleganten, französischen Feinschmeckers war Chef Gaston ein dicklicher, gutmütiger und durchaus fröhlicher Italiener.

«Ah, oui, parlez vous francais?», fragte ich und hielt ihm die Zigaretten unter die Nase.

«Francese, no, no», grinste er und hielt mir sein Feuerzeug mit einem sonoren «Grazie» hin.

«Io sono l’attore dell chef», meinte er selbstbewusst, zuckte mit den Schultern, weil ich nicht sofort begeistert reagierte, zog noch einige Züge runter, warf die Zigarette und stolzierte ins Studio hinein, so wie es nur kleine Leute tun konnten.

Ungläubig sah ich ihm hinterher: Was war bloss aus Miami geworden? Oder aus dem ehrgeizigen Waisenjungen, der sich in den engen Gassen von Marseille aus der Liebe zur Küche zum Top-Koch hocharbeitete. Dann kamen noch die Life Style-Elemente dazu, Chef Gaston kochte sich endlich nach Paris, dort entwickelte er mit viel Mehl und Rotwein sein legendäres Boeuf Bourginion, Geld lockte ihn nicht, so dass er lange und leidenschaftlich nur ein kleines Bistrot betrieb, das ganz den Gaumenfreuden und der klassischen französischen Küche gewidmet war. Die Wartezeit im fiktiven Restaurant betrug mehrere Monate, kein Problem: Da in Paris selbst das letzte Rattenloch den unwissenden Touristen eine wochenlange Wartezeit für eine Reservation vorgaukelte, würde die kleine Lüge nie jemandem auffallen.

«Le Chef» war nicht von Schicksalsschlägen verschont geblieben: Wie in jeder guten Seifenoper hatte er in Marseille Amanda kennengelernt, sie war es gewesen, die dem Chef erst richtig Schreiben und Lesen beigebracht hatte, da er als armer Waisenjunge ja in der Küche hatte Teller abwaschen müssen, statt die Schule besuchen zu dürfen. Chef Gaston hatte Amanda, die immer von seinem Talent und seinem überaus empfindlichen Gaumen überzeugt gewesen war, über alles geliebt, doch leider starb sie jung. Ja, er hätte für Amanda sogar bei der Fremdenlegion unterschrieben, als sie einmal Mühe hatten, die Kohle für die Miete aufzutreiben.

Obwohl es Chef Gaston äusserst schwer fiel, seinen Schmerz über den Verlust von Amanda, die ihre Krankheit bis zum Ende tapfer ertragen hatte, zu überwinden, baute ich vor der Playboy- und Lebemann-Phase noch einen kleinen Plotpunkt ein, der nicht viel mit Essen und der Marke «Chef Gaston» zu tun hatte, wahrscheinlich waren einfach die Pferde mit mir durchgegangen. Immerhin brachte ich es mit dem «Boeuf» in Verbindung. Vor dem Durchbruch des Chefs in der französischen Hauptstadt, auf der unermüdlichen Suche nach neuen Spezialitäten fand Chef Gaston seine Mutter im Burgund. Und sie war es, die ihn zum Boeuf Bourguignon-Propheten machte, da sie ihm auf Sterbebett das unwiderstehliche Rezept anvertraut hatte.

Dazu zu ergänzen ist allerdings auch noch, dass damals marketingtechnisch noch nicht klar gewesen war, welches das erste Gericht sein würde, das lanciert werden würde, so dass seine wiedergefundene Mutter von Meeresfrüchten über Zwiebelsuppe oder Salade Nicoise ihm alles auf dem Sterbebett hätte mitgeben können. Sogar einen Abschnitt über Stockfisch-Püree hielt ich bereit, obwohl ich sicher war, dass ich ein Gericht mit diesem Namen nie essen würde. Das alles spielte keine so grosse Rolle, für die Storyline war einzig wichtig, dass der Chef jahrzehntelang in der Küche seines eigenen Bistrots seine Angestellten mit bescheuerten Details, die er natürlich «Kreationen» nannte, quälte, um sich nach einem achtzehnstündigen Arbeitstag in der Küche auch noch die Gesellschaft von Supermodels und anderen Halbprominenten zu gönnen.

Zum Konzept der Poldi Gigamärkte-Märkte gehörte es, Schritt für Schritt ein bisschen mehr von Chef Gaston zu erzählen und so eine Marke zu schaffen, die den Konsumenten «in einer immer anonymeren Welt» persönlich ansprach. Ernste Zeitgenossen hätten darauf hingewiesen, dass die Poldi Gigamärkte-Märkte auf den Eckpfeilern Anonymität und Geldgeilheit aufgebaut waren, so dass ein personalisiertes Fertiggericht kaum die Probleme einsamer Menschen in einer «immer anonymeren Welt» lösen würde. Und jeder, der das gräulich, grüne Zeug im braunen Plastikbehälter sah, würde sich sofort wünschen ohne Fallschirm aus dem Hubschrauber geworfen zu werden, nur um die Pampe nicht essen zu müssen.

«Französische Küche», «Eleganz» und sogar «Miami» waren die Schlagworte gewesen, mit denen die Poldi-Gigamärkte für die Fertiggericht-Reihe «Chef Gaston» hatten werben wollen, daran erinnerte ich mich ziemlich genau, als ich mich im Studio neben den Regisseur setzte, die Anzüge von der Werbeagentur, veranstalteten etwas weiter hinten bei den Scheinwerfern und dem Mischpult für den Ton etwas, was sie einen «Huddle» nannten, dass bedeutete wohl, sie redeten nochmals über alles, worüber sie schon endlose Male geredet hatten, nur dass ein «Huddle» eben so spontan und lösungsorientiert war.

Im Studio hatten sie für Chef Gaston einen riesigen Herd aufgebaut, daneben standen verschiedene Tische, auf denen das Boeuf Bourginion in verschiedenen Stadien der Entstehung zu sehen war. Wenn es mir recht war, so sprühte eine Food-Designerin gerade Haarspray auf das normalerweise graugrünliche Gericht, um es appetitlicher aussehen zu lassen. Einige Augenblick früher hatten sich die Kameraleute und der Tontechniker darüber gefreut, dass leichtbekleidete Models bei der Lichtprobe kurz ihre Bademäntel abgelegt hatten.

Die Mädels wirkten selbstredend nicht wie Leute, die besonders gern und viel assen. Warum die sehr dünnen, sehr jungen Frauen ausgerechnet eines der schwersten Gerichte der Welt, angerichtet mit viel Fett, Wein und Mehl im Bikini verzehren sollten, würde ein Rätsel bleiben, auf das nur ein Werbe-Profi die Antwort kennen konnte. In der Werbung blieb der Glaube stark: Leichtbekleidete Leute, am liebsten mit eingeölten, schimmernden Körpern, funktionierten einfach immer, ausser vielleicht für Babybrei.

Vor dem «Huddle», dem «Haufen» schaffte ich es bei Max-Bert nachzufragen, warum sie einen kleinwüchsigen Italiener engagierten, um einen eleganten französischen Gourmetkoch darzustellen, zu allem Überdruss noch einen Italiener, der kein Wort französisch sprach. Max-Bert rückte seine offensichtlich eigens für den Dreh gekaufte Krawatte zu recht, woraufhin ich ihn anschleimte: «Tolle Krawatte, wirklich, ganz toll. Aber im Ernst, was habt ihr euch nur dabei gedacht, der Mann hier ist ein Italiener?»

Er sah mich zweifelnd an, wollte schon fragen, ob ich schon wieder betrunken sei, doch dann sagte er mit einem Blick mit dem man widerspenstige Kinder beglückte: «Wir haben es dir noch gar nicht gesagt: Die Holding von Poldi hat einen italienweiten Vertriebsdeal abgeschlossen, wir werden <Chef Gaston> in ganz Italien verbreiten.» Offensichtlich wollte Poldi die italienische Küche ruinieren.

Nach der E-Mail-Sache bei der ich mich darüber aufgeregt hatte, dass ein Koch mitsamt weisser Chefkochhaube einen Salto aus einem Hubschrauber machte, hatte ich mich nicht mehr länger gefragt, was in den Werbespots vorkommen würde, so dass ich den Regisseur, der neben mir auf seinem Stuhl darauf wartete, dass es endlich losging, fragte, ob er denn eine Kopie des Drehbuchs hätte.

Offensichtlich waren es keine leichten Zeiten für Regisseure, er meinte: «Was meinste ’n damit? Biss’n denn der Fotograf mit den Pack-Shots?»

«Nein, nein, Chef Gaston hat einen Autor verlangt, und ich brauche das Geld.»

«Was iiss’n? Geld kann ich auch brauchen.»

Ich hatte nicht gefrühstückt und schon zu viel geraucht, aber der Kerl neben mir war schon bekifft und vielleicht etwas angetrunken. Ehrlich gesagt, machte mich dies etwas neidisch, aber ich setzte mir selbst inzwischen einige Grenzen. Und, wie gesagt, ich brauchte den Job.

Viel blieb mir nicht, die Anzüge veranstalteten noch immer ihren «Haufen», was ich nicht weiter verurteilen konnte, da sie sie dann meine Unfähigkeit mich mit Chef Gaston zu identifizieren nicht bemerken würden. Rund um den «Haufen» scharwenzelten allerlei Praktikanten rum, die nur allzu bereit waren, mir einen Tagesablauf und ein Skript aufzutreiben, einzig als ich sagte, ich hätte es lieber ausgedruckt, als nur den Code für die Chef Gaston-Whats App-Gruppe blickten sie mich kurz voller resignierter Verzweiflung an, sie konnten sich einfach nicht mehr recht vorstellen, warum jemand etwas auf Papier lesen wollte. Da den Kram auszudrucken aber ein easy zu erledigender Job war, machten sie sich dann doch mit der ungebrochenen Begeisterung aller Berufsanfänger daran.

Wahrscheinlich hatte ich ganze sieben Minuten nicht geraucht, aber schon stand ich schon wieder draussen im Schatten des gesichtslosen Hochhauses, das ironischerweise einem anderen gesichtslosen Grossverteiler als Hauptquartier diente, der sich auch Mühe gab, geschmackslose Fertiggerichte zu lancieren und dies seit längerem unter dem Label «Omas Schätze» tat. Es geht immer schlimmer, wie ich bei meinen minimalen Recherchen für die Geschichte von Chef Gaston schnell herausgefunden hatte: Da waren üble Brands wie Amara Klara, Bruno Miffuno oder Klassiker, wie Betty Bossi. Hauptsache Alliteration und mal ein «moderner Buchstabe» wie ein «Y» drangehängt.

«Du hast es tatsächlich geschafft, sehr gut» gratulierte mir mein literarischer Agent Adrian mit sonorer Stimme, der für den Job bei den Poldi Gigamärkten seine Beziehungen hatte spielen lassen.

«Woher willst du das denn wissen, genaugenommen ziehe ich gerade jetzt mit zwei russischen Nutten um die Häuser, weil sich die dritte verirrt hat.»

«Erzähl keinen Scheiss, ich tracke dein Telefon und ich kann dir sogar sagen, dass du pünktlich dort warst.» Das klang beunruhigend, aber damals nahm ich das nicht ernst, da mir nicht klar war, dass man Leute über ihre Mobiltelefone tatsächlich tracken konnte. Bis heute war es mir allerdings ein Rätsel geblieben, warum Adrian ausgerechnet seinen erfolglosesten Schriftsteller verfolgte. Nicht nur ging ich selten weite oder gar interessante Wege, meine Erfolglosigkeit rechtfertigte die Aufmerksamkeit schlicht nicht. Dazu hielt sich in meinem Alltag die Aufregung in engen Grenzen: Da gings vom Supermarkt in die Bäckerei, manchmal weiter in die Kneipe und manchmal nicht. Sonst hockte ich viel zuhause rum, zockte an der Playstation und schrieb weder auf meinem überteuerten Laptop noch mit meinem ebenso überteuerten edlen Kugelschreiber etwas Brauchbares.

«Wie läuft es denn so, klappt alles?», wollte Adrian wissen.

«Könnte nicht besser gehen, der Chef ist ein kleinwüchsiger Italiener, der kein Wort französisch spricht und die französische Eleganz durch frühen Haarausfall und einen niedlichen Bauch verkörpert.»

«Du musst das positiv sehen, sie haben mir gesagt, der Typ hätte als Schauspieler durchaus einen Namen.» Adrian nuschelte den Namen eines italienischen Films, von dem ich noch nie gehört hatte, der dafür aber einen ziemlich langen Titel trug.

«Erinnere dich, positiv, bleib positiv, damit meine ich nicht negativ und wir schaukeln die Sache nach Hause.» In der verkaufsorientierten Marketing-Welt war immer alles so positiv, dass es schmerzte.

Foto: Siddharth-Narsimhan/Unsplash

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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