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Slackline, kännsch?

Ich hatte keine Ahnung, was ich zum Slacklinen anziehen muss, war mir aber ziemlich sicher, dass es in der Infomail stand, die ich mal wieder nicht richtig gelesen hatte. Also stand ich da, barfuss, mit T-Shirt und Jogginghose und sah somit ziemlich genau so aus wie alle anderen in der Dreifachturnhalle der ETH Zürich – einfach 25 Jahre älter.

Ein grosser Kreis bildetete sich zum kollektiven Warm-Up. 200 Leute liefen im Kreis, während in der Mitte eine Mischung aus Drill-Instructor und Sepp Zellweger die Übungen vorgab. Ich quälte mich also 15 Minuten durch etliche, anstrengende Aufwärmübungen, die mich an den Rand meiner körperlichen Möglichkeiten brachten. Ein leichter Schwindel machte sich in meinem Kopf breit. Langsam fragte ich mich, ob das wirklich die richtige Vorbereitung für die Slackline war, aber die bestechende Autorität in der Mitte des Kreises liess keinen Zweifel zu.

Wie auf Kommando holten dann alle Sportler ihre Geräte aus den Räumen und plötzlich war ich Jaques Tatis am Bahnhof und verstand auch nur selbigen. Ich bewegte mich schusslig durch die Turnhalle, unwissend ob ich helfen soll, muss oder überhaupt darf. Das ständige Ausweichen alleine hätte wohl schon als Warm-Up gereicht.

Und irgendwann war der Sturm vorbei. Da stand ich nun, umgeben von Trampolin, Barren, Ringen und Käsematten und suchte meinen Platz in dem Gewühl. In der Mitte, wie in einer Manege, hatten die coolen Jungs mit den Wollmützen von Slacktivity.ch, wie aus dem Nichts, die Leinen gespannt. Sam Volery mit der hellgrünen Kappe begrüsste mich. Ein netter Kerl, der seit 10 Jahren die Slackline bezwingt. Er kommt ursprünglich vom Klettern, was in der Szene nicht unüblich ist. Denn das Slacklinen entstand aus der Schlechtwetter-Langeweile der Kletterer, die bei Regen ihre Kletterseile über den Boden spannten, um darauf zu balancieren. Er klärte mich also darüber auf, dass slacklinen nichts mit Seiltanz zu tun hat. Mein Coeur d’Artiste blütete bittere Tränen. Nicht wirklich, aber ich wollte hier schon lange mal was auf Französisch schreiben.

Kaum hatte ich einen Fuss auf das Seil gesetzt, ging gnadenlos das Gependel los. Die Slackline unter meinen Füssen bewegte sich in rasendem Tempo immer wieder von links nach rechts, wie eine Brücke, die bei einem Erdbeben eine Eigendynamik entwickelt. Von aussen musste es wohl aussehen wie bei einem Zirkusclown, der sich extra dumm anstellt. Sam meinte, zu Beginn sei das ganz normal, denn das Hirn produziere eine Art Kurzschluss und dieser löse dann dieses elende Gewackel aus.

Meine unfreiwillige Lachnummer, die ich da aufs Seil legte, machte mir aber trotzdem nicht sonderlich viel Hoffnung. Wie sollte ich es je schaffen auf diesem Ding einigermassen ruhig zu stehen? Brauchte ich vielleicht auch so eine Wollmütze?

Sam korrigierte meine Haltung: Das Standbein darf auf keinen Fall gestreckt sein, jedoch das Bein, das in der Luft hängt auf jeden Fall. Gleichzeitig sollten die Arme im rechten Winkel mit den Daumen nach oben gehalten werden, damit die Schultern unten bleiben. Aha. Ich kam an meine koordinatorischen Grenzen. Ausserdem darf auf keinen Fall der Schwerpunkt nach vorne verlagert werden. Womit wir wieder mal bei meinem Bauchansatz wären.

Es entwickelte sich eine Abfolge von Versuchen, jeweils gefolgt von einer Lagebesprechung mit einem sehr geduldigen Sam. Diese Korrekturen zermürbten mich, denn sie wurden je länger je mehr zu einem Mantra, das erklärte, was ich alles falsch mache – wohlverstanden, sehr positiv formuliert. Die Versuche nagten an meinen Kräften, meine Arme schmerzten vom Ausbalancieren.Trotzdem lautete das Motto: Learning by doing.

Als Abwechslung zeigte mir Sam eine Technik, um auf höhere Seile, eine sogenannte Highline, aufzusteigen. Dabei klammert man sich von unten an das Seil und indem man ein Bein ausstreckt und den Schwerpunkt verlagert, landet man quasi automatisch oben auf dem Seil. Also Sam. Ich verharrte regungslos in der Spanferkelstellung.

Dieser Misserfolg beflügelte meine Motivation, zum Ende der Stunde die schwindelerregende 50 Zentimeter hohe und 10 Meter lange Leine doch noch zu bezwingen. Und das tat ich dann auch, und wie ich das tat! Triumph auf der ganzen Linie. Was vor 90 Minuten unmöglich schien, hatte ich am Ende doch geschafft. Für etwa fünf Sekunden fühlte ich mich wie Philippe Petit damals, auf dem Drahtseil zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers. Grossen Dank und ein Wollmützen-High-Five an Sam, für diesen Moment der absoluten Balance in meinem, sonst so bewegten, Leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Autor: Midi Gottet

Midi Gottet ist 47 und war in diesem Leben schon Vegetarier, Alkoholiker, ein militanter Nichtraucher, Zauberkünstler in Vegas, Handmodel in Paris, Velokurier in Manhatten, Vater, Sohn und Heiliger Geist, vor Gericht wegen Verletzung religiöser Gefühle, im Knast, Sozialfall, die linke Hand von Rainer Kuhn, Stand-up Comedian, Präzisions-Schauspieler, Eden-TV-Moderator, Kolumnist, Autor, Poet, ein Singing Pinguin, ein schwules Murmeltier, Dr. Fleischmann, der DRS3-Rajiv, die Thomy-Senftube, der Schöpfer von "Handirr im Poulet speutzt", Ehemann, glücklich geschieden, eine Sportskanone, ein wenig impotent, ein Electric-Boogie-Tänzer, labil, ein Triebtäter, ein Erdengel, ein Schutzengel, ein Fussfetischist, ein Muttersöhnchen, ein Coop-Supercard-dabei-Haber, Götti, Onkel, Tante, das "Ich bin das ich bin", ein Orgasmusvortäuscher, betrieben, hoch verschuldet, tief verletzt, stinkreich, ein bornierter Snob, abgefuckt, demütig, reumütig, übermütig, übermüdet, klinisch tot, wieder wie neu, ein Drittel des Trio Eden, die Hälfte von Gottet & Landolt und ein Ganzes von Midi Gottet und somit die Summe seiner Höheren Selbste.

Danke für ihre Aufmerksamkeit.
(Wenn sie sich die Zeit genommen haben, diese Bio bis hierher zu lesen, haben sie kein Leben)

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DER GROSSE ABSTURZ

Nur mal so in die Runde gefragt…