in

Das Leben ist zum Scheitern da

Das Leben ist zum Scheitern da

Es war ein sonniger Junimorgen, als Danielle wieder einmal mit einem schweren Kopf aufwachte. Ihre Augen waren noch schlaftrunken und ihr Rachen brannte. Sie blinzelte. Das frühe Sonnenlicht, welches sich golden in ihrem Schlafzimmer ausbreitete, verwandelte ihren Bücherstapel in eine gigantische Skulptur aus Schatten. Sie schloss ihre trägen, geschwollenen Augen. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in der Magengegend aus. Ihr war speiübel. Sie hustete stark und richtete sich in ihrem Bett auf. Sie hatte eine weitere unruhige Nacht hinter sich gebracht und die wenigen Stunden Schlaf machten sich in ihrem Körper bemerkbar. Sie streckte sich – jeder Muskel schmerzte. Sie fühlte sich, als hätte sie einen Marathon hinter sich gebracht. Aber das hatte sie nicht. Stattdessen verbrachte sie mal wieder den Abend mit Freunden in ihrem Stammpub und trank bis zum Betrunkensein. Und darüber hinaus. Sie kniff die Augen zusammen, als sie ihr Mobiltelefon zur Hand nahm, um die Zeit zu überprüfen. Es war 8 Uhr. In einer Stunde sollte sie an ihrem neuen Arbeitsplatz auftauchen. Heute begann ihr Praktikum in der Kommunikation. Sie seufzte tief und quälte sich aus dem Bett. Zuerst trank sie ein grosses Glas Wasser – ihr ganzer Körper schrie nach Flüssigkeit. Wie gut sie diesen Zustand kannte, wachte sie doch fast jeden Morgen damit auf. Er war ihr ein enger Vertrauter geworden.

Sie schlurfte mit langsamen Schritten ins Bad, wo sie ihren Kopf unter den Wasserhahn hielt. Das kühle Wasser sollte dieses schwere Gefühl wegspülen, welches sich auf ihre Seele legte. Aber es half nichts. Sie fühlte sich immer noch so unendlich schwer. Sie vermied es, sich selbst zu genau im Spiegel zu betrachten und versuchte die Spuren der letzten Nacht mit Make-Up zu überdecken. Mit geübten Handgriffen legte sie Lidstrich, Mascara und Lippenstift auf. So viele Male stand sie vor diesem Spiegel in ihrem kleinen Badezimmer und konstruierte diese Maske. Die Maske der gutgelaunten und selbstbewussten jungen Frau. Auch dieses Mal war die Täuschung perfekt gelungen. Das altbekannte Ritual nahm seinen Lauf. Der nächste Schritt: Die Selbstanalyse. «Wieso habe ich so viel getrunken, wenn ich doch genau wusste, dass ich heute fit sein muss? Wovor habe ich Angst? Will ich diesen Job gar nicht? Was hat mir das gebracht?» Schon viele Male hatte sie sich diese Fragen gestellt. Wenn in ihrem Kunststudium eine wichtige Vorlesung anstand, wenn sie ein Vorstellungsgespräch hatte oder wenn sie zum Mittagessen verabredet war. Doch all diese Dinge hielten sie nie davon ab, sich am Vorabend besinnungslos zu betrinken. Und dann kam die Scham. Dieses gnadenlose Miststück! Sie wartete immer irgendwo in einer unscheinbaren Ecke. Geduldig und stumm. Bis sie zuschlagen konnte.

Ihre Gedanken schienen Danielle zu erdrücken, doch sie konnte nicht aufhören, sich selbst zu zerfleischen. Es schien ein innerer Zwang zu sein, obwohl sie nicht fähig war, auch nur einen klaren Gedanken zu Ende zu führen. Nein, eher wirbelten die Gedanken unkontrolliert in ihrem Kopf herum und rissen alte Wunden auf. Sie hasste sich selbst gerade so sehr. «Nur nicht mehr darüber nachdenken, einfach nur funktionieren. Ich muss mich anziehen…», murmelte Danielle vor sich hin.

Danielle dachte schon seit einigen Wochen darüber nach, mit dem Trinken aufzuhören. Immer häufiger sagte sie sich selbst: «So kann es nicht weitergehen!» Mit jedem Morgen, an dem sie mit trauriger Seele und schwerem Kopf aufwachte, wurde dieser Wunsch stärker. Doch sie schaffte es einfach nicht. Sie belog sich lieber selbst weiter. «So schlimm war es doch gar nicht. Ich habe mein Leben doch immer irgendwie auf die Reihe gekriegt.» Das Trinken war für sie immer noch das kleinere Übel, als sich mit ihren Problemen, aber auch mit ihren Wünschen auseinanderzusetzen. Sie hatte fürchterliche Angst davor, ohne den Alkohol weiterleben zu müssen. Ohne die tröstende Wärme, die ihr der Alkohol schenkte, wenn mal wieder alles zu viel wurde. Der Alkohol feuerte sie an, wenn sie sich klein und ungeliebt fühlte. Er schenkte ihr das nötige Selbstvertrauen, um andere Menschen, meist fremde Männer, zu beeindrucken. Und das alles in der schützenden Umgebung ihres Stammpubs, in dem sie seit 10 Jahren ein und aus ging. Sie redete sich ein, dass all diese Erlebnisse in betrunkenem und zugedröhntem Zustand wertvolle Erfahrungen gewesen seien und dass ohne diese Erlebnisse ihr Leben doch ziemlich langweilig verlaufen wäre. Doch das all jene berauschten und rastlosen Nächte, die meist mit einem fremden Mann in ihrem Bett endeten, ihren Selbsthass schürten – das sah sie nicht. Wie unter Zwang rauschte sie von einer Bar zur nächsten, bis in den frühen Morgenstunden auch die letzte Absteige schliessen würde. Bis sie in der Sackgasse landete. Danielle wollte mehr und immer mehr. Und zwar jetzt und hier. Selbst wenn sie zugedröhnt mit Alkohol, Koks und Speed vor jener letzten Bar stand und schwerlich einen Fuss vor den anderen setzen konnte: Sie wollte nicht aufhören, zu trinken und zu feiern. Sie wollte das Leben feiern!

Wenn Danielle ausging, war sie wie ein tosender Sturm. Sie war Wind, Hagel, Blitz und Donner. Sie war Zerstörung. Sie liess Dämme brechen und Wiesen überfluten. Und übrig blieb die Überschwemmung in den einsamen Strassen bei Sonnenaufgang. Die stille Zerstörung, die aus den aufgeheizten Häusern quellte. Und Danielle stand vor den Trümmern ihrer Seele. Schadensbegrenzung für ein bisschen Freiheit. Sich ein bisschen gut fühlen. Ein bisschen Aufmerksamkeit erhaschen. Ein bisschen vergessen. Es war, wie die Band Isolation Berlin sang: «Am Ende hat sich’s wieder nicht gelohnt. Und zu Hause wartet treu die Depression.»

Oft lag sie danach alleine in ihrem Bett und weinte. «Wieso tue ich mir das nur an?» fragte sie sich dann, wie so viele Male zuvor. So verliefen viele ihrer exzessiven Nächte, wurden zum Ritual der Selbstgeisselung und zum Symbol der Suche. Ja, nach was eigentlich?

Der Gedanke nach einer weiteren Psychotherapie verfolgte sie. Aber sie wusste tief in sich drin: Solange sie ihr Alkoholproblem nicht in den Griff bekommen würde, würde auch eine Psychotherapie nichts nutzen. Denn in ihren vergangenen Therapien hatte sie den Alkohol nie angesprochen. Und wenn ein Psychologe sie nach ihrem Alkoholkonsum fragte, log sie. «Ach, das klappt super! Ich habe kein Problem. Ab und zu ein Bierchen, mehr nicht.», log sie auch sich selbst immer wieder an.

«Was ist, wenn ich es nicht schaffe?», fragte sie sich immer wieder. Die Angst vor dem Scheitern, die so tief in ihr verwurzelt war, hielt sie davon ab, den endgültigen Schritt zu wagen. Denn danach gibt es kein Zurück mehr.

Bis zu diesem Junimorgen, an dem Danielle wie eine tote Fliege an ihrem neuen Arbeitsplatz sass und versuchte, ihre Maske aufrecht zu halten. Sie rutschte auf ihrem Bürostuhl hin und her, schwitzte und nippte immer mal wieder an einem Glas Wasser. In diesem Moment wünschte sie sich in ihr Bett zurück, wollte der Welt aus dem Weg gehen, ihre Trauer und ihre Scham vergessen, die Decke weit über ihr Gesicht ziehen. Sie konnte sich selbst nicht mehr ertragen. Da öffnete sie wie von fremden Händen gesteuert den Internetbrowser auf ihrem Computer und suchte nach den anonymen Alkoholikern. «Nur mal schauen…», dachte sie sich.
«DU SCHAFFST ES. ABER DU SCHAFFST ES NICHT ALLEIN.»
Dieser Satz sprang sie an, als sie die Website der anonymen Alkoholiker öffnete. Sie nickte, atmete tief durch und suchte auf der Website nach Meetings in ihrer Umgebung. Da war eines, in der Nähe ihres Arbeitsortes, jede Woche am Montagabend um 19 Uhr. Soweit, so gut. Sie musste nur noch zum Meeting gehen und der erste Schritt wäre getan. Danielle bekam fürchterliche Angst, aber sie war überzeugt von ihrem Vorhaben. Sie wünschte sich, sie müsste nicht noch das Wochenende überstehen, bevor das Meeting stattfinden würde. Die Verlockung, die Abende in «ihrem» Pub zu verbringen, war einfach zu gross. Ihr war klar, dass sie das kommende Wochenende durchplanen musste, sonst würde sie dieser Verlockung nicht widerstehen können. Aber Danielle war keine Frau, die ihr Leben plante – sie nahm jede Gelegenheit so, wie sie gerade kam. Sie übersah niemals eine Seitenstrasse und rannte deswegen auch gerne mal blind in etliche Einbahnstrassen. Aber sie war überzeugt davon, dass alles im Leben seine Berechtigung hatte. Auch das Scheitern, das Leiden und das Straucheln. Sie hatte ein unerschütterliches Grundvertrauen in das Leben – wenn auch nicht in sich selbst. Wäre ihr Leben von nun an also wie eine schön übersichtliche Strasse, die von A nach B führte? Ohne Abzweigungen, Seitenstrassen und Baustellen? Würde sie also ab jetzt ihre Zeit damit verbringen, ihr Leben zu planen, weil sie sonst wieder im Pub landen würde? Danielle atmete erneut tief durch und versuchte, ihre zwanghaften Gedanken zu vertreiben. «Steigere dich jetzt da nicht rein! Du kennst das Spiel!», dachte sie. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen…

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Susanne Grädel

Autor: Susanne Grädel

Susanne Antoinette Grädel, wurde am 01.08.1990 in Bern geboren und hat einen Abschluss als Fotografin HF von der F+F Schule für Kunst und Design. Susanne schreibt Gedichte und Belletristik, malt, fotografiert und filmt. Seit über zehn Jahren versucht sie, ihre komplexen Gedanken und ausufernden Gefühle mit Lyrik und Belletristik in die Aussenwelt zu tragen. In ihren Texten untersucht Susanne die Melancholie in alltäglichen, ephemeren Situationen und entdeckt das poetische Potential in abgründigen Gedanken.

Welcher Blick ist dir von mir geblieben? – eine Romantisierung des Blickes

Feuerhölle