in

Gefangene der Zeit

Sie erinnerte sich nicht an ihren Namen – den brauchte sie auch nicht, da, wo sie lebte. Sie wusste nicht mehr, wie sie in das Innere des grossen, massigen Felsens gekommen war. Als sie noch klein war, erzählte ihre Grossmutter Geschichten über die alten Felsen und die Steingeister, die darin lebten. Ihre Grossmutter war eine einflussreiche Frau – die Menschen aus dem Dorf kamen zu ihr, wenn sie krank waren. Aber die Erinnerung an ihre Familie schien kaum noch wahr zu sein. So lange lebte sie nun schon in diesem Felsen. Sie hatte grosse Angst und fror entsetzlich, als sie in die Höhle kam, daran erinnerte sie sich genau. Der Eingang zur Höhle schloss sich – ab diesem Zeitpunkt verliess sie diese nicht mehr. Es war stockdunkel. Die Zeit verschwand augenblicklich und anfangs hörte sie nichts anderes, als das Plätschern des Wassers, das Tropfen der Steine auf dem glatten Stein und ein schier unendliches Echo. Mit der Zeit gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und sie erkannte, dass das Wasser, welches über die Steine floss, eigenartige Lichtspiele erzeugte. Auf einmal schien die Höhle nicht mehr bedrohlich zu sein.

Und sie erkannte auch, was ihre Grossmutter meinte, als sie von den Steingeistern sprach. Sie lernte, dass die alten Felsen eine unbändige Kraft in sich trugen. Das verschlafene Wasser formte ihre Struktur, ihre Form und ihre Erscheinung – mal rau, mal glatt, mal glitzernd, mal leuchtend. An manchen Stellen hingen die Tropfsteine wie versteinerte Blätter von den Wänden. Es schien, als hätte der Felsen eine zerbrechliche Haut, die sich stetig veränderte, mit jedem neuen Wassertropfen. Der Felsen lebte – er donnerte, flüsterte und sang ununterbrochen. Manchmal sang sie mit dem Felsen. In all der Zeit, die sie in der Höhle verbrachte, lernte sie, dass der Stein sie dauernd prüfte und erkannte, was tief in ihr verborgen war. Egal in welcher Stimmung sie durch die Höhle glitt – der Stein erkannte diese genau und warf jene Stimmung auf sie zurück. Wenn sie weinte, plätscherte das Wasser lauter als zuvor. Wenn sie grübelte, wurde es totenstill. Wenn sie wütend darüber war, dass sie hier eingeschlossen war, knarrte und donnerte es von überall her. Und wenn sie Angst hatte, glitzerten die Steine besonders prächtig. Oft dachte sie, der Felsen würde zu ihr sprechen und ihr sagen, sie solle sich nicht selbst bemitleiden. Sie lernte, mit dem Felsen zu kommunizieren und spürte diese starke Kraft um sich herum, die ihr Mut machte.

Einmal als sie schlief, blitzte es gewaltig und ein grelles Licht erhellte jede noch so kleine Furche in der Höhle. Sie hielt sich die Arme schützend vor die Augen und flüchtete weiter in den Felsen hinein, bis sie in den hintersten Saal der Grotte kam – dieser war so hoch wie der Felsen selbst. Dort versteckte sie sich hinter einem gigantischen Stein. Sie hörte Stimmen und Schritte näherkommen, die ein schallendes Echo erzeugten. Sie hielt sich die Ohren zu. Schon lange hatte sie keine anderen Menschen mehr reden hören. Sie war sich nicht einmal mehr sicher, ob sie überhaupt ein Mensch war. Die Höhle hatte sich plötzlich verändert. Auf einmal waren da Metalltreppen, die in die Steine hineingebaut waren und Schilder mit Richtungspfeilen darauf. Die Menschen kamen immer näher und näher. Die Kraft des Felsens verstummte – so laut redeten die Menschen. Auch trugen sie eigenartige Kleidung, die ihren ganzen Körper bedeckte. So ganz anders, als die Menschen in dem Dorf, in dem sie geboren wurde. Sie presste sich immer stärker an den Stein, als könnte sie in ihn hineinschlüpfen. Sie wurde wütend auf die Eindringlinge, die den uralten Felsen überhaupt nicht respektierten. Sie glotzten in ein komisches Ding, das aussah wie ein schwarzer Knochen. Es beleuchtete kalt ihre Gesichter und sie sahen überhaupt nicht, wo sie hintraten. Es reichte ihr – sie trat hinter dem Stein hervor und ein Kind fing an zu kreischen. Wieder hielt sie sich die Ohren zu. Ein Raunen ging durch die Gruppe von Menschen. Eine Frau trat auf sie zu und sprach sie an, doch sie konnte ihre Sprache nicht verstehen. Da merkte sie, dass sie nackt war – deswegen blickten die Fremden sie so ungläubig an. Erschrocken bedeckte sie ihren Körper mit den Armen. Sie blickte auf sich hinunter und erkannte, dass ihr Körper nun anders aussah, als damals, als sie in die Höhle kam. Das machte sie traurig. Sie wollte wieder Dunkelheit, sie wollte den Felsen wieder sprechen und singen hören. Doch die Frau legte ihr eine Jacke um den nackten Körper, fasste sie behutsam am Arm und zog sie mit sich. Noch einmal blickte sie zurück in die Grotte und die Menschengruppe starrte ihr nach – sie senkte ihren Blick. Die Frau sprach weiter auf sie ein aber sie schwieg, weil sie nichts verstand.

Es wurde immer greller und heller um sie herum. Sie traten aus dem Felsen – da waren noch mehr Stimmen und noch mehr Schritte und sie dachte, ihre Ohren müssten platzen. Der Lärm war unerträglich! Sie presste ihre Augen ganz fest zusammen – es fühlte sich an, als würde das Sonnenlicht sie sonst verbrennen. Auf einmal spürte sie, wie sie auf dem harten Boden aufprallte. Sie verlor das Bewusstsein.

Als sie aufwachte, hatte sie ein Nachthemd an – es kratzte und hing schwer an ihrem Körper. Sie fand sich in einem sehr hellen, weissen Raum wieder. Die kahlen Wände und die niedrige Decke engten sie ein. Sie bekam Panik, schrie und schlug um sich. Da eilte auch schon eine weiss gekleidete Frau herbei und gab ihr eine Spritze – so schnell, dass sie sich nicht wehren konnte. Ihr Atem wurde tiefer und sie fühlte sich schläfrig. Jedes ihrer Glieder fühlte sich so unendlich schwer an. Sie liess den Kopf auf die Seite fallen und schlief wieder ein. Im Halbschlaf bemerkte sie, dass zwei Menschen an ihrem Bett standen. Einer davon war ein grosser Mann, ganz in blau gekleidet. Er sprach mit der Frau in Weiss, die ihr die Spritze verabreicht hatte. Sie verstand, was sie sagten! Sie sprachen dieselbe Sprache! Aber sie war zu benommen, um auch nur einen Laut aus sich herauszupressen.

«Wir konnten sie identifizieren: Das ist das Mädchen, welches vor 15 Jahren entführt wurde und verschwand.», sagte der Mann in Blau.

«Sie ist offensichtlich traumatisiert, ich kann sie nicht zu ihren Eltern lassen. Sie muss in der Klinik bleiben.»

«Das haben wohl die Eltern zu entscheiden. Ich lasse sie herkommen.»

«Sie ist noch nicht bereit, ihre Eltern zu treffen. Wenn sie schläft, murmelt sie ständig von singenden Felsen, Steingeistern und Eindringlingen. Wenn sie wach ist, schreit sie völlig verängstigt. Wenn ich sie anspreche, antwortet sie mir nicht. Sie muss sich erst ausruhen.»

Sie verstand zwar die Worte, die gesprochen wurden, aber nicht deren Bedeutung. Eltern? Verschwunden? Aber sie lebte doch zuvor in einem Dorf im Wald und ihre Grossmutter war eine Heilerin! Wovon sprachen diese Menschen da? Sie wurde unruhig und wälzte sich hin und her, ihr ganzer Körper fühlte sich heiss an. Sie träumte von dem kühlen Felsen, vom verschlafenen Wasser, welches alles Leben formte und von den singenden Steingeistern, die schon immer da waren. Sie weinte und verstand nicht, wo sie war. Sie wollte wieder nach Hause, in die Höhle. Da fiel ihr ein, was ihr der Felsen immer und immer wieder lehrte und hörte auf, sich selbst zu bemitleiden.

Die Sonne blendete in ihr Gesicht, als sie aufwachte. Langsam gewöhnte sie sich an die Helligkeit, wie auch an die Enge des Raumes. Sie blickte in zwei weinende Gesichter – ein Mann und eine Frau standen am Ende ihres Bettes. Sie versuchte zu sprechen, aber es kam nur ein Krächzen aus ihrem Hals. Die Frau schluchzte daraufhin noch mehr. Auch die Frau in Weiss war wieder da.

«Es tut mir sehr leid, dass sie sie so sehen müssen. Sie ist völlig traumatisiert, das sagte ich schon Kommissar Reber.»

Traumatisiert? Aber ihr ging es doch blendend! Sie wollte einfach nur nach Hause und hoffte, dass sie das bald tun könnte. Sie verstand noch immer nicht, warum sie hier war.

«Was ist mit unserer Tochter passiert?»
Tochter? Diese Frau war eine Fremde für sie!

«Sie wurde von Touristen in einer Grotte gefunden. Sie war wohl über 15 Jahre dort eingesperrt, unentdeckt.»
«Die Entführer waren nicht aufzufinden, auch nach mehrwöchiger Suche einer Spezialeinheit nicht. Also gehen wir davon aus, dass sie in die Höhle geflohen ist.»

Das war die Stimme des Mannes in Blau.
Die fremde Frau, die sich als ihre Mutter ausgab, legte den Kopf in ihre Hände und zitterte.

«Nach genauer Untersuchung des Körpers ihrer Tochter konnte ich keine kürzlich zugefügten Verletzungen erkennen. Ich konnte jedoch feststellen, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Das weist darauf hin, dass sie von ihren Entführern sexuelle Gewalt erfahren hat – sie war ja noch ein Kind, als sie verschwand. Wie lange dies zurück liegt, konnte ich aber nicht bestimmen.», sagte die Frau in Weiss.
«Aber was hat sie denn? Wieso spricht sie nicht?» schrie jetzt der fremde Mann am Fusse ihres Bettes.

«Dazu kann ich Ihnen leider noch keine Angaben machen. Ich empfehle Ihnen, Ihre Tochter in der geschlossenen Abteilung der Klinik zu lassen. Ich habe den Verdacht auf eine dissoziative Persönlichkeitsstörung oder Schizophrenie – manchmal flüstert sie im Schlaf von Steingeistern.»
Die fremde Mutter-Frau weitete ihre Augen zu grossen Tellern.

«Oh mein Gott! Mein armes Kind!»
«Auch kann ich nicht ausschliessen, dass sie Psychosen erlitt. In meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Psychiaterin ist mir noch nie so ein Fall begegnet!»

Die fremde Mutter-Frau gab ihr Einverständnis, sie in der Klinik zu lassen und verschwand mit dem fremden Mann im Flur. Die Tür knallte ins Schloss. Sie hörte den fremden Mann die fremde Frau anschreien. Es würde ihnen ganz sicher nicht gefallen, wenn der Felsen sie jetzt spiegeln könnte. Vor lauter Schreck würden sie vor sich selbst davonlaufen.

Auch wenn sie nicht verstand, was vor sich ging, wusste sie doch, dass sie nicht nach Hause gehen könnte. Die Welt hatte sich verändert. Die Zeit hatte sich verändert. Die Uhren tickten schnell und laut, die Menschen fragten dauernd nach der Zeit. Als wollten sie sich ständig absichern – als hätten sie das Gefühl, das Unaufhaltbare aufhalten zu können. Und da Zeit in dieser Welt eine so grosse Rolle spielte, war ihr klar, dass sie für eine kleine Ewigkeit in diesem Zimmer bleiben würde. In diesem viel zu weichen Bett. Und an die kahle Decke starren würde – in Gedanken bei der einzigen Zeit, die sie kannte: Die des uralten Felsens, der schon immer einfach da war und immer da sein wird. Und die des Wassers, welches unaufhörlich Leben formt. Auch jetzt.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Susanne Grädel

Autor: Susanne Grädel

Susanne Antoinette Grädel, wurde am 01.08.1990 in Bern geboren und hat einen Abschluss als Fotografin HF von der F+F Schule für Kunst und Design. Susanne schreibt Gedichte und Belletristik, malt, fotografiert und filmt. Seit über zehn Jahren versucht sie, ihre komplexen Gedanken und ausufernden Gefühle mit Lyrik und Belletristik in die Aussenwelt zu tragen. In ihren Texten untersucht Susanne die Melancholie in alltäglichen, ephemeren Situationen und entdeckt das poetische Potential in abgründigen Gedanken.

Direct Contact

Täuschung, Irland