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Thin White Duchess

Lisa Eckhart ist die Neo-Germanistik-Supernova des 21. Jahrhunderts, eine Art Platon des Corona-Zeitalters. Was sie erzählt, macht vielen Angst. Weil es das schonungslose Abbild einer Gesellschaft ist, welche gerade daran ist, an ihrer eigenen Scheinheiligkeit – und Angst davor, das zu sein, was sie eigentlich sein möchte – zu zerbrechen.

Dass Eckhart nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, hat damit zu tun, dass die Performance ihrer Kunst anspruchsvoll, charmant, elegant, glanzvoll – und schachmattig ist. Sodass ihr sogar vermeintliche Henker verfallen.

Während die Eckharawane weiter zieht, werden die auf einem Auge blinden und einem Ohr tauben, bellenden Hunde immer stummer. Der Beifall indes, fuer Lizzy Steyrdust, die Thin White Duchess der Kabarettszene (nicht nur optisch), lauter. Zurecht.

Ich treffe sie auf dem legendären Thron im Kaufleuten-Backstage sitzend, der schon Grace Jones als Bühne diente, an ihrer Aftershow Party endlose Geschichten vom dreibeinigen Gaul zu erzählen.

Frau Eckhart, duzen oder siezen wir uns?

Siezen, bitte. Ich bin 28 Jahre alt.

Klar, bei dem fortgeschrittenen Alter eine Selbstverständlichkeit.

(Sie bekommt Weisswein im Glas, ich wollte Wasser, wird in PET-Flasche serviert)

Prost.

Oh nein, das tut man nicht. Wollen Sie auch einen (Weisswein, meint sie)?

Nein, danke (auch wenn ich mich mit der PET-Flasche unwesentlich, aber doch, unterlegen fühle)Wenn Sie sich mit 28 so alt vorkommen, wie soll es mir mit 46 gehen, der Ihnen das du anbietet?

Es ist ja nichts Schändliches, erwachsen zu sein. Man muss nicht unnötig die Pubertät in die Länge ziehen.

(Wer hier „Paperlapapp!“ schreit, liegt zuhause vor‘m Fernseher, schaut Premier League und trinkt Dosenbier)

Ich merke, Sie haben Prinzipien. Damit Sie sich auf etwas einstellen können, verrate ich Ihnen die vier Akte – wenn Sie so wollen – unseres Gesprächs: Gesellschaft, Burgenland, Narzissmus und Religion. Schlagen Sie ein?

Passt.

Woher nehmen Sie die Motivation, in einer Gesellschaft mit Ihrer Kunst, wo Sie viel Gegenwind bekommen, weiterzumachen?

In der heutigen Gesellschaft, meinen Sie?

In der man versucht, Sie zu beschneiden, wo es nur geht. Sie bewusst missverstehen und – aus Neid und Selbstzwangsregulierung, um in eben diese Gesellschaft zu passen – anklagen will.

Ein bisschen Zensur hat noch keinem geschadet. Es spornt einen nur noch mehr an, das, was man sagen will, raffinierter zu formulieren. Für die ganz grobschlächtigen Kritiker. Dass sie sich getroffen fühlen, doch nirgendwohin ausweichen können. Wenn es keinerlei Zensur und Gegenspieler gäbe, wäre es eine triste Zeit für die Kunst. Obgleich ich nicht der Meinung bin, dass es jetzt ideal fuer Satire wäre. Die Narrenfreiheit, welche uns Humoristen gegeben ist, derer bemächtigen sich grad Hinz und Kunz, vorallem Politiker. Weswegen die politische Korrektheit, die aber in das Feld der Politik gehören würde, auf die Kultur abgewälzt wird, wo sie gewiss nicht hingehört.

Sie sprechen Tatsachen in so einer Treffsicherheit aus, bei welcher sich ein Grossteil der Menschen ertappt fühlt – und vehement nicht für wahr haben will. Sie deshalb angreift.

Das mag sein. Was ja schön ist. Die Kritik kommt aus der richtigen Ecke. Nur oftmals aus den falschen Gründen.

Lässt sich da auch der Bogen zur coronageschädigten Marschier-Gesellschaft spannen? Die Leute sind sofort empört, wenn jemand eine andere – vielleicht zutreffendere – Meinung als die gängig vertragbare hat. Spielt Ihnen das in die Karten.

Ja.

Wie begegnen Sie dem – persönlich?

Dem kann man kaum mehr begegnen. Was das Problem ist. Weil… die Brücken niedergebrannt scheinen. Es gibt kaum mehr Kommunikation. Die Menschen verhalten sich nicht mehr als Citoyens, sondern als das, wozu sie erzogen wurden – als Konsumenten. Und der Kunde ist König. Glaubt er zumindest. Weil es ihm auch vorgegaukelt wird. Algorithmen stimmen alles auf ihre kleine Lebenswelt ab. Und was dem nicht entspricht, ist böse. Moralisch böse.

Geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie sich – fuer sich – mal abgrenzen müssen? Im Sinne von ‚Not my monkey – Not my circus‘? Was sie beschreiben, ist ja leider nichts neues, der Grossteil der Menschen braucht ja Befehle. Der Homo Erectus braucht Führung.

Ob sie es tatsächlich brauchen, weiss ich nicht. Aber sie wollen es sicherlich.

Voilà.

Ja! Das hat man jetzt wieder sehr gut gesehen. Im Zuge dieser Corona-Geschichte, die Sie ansprachen. Mit welchem Vergnügen die Menschen gehorcht haben. Ich sage nicht, dass sie das nicht hätten tun sollen. Aber ich habe ein bisschen den Trotz vermisst. Der sich natürlich fügt und die Maske einfach aufzieht. Doch sie tun es nicht widerwillig, sondern mit diesem Glanz in den Augen, wie vorbildlich man sich doch verhält. Und im gleichen Schritt bereit ist, alles zu denunzieren, was nicht dem entspricht. Und diese Bereitschaft fand ich erschreckend. Ich meine, in China kriegt man wenigstens Sozialpunkte auf‘s Konto, wenn man jemanden denunziert. In Deutschland haben das die Menschen auf wohltätiger Basis gemacht. Niemand hat in einer Akte ein Mitarbeiterplus vermerkt.

Stimmt.

Sie haben‘s dennoch getan.

Schockierend. Und entlarvend zugleich. Ein Diktat, dem man vom Wahn, das richtige zu tun, folgen will. Folgen. Glauben. Nicht wissen. Es war mir auch bis heute schleierhaft, wie ein braunhaariger, untersetzter, zurueckgewiesener ‚Maler‘, im Zuge des zweiten Weltkriegs, 80 Millionen Menschen eines anderen Landes, mit Verlaub, Ihrem, Akzent, aber unbestrittener Energie, davon überzeugen konnte, dass die einzig wahre Rasse aus grossgewachsenen Menschen mit blonden Haaren und blauen Augen bestünde. Alles andere, insbesondere Juden, dessen Volke er zumindest zu einem Viertel selbst angehörte, ausgerottet werden müsse. Heute fällt uns das Prozedere wieder vor die Füsse. Dasselbe, welches in Religionsgehorsam angewendet wird. Der Homosapiens will glauben, nicht wissen. Wer wissen will, ist verdächtig – und gehört vernichtet.

Wenn sie denn nur glauben wollten. Die meiste Zeit „meinen“ sie lediglich. Und zwischen dem Glauben und dem Wissen halte ich das Meinen für eine impotente Kategorie.

Bedienen sich die Mächtigen nicht immer derselben Macht-Instrumente? Der Angst? Und des Befehls? Der Selbstkasteiung?

Ich glaube, man kann es nicht vergleichen. Es ist ja nicht so, dass man jetzt sagt, zieh in den Krieg – und opfere dein Leben. Sondern, justement, opfere nicht dein Leben – sei ein Held, indem du gar nichts tust. Im Sinne von: Rette Leben, indem du deines nicht gefährdest. Diese inflationaere…

… Passive Kapitulation, meinen Sie?

Das pervertierte Heldentum. Helden sind und waren nie rücksichtsvolle, sanfte Gemüter. Die klassischen Helden zeichneten sich durch all die Eigenschaften aus, die heute als toxisch gelten.

In Ihrem Programm feiern Sie ja das Burgenland. Ich hab dazu eine Anekdote. Da sitz ich an einem Tisch mit Burgenländern. Und das Oberhaupt sagt zu mir: ‚Ihaar Schwoaaazer hoabts oaba aaach oa koamischn Sproachn‘. Herrlich, oder?

(Schmunzelt) Ja, absolut.

Weiter zu Narzissmus. Was halten Sie von der harmlosen Grundform, nur an sich zu denken und sich zu glorifizieren?

Grundsätzlich finde ich nichts falsches daran, an sich selbst zu denken. Es kommt eben darauf an, wie man dem Spiegelbild begegnet. Ist man zufrieden, mit dem was man sieht, oder übt man darin Posture. Wie man nach aussen wirkt. Also ich bin eine Verfechterin des klassisch dandyesken Narzissmus. Ein Narzissmus ohne Ich. Keine Suche nach dem Selbst, sondern wohltuende Entfremdung davon.

Es gibt ja diesen krankhaften Narzissmus.

Ja, das glaub ich gern (lacht).

Noch nie davon gehört?

Wie meinen Sie?

Das sind Psychopathen. Die anderen bzw. Ihnen Ihr Leben nicht gönnen, und es zerstören wollen, weil sie es nicht haben können. Schon mal solche Erfahrungen gemacht? In sozialen Medien beispielsweise? Zurückgewiesene – vielleicht heimliche – Verehrer?

In sozialen Medien finde ich nicht statt. Ich sehe den Reiz daran auch nicht. Es ist nicht etwas, was ich schmerzlich vorenthalte, weil ich um die negativen Auswirkungen weiss. Mit vorgehaltener Pistole würde man mich da nicht rein tragen. Das ist ja kein Ort, wo die Leute hingehen, um Lob auszusprechen – sondern…

… zu erhalten. Und wenn nicht, brennt‘s.

In der Tat.

Wo stehen Sie denn jetzt in der sozialmedialen Auseinandersetzung mit den Katholiken – oder dem Judenrat, zum Beispiel?

Mir sind zum Glück hochkarätige Stimmen zu Hilfe geeilt, wie etwa der Antisemitismusforscher Götz Aly. Und die Katholiken sind mir sowieso ergeben, seit ich mit dem Gedanken eines Wiedereintritts spiele. Zudem habe ich die Phase plumper Kritik am Katholizismus überwunden. Marx sagte auch: „Die Mutter aller Kritik ist die Religionskritik“. Das ist gut und wichtig als Übung. Aber im Idealfall übersteigt man die dann. Nicht zuletzt, weil man bemerkt, dass der Atheismus die Verheissungen nicht erbrachte, die man sich erhofft hat.

Was verstehen Sie unter Atheismus? Normalerweise sind das Menschen, die sich nie mit Religion auseinandergesetzt haben – also auch Nichtwissende und pauschal Abweisende.

Ich kenne nicht viele fundamentalistische Atheisten. Aber ich weiss, dass der Nichtglaube an Gott auch eine Art Methadon geworden ist.

Glauben Sie an was?

Nein. Was nicht ausschliesst, dass ich wieder in die Kirche eintreten könnte. Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube an die Kirche. An das Ritual, an das Formelle. Nicht an den Inhalt. Und das gilt fuer alles.

Der Hintergrund der Kirche ist, meines Erachtens, aber, den Inhalt zu Geld zu machen.

Aber sie hat eine gesellschaftliche Funktion, was nicht zu leugnen ist. Wir haben auch noch nichts besseres gefunden. Ein Anwärter ist der Umweltschutz, der einige Paralellen aufweist. Die Obsession mit der Apokalypse, die Vorstellung eines ewigen Lebens etc. Menschen werden immer eine höhere Instanz, einen Herrensignifikanten brauchen. In meinem Fall ist es Kunst.

Wir brauchen das wahrscheinlich nicht.

Doch, doch!

Brauchen Sie imaginaeren Halt?

Ja, was heisst den Halt? Nein, so was liefert keinen Halt. Es liefert Halt im Streben und Fallen. Aber richtig zu fassen kriegt man es nie. Wer kriegt denn Gott zu fassen?

Ich sicher nicht. Weil ich sowas wie Gott ja eher für die Gefälligkeit halte, Verantwortung abzugeben.

Das ist aber durchaus verständlich. Die totale Selbstverantwortung bzw. Freiheit tut den Menschen leider nicht gut. Besonders dann nicht, wenn man ihnen Freiheiten andreht, die in Wahrheit Fesseln sind. Oder letztlich zu solchen werden. Wir fetischisieren die Meinungsfreiheit, die längst ein Meinungszwang geworden ist. Wir sind dazu verdammt, unentwegt zu kommunizieren. Das ist doch kein Privileg. Liquid Identity, das Spiel mit Geschlechtern – all das klang anfangs subversiv. Letztlich entspricht es aber perfekt dem neoliberalen Aufruf, sich unentwegt neu zu erfinden, gefälligst flexibel zu sein. Kein Wunder, dass viele wieder Essentialismen verfallen, Sprecherhierarchien errichten und eine stramme Haltung fordern. Sie torkeln ja transzendental obdachlos herum. Sie sind nicht frei. Sie sind vogelfrei.

Schönes Schlusswort. Danke Ihnen für Ihre Zeit.

Sehr gerne.

Btw. Ist Ihre linke Linse natur blau…

Ja. (schmunzelt)

..und die rechte gruen?

Ja. (schmunzelt)

Kennen Sie David Bowie?

Ja. (schmunzelt)

Ist mir die ganze Zeit aufgefallen – faszinierend.

Fällt nicht jedem auf.

Enchanté, Madame – a la prochaine.

Sehen Sie Lisa Eckhart live: https://www.lisaeckhart.com/termine/live
Alle Infos zum aktuellen Bestseller von Lisa Eckhart: https://www.lisaeckhart.com/literatur/omama

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Sascha Plecic

Autor: Sascha Plecic

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