in

Memorandum.

Zutiefst misstraue ich allen Parolen, allen einfachen Lösungen, allen undifferenzierten Polarisierungen. Weil sie der unendlichen Komplexität und Widersprüchlichkeit des Realen keine Rechnung tragen, geschweige denn jener unermüdlichen Maschinerie des Imaginären, die unsere Geschicke halt ebenfalls steuert – und dies in einem gar beträchtlichen Umfang.

Ich misstraue all’ jenen künstlichen modernen Worten wie «zielführend», «lösungsorient», «strukturbedingt», «optimieren», die zum Wergzeugkasten der Führungsbranche unserer Zeit gehören. Weil sie längst zu Instrumenten einer unmenschlichen Abstraktion geworden sind, die Elend, Ungerechtigkeit, Unglück ohne viel Federlesens beiseite wischen sollen (obwohl «viel Federlesens» doch eigentlich das einzige Vorgehen ist, das uns Menschen gemäss wäre, vielleicht ist «viel Federlesens machen» sogar eine der höchsten Qualitäten unserer Spezies).

In jedem Fall bemühe ich mich – nicht immer erfolgreich, schliesslich navigieren wir uns ja alle durch das Nebelmeer der Illusionen –, die Menschlichkeit der «Fachlichkeit» vorzuziehen. Ich mag nämlich die langsamen Kräfte.

Ich vertraue der Fatalität, der Ungewissheit, der Unzulänglichkeit, der Unfähigkeit, dem Versagen, der Vergänglichkeit – und dem Eingeständnis, dass wir alle letztlich im Gestrüpp unserer persönlichen Illusionen, in unseren selbstgezimmerten symbolischen Zonen leben. – Wie es halt auf dem Boden der Realitäten wächst, die wir auf dieser unserer Welt vorfinden.

Aus diesem Gestrüpp kann uns nur der Tod befreien. Ich vertraue dem Tod.

 

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

Facebook Profil

Hat unser geliebter Führer, der verehrte Marschall Kim Jong-un, uns alle nur ein wenig verarscht? (Die Woche 18/2020)

D-Tox – Stallone in mörderischer Therapie