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Star Trek: Picard – Besprechung zu Gedenken (S1E1)

Von Sebastian Blasek

Spoilerwarnung.
Dieser Artikel enthält massive Spoiler zur ersten „Star Trek: Picard“ -Episode „Gedenken“ und sollte erst gelesen werden, wann man die Folge bereits gesehen hat.

Einleitung.
Die Neunziger waren eine schlimme Zeit.
Alte Feindbilder wie die Sowjetunion mit ihren bolschewistischen Horden hörten über Nacht auf zu existieren, Neonfarben begannen massentauglich in die Alltagsmode einzuziehen und aus den Lautsprecherboxen lokaler Tanzlokale dröhnte „No Limits“ von 2 Unlimited als Soundtrack einer Zeit, die auch ohne ihn schon verstörend genug gewesen wäre.
Und doch waren die Neunziger auch eine großartige Zeit.

Nirvana begannen die alternative Musikszene zu revolutionieren (bevor Kurt Cobain diesem Trend mit eigener Hand ein jähes Ende setzte), das Internet begann langsam in das Leben normaler Menschen einzusickern und eine ganze Generation strömte unmittelbar nach der Schule vor den Fernseher, um dort beglückt „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“ sehen zu können.

Nun schickt sich – zwanzig Jahre nachdem der letzte Kinofilm zu dieser Crew in die Kinos kam – eine neue Serie namens „Star Trek: Picard“ an, an die positiven Erinnerungen einer ganzen Generation anzuknüpfen.

Doch kann das in einer Welt, in der Donald Trump, der Brexit oder Flüchtlingskrisen die Gesellschaft spalten, das Fernsehen sich zu einem völlig anderen Medium entwickelt hat und jemand wie Cardi B trotz ihrer Songs die Hitparaden stürmt überhaupt noch funktionieren?

Story
Ein von der Welt enttäuschter Jean-Luc Picard hat sich auf seine alten Tage auf sein Weingut in Frankreich zurückgezogen. Hier lebt er ein ruhiges Leben fernab vom Trubel jener Abenteuer, die ihn zwanzig Jahre zuvor an Bord der Enterprise zu einer galaxisweiten Berühmtheit werden ließen, auch wenn er in seinen Träumen allabendlich von den Geistern der Vergangenheit eingeholt wird. Nachdem aber eines seiner seltenen Interviews über seine Rolle bei der Evakuierung des romulanischen Sternenimperiums vor den Auswirkungen einer Supernova völlig aus dem Ruder läuft, beginnt sich sein bequemes Altersdasein schlagartig zu ändern.

Grund dafür ist eine junge Frau namens Dahj, die in ihm jenes Gesicht wiedererkennt, dass ihr nach einem brutalen Überfall vor dem inneren Auge erscheint. Picard beginnt intensive Nachforschungen zu seiner jungen, mysteriösen Besucherin und es gelingt ihm, einem größeren Geheimnis auf die Spur zu kommen: Dahj scheint die Tochter seines ehemaligen zweiten Offiziers Data zu sein, was vor allem deswegen problematisch ist, weil künstliches Leben in der Föderation nach einem tragischen Amoklauf anderer Androiden verboten worden ist.

Doch gerade als Picard die Möglichkeit sieht, seine Schuld gegenüber jenem Mann, der ihm einst das Leben gerettet hatte abarbeiten zu können, wird er Zeuge eines weiteren Überfalls unbekannter Angreifer auf seine verzweifelte Begleiterin und muss hilflos mitansehen, wie sie bei der Überladung eines Disruptor getötet wird…

Lobenswerte Aspekte.

Zwischen Nostalgie und Fanservice.
Schon wenn in der Eingangssequenz dieser brandneuen Serie die bedeutungsschweren Klänge von „Blue Skies“ erklingen und die Kamera auf die USS Enterprise NCC 1701-D zuschwebt, kommt man vor allem als langjähriger Star-Trek-Anhänger nicht umhin, sentimental zu werden; egal wie intensiv man anno dazumal „The Next Generation“ und deren Filme verfolgt hat. Die Serie startet mit einem Moment für Fans, den man ohne Frage als Versprechen für die gesamte Staffel verstehen kann.
Und die erste Folge der Serie macht auch gleich an dieser Stelle weiter: Sie führt uns zu altbekannten Kultstätten wie dem Sternenflottenhauptquartier oder dem Weingut Picards, öffnet hinlänglich bekannten Charakteren wie Data, B-4 und Bruce Maddox Tür wie Tor ins Geschehen und in einem grandiosen Schlussakkord wird der Zuschauer auch noch mit dem großartigsten aller Gegner konfrontiert, den TNG jemals hervorgebracht hat: den Borg.

Doch während das vielleicht noch als bloße Nostalgie durchgeht, die einer größeren Handlung dient, bleiben andere Elemente schlichtweg reiner Fanservice. Die Ausstattung des Privatarchivs Picards im Sternenflottenmuseum etwa, in dem neben dem Banner des Captain-Picard-Tages auch sein kurlanischer Naiskos und Modelle der Stargazer, USS Enterprise E sowie der Costeau zu finden sind.

Es muss natürlich schwer sein, bei dieser schmalen Gratwanderung eine klare Trennlinie aufrechtzuerhalten, doch die vielen stilvollen wie sorgsam ausgearbeiteten Rückbezüge ziehen eine klare Trennlinie zu Discovery, die damit nicht nur inhaltlicher, sondern auch qualitativer Natur ist.

Aber auch wenn es nur allzu leicht ist, hier als alter Star-Trek-Hase der ‚anderen‘ aktuellen Serie zu unterstellen, dass sie im direkten Vergleich den Kürzeren ziehen würde, entspricht das am Ende des Tages nur bedingt der Wahrheit.
Viel eher entpuppt sich in der Anlage der Serie die größere Langzeit-Strategie CBS‘ im Umgang mit ihren hauseigenen Kronjuwelen: Während Picard darauf ausgerichtet ist, den vielen, gut situierten Altfans eine neue Serie nach ihrem Gusto (Kanon-Treue, hochkarätige Gastauftritte, Handlung im Rahmen altbewährter Motive etc.)  zu bieten, bleibt Discovery das Zugpferd für Neu-Fans, die man versucht ohne Ballast (kreativer Umgang mit dem Kanon, neue Designsprache, völlig neue Charaktere, Flucht in eine balastfreiere Zukunft, etc.) eine neue Heimat zu bieten. So hat jede Gruppierung ihren ganz eigenes Stück Kuchen, ohne gierig zum Sitznachbar schielen zu müssen um sich zu vergewissern, dass sein Teller nicht viel schmackhafter angerichtet ist. Ganz persönlich kann ich mit dieser Aufteilung gut leben und auch weiterhin Discovery schauen – wenn auch unter einer neuen Prämisse.

Doch zurück zur Nostalgie.
„Star Trek: Picard“ unterscheidet sich bereits in einem so kleinen wie aussagekräftigen Detail von Discovery. Nach dem Vorspann erfahren wir nämlich, dass sich die Serie als „‚based upon Star Trek: The Next Generation“ created by Gene Roddenberry“ versteht und nicht als „Based Upon „Star Trek“ created by Gene Roddenberry“, wie Discovery zuvor.

Diese scheinbar kleine Bedeutungsnuance entpuppt sich rasch als programmatisch, denn es geht vor allem um die Entwicklungen, die in TNG und den dazugehörigen Kinofilmen angestoßen wurden. Es ist kein Prequel und kein Reboot, sondern sucht seinen Platz im Star Trek Universum in direkter Anknüpfung an einen der erfolgreichsten Ableger Star Treks.
In einer Zeit, die zwanzig Jahre nach „Star Trek Nemesis“ angesiedelt wurde, lässt sich auch besser erzählen, ohne dabei den starren Designregeln der anderer Serien genügen zu müssen. Endlich ergeben die technischen Spielereien, die erstmals bei Discovery zu sehen waren, einen stilistischen Sinn und so gesehen kann man der Schwesterproduktion zumindest zugutehalten, den Zuschauer mit seinen Ideen auf die Verwendung einer solchen Technologie vorbereitet zu haben.

Der Kanon wird behutsam miteinbezogen. So kann man erstmals das häufig erwähnte Daystrom-Institut bewundern (das wie wir jetzt wissen in Okinawa seinen Sitz hat), lernt mehr über die Pressearbeit in der Föderation kennen und kann – sofern man schnell genug hinschaut – erkennen, dass der Tal Shiar die gleichen Messer wie Shinzon selbst verwendete.

Mehr als alles andere dreht sich das Geschehen und damit auch die Ausschmückung der Serie um die Figur Jean-Luc Picards.
Er bildet den zentralen Fixpunkt der Serie wird liebevoll mit allen Attributen des Serienvorbilds umgeben. So kann der geneigte Zuschauer munter Folgen aufzählen, in denen Picard sich „[…] wie ein Fremder vorgekommen“ sein muss (z.B. „Die geheimnisvolle Kraft“, „Die Zukunft schweigt“, „Sarek“, „In den Händen der Borg“, „Angriffsziel Erde“, „Mission ohne Gedächtnis“, „Das zweite Leben“, „Gestern, Heute, Morgen“) und den längsten rein französischsprachigen Dialog der Star-Trek-Geschichte miterleben, auch wenn hier abermals der Widerspruch zwischen Picards französischer (Weingut, Sprache, Name) und Patrick Stewarts britischer Herkunft (Uhr mit Glockenspiel des Big Ben im Arbeitsraum, mehrere Shakespeare-Referenzen, Leidenschaft für Tee) mehr als einmal deutlich wird. Zudem gelang es Stewart auch persönliche Elemente, wie etwa seinen Enthusiasmus für Pitbulls stilvoll in seiner Serie unterzubringen.

Was allem Fanservice und aller Nostalgie jedoch entgegenwirkt bleibt der Umstand, dass Jean-Luc Picard alt geworden ist.
Er ist keineswegs mehr der energische Captain, der mal eben selbst im Alleingang eine Bande von Terroristen auf seinem Schiff ausschaltet („In der Hand von Terroristen“), sondern ist ein gebrechlicher alter Mann, der Probleme hat Treppen zu laufen und seinen Earl Grey inzwischen entkoffeiniert trinkt.

Darin liegt aber auch der wahre nostalgische Wert der Serie: Picard mag in die Jahre gekommen sein, aber er hat sich in einer Welt, die sich radikal verändert hat, seine Ideale und Werte bewahren können, die ihn schon in TNG zu einer Lichtgestalt Star Treks gemacht hatten. Von der ungebrochenen schauspielerischen Präsenz Stewarts getragen bleibt er weiterhin ein Fels in der Brandung und moralischer Anker, auch wenn um ihn herum die Welt aus den Fugen geraten ist. Es ist ein Musterbeispiel für Science Fiction, dass die aktuelle Tagesrealität wiederspiegelt und in die Zukunft transportiert, wobei das Geniestück bleibt, dass die von den Fans in TNG liebgewonnenen und beinahe verloren geglaubten Werte der Vergangenheit in der Person Jean-Luc Picards zurück in den Fokus geholt werden, um in einer weit entfernten Zukunft längst bekannte Antworten auf die Entwicklungen unserer Tage zu geben.

Das ist ungleich mehr als Nostalgie, sondern der beste Grund diese Serie zu sehen.

Besetzung.
Nachdem die Star-Trek-Tafelrunde „Hermann Darnell“ bereits im Zuge der Berlin-Premiere von „Star Trek: Picard“ die Gelegenheit hatte, mit der Hauptdarstellerriege persönlich in Berührung zu kommen, mag der unverstellte Blick auf die Serie weitaus schwieriger sein. Doch man kommt nicht umhin, den Darstellern für ihre Arbeit Bestnoten zu verteilen.
Allen voran natürlich Patrick Stewart, der die Serie trotz seines stolzen Alters so gut wie allein auf seinen Schultern trägt. Gleich vom ersten Moment an dominiert er in gewohnter Manier die Mattscheibe und schlägt den Zuschauer mit seiner einzigartigen Präsenz in den Bann. Sein Alter spielt eine gewichtige Rolle innerhalb der Handlung und doch gelingt es ihm, darstellerisch einen Bruch zu TNG zu verhindern. Er mimt den legendären Star-Trek-Helden mit ungebrochener Leidenschaft, die sich über die Kamera hinaus überträgt.

Der zweite große Clou ist in meinen Augen Isa Briones. Die Darstellerin ist geschickt gecastet und schafft es, gleichermaßen jung und frisch zu wirken, als auch Erinnerungen an Datas Tochter Lal zu wecken. Die Verzweiflung Dahjs wirkt genauso überzeugend wie die Naivität ihrer Zwillingsschwester Soji und bietet somit einen Einblick in die Bandbreite der Schauspielerin.
Brent Spiners Auftritte hingegen beschränken sich eher auf Traumsequenzen, in denen Alter, schlechtsitzende Uniform und leicht befremdliche Frisuren wohl mehr Aufmerksamkeit erregen als Spiners schauspielerische Arbeit in den recht überschaubaren Szenen.

Orla Brady als Laris und Jamie McShane als Zhaban erweitern mit ihrer Darstellung das Chateau Picard um einen weiteren Behaglichkeitsmoment, während Harry Treadaway als Narek wohl vor allem dadurch auffiel, dass er mit Bart erschreckend stark an Ethan Pecks Spock in der zweiten Staffel Discovery erinnerte und mit einem für romulanische Verhältnisse zumindest recht ungewöhnlich starken britschen Akzent sprach.

Zudem gelang auch Alison Pill als nerdige Wissenschaftlerin Doktor Agnes Jurati erste Ausrufezeichen zu setzen. Vor allem ihre Mimik und die Begeisterung ihres Charakters für deren Forschungsrichtung wurden von ihr eindrucksvoll vermittelt.
Während weitere Darsteller wie die Föderationsnachrichtenreporterin Richter (Merrin Dungey) oder Dahjs kurzlebiger Freund (David Carzell) kaum genug Zeit hatten, große Ausrufezeichen zu setzen, sollte an dieser Stelle zumindest die stabile Leistung des Nummer-Eins-Pitbulls Dinero gewürdigt werden, der dafür hoffentlich den ein oder anderen Hundekuchen zugesteckt bekommen hat.

Kritikwürdige Aspekte.

Feinschliff.
Jean-Luc Picard ist zurück!
Schon allein diese Nachricht und die Menge an Nostalgiemomenten können leicht darüber hinwegtäuschen, dass handlungstechnisch noch nichts großartiges passiert ist. Es wäre in der Tat besser gewesen, die Folge zusammen mit der zweiten auszustrahlen, mit der die Vielzahl an Ereignissen der dazwischenliegenden Jahre ungleich besser verständlich gewesen wären. Hier haben aber wohl Marketing-Interessen Vorzug gegenüber dem Einfühlungsvermögen erhalten.

Die größere Rahmenhandlung der Serie ist auch keineswegs eine großartig originelle Story, sondern plätschert zunächst irgendwo zwischen River Tam (Firefly), Jason Bourne und „Blade Runner“ dahin, ohne dabei gleich bahnbrechende Entwicklungen zu bieten, die den Zuschauer vom Hocker reißen würden.

Andererseits bleibt dieser erzählerische Ansatz völlig legitim, denn mit einem der bekanntesten Androiden der Filmgeschichte als Zugpferd ist es völlig nachvollziehbar, auch an ihm dieses klassische Sujet der Science-Fiction-Literatur zu bedienen, dass spätestens seit Asimov zu einer ganzen Reihe von Geschichten geführt hat, die dem Thema eine neue Facette hinzufügen konnten (z.B. „Odyssee im Weltraum“, „Terminator“, „A.I. – künstliche Intelligenz“ oder „Ghost in the Shell“).

„Picard“ bleibt in diesem Zusammenhang zudem TNG treu, da die Serie redlich versucht, die Handlung in erster Linie über Dialoge voranzutreiben. Daraus ergibt sich allerdings auch, dass das Erzähltempo mitunter etwas leidet, was wiederum eher ein sehr angenehmes Gefühl vermittelt, weil es zum einen an TNG erinnert und zum anderen eine Pause von den vielen schnellen Schnitten erlaubt, die irgendwann als ‚State of the Arts‘ für zeitgemäße Fernsehserien etabliert wurden.

Wenn dann mal die Fäuste zum Kampf erhoben werden, wirkt es allerdings stets ein wenig wie ein Fremdkörper, insbesondere, wenn diese Kampfchoreografien durch einen Dreißig-Meter-Sprung von Dahj ergänzt werden, der ein wenig zu dick aufgetragen wirkt.

Und natürlich ist die Handlung nicht frei von Aussetzern.
So mag das Interview am Anfang (so eine Art intellektuelle Version der Trappatoni-Brandrede) der Geschichte sicherlich einen Einstieg á la „Was bisher geschah“ bieten können, doch die gesamte Szene wirkt inhaltlich eher plump und wenig elegant.

Aber es bleibt einer der wenigen Abstriche in der von Hanelle Culpepper ansonsten glänzend orchestrierten Episode. Sie bleibt im Grundton erstaunlich bescheiden, beweist ein Auge für besondere Einstellungen, verzichtet auf spektakuläre Effekthascherei und vor allem auch auf ungeliebte Lens Flares. Selbst die Wackelkamera – sonst eher ein bei Zuschauern unpopuläres Stilmittel – findet etwa bei Dahjs abendlicher Unterhaltung eine angemessene Anwendung.

Während der clevere Soundtrack, der die gesamte Folge stilvoll umrahmt durchaus zu überzeugen weiß, bleibt das belanglose Intro aus der Feder Jeff Russos hinter den Erwartungen weit zurück. Es weiß eher optisch zu überzeugen, als durch die etwas müde Komposition.

Als wirkliche Kritikpunkte gereichen die bislang aufgezählten Aspekte allerdings nicht, weswegen an dieser Stelle eine ganz andere Frage gestellt werden muss:
Kann man als Neueinsteiger Picard wirklich genießen?

Schließlich bleibt die Serie mit ihrer Vielzahl an zentralen Anknüpfungspunkte zu TNG, seiner sehr auf Data ausgerichteten Handlung und nicht zuletzt durch die Zentrierung auf Jean-Luc Picard wohl nur sehr schwer zu erfassen, wenn man die zweite Star-Trek-Serie und ihre Kinofilme nicht gesehen hat. „Picard“ ist in vielen Aspekten vorrangig ein Geschenk für langjährige Wegbegleiter Star Treks und es wird sich zeigen müssen, ob dieses Konzept in der Lage ist, auch andere Zuschauerschichten ansprechen zu können.

Kanonbrüche und Logiklöcher.
Auch wenn Picard den Discovery-Schatten schnell abschütteln kann, bleibt der lange Arm des Vorgängers doch gegenwärtig. Während aber die Einbeziehung von Xaheanern völlig okay ist, bleibt die kontinuierliche Verwendung von Shuttles aus dem 23. Jahrhundert dann doch etwas bemüht.

Fraglos dürften Budgetentscheidungen dafür maßgeblich gewesen sein (wie auch für die Motorradhelme, die von den Tal-Shiar-Angreifern getragen werden?), aber wenn man bedenkt, dass die Einzelfolgen um ein Vielfaches teurer waren als jede Episode TNG, wünscht man sich schon irgendwie die Zeit zurück, als man zwar kostengünstigere Modelle verwendete statt moderner CGI, dafür aber auch mit einer großen Bandbreite unterschiedlicher Raumschiff-Designs belohnt wurde.

So sah die Enterprise in den späten Staffeln TNG für mich persönlich realer aus als die CGI-Version der Anfangssequenz, auch wenn mit der so einiges im Argen lag. Sah man von außen etwa drei beleuchtete Fenster, so konnte man innerhalb von Zehn Vorne ungleich mehr Fenster erblicken. Data trug eine Uniform, die eigentlich erst nach der Zerstörung dieses Schiffes Verwendung fand und Picard begann erst dann mit Besatzungsmitgliedern Poker zu spielen, als die Serie beendet wurde.
Natürlich lassen sich alle diese Umstände damit erklären, dass es sich lediglich um einen Traum Picards handelte.
So gibt es eine Vielzahl von vermeintlichen Widersprüchen, die sich am Ende doch recht gut erklären lassen.
Woher etwa Bruce Maddox von Datas Gemälde wissen konnte, kann man in „Datas Tag“ erfahren, wo etabliert wird, dass der Androide in einem regen persönlichen Austausch mit dem Wissenschaftler steht.
Warum nennt der Index des Sternenflottenmuseums den Titel des Bildes erst auf Nachfrage?
Ob der Dramatik willen, natürlich.

Andere Details lassen sich jedoch weniger leicht erschließen.
Warum schleppt Dahj den armen, alten Picard ausgerechnet auf ein Dach, wo potentielle Angreifer nicht nur leichteres Spiel, sondern auch weniger Zeugen haben?
Vielleicht weil die Androidin den Gesetzen der Robotik gehorcht und so wenig Menschen wie möglich gefährden will?
Warum aber werden die Bösewichte portionsweise runtergebeamt?
Und wie kommt Picard bereits in Bedrängnis, wenn er mehrere Treppen laufen soll, nur um Augenblicke später eine Explosion  aus nächster Nähe zu überleben?

Und wo wir schon bei der Frage des Alterns sind: War nicht Admiral Leonard McCoy beim Jungfernflug der USS Enterprise-D mit 137 Jahren ähnlich fit wie sein vierzig Jahre jüngerer Kollege?
Doch all diese Kritikpunkte sind kaum ernst zu nehmende Makel.
Nur eine Frage beschäftigt mich.
Wie ist die Existenz von synthetischen Lebensformen wie jenen, die für die Auslöschung allen Lebens auf dem Mars verantwortlich waren, überhaupt möglich gewesen?
Denn erinnern wir uns; Picard gewann in „Wem gehört Data?“ einen Gerichtsprozess für Data, indem er ein Horror-Zukunftsszenario entwarf, in welchem synthetische Lebensformen als Heer von Sklaven eingesetzt würde. Wie kann eine solche Zukunft doch noch eingetreten sein?
Ich hoffe inständig, dass es zu dieser Frage noch eine Auflösung geben wird.

Abseits des Kanons bedeutet die neue Serie vor allem den Tod für eine ganz andere Welt: Die der Bücher und Romane.
Großartige Reihen wie David Macks Destiny-Trilogie oder die Titan-Romane stehen mit der Aufnahme einer Handlung zwanzig Jahre nach den Ereignissen um Nemesis plötzlich vor dem Aus. Comics, in denen etwa Data im Körper B-4s wieder aufersteht, sind nun widerlegt. Ein ganzes Universum ist seit der Erstausstrahlung dieser Folge redundant geworden.
Natürlich ist es das Recht einer Serie, eine eigene Geschichte ohne Rücksicht auf die Ideen von Buchautoren zu verwirklichen und wir wissen seit TNG, dass eine solche Entwicklung nicht immer zum Nnegativen ausfallen muss.
Viele der Ideen aber hatten durchaus ihren Reiz und hätten es verdient, wenigstens durch eine Nebenerwähnung einen Anstrich von  Relevanz zu erhalten.
Aber das ist schon Meckern auf besonders hohem Niveau.

Synchronisation.
Die deutsche Fassung der Serie fühlt sich eigentlich recht gut an. Wohl vor allem, weil darauf geachtet wurde, mit Ernst Meincke und Michael Pan zwei zentrale Stimmen der Originalversion zu verpflichten und damit das Gefühl der Vertrautheit auch in die Übersetzung zu retten.
Damit gelangten aber auch altbekannte Störfaktoren zurück ins Gedächtnis, denn insbesondere das Beharren auf das Siezen stößt immer wieder negativ auf.
Ansonsten aber bietet sich der Wechsel der Tonspur durchaus an, wenn man mal von etwas sperrigen Übertragung von ‚Assassine‘ für ‚Killer‘ absieht.

Fazit.
Der Wert der ersten Folge von „Star Trek: Picard“ mag sich weniger inhaltlich, als viel mehr emotional erschließen. Die Star-Trek-Legende Jean-Luc Picard ist wieder da und lässt die Herzen treuer Wegbegleiter mit sorgfältig inszenierten Nostalgiemomenten höher schlagen. Die Figur des Picard ist dabei nicht neu erfunden, aber der verdiente Sternenflottenadmiral im Ruhestand muss sich in einer Welt zurechtfinden, die deutlich rauer geworden ist und doch mehr denn je auf die Werte und Ideale angewiesen scheint. Ein spannender Ausgangspunkt, der optimistisch in eine ungewisse Zukunft blicken lässt.

Bewertung.
Ein vielversprechender Start.

Schluss.
„Star Trek: Picard“ ist ein Ausdruck einer sich wandelnden Welt, die nach Antworten auf drängende soziale Fragen sucht. Es ist dabei die Person des Jean -Luc Picard, an dem sich zeigt, dass seine Art, ein Schiff zu führen, Ereignisse zu bewerten und mit anderen Kulturen zu interagieren, von zeitloser Relevanz ist. Nicht zuletzt weil man, wenn man die Geschichte ignoriert, dazu verdammt ist, ihre Fehler zu wiederholen (z.B. dass „No Limit“ noch einmal in die Charts gerät).
Das ist natürlich ohne eine gehörige TNG-Nostalgie nicht möglich.

Die Neunziger mögen vorbei sein, aber all jene, die damals sorgenfrei von der Schule nach Hause geeilt sind, um die Abenteuer Picards und seiner Crew zu verfolgen, leben mittlerweile in einer Zeit, die sich rasant gewandelt hat. Probleme wie Flüchtlingsboote im Mittelmeer, offene rassistische Ressentiments in Medien oder die weitreichenden Folgen von Terrorangriffen lassen viele Menschen ratlos zurück.

Doch die Antworten auf viele dieser Fragen hat es schon damals gegeben und sie haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

 

Denkwürdige Zitate.

„Wieso schinden Sie Zeit, Captain?“
„Weil ich nicht will, dass das Spiel endet.“
Data und Jean-Luc Picard

„Haben Sie Albträume?“
„Nein, ich habe schöne Träume. Es ist das Aufwachen, das mir zunehmend schwer fällt.“
Laris und Picard

„Seien Sie der Captain, wie wir ihn kennen.“
Zhaban

„Nun ich war wohl schon immer recht überzeugend und der Föderation war klar, dass Millionen von Leben auf dem Spiel standen.“
„…Romulanische Leben…“
„Nein! Leben.“
Picard und seine Interviewpartnerin

„Und Sie meine Teure wissen nicht einmal, was Dünkirchen ist, nicht wahr? Geschichte ist Ihnen fremd. Der Krieg ist Ihnen fremd. Sie machen nur eine Handbewegung und schon ist es weg! Aber für jene, die gestorben sind, ist es nicht so einfach. Und für jene, die zurückgelassen wurden, war es das auch nicht. Wir sind hier fertig.“
Picard

„Aber wäre es nicht möglich einen Androiden zu entwickeln, der vollständig menschlich wirkt?“
„Die Kurzfassung lautet: Nein.“
„Ich höre mir gern die lange an…“
„Die wär trotzdem ’nein‘.“
Picard und Dr. Agnes Jurati

Sebastian Blasek (auch als Turon47 bekannt) ist in selbst seinen späten Dreißigern noch immer ein großer Star-Trek-Fan, nachdem er 1988 das erste Mal “Raumschiff Enterprise” im Westfernsehen sehen durfte. Aufgewachsen in einem Staat den es nicht mehr gibt, wohnt er heute in Potsdam, wo er Deutsch und Geschichte studiert hat. Der anglophile Fußballfan schreibt in seiner spärlichen Freizeit Artikel für die Star-Trek-Tafelrunde “Hermann Darnell” und schläft am Wochenende gern aus.

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