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Aus dem Tagebuch einer Heimatlosen

Freitag, 22. Oktober 1979

 14:00

Ich lief soeben schnellen Schrittes durch einen kleinen Park in Westberlin. Hohe Bäume säumen den Gehweg und ein kleiner Teich lockt tanzende Libellen an. Ich muss schwer atmen, während ich diese Zeilen schreibe, auf einer Parkbank sitzend, mein Tagebuch unbequem auf den Knien balancierend. Nahegelegene Kirchenglocken schlagen zwei Mal. Ihr Klang schreckt einige Tauben auf, die sich auf ein Dach retten. Die roten Schindeln des Daches glitzern in der Sonne. Es ist ein warmer Nachmittag und der Park voller Menschen, die nach den letzten tristen Tagen ein bisschen Sonne erhaschen wollen. Ein junges Mädchen spielt Gitarre und singt «Diamonds and Rust» von Joan Baez. Sie trägt ihre langen Haare offen, die blonden glatten Haare fallen ihr ins Gesicht. Wenn sie singt, schliesst sie die Augen und wippt ihren Körper hin und her – als sei sie in Trance. Manchmal lächelt sie versonnen, manchmal kneift sie die Augenlider angestrengt zusammen. Als wäre das Singen das Einzige, was sie sowohl glücklich wie auch todunglücklich machen könnte. Ihr Gesang erfüllt den ganzen Platz und hüllt ihn in eine surreale Wolke aus Hoffnung. Und Trauer. Ich beneide diese junge Frau. Ich habe nichts, wofür ich brenne. Ich weiss nicht einmal, wer ich wirklich bin. Aber ich darf mich nicht in Gedanken verlieren, ich muss weiter. Ich habe keine Zeit zu verlieren – ich muss eine Mission zu Ende führen. Und ich bin bekannt dafür, Angefangenes nie unbeendet zu lassen. Also richte ich meine schwarze Sonnenbrille, ziehe meine ebenfalls schwarze Baskenmütze tiefer ins Gesicht und verlasse den Park.

14:30

Soeben kehrte ich in mein Hotelzimmer zurück und setzte mich erschöpft auf das viel zu weiche Bett. Ich bin müde. Im Hotelkorridor erklingt freudiges Gelächter. Berlin ist eine aufregende Stadt – ich besuche sie gerade zum ersten Mal und hatte bisher keine Gelegenheit, in sie einzutauchen, durch ihre Strassen zu schlendern. Denn ich bin keine Touristin. Natürlich sollte jeder denken, dass ich eine bin. Eine französische Touristin, um genau zu sein. Das ist Teil der Mission. Also checkte ich unter falschem Namen ein und achte darauf, nicht aufzufallen. Die meiste Zeit verbringe ich in meinem Zimmer mit der Nummer 277 und warte auf Anweisungen per Telefon. Um ehrlich zu sein, weiss ich nie genau, worauf ich eigentlich warte. Nach meiner Ankunft in Berlin lautete meine erste Anweisung, alle Etiketten von meinen Kleidern abzuschneiden und sie so zu entsorgen, dass sie auf keinen Fall gefunden werden konnten. Dieses Prozedere musste ich auf jeder Reise wiederholen, denn jeglicher Rückschluss auf meine Identität stellte eine Gefahr dar. Ich trage meist schwarze Kleidung, elegant aber nicht besonders extravagant. Eine schwarze Perücke verdeckt mein rotes Haar. Ich bin die perfekte Illusion einer eleganten Französin mit schwarzem Pagenschnitt. Ich wäre gerne Pariserin – diese Illusion gefällt mir. Wie ich hier auf diesem Hotelbett sitze, trage ich weder Perücke noch Kleidung. Ich betrachte mich im Spiegel. Mein rotes kurzes Haar brennt in der schummrigen Beleuchtung des Zimmers. Ich sehe mich – ich sehe aus wie ich, aber ich weiss nicht, wer diese Frau ist, die mich so flehend anblickt. Ich fühle mich nicht mehr. Ich weiss nicht mehr, was ich in meinem früheren Leben getan hatte. Wer ich sein wollte. Wovon ich träumte. Ich muss weinen.

17:00

Die Stunden vergingen, aber das Telefon blieb stumm. Ich musste dauernd an die junge blonde Sängerin denken. Als ich sie sah, kam ich gerade vom Mittagessen mit meinem Auftraggeber. Ich war aufgeregt und hatte furchtbare Angst. Denn mein Auftrag war es, jemanden umzubringen. Einen Mann namens Dimitri. Ob dies sein echter Name ist, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass er uns verraten hat. Er weilt gerade in Berlin, weil er sich mit seinen Freunden von der RAF trifft. Da er Kontakte zu der RAF hat, war er eigentlich auch unser Freund, ein Verbündeter. Aber offensichtlich hatte er etwas Unentschuldbares getan. Sie fragen sich jetzt bestimmt, was das war. Nun, das weiss ich selbst nicht. Ich bin nur die ausführende Macht. Eigentlich sehe ich mich nicht als eine machtvolle Frau – ich tue nur, was man mir sagt. Und natürlich wird es nicht mein erster Mord sein. In all den Jahren tat ich einfach, was meine Auftraggeber mir aufgetragen hatten, ohne es auch nur eine Sekunde lang zu hinterfragen. Aber ich spüre, das nun etwas anders ist. Etwas wehrt sich in mir. Ich spüre seit langer Zeit, wie ich mir selbst entgleite. Als würde ich jedes Mal, wenn ich die Etiketten meiner Kleider abschneide, auch einen Teil meiner Identität abschneiden und ihn herzlos und gleichgültig entsorgen. Namen bedeuteten mir nichts mehr – meinen eigenen hatte ich schon lange hinter mir gelassen. In jedem Land hatte ich einen anderen Namen, auf jeder Reise bekam ich eine neue Geschichte. Ich fühle mich einsam. Ich fühle mich, als wäre ich eine Schachfigur und mein Leben eine einzige Partie, die niemand gewinnen kann. Schon gar nicht ich.

Das Telefon klingelt endlich, ich muss aufhören.

18:00

Es war mein Auftraggeber. Unser Freund wird heute Abend ins Theater gehen – in die Komödie am Kurfürstendamm. Danach trifft er sich mit den Darstellern und einigen Mitgliedern der RAF im Restaurant Dressler. Ich durchsuchte mein Gepäck nach der Akte – sie war aussergewöhnlich dünn und zeichnete ein ziemlich abstraktes Bild von Dimitri. Darin stand, dass er eine grosse Vorliebe für Künstler, Schauspieler und Schriftsteller hat, ist er doch selbst ein eher erfolgloser Poet und Maler. In den Akten befanden sich einige Fotografien, die einen Mann mit einem kleinen Gesicht, grossen wachen Augen und kurzen dunklen Haaren zeigen. Er trug darauf meistens einen braunen Anzug, der altmodisch wirkte. Weiter befand sich darin ein Artikel, in dem er mit einer deutschen Zeitung über seine Kunst sprach. Mich überraschte seine elitäre Art und Weise, wie er darin von seiner Liebe zur Kunst spricht. Als wäre sie etwas Transzendentes, etwas Unantastbares. Und als wären jene, die sie schaffen, gottesähnliche Genies. Er klingt mehr wie ein Kunstkritiker, als ein Künstler. Vielleicht ist das aber alles nur Fassade. Ein Künstler ohne einen gewissen Hang zum Narzissmus ist wohl kein richtiger Künstler. Nicht, dass das meine Ansicht wäre. Weiterhin stand in dieser Akte, dass seine Frau ihn verliess, nachdem sie von seiner Affäre mit einer englischen Fotografin erfuhr. Und dass die Fotografin mit einer Frau durchbrannte, als er diese heiraten wollte. Natürlich haben diese persönlichen Details keinen Zusammenhang mit seinen politischen Aktivitäten. Aber sie beruhigen mich auf eine unerklärliche Weise. Es ist, als würde mir durch die Geschichten dieser Menschen selbst Leben eingehaucht. Als könnte ich mir ihre Geschichten aneignen. Ich male mir dann aus, wie es wäre, ihre Leben zu leben. Zu fühlen, Fehler zu machen, zu verzeihen und geliebt zu werden. Für Sie mag das egoistisch klingen – denn schliesslich bringe ich diese Menschen um. Ich lösche ihre Geschichten aus. Und eigentlich sollte ich, je mehr ich über diesen Menschen in Erfahrung bringe, grössere Skrupel haben, ihn zu töten. Normalerweise würde ich Ihnen widersprechen und Ihnen erklären, dass diese persönlichen Informationen nötig sind, um in Erfahrung zu bringen, wo sich die Zielperson aufhält, in welchem Milieu sie sich herumtreibt und wo ich am besten zuschlagen kann.

Aber nicht heute Abend. Mein Magen zieht sich plötzlich zusammen und ich erkenne, dass ich einen Mann umbringen werde, der alles hat, was mir fehlt: Ein Leben, Leidenschaften, einen Sinn. Ich fand einige von ihm verfasste Zeilen in den Unterlagen und als ich sie las, erschauderte ich. Die Welten, die er mit seinen Worten erschafft, sind überraschend tief und echt. Diese Gedichte sprachen zu mir, sie sprachen von Freiheit, von Liebe und von Leid. Auch die Sängerin im Park sang direkt in meine Seele. Heute ist ein merkwürdiger Tag und ich verliere langsam die Kontrolle über mich selbst. Das macht mich nervös. So habe ich noch nie zuvor gefühlt. Habe ich überhaupt jemals etwas gefühlt? Ich blicke aus dem Fenster meines Hotelzimmers und dichter Nebel kommt auf. Die Sonne verschwindet hinter der weissen Wand.

18:30

Obwohl dies strengstens verboten ist, rief ich, ohne darüber nachzudenken, meinen Auftraggeber zurück. Um meine Zunge zu lockern, nahm ich einen kräftigen Schluck Vodka und teilte ihm mit, dass ich aussteigen wolle. Dass ich mein Leben zurückhaben wolle, welches er mir gestohlen hatte, als er mich damals auf der Strasse auflas. Er wurde wütend und schrie, ich wäre ihm verpflichtet. Mein ganzes Leben lang. Ich stehe in seiner Schuld, weil er mich vor dem Menschenhandel bewahrte. Als ich den Hörer auflegte, musste ich weinen. Jetzt sitze ich in einem schwarzen, sehr langen und sehr rückenfreien Abendkleid auf dem Bett und zähle die Minuten, bis ich gehen musst. In die Komödie am Kurfürstendamm. Ich lege das Ticket für die heutige Vorstellung behutsam in meine Handtasche. Mein Herz klopft. Meine Waffe nicht vergessen!

04:00

Ich habe es nicht getan. Ich bin frei. Meine Hände zittern, die Waffe liegt unbenutzt in meiner Handtasche. Es ist noch dunkel, die ersten Vögel singen der Dämmerung entgegen. Sonst ist es unheimlich still. Die Stadt schläft noch. Aber ich will nicht schlafen, ich muss hier schnellstmöglich abhauen. Keine Spuren hinterlassen. Mein Auftraggeber wird bereits erfahren haben, dass ich eine Mission für einmal nicht zu Ende gebracht habe. Und er wird stinksauer sein – ich bin eine Verräterin. Das heisst, ich war eine. Ich habe mich selbst verraten, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde meines Daseins. Ich schliesse kurz die Augen und sehe mich selbst über die neblige Stadt fliegen, immer höher, bis ich über der dichten Wolkendecke verschwinde.

Als ich an diesem Abend in der Komödie am Kurfürstendamm ankam, war der Salon voller Menschen. Sie lachten, rauchten und tranken. Nichtsahnend wogen sie sich in Sicherheit. Ich war fest entschlossen, meinen Auftrag auszuführen. Nicht in der Menschenmenge, natürlich nicht. Aber ich hätte unseren Freund in ein Gespräch verwickelt, ihm schöne Augen gemacht, meinen falschen Charme spielen lassen. Danach hätte ich ihn in einen Hinterhalt gelockt. Ich klammerte mich an mein Champagnerglas. Mein Herz klopfte wie wild, als ich wie eine Jägerin den Salon absuchte, nach dem Gesicht Dimitris. Sein Blick traf den meinen – er stand an der Bar und unterhielt sich mit einem Mann. Dimitri war schmächtiger als erwartet. Widererwarten strahle er keine Arroganz aus – er lehnte seinen Arm lässig an den Bartresen. Er trug eine kleine runde Brille, war nicht sehr gross und eher unscheinbar. Er lächelte mich an. Sein Lächeln war selbstsicher und gütig zugleich. Ich war irritiert – er sah mich an, als erkannte er mich! Als wüsste er, wer ich war und was ich vorhatte. Er nickte mir zu und ich wandte meinen Blick ab. Er wusste Bescheid! Aber, wie konnte das sein? Wie konnte diese Information zu ihm durchsickern? Ich verlor den Mut und leerte mein Glas in einem Zug. In der Vorstellung sass ich neben ihm, dafür hatte mein Auftraggeber gesorgt. Ich konnte mich nicht auf die Komödie konzentrieren. Die Menschen um mich herum lachten ausgelassen. Aber ich verzog keine Miene. Dimitris Anwesenheit war so präsent, seine flüchtigen Blicke fühlten sich schwer an auf meiner Haut. Er flüsterte mir zu, ob ich denn keinen Spass an der Komödie hätte. Ich antwortete, dass mir nicht zum Lachen zumute war. Er schmunzelte ob meiner Antwort und ergriff meine Hand. Wieso tat er das? Ich zog sie hastig zurück. Er flüsterte, er wisse, wer ich bin. Und dass meine Perücke nicht sehr sorgfältig ausgesucht wäre – rote Haare würden besser zu mir passen. Mein Atem stockte. Ich spürte, wie er mich fixierend ansah. Er musterte mich, schien sich jeden meiner Gesichtszüge einprägen zu wollen. Er entschuldigte sich für seine Aufdringlichkeit, er hätte nicht erwartet, wie schön ich sei. Ich errötete und hoffte, die schützende Dunkelheit des Theaters würde mich schützen. Aber er schien es zu bemerken, denn er lachte leise. Ich fühlte mich unbehaglich.

Nachdem die Vorstellung vorbei war, packte er meinen Arm und zog mich aus dem Theater. Die Nacht war kühl und mein Mantel hing noch an der Garderobe. Er sah mich wieder eindringlich an und sagte, er spüre, dass ich das alles doch gar nicht wolle. Dass ich nicht vorhatte, ihn umzubringen. Dass ich frei sein wollte. Ich nickte gedankenverloren vor mich hin und versuchte, nicht zu weinen. Er sagte, er wolle mir helfen. Ich wollte ihn eigentlich fragen, woher er wisse, wer ich war – aber das war jetzt auch egal. Die RAF hatte mich wohl gefunden und mich verfolgt. Der Auftrag wäre sowieso schiefgegangen – wenn ich versucht hätte, Dimitri zu töten, hätten sie mich ebenso getötet. Ich fragte ihn, ob die RAF hier sei. Er verneinte. Ich sah ihn ungläubig an. Als er erfahren hatte, dass ich in Berlin sei, habe er mich verfolgt. Er sah mich an diesem Nachmittag im Park, wie ich die singende Frau beobachtete. Er sah die Rührung und die Bewunderung in meinem Gesicht und erkannte, dass ich keine Mörderin sei. Ich erschrak. Die ganze Zeit wusste er, was ich tat und wohl auch, was ich fühlte. Er blickte direkt in meine Seele hinein. Ich war verwirrt.

Er holte mich aus meinen Gedanken zurück und sagte, wir müssten fliehen. Ich müsse mir jedoch keine Gedanken um die RAF machen, ich sei kein Zielobjekt für sie. Meine Auftraggeber hingegen schon. Wir liefen los, vorbei an feiernden Menschen. Ich fror und er legte seinen Wollmantel um meine nackten Schultern. Er war kratzig und alt. In dieser Nacht war Berlin eine lichterfüllte Stadt. Sie brannte.

Jemand klopft an meine Zimmertür, aber ich werde sie nicht öffnen. Ich bin in grosser Gefahr. Es klopft lauter, immer lauter. Es hört einfach nicht auf. Ich muss nachsehen, ich schreibe nachher weiter.

06:00

Ich bin am Bahnhof Zoo und warte auf den ersten Zug, um nach Paris zu kommen. Meine roten Haare leuchten in der leeren Bahnhofshalle. Ich trage noch immer mein Abendkleid. Dimitris alter kratziger Wollmantel wärmt meinen frierenden Körper. Das Etikett des Mantels kitzelt meinen Nacken. Ich werde dieses Tagebuch auf dieser Bank liegenlassen, damit Sie sich meine Geschichte ausleihen können. Denn ich schreibe nun eine neue.

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Autor: Susanne Grädel

Susanne Antoinette Grädel, wurde am 01.08.1990 in Bern geboren und hat einen Abschluss als Fotografin HF von der F+F Schule für Kunst und Design. Susanne schreibt Gedichte und Belletristik, malt, fotografiert und filmt. Seit über zehn Jahren versucht sie, ihre komplexen Gedanken und ausufernden Gefühle mit Lyrik und Belletristik in die Aussenwelt zu tragen. In ihren Texten untersucht Susanne die Melancholie in alltäglichen, ephemeren Situationen und entdeckt das poetische Potential in abgründigen Gedanken.

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