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Täuschung, Irland

«Wieso sprechen wir über Orte in Irland, die es vielleicht gar nicht gibt?»

Du sagtest: «Es ist nicht sicher, obTäuschung nicht doch ein Ort in Irland ist, aber es bringt nicht viel darüber nachzudenken.»

«Wo du Recht hast, hast du Recht.» Du nahmst deine langen blonden Haare zurück, flochtest einen Knoten und das Flackern in deinen Augen war kein gutes Zeichen.

«Wieso sprechen wir über Orte in Irland, die es vielleicht nicht gibt?»

Du sagtest und mir kam die Strasse vor den mannshohen Fenstern der Trendbar etwas kälter, etwas grauer vor, du sagtest: «Eigentlich sprechen wir nicht von Irland, wir sprechen von Täuschung.»

«Keine Ahnung, warum wir über Täuschung sprechen sollten, dann eher noch über Irland.»

Klar: Wir waren es gewohnt, Scheiss zu reden, wir sprachen viel über Dinge, von denen wir nicht die leiseste Ahnung hatten, was uns aber selten störte, wir legten einfach los und vergassen es dann wieder. Das hier war anders. Auf ungute Art anders. Du sagtest: «Wie können wir sicher sein, dass wir uns nicht etwas vor machen, uns nicht selbst täuschen.»

Da waren Krisen gewesen, manchmal wochenlange Streitereien und Unverständnis. Nach all den Jahren waren da Dinge, über die wir nicht mehr sprachen. War das Täuschung? War das ein Ort in Irland? Da waren Narben, Wunden. Wir sprachen nicht darüber, damit kein neues Blut fliessen würde. Schweigen war nicht schlimm, Blut war schlimm. Viel Blut war ganz schlimm. Aber wir hatten gelernt, es braucht kein neues Blut, es ist zu schmerzhaft. Du sagtest: «Wir machen uns etwas vor, wir täuschen uns, weil es bequem ist, weil wir uns daran gewöhnt haben.»

«Wir haben eine Geschichte, wir kennen uns, das ist nichts Schlechtes. Das ist OK.» Es klang schwach, war aber wahrscheinlich wahr. Du sagtest: «Das stimmt, du hast Recht, aber es ist zu wenig, wir haben es gut gemacht, aber jetzt ist es zu wenig.»

Cappuccino, Latte Machiatto und das alles, diese Dinge war in der trendigen Bar um die Ecke wirklich megagut und trotzdem: Es reichte nicht. Wir bewohnten eine zu grosse Wohnung, kauften zu viele Klamotten, uns war nicht kalt und unser Leben war bequem. Alles war gut. Zu gut?

Du sagtest: « Du denkst jetzt vielleicht, dass Irland weit weg ist, dass das die Typen sind, die den Brexit gemacht haben, du denkst vielleicht, dass wir alles über das alles wissen, das ist nicht schlecht, aber wir wissen nicht, ob wir uns nicht täuschen, meinst du nicht?»

«Keine Ahnung, wovon du redest, es klingt nicht gut.»

Es hatte gedauert. Es war traurig. Die Zügelkisten, die Lastwagen und die starken Männer, die unsere Möbel, Bücher und Sachen wegtrugen. Aber irgendwann hatte ich ihn gegoogelt, den Stein der Täuschung in Irland. Offensichtlich gab es so etwas. Immerhin, das war eine bessere Vorstellung als den Verdacht zu pflegen, der neue Fitnesstrainer sei schuld, der zwar dumm, aber sexy war und letztlich nichts dafür konnte, dass wir uns gegenseitig getäuscht hatten.

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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