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Die Meerjungfrau

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1.1.1993

 Lieber Unbekannter

Ein neues Jahr beginnt und es soll anders werden, als das letzte. Etwas muss sich verändern. Ich habe das reine Überleben satt. Du kennst mich nicht. Und ich weiss nicht einmal, ob es dich gibt. Ich schreibe diesen Brief aus Verzweiflung, aus Trauer, aus Angst. Und aus Hoffnung. Ich bin nicht verbittert. Meine Trauer könnte jeden Moment einfach verschwinden. Ich könnte morgen früh aufwachen und plötzlich nicht mehr traurig sein. Was wäre ich dann? Das Gegenteil davon? Glücklich sein… wie soll das gehen? Ich weiss nicht, ob Glück überhaupt erstrebenswert ist. Wenn, dann ist das Glück eine Momentaufnahme. Niemand kann andauernd glücklich sein. Wobei ich denke, je weniger ein Mensch über sich selbst und das Leben nachdenkt, desto glücklicher ist er. Wie mein kleiner Bruder. Er ist gerade 20 Jahre alt geworden und lebt einfach in den Tag hinein. Er denkt nie über Glück nach. Oder Trauer. Er nimmt alles so, wie es eben gerade kommt. Ich glaube, er ist der glücklichste Mensch, den ich kenne. Manchmal beneide ich ihn darum. Aber andererseits ist es unmöglich, mit ihm über meine dunkelsten Gedanken zu sprechen. Er grinst mich dann nur altklug an und schüttelt den Kopf. Ich solle mich nicht selbst so unglücklich machen, sagt er. Ich bin fast sechs Jahre älter als er und doch fühle ich mich wie ein kleines Kind. Er wirkt so weise, in seinem jungen Alter. Aber vielleicht ist er auch nur blind. Hat er manchmal dunkle Gefühle? Weint er sich manchmal in den Schlaf? Wenn es so wäre, würde ich es nie erfahren. Ich weiss nicht, ob man glücklich sein kann, wenn man wirklich nie über etwas nachdenkt. Irgendwie grenzt das an Verdrängung. Fakt ist aber, dass ich zu viel denke. Und ich weiss manchmal nicht, wohin mit meinen Gedanken.

Deswegen schreibe ich diesen Brief. Ich habe das Gefühl, verrückt zu werden. Sitze ich hier in meinem Zimmer und schreibe diesen Brief an einen Menschen, den ich nicht mal kenne. Mein Tagebuch kann mir keine Antworten geben und ich hoffe, dass irgendjemand sich erbarmt und mir auf diesen Brief antwortet. Sei bitte nicht zu hart zu mir. Wobei… doch, sei hart! Sei ehrlich, denn wir kennen uns ja nicht. Ich brauche dringend jemanden, mit dem ich mich austauschen kann. Wie du dir denken kannst, lieber Unbekannter, habe ich kaum Freunde. Meine beste Freundin ist mit ihren Eltern im Urlaub und schickt mir Postkarten mit Palmen drauf. Es ist kalt, an diesem Neujahrstag und meine Eltern sind verkatert. Ich habe mich gestern aus dem Haus geschlichen, um mit meinem Nachbarn Gras zu rauchen. Aber befriedigend war das auch nicht. Jedoch immerhin fast so etwas wie eine Party. Mein Nachbar ist 35 Jahre alt und hat sein Leben nicht wirklich im Griff. Verzeih, ich bin eigentlich nicht jemand, der andere Menschen verurteilt. Das ist ja der Fluch – ich sehe in jedem Menschen das Gute. Ihr Licht, sozusagen. Aber mein Nachbar hat sich in der Vergangenheit irgendwie verzettelt, hat eine falsche Ausfahrt genommen und den Weg nicht zurückgefunden. Aber wer von uns hat sein Leben denn wirklich im Griff? Er ist wenigstens ehrlich und versaut es ganz offen, während wir uns alle einreden, alles kontrollieren zu können. Ich glaube, ich verbringe Zeit mit ihm, weil er oft alleine ist und niemanden zum Reden hat. Vielleicht auch, weil ich mich selbst einsam fühle. Dann können wir zusammen einsam sein, das ist tröstlich. Ich fühle seine Einsamkeit und möchte, dass er sich wenigstens einen Moment lang gehört fühlt. Und ich mag ihn, aber nicht auf romantische Weise. Er bringt mich zum Lachen, auf seine ganz eigene unbeholfene Weise. Er mag es, wenn ich lache. Manchmal sitzen wir auf dem Parkplatz des Supermarktes und kiffen zusammen. Zwei verlorene Seelen, beleuchtet von Neonlicht. In diesen Momenten fühle ich mich selig. Irgendwie ruhig. Bis er anfängt, sich über den Staat zu beschweren. Über die hohe Arbeitslosenzahl, über den ungerechten Arbeitsmarkt. Über das Sozialsystem. Dann bin ich nicht mehr selig und versuche, einfach die Klappe zu halten. Aus Erfahrung weiss ich, dass es keine gute Idee ist ihm zu widersprechen, wenn er sich in Rage redet. Er will nicht diskutieren, er will einfach nur Luft ablassen. Und dann sitze ich da und höre ihm zu. Er macht sich selbst unglücklich, würde mein Bruder sagen. Wenigstens kann ich mit meinem Nachbarn über Musik sprechen. Magst du Musik, lieber Unbekannter? Ich mag Roxette, The Cure, Red Hot Chili Peppers, The Cranberries, Nirvana, Pink Floyd, Bikini Kill… und ich bin der grösste Fan von Tori Amos. Kennst du sie? Es ist, als würde sie mir aus der Seele singen. Wenn ich ihre Musik höre, kann ich lachen und weinen zur selben Zeit. Das ist Glück, denke ich.

Ich weiss wirklich nicht, was ich noch schreiben könnte. Zu lang soll der erste Brief ja auch nicht sein. Ich muss mir noch einfallen lassen, wo ich diesen Brief platziere, damit du ihn auch findest, lieber Unbekannter. Ich denke, ich lege ihn in die Stadtbibliothek. Dies ist mein liebster Ort, egal bei welchem Wetter. Wenn andere sich bei Sonnenschein am Fluss tummeln, bin ich in der Bibliothek und lese mit Vorliebe Jane Austen. Oder auch Virginia Woolf. Mein absolutes Lieblingsbuch ist jedoch der einzige Roman, den Sylvia Plath je geschrieben hat. Dort werde ich meinen Brief verstecken.

Wie soll ich diesen Brief nun abschliessen?

Ich hoffe, du findest ihn. Diesen Hilferuf, diesen Lichtblick…  

Bis bald,

N.

 

15.1.1993

 Liebe N,

Wie passend, dass ich deinen Brief gefunden habe. Denn ich bin tatsächlich ein Unbekannter. Unheimlich, nicht? Ich gehe davon aus, dass du ein weibliches Wesen bist. Verzeih, falls ich falsch liege. Aber meine Hoffnung stirbt zuletzt. So wie deine. Als ich deinen Brief las, musste ich schmunzeln. Du bist gerne traurig, nicht? Das ist schon okay, ich kenne das. Aber pass auf dich auf… verschliesse dich nicht vor der Freude. Du hast deine Bücher und deine Musik, ich habe meine Bilder und meine Songs. Wenn ich wütend bin, knalle ich Farben auf die Leinwand. Das ist wirklich sehr zu empfehlen. Alternativ dazu kannst du auch in den Wald gehen und losschreien. Hast du das schon einmal versucht? Es mag dir jetzt komisch vorkommen, dass ich dir einfach so Ratschläge gebe. Ratschläge sind die schlimmsten Schläge, sagt mein Vater. Aber ich habe ein stark ausgeprägtes Helfersyndrom, also sei nachsichtig mit mir. Wenn ich traurig bin, schreibe ich Songs. Es sind nicht immer die besten, die aus der Trauer entstehen. Aber sie sind echt. Ich kann dir nicht sagen, worum es in meinen Songs geht. Es sind alte Geschichten, die ich darin erzähle, älter als meine Seele. Und sie helfen mir, zu weinen. Ein echter Kerl weint nämlich nicht einfach so. Auch das sagt mein Vater. Ich möchte das anders sehen, aber es fällt mir schwer.

 Zurück zu deiner hoffnungsvollen Trauer. Du schreibst, sie könnte jeden Moment einfach verschwinden. Macht dir das keine Angst? Ich mach mir in die Hosen vor Angst. Ich will gar nicht, dass sie verschwindet. Denn sie ist das, was mir Hoffnung gibt. Wenn diese Trauer verschwindet, kann ich nicht mehr hoffen, dass sie verschwindet. Und worauf hoffe ich dann? Dass sie zurückkehrt? Diese Hoffnung hält mich davon ab, komplett den Verstand zu verlieren. Sie treibt mich an, Songs zu schreiben, Bilder zu malen. Diese Trauer ist nicht schwer. Sie ist leicht und warm. Sie ist kein Abgrund. Sie ist mehr wie die Wehmut eines Sonnenuntergangs. Die süsse Bitterkeit eines Abschiedes. Sie ist ein Augenaufschlag, ein Flügelschlag, ein vergängliches Lächeln.

 Verzeih nochmal, ich verliere mich in Gedanken. Ich möchte dir erzählen, wie ich deinen Brief fand. Dein Versteck war übrigens sehr clever gewählt. Du bist mutig, liebe N. Dich so zu öffnen, deine Seele frei zu legen. Dich der Hoffnung hinzugeben. Ich suchte in der Stadtbibliothek nach Sylvia Plath. Die Glasglocke. Ich zog das Buch heraus und da lag dein Brief. Ich war begeistert. Sowas kenne ich nur aus Filmen oder Büchern. Ein Geheimnis, ein Mysterium… eine versteckte Botschaft, nur für mich. Ich weiss, jeder hätte diesen Brief finden können. Aber ich hatte das Gefühl, dass er genau für mich bestimmt war und für niemand anderes.

 Und nun schreibe ich dir zurück und lege den Brief wieder an dieselbe Stelle, in der Hoffnung, dass du ihn findest. So wie ich dich einschätze, siehst du jeden Tag nach, ob dir jemand geantwortet hat. Heute ist dein Glückstag, liebe N. Ich habe dir geantwortet. Und ich sehe dich. Ich sehe dein Mitgefühl, deine Sensibilität. Ich spüre die Liebe, die du in dir trägst. Deine Liebe fürs Leben. Ein Herz, weit und tief, wie ein endloses Meer. Du Meerjungfrau. Ich weiss, manchmal fühlt es sich an, als würde man keine Luft bekommen. Dann wird alles zu viel. Du kannst nichts anderes tun, als für die Menschen da zu sein. Du kannst niemanden retten. Du hast die Verantwortung für dich selbst. Steh auf, weite deine Brust und lass das Leben für dich arbeiten, mit hoch erhobenem Kopf. Wir können nämlich mehr kontrollieren, als du denkst. Wir können so vieles erschaffen, wenn wir uns das nur wahrhaftig zutrauen. Ich weiss, das steckt in dir. Ich spüre dein Feuer. Ich möchte jetzt nicht wie dein kleiner Bruder klingen, der ziemlich nervig zu sein scheint. Ich möchte, dass du dich siehst. Dass du das Gute in dir siehst, nicht nur in allen anderen. Du darfst traurig sein und du darfst wütend sein. Du darfst lieben und du darfst vergeben. Ich mag jetzt wie ein Eso-Futzi klingen, aber ich meine das aus tiefstem Herzen.

Wenn ich an dich denke, dann denke ich ebenso an einen Song von Tori Amos. Kannst du erraten, welchen ich meine? Sie singt darin von sich als Meerjungfrau und vom Himmel, der zusammenfällt.

Ich möchte dich treffen. Und falls du dich fragst, wie alt ich bin… Wie alt war Sylvia Plath, als sie sich das Leben nahm? Genug Rätsel für heute. Wir sehen uns bald, liebe N.

 T.

 

16.1.1993

Lieber T

Ich hätte nie gedacht, dass mir jemand zurückschreibt. Vielleicht hätte jemand per Zufall nach Sylvia Plath gesucht, wahrscheinlich für die Schule. Und er hätte das Buch aus dem Regal gezogen und mein Brief wäre lautlos und ohne Aufsehen zu Boden gefallen, wäre unter das Regal gerutscht und für immer ungelesen geblieben. Das war das Szenario in meinem Kopf. Doch es gibt tatsächlich jemanden, der ganz bewusst und mit voller Absicht «Die Glasglocke» lesen wollte und jetzt habe ich dich davon abgehalten. Ich hoffe, du hast es schon einmal gelesen. Ich stelle mir vor, wie wir es gemeinsam lesen würden. Es uns vorlesen würden, während es draussen schneit. Das mag jetzt kitschig klingen, aber dein Brief hat meine Augen zum Leuchten gebracht. Ich sass ganz alleine in der Bibliothek und habe ihn verschlungen. Ich bin hungrig nach mehr. Ein bisschen wütend hast du mich gemacht und dann habe ich mich gefragt, warum du mich wütend machst. Ich starrte in die Abteilung der modernen Literatur, blieb bei Oscar Wilde hängen und versuchte zu ergründen, welchen Teil in mir dein Brief so sehr berührt hat, dass ich wütend wurde. Und ich glaube, es liegt daran, dass du recht hast. Dass ich Verantwortung übernehmen muss. Dass ich zu ängstlich bin, um mich selbst zu hinterfragen. Zu stolz, um mir einzugestehen, dass die Trauer nicht sein muss. Dass ich sehr viel mehr bin als diese Trauer. Hinter der Trauer steckt eine Wut, die ich nicht rauslassen kann. Warum nicht? Wovor habe ich Angst? Dass noch viel mehr hochkommt, als nur diese Wut? Dass ich erkennen würde, woher diese Wut kommt? In den Wald zu schreien klingt wahnsinnig befreiend. Auch mein kleiner Bruder hat recht, wenn er sagt, dass ich mich selbst unglücklich mache. Aber nur weil ihr beide recht habt, habt ihr noch lange nicht das recht, mir zu sagen, wie ich mein Leben zu leben habe. Und jetzt, wo ich dies schreibe, merke ich, wie trotzig das klingt. Du bringst mich aus der Fassung, obwohl ich dich noch nie gesehen habe. Wow. Ich denke, je tiefer eine Verbindung ist, die wir zu einem Menschen haben, desto unbequemer wird sie. Desto unsicherer und verletzlicher fühlt man sich. Doch mit dem Schmerz kommt im Gegenzug auch eine unglaubliche Wärme, eine Nähe, ein Ankommen. Ein unerschütterliches Verständnis und eine bedingungslose Liebe. Ich habe keine Angst vor dem Schmerz. Ich gebe alles von mir und erwartet alles. So bin ich. Deswegen bin ich vielleicht oft so hart zu anderen und zu mir selbst. Aber vielleicht darf ich auch mal mir selbst so viel geben. Vielleicht muss ich nicht mehr das Gefühl haben, allen anderen alles von mir geben zu müssen. Aber wenn ich es nicht mehr tue, fühle ich mich blockiert, verschlossen und einfach nicht ich selbst. Ich habe es versucht, in meiner letzten romantischen Beziehung. Ich habe meine Gefühle nicht offenbart, weil ich nicht «zu viel» sein wollte. Doch das hat sich so falsch angefühlt. Als wäre meine Energie blockiert. Vielleicht bin ich einfach viel, so what? Vielleicht darf ich einfach annehmen. Einfach loslassen. Wie leicht sich das anfühlen muss…

Ich schreibe übrigens auch… keine Songs, aber Gedichte. Ich möchte ein Gedicht mit dir teilen, falls dir das Recht ist. Bitte sei nachsichtig mit mir, ich habe keine Ahnung, wie man richtig Gedichte schreibt. Ich schreibe einfach draus los und auch diese Worte fliessen direkt aus meiner Seele aufs Papier.  

«Ich will etwas Starkes erleben

Ich bin alles.
Alles, was ich sehe, bin ich. Und mit dir ist alles ein Moment,
flüchtig und zerbrechlich.
Ich habe noch nicht gelebt. Wann werden wir sein?

Deine Welt ist ein nie
endender Abgrund.
Und meine Welt graut
sich vor dem Morgenlicht.

Rauchend sitzen wir auf dem alten,
geblümten
Sofa,
in Ekstase.
Dieser Tiefpunkt ist entscheidend.
Am Rande des
geblümten
Wahnsinns.
Deine Augen suchen das Vertraute.
Zitternde Hände greifen nach der letzten
Zigarette
in dieser
Dunkelheit,
herzzerreissend.
Im kaum beleuchteten,
feuchten
Wartezimmer des Glücks.

Wir brannten,
schlugen Funken in die einsame
Nacht.
Wir hinterliessen Rauch, überall wo wir waren.
Die Macht der Ahnungslosen trieb uns voran,
durch unser Gestern.

Und ich schreie,
um nicht zu verschwinden.
Ich lasse den Schmerz
immer wieder zu mir kommen, um meine Vergänglichkeit aufzuhalten.
Ich lache dem Schicksal in sein selbstgefälliges
Gesicht.
Ich muss mich jeden Tag
aufs Neue spüren,
um die
Leere
wieder empfinden zu können.

Meine Augen zucken wild
in der gnadenlosen Dunkelheit.
Alle Farben erhellen das schwere
Schwarz
des Augenblicks. Nichts ist
real
und wir werden eines Morgens aufwachen
und die
Sonne
wird uns in die verschlafenen Gesichter scheinen,
so dass wir für einen kurzen Moment
blind sind,
blind für den Schmerz.

Wir halten unsere Augen
geschlossen
und sehen alles klar.
Ernüchterung in den frühen
Stunden,
Tautropfen hängen an den geschlossenen
Fenstern.
Es riecht nach
feuchtem Holz.

Ich bin alles, was ich sehe.»

Ja, lieber T. Ich habe dir gerade ein Teil meiner Seele offenbart. Aber jetzt sind die Worte geschrieben und ich kann und möchte sie nicht zurücknehmen. Auch ich kann dir nicht erklären, was meine Gedichte bedeuten. Sie sind einfach. Und ich denke, für jeden, der sie liest, bedeuten sie etwas anderes. Nur habe ich meine Gedichte noch niemandem gezeigt, nicht einmal meiner besten Freundin. Was sagt man dazu. Du bist der erste und dich kenne ich noch nicht mal. Ich habe übrigens verzweifelt in der Bibliothek auf dich gewartet, mich umgeschaut wie ein scheues Reh, das gleich erschossen wird. Wer weiss, vielleicht werden wir brennen.

Und zu deiner Frage wegen des Songs von Tori Amos: Natürlich weiss ich, welchen du meinst. Ich frage mich oft, wie es wäre, eine Meerjungfrau zu sein. Und was sie selbst damit meint. Und ich denke dann, dass auch meine Stimme all die Jahre so stumm war. Ich habe einfach geschwiegen. Dann werde ich nachdenklich, wütend und nostalgisch zur selben Zeit. Es ist mein Lieblingslied von ihr. Was mich daran so berührt, ist, dass auch sie ihre Seele ausschüttet. Dass er voller hoffnungsvoller Trauer steckt, voller Mut und Sehnsucht.

Nun hast du genug zu lesen. Und auch ich möchte dich sehen. Auch, wenn ich nie gedacht hätte, dass ich das wirklich will.

Bis bald,

N.

 

17.1.1993 

Liebe N,

Erwischt! Ich schreibe diesen Brief noch in der Bibliothek, weil auch ich es kaum erwarten konnte, deine Antwort zu lesen. Zum Glück wollte niemand Sylvia Plath ausleihen. Alles Banausen, sage ich dir. Es ist das erste Mal, dass ich froh bin, dass die Menschen in unserem Städtchen keine Ahnung von Literatur haben. Bist du heute noch nicht aufgetaucht oder schon weg? Hast du mich gesehen und bist sofort geflüchtet? Eigentlich ist es ja wirklich schrecklich, wie unsicher wir beide sind. Ich bin sicher, wenn ich dich auf der Strasse sehen würde, würdest du nur so leuchten vor Selbstbewusstsein. Und wenn du mich auf der Strasse sehen würdest, würdest du denken: Was für ein Freak!

Spass beiseite. Du hast Mut, das hast du jetzt schon wieder bewiesen. Einfach so einer fremden Person deine Seele ausschütten. Wow! Das könnte ich nie. Klar, ich nehme meine Songs auf, aber sind wir ehrlich: Die meisten Menschen hören doch gar nicht auf den Text. Die Musik muss mitreissen, die Melodie eingängig sein. Ich kann mich hinter den Musikern verstecken, ich spiele nur Gitarre, irgendwo in einer dunklen Ecke. Aber du solltest auf einer Bühne stehen, ganz alleine, und deine Gedichte vortragen! Bitte, mir zuliebe? Ich habe zu grossen Respekt vor dir, um dein Gedicht zu bewerten oder zu interpretieren. Ich kann dir nur sagen, dass du mich hier in dieser kleinen, dreckigen, stickigen Bibliothek zum Weinen gebracht hast. Jawohl. Ich liebe den Titel! Er strotzt nur so vor Tatendrang, vor Verlangen, vor Mut und Kraft. Ich hatte plötzlich den Geruch des feuchten Holzes in meiner Nase, habe die Morgensonne in meinem Gesicht gespürt. In meiner Fantasie war da auch eine warme Bettdecke, unordentlich zurückgeschlagen. Irgendwie habe ich uns zwei gesehen, wie wir dem Tiefpunkt ins Gesicht lachen. Ihn auslachen, verhöhnen. Um dann gemeinsam wieder der neuen Sonne entgegen zu lächeln, Arm in Arm. Wir rauchen, während die Stille sich im Zimmer ausbreitet. Ein kurzer Moment, der ewig dauert. Dein Gedicht weckt Hoffnung in mir, vor allem am Ende. Und die Gewissheit, dass ich mit allem um mich herum verbunden bin. «Ich bin alles, was ich sehe.» Dein Gedicht ist wie eine wilde Fahrt auf einer holprigen Strasse, geprägt von der Angst, nie am Ziel anzukommen. Doch da wir alles sind, was wir sehen, können wir das auch steuern. Wir sehen das, was wir sind. Oder nicht? Es scheint mir, als würde ich deine Lebensgeschichte lesen. In ein paar Zeilen hineingequetscht. Und ja, ich will mit dir brennen, Funken schlagen.

Irgendwie spüre ich, dass wir eine Verbindung haben. Eine Verbindung, die tiefer geht. So, als würden wir uns schon kennen. Ich glaube an Reinkarnation. Und deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass wir Menschen in unseren Leben begegnen, denen wir schon in vergangenen Leben begegnet sind. Man nennt dies karmische Verbindungen. Das muss nicht nur gut sein, sondern fordert uns oft dazu auf, in diesem Leben etwas zu verarbeiten, was wir schon lange mit uns herumtragen. Selbst wenn unsere Begegnung so eine sein sollte, bin ich dankbar dafür. Und ja, es kann es unbequem werden, wenn die Verbindung tief geht. Davor haben viele Menschen Angst, aber nicht wir. Wir trauen uns, dem Unbequemen direkt in die Arme zu fallen. Uns irritieren zu lassen, an unsere Grenzen zu kommen. Denn wir wissen, wir sind nicht alleine. Wenn es dir so geht, geht es mir ganz bestimmt auch so. Intimität kann weh tun, Ekstase kann auch Ängste in uns triggern. Unser Ego wird gefordert, wenn wir tief gehen. Denn wir werden uns nicht immer einig sein. Wir werden Seiten an uns kennenlernen, die wir verdrängt haben, die uns nicht gefallen. Aber wir werden nie zweifeln. Wir werden all dies einfach mit offenen Armen empfangen können. So stark sind wir. So stark bist du. Du bist alles, was du sein willst. Wenn ich deine Worte lese, spüre ich eine starke Wärme in meiner Brust, die durch den ganzen Körper fliesst, bis in die Füsse. Es ist ein Gefühl einer Umarmung. Ich spüre dein Strahlen, wenn ich deine Briefe lese. Wie kannst du nur jeden Moment so intensiv leben? Die Welt mit so viel Leidenschaft sehen? Ich wünschte, ich könnte das auch. Oft habe ich das Gefühl, dass die Welt böse ist. Aber wenn ich deine Zeilen lese, dann habe ich Hoffnung. 

Was du über das Lied schreibst, welches dauernd in meinem Kopf läuft, wenn ich an dich denke, geht mir sehr nah. Ich sehe, was dich inspiriert. Alles, was hoffnungsvoll traurig ist. Und bitte, schweig nicht mehr. Höre auf deine Stimme und lasse sie raus. Lass alles raus! Schreie!

Und übrigens: Ich habe nie gemeint, dass deine Trauer verschwinden soll. Dass du diese Trauer einfach vergessen sollst. Denn sie scheint eine unheimliche Kraft in dir zu entfachen, eine Energie freizusetzen. Ich meinte nur, dass ich dich nicht unglücklich sehen möchte. Denn ich spüre, dass du manchmal denkst, dass du es nicht verdient hast, glücklich zu sein. Das muss aber nichts mit der Trauer zu tun haben, von der du gesprochen hast. Verstehst du, was ich meine? Ich weiss selbst nicht, ob ich es verstehe, was ich da schreibe. Ich weiss nur, dass du ganz sicher nicht ängstlich bist. Warum denkst du das? Du hattest keine Angst, einem wildfremden Menschen einen Brief zu schreiben. Nur weil andere Menschen gewisse Persönlichkeitsmerkmale als ängstlich oder unsicher definieren, heisst das noch lange nicht, dass diese Definition auch für dich stimmen muss. Deine Seele ist viel mehr als das, was andere von dir halten. Deswegen: Hör nicht auf mich! Aber mach dich bitte nicht selbst klein. Deine Angst kann kraftvoll sein, wenn du sie wirklich spürst. Und ja, Angst macht Angst.

Und ich sag dir was: Ich werde jetzt hier warten. Dich beobachten, wie du den Brief findest und ihn liest. Und ich werde dich beobachten, wie du an manchen Stellen deine Stirn runzeln und an anderen Stellen lachen wirst. Halte mich bitte nicht für einen Freak, wenn ich das sage. Aber ich werde es unheimlich geniessen. Und ich bin sicher, du bist wunderschön.

Bis gleich also,

T.

 

22.1.1993

Lieber T 

Es sind nun fünf Tage vergangen, seit wir uns begegnet sind. Ich kann meine Gefühle kaum einordnen, geschweige denn in Worte fassen. Aber ich versuche es. Ich fand nicht nur deinen Brief, sondern auch dich. Du hast mich beobachtet, wie ich in der Bibliothek sass und deine Worte verschlang. Wie ein Raubtier hast du darauf gewartet, bis ich meinen Kopf hob und mich umsah. Du hast mich fokussiert, mich keinen Moment aus den Augen gelassen. Und dann warst du da. So selbstverständlich, als wäre diese Begegnung schon immer dein Plan gewesen. Du hast mich angelächelt, dich wortlos zu mir gesetzt. Du musstest dich gar nicht vorstellen. Ich wusste, dass du es warst. Auf einmal wusste ich, dass ich nicht mehr schweigen musste. Dass ich meine Stimme erheben würde.

Ich führte schon viele Beziehungen in meinem Leben. Die meisten haben mir nichts bedeutet, waren schlecht für mich. Dominiert von Gewalt, psychisch wie physisch. Betrug, Lügen, Drogen, Alkohol. Ich weiss wirklich nicht, was Liebe ist. Liebe kenne ich nur mit der Angst als ständige Begleiterin. Doch als du mich angesehen hast, habe ich plötzlich eine Welle der Liebe gespürt. Sie schien mich zu überwältigen. Ich fühlte mich, als würde ich untergehen, ertrinken. Ich konnte kaum Atmen und schon gar nicht sprechen. Ich sass stumm da und starrte dich an. Was du wohl in diesem Moment von mir gedacht hast…  

Und dann habe ich doch angefangen zu sprechen. Weil du in mir ein vertrautes Gefühl ausgelöst hast. Als würde ich dich schon ewig kennen. Wir haben die ganze Nacht zusammen verbracht. Es schneite ohne Unterlass und es war, als wäre der Himmel ist in sich zusammengefallen. Wir haben uns geliebt. Wir haben gelacht. Wir haben geschwiegen. Wir haben geweint und sehr viel geredet. Ich glaube, du kennst meine Seele in- und auswendig. Die Zeit schien still zu stehen. Es war, als würden wir uns in der Unendlichkeit verlieren. Dafür danke ich dir aus ganzem Herzen. Gleichzeitig hast du mir etwas klar gemacht – ich will nicht mehr traurig sein. Ich will auch nicht mehr darauf warten, mit jemand anderem zusammen traurig zu sein. Ich hatte diese romantische Vorstellung, dass das dann wahre Liebe ist. Ist es das? Ich bin mir nicht mehr sicher. Wir teilen die Trauer, die Schatten, die Ohnmacht. Wir sind Seelenverwandte, auch wenn das kitschig klingt. Du hast mir gezeigt, wie es sein könnte, glücklich zu sein. Zufrieden. Geliebt und gesehen. Und ich habe erkannt, dass ich das nicht von anderen Menschen abhängig machen kann. Ich will nicht mehr darauf warten, bis mein Leben beginnt. Ich will meine Geschichte selbst schreiben. Dir scheint alles so leicht zu fallen. Du existierst einfach. Ich will das auch, für mich. Ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, es allen um mich herum recht machen zu müssen. Du sagtest mir letzte Nacht, dass die Angst uns hilft, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Und ich sage, dass es uns frei macht, sobald wir die Angst überwinden. Ich glaube, das ist wahre Freiheit.

Dieser Brief ist ein Abschiedsbrief. Seit du gestern meine Wohnung verlassen hast, kann ich nicht aufhören, an dich zu denken. Ich träumte von dir. In meinen Träumen fielen die Sterne auf die Erde. Es fühlt sich an, als wäre ein Teil in mir zerstört worden und die Sterne begruben diesen Teil unter einer Masse von Licht. Ich fühle mich leer und zugleich wie neu geboren. Ich werde die Stadt verlassen und sehen, wohin es mich zieht. Ich fühle, dass dies das Richtige ist. Ich will die Veränderung sein, die ich mir ersehne. Verzeih mir. Ich hoffe, du fühlst dich nicht ausgenutzt. Die Begegnung mit dir war das Beste, was mir je passiert ist. Niemals hätte ich gedacht, dass ein einziger unüberlegter, verzweifelter Brief mein Leben so aus der Bahn werfen könnte. Ich will in die Tiefen abtauchen, wie eine Meerjungfrau. Ich möchte nicht mehr schweigen, sondern auf meine Stimme hören. Nach all den Jahren…

Vielleicht sehen wir uns wieder. Denn du und ich, das ist etwas Besonderes. Es ist ein surrealer Traum, ein Dalí-Gemälde, eine Fotografie von Man Ray, ein Gedicht von Sylvia Plath. Und mein grösster Wunsch. Ich danke dir, dass du mir diesen Wunsch erfüllt hast. Dass du meinen Hilferuf gehört hast. Dass du da warst, mit deiner Seele und deinem Herzen. Ich weiss, als du meintest, ich solle mein Leben in die Hand nehmen, meintest du nicht, ich solle abhauen. Vielleicht bin ich auch auf der Flucht vor mir selbst, wer weiss. Aber ich fühle, dass ich das brauche. Jetzt, in diesem Moment. Mit mir alleine sein, meine Komfortzone verlassen. Die Sicherheit verlieren, um sie in mir selbst wieder zu finden.

Wir sehen uns wieder, lieber T. Das weiss ich. Vielleicht kommst du mich besuchen? Aber gib mir ein wenig Zeit, um mich mit mir selbst zu versöhnen. Ich weiss, dass du das verstehst. Alles verändert sich und ich muss erst mal selbst herausfinden, wie ich damit klarkommen soll. Ich will mich selbst nicht länger belügen. Und dich schon gar nicht.

In Liebe,

N.

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Autor: Susanne Grädel

Susanne Antoinette Grädel, wurde am 01.08.1990 in Bern geboren und hat einen Abschluss als Fotografin HF von der F+F Schule für Kunst und Design. Susanne schreibt Gedichte und Belletristik, malt, fotografiert und filmt. Seit über zehn Jahren versucht sie, ihre komplexen Gedanken und ausufernden Gefühle mit Lyrik und Belletristik in die Aussenwelt zu tragen. In ihren Texten untersucht Susanne die Melancholie in alltäglichen, ephemeren Situationen und entdeckt das poetische Potential in abgründigen Gedanken.

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