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Eine halbe Stunde Geburtstag

Nicht, dass du gehustet oder Fieber gehabt hättest, aber verloren fühltest du dich schon bevor es anfing.

Die schönsten Träume enden, sobald die Sonne aufgeht, dachtest du als am Radio ein Louis Armstrong-Song lief und eine Katze vor deinem Fenster über die Strasse humpelte, eine halbe Stunde vor Mitternacht geschah in der dunklen, schmalen Strasse nichts mehr. Deine Mutter meinte, niemand wisse, wem die Katze eigentlich gehöre und wahrscheinlich sei sie krank oder habe Flöhe. Trotzdem fütterte deine Mutter das Tier manchmal mit etwas übrig gebliebener Wurst. Es war dein Geburtstag und du dachtest über Katzen nach und schütteltest den Kopf am Fenster, weil du dir über das verlauste Tier Sorgen machtest.

Das Radio sagte, die Krise sei zu Ende, darum sei es wieder Zeit einzukaufen, die körperlose Stimme, die selbst für eine wolkenlose Nacht viel zu weich und schleimig klang, erklärte obwohl die Krise eben zu Ende sei, solle man beim Einkaufen trotzdem vorsichtig sei. Du dachtest, das sei nicht logisch, da «Ende» eigentlich Ende bedeutete und so hattest du den Eindruck die Schleimstimme wisse nicht recht von was sie da eigentlich redete.

Es war dein Geburtstag, es war still, es war still geblieben, etwas fehlte, aber es war nicht ganz klar, was genau. Das Radio in der Ecke und die Poster an den Wänden waren keine Hilfe und du dachtest, vielleicht würdest sie morgen abhängen. Die Plakate unterstrichen auf geisterhafte Weise, es feht noch mehr an deinem sechzehnten Geburtstag. Am Fenster dachtest du, dass etwas nicht stimme, wolltest aber auch nicht darüber nachdenken, aber die ruhige Nacht machte es nicht leicht nicht darüber nachzudenken.

Vielleicht wäre dein sechzehnter Geburtstag einfach kein wichtiger, vielleicht war ein Geburtstag nie besonders wichtig, dachtest du und fühltest dich trotzdem so, als hättest du etwas verpasst. Du verpasstest auch, was die weichgespülte Stimme schon wieder von der Krise erzählte, aber dann war es dir auch ein Stück weit egal. Denn irgendwie war die Krise schon vorher bei dir gewesen. Nicht, dass du gehustet oder Fieber gehabt hättest, aber verloren fühltest du dich schon bevor es anfing.

Du fragtest dich, ob du nach unten gehen und der Katze über die Strasse helfen solltest, fragtest dich, ob du ihr Wurst bringen solltest und ob dank ein bisschen Wurst vielleicht wenigstens die Katze glücklich wäre. Du fragtest dich, ob es jemanden gäbe, denn du anrufen konntest. Aber es wäre schon spät und deine Freundinnen lägen alle schon im Bett.

Eine halbe Stunde bis Mitternacht. Ein Song am Radio. Eine Nummer von Louis Armstrong. «Wrap Your Trouble In Dreams». Eine Katze humpelt über die Strasse. Dunkelheit hinter den Fenstern. Noch eine halbe Stunde und ihr sechzehnter Geburtstag wäre vorbei.

 

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Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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