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Ist unser Selbst nichts als ein verzogenes Gör?

Wir entfremden uns. Und wir geben uns hin – dauernd. Wir geben uns der Illusion hin, wir seien einzigartig. Unser Dasein scheint dem Streben nach Individualismus gewidmet zu sein. Aber was bedeutet das schon? Wir sind uns ähnlicher, als wir erahnen. Wir geben uns der Welt hin, den Menschen darin. Wir geben uns unseren Sorgen hin. Wir geben uns den Männern und Frauen hin, weil sie uns Liebe schenken. Aufmerksamkeit. Wir saugen sie auf, diese Liebe, weil wir selbst nichts als harsche, oft zwanghaft erdachte, Kritik für uns übrighaben. Und wir wollen uns dabei einzigartig fühlen – die Einzige, der Eine sein. Und doch vergleichen wir uns mit anderen, wann immer wir an uns zweifeln. Und das geschieht ganz schön oft. Wann beginnen wir, einzigartig für uns selbst zu sein? «Ich bin momentan nicht ganz bei mir» – dieses Gefühl ist machtvoll. Aber wie können wir dann ganz bei jemand anderem sein? Wir sehnen uns nach jemandem, der sagt: «Ich verstehe dich.» Ja, sind wir uns selbst denn nicht Bestätigung genug? Haben wir wirklich ein so grosses Ego, dass wir uns dauernd von anderen Menschen Bestätigung einholen müssen? Als wäre unsere Daseinsberechtigung an das Mitleid anderer gekoppelt. Als würden wir ohne ein «ich verstehe dich» gar nicht wirklich existieren. «Ich verstehe mich selbst»: Wann haben wir diesen Satz das letzte Mal gesagt und es wirklich so gemeint?

Wir entfremden uns von uns selbst, weil wir stark von uns selbst eingenommen sind und doch nicht genau wissen, was dieses Selbst eigentlich ist. Denn unser Selbstbild und unser Handeln sind auf die Aussenwelt fokussiert. Darin ähneln wir uns. Das verbindet uns. Wir wollen die Welt verändern, noch umweltbewusster leben, noch altruistischer sein. Oder ein schöneres Haus kaufen, ein vorzeigbareres Auto fahren, schneller mit der Welt um uns verbunden sein. Es spielt keine Rolle, auf welche Art und Weise wir uns besser fühlen wollen – aber es ist die Aussenwelt, die Schuld daran trägt, wie mies wir uns im Inneren fühlen. Da sind wir uns einig. Also machen wir uns auf, ins teure Luxushotel nach Thailand oder mit dem Rucksack durch Südamerika. Eine Reise kann den Horizont öffnen und neue Perspektiven zulassen. Und manchmal verschafft sie uns tatsächlich den nötigen Abstand, um uns selbst zu reflektieren. Aber so oft kehren wir von unserer doch nicht so lebensverändernden Urlaubsreise zurück und sind wieder genau an dem Punkt, an dem wir aufgebrochen sind. Unzufrieden, unsicher, im Aussen nach Erfüllung suchend. Egal, nach welchen Erfahrungen wir streben – wir übersehen dabei gerne uns selbst.

Aber dieses unbekannte Selbst macht Angst. Genau diese Angst ist es jedoch, die uns diesem Selbst näherbringt. Die Begegnung mit dieser Angst ist die Reise, die wir anzutreten im Sinn haben sollten. Es ist verdammt anstrengend, sich mit seinen inneren Dämonen zu beschäftigen. Wir haben erfolgreich eine Schutzmauer gegen sie errichtet. Diese Schutzmauer wird von einem unzerstörbaren Fundament getragen – die künstlich konstruierten Lebenswelt, in der wir leben. Diese Welt sagt uns, dass unsere Ängste schlecht sind. Wir leben in einer Welt, die uns dazu auffordert, uns durch Konsum selbst zu verwirklichen. In einer neonbeleuchteten, flimmernden Welt, die uns ablenkt und betäubt. Das nehmen wir gerne an, weil wir die Stille in uns nicht ertragen können. Wir betäuben uns selbst und verlieren dadurch das Vertrauen in uns. Wir leiden an Depressionen, Burn-Out und Suchtproblemen. Wir sehnen uns nach ein wenig Freiheit und suchen sie am verkalkten Grund eines Weinglases (oder eher mehreren). Wir betäuben uns, indem wir uns immer mehr Druck auferlegen. Ihm erliegen. Wir wollen immer besser werden. Doch was besser ist, entscheiden wir nicht selbst. Wir zelebrieren den Fortschritt, aber wir wissen nicht, wohin wir gehen. Dieses konsumgesteuerte Leben im Überfluss macht uns homogen und spaltet uns doch gleichzeitig. Ein Paradoxon. Selbstverwirklichung sieht anders aus. Haben wir verlernt, für uns selbst zu denken?

Die Tibeter haben ein Wort für unsere Angewohnheit, vor unseren eigenen Gefühlen wegzurennen: Shenpa. Übersetzt bedeutet es in etwa «anhängen». Es beschreibt diesen verletzlichen Augenblick von innerer Anspannung, wenn unerwünschte Gefühle in uns aufkommen und sich in einem Sturm von destruktiven Gedanken manifestieren. Diese Gedanken hängen an uns, sie haben uns am Haken. In diesem Moment suchen wir nach Ablenkung, nach Betäubung, um diese Gefühle nicht aushalten zu müssen. Selbstzerstörerisch vergrössern wir den Strudel sogar, in dem wir uns den Ängsten blind hingeben – aber annehmen wollen wir sie um keinen Preis. Und schon gar nicht fragen wir die Ängste, woher sie kommen. Und so werden sie auch nicht verschwinden. So kontrollieren sie uns weiter.

Hat die Entfremdung aber vielleicht sogar einen Sinn? Müssen wir uns von uns selbst entfremden, um unser Selbst wieder finden zu können? Ja – wenn wir unsere Komfortzonen endlich verlassen! Sobald wir unsere Bequemlichkeit hinter uns lassen, kann jedoch das Gefühl aufkommen, sich selbst zu verlieren. Aber, gute Nachricht: Wir verlieren nur unser altes Selbst. Wir haben uns daran gewöhnt, im seichten Wasser zu plantschen. Um unserem Selbst zu begegnen, müssen wir die sicheren Gefilde verlassen, in das tiefe, kalte Wasser tauchen und radikal ehrlich sein. Das dunkle Nichts, welches ausserhalb unserer gewohnten Komfortzone lauert, kann zu unserem Sein werden. Denn das Unbekannte ist veränderlich. Körper und Geist, das Nichts und das Sein – sie gehören zusammen. Sie machen uns ganz. Sie formen unser Selbst.

Wir müssen anfangen uns zu fragen, was wir wirklich wollen. Wir müssen uns eingestehen, dass nicht ein neuer Job oder eine neue Beziehung das alles schon für uns regeln wird. Aber Ehrlichkeit kann verletzend und angsteinflössend sein – mit dieser Überzeugung wachsen wir auf. Wir wollen nicht negativ auffallen, niemandem auf die Füsse treten. Wir vergessen uns selbst, in dem wir andere zufrieden stellen wollen. Aber was würde passieren, wenn wir all den Gefühlen, all den Bedürfnissen, all den Wahrheiten, die in uns schlummern, genau so viel Raum geben würden wie dem Selbsthass, der Unsicherheit oder dem Drang, allen zu gefallen? Wir hätten keine Angst mehr, andere zu verletzen, nur weil wir aussprechen, was wir wirklich fühlen. Weil wir erkennen würden, dass unsere Zufriedenheit genauso wertvoll ist, wie die unserer Mitmenschen. Aber wir haben Angst vor den Konfrontationen, die damit einhergehen könnten – obwohl diese oft so fruchtbar wären. Und damit sind nicht ausufernde Diskussionen in den Kommentarspalten der sozialen Medien gemeint.

Wie kann es sein, dass wir uns selbst verlieren und gleichzeitig ein riesen Ego mit uns herumschleppen? Wir können nichts dafür – dieses Ego wird dauernd genährt, fast von selbst. Die konsum- und erfolgsgesteuerte Welt, die wir uns konstruiert haben, betäubt uns nicht nur – sie wirkt wie ein endloser Nährboden für unser Ego. Dieses Ego ist aber nicht etwa mit Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen oder Selbstliebe zu verwechseln. Dieses Ego ist nichts anderes als Selbstmitleid. Wir nehmen uns zu wichtig und wissen doch nicht, wer wir wirklich sind. Und da kommt die Ehrlichkeit ins Spiel: Wer bin ich, wenn ich keine Maske tragen muss? Uns fehlt eine entscheidende Eigenschaft, um dieses Selbstmitleid hinter uns zu lassen: Gleichmut. Eine innere Gelassenheit, die uns dazu befähigt, auch mal loszulassen. Eine tiefe innere Ruhe, die uns gütig mit uns selbst werden lässt. Wenn wir unserem Schmerz begegnen, werden wir keine Opfer mehr sein. Und der Gleichmut kann wachsen.

Dazu ein Zitat aus dem Gedicht «The Promise of a Shaman», «das Versprechen eines Schamanen», von einem unbekannten Autor:

«Wenn du als Opfer zu mir kommst, werde ich dich nicht unterstützen.
Aber ich werde den Mut haben, mit dir durch den Schmerz zu gehen, unter dem du leidest.
(…)
Und du wirst dir selbst danken.»

Unser Selbst ist so verwöhnt. Und es ist so unzufrieden. Wir schlittern durch das Leben, warm eingepackt in unseren eigens konstruierten Blasen und erwarten, dass andere uns verstehen. Mit Wut und Zorn blicken wir auf all jene herab, die das nicht tun. Die anders denken als wir. Das ist selbstverständlich, wollen wir uns doch selber schützen. Wir legen uns die Welt so zurecht, wie wir sie haben wollen. Aber dabei verhärten wir Fronten. Wir haben dauernd das Gefühl, uns für unsere Überzeugungen rechtfertigen zu müssen. Da wäre ein bisschen mehr Gleichmut durchaus von Vorteil. Sobald wir den inneren Drang verspüren, uns zu rechtfertigen, erkennen wir eigentlich ganz genau, wie unsicher wir wirklich sind. Aber wie wir schon herausgefunden haben, sind Erkenntnisse anstrengend. Also verziehen wir uns lieber wieder in unsere gemütliche Blase. Oder wir werden laut und lassen es zu, dass unsere unterdrückten Gefühle sich in jeden Muskel unseres Körpers schleichen und wir uns verspannen. Wir alle kennen diese Mitmenschen, die lauthals ihre Meinung vertreten, zu jeder unserer Geschichten eine bessere kennt, auf jede Argumentation eine Antwort hat (oder sie erfindet) und sowieso alles besser weiss, sei dies in einer gemütlichen Runde am Stammtisch oder in den sozialen Medien. Seien wir ihnen gegenüber wohlwollend – sie haben sich einfach von ihrem Selbst entfremdet.

Die Geschichte «The two Wolves» über einen alten Cherokee-Grossvater erklärt, wie das Innere der Menschen funktioniert und wie wir unser Selbst erziehen können. Der Grossvater sagt zu seinem Enkel: «Es existiert ein Kampf in mir – ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Einer ist böse. Er ist wütend, neidisch, eifersüchtig, traurig, bedauernd, gierig, arrogant, selbstmitleidig, schuldig, ärgerlich, minderwertig, unehrlich, stolz, überlegen und egoistisch. Der andere ist gut. Dieser Wolf ist freudig, friedlich, liebevoll, hoffnungsvoll, gelassen, demütig, gütig, einfühlsam, grosszügig, wahrheitsgemäss, mitfühlend und treu.»
Sein Enkel fragt: «Welcher Wolf gewinnt, Grossvater?»
Der alte Cherokee antwortet: «Der, den du fütterst.»

Diese Geschichte thematisiert vereinfacht den psychologischen Begriff der «Selbstregulation» – also den bewussten Umgang mit Gefühlen und Situationen. Selbstregulation ist die Fähigkeit, unsere Gefühle, Impulse, Handlungen und Aufmerksamkeit zu steuern. Schon in der Kinderpsychologie wird mit der Selbstregulation gearbeitet – damit wir früh genug lernen, unsere eigenen Gefühle zu kontrollieren. Viel zu oft jedoch ist es andersrum der Fall und wir wachsen zu Menschen heran, die mit ihren Gefühlen und ihrem Selbst überfordert sind. Allerdings darf auch der böse Wolf in der Geschichte nicht verhungern – sonst wird er sich rächen. Wenn wir ihn als ein Teil unseres Selbst annehmen, wird er nicht mehr um unsere Aufmerksamkeit kämpfen und er lässt sich zähmen. Ohne Schatten existiert nun mal kein Licht.

Es könnte so simpel sein. Wir könnten auch uns selbst mit ein wenig mehr Güte und Bewusstsein begegnen. Wir könnten morgen aufwachen und uns wirklich, wahrhaftig lieben. Wieso also fällt uns das so schwer? Wir sind der Schlüssel – so wie wir die Welt im Inneren sehen, so nehmen wir sie auch im Aussen wahr. Genau das gilt für unser Selbst. Wir erschaffen unser Selbst jeden Tag aufs Neue. Wir haben jederzeit die Möglichkeit zu sagen: Ach, scheiss drauf! Hören wir auf, uns dauernd selbst zu hinterfragen (denken wir an «Shenpa»). Wir dürfen in uns selbst vertrauen. Wir dürfen uns selbst danken. Wir dürfen uns dem Leben hingeben. Wir müssen uns lächerlich machen, uns blamieren, im vollen Bus weinen und auch mal das Falsche sagen. Denn nur wenn wir loslassen, lernen wir, uns zu verzeihen. Was wir dazu brauchen, ist einzig und allein die pure, wahrhafte Ehrlichkeit zu uns selbst.

Aber auch verzogene Gören lassen sich umerziehen.

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Susanne Grädel

Autor: Susanne Grädel

Susanne Antoinette Grädel, wurde am 01.08.1990 in Bern geboren und hat einen Abschluss als Fotografin HF von der F+F Schule für Kunst und Design. Susanne schreibt Gedichte und Belletristik, malt, fotografiert und filmt. Seit über zehn Jahren versucht sie, ihre komplexen Gedanken und ausufernden Gefühle mit Lyrik und Belletristik in die Aussenwelt zu tragen. In ihren Texten untersucht Susanne die Melancholie in alltäglichen, ephemeren Situationen und entdeckt das poetische Potential in abgründigen Gedanken.

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