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Das Land soll hinter mir verschwinden

LC-K

Meine Herzkrankheit war sie einst. Aber weiss sie es noch? Meine Dulcinea del Toboso ist sie noch heute, auch wenn uns Kontinente trennen, auch wenn der Wall, der zwischen uns steht, unüberwindbar scheint.

Doch dies hat mich auch nicht daran gehindert, vor jener Autobahnraststätte zu stehen, zwischen Berlin und dem höheren Norden, meinen Morgenjoint zu rauchen und gleichzeitig ein Lied zu summen, dessen Text von jenem Vogel handeln würde, der sich die Schlange gekrallt hat, worauf diese zubeisst. Am Ende sind sie ja beide gestorben. Eine klare Warnung.

Trotzdem habe ich mich an diesem Freitagmorgen für den Wahnsinn entschieden, habe ich mich für Dich entschieden – und eine Fahrkarte für jene lange Reise im Intercity der traurigen Phantome gelöst.

Ausserdem gibt es Briefe, die man niemals abschicken sollte.

*

Und im Traum traf ich Dich. Du warst eine Autostopperin, ich habe Dich aufgeladen, beim Brandenburger Tor. Du hast ausgesehen wie eine ultralinke Terroristin der 1970er Jahre: Jeans, Army-Jacke, Sonnenbrille, Zigarette. So sexy. Ich wusste, dass ich Dich kannte, wusste, dass ich Dich liebte, ich konnte mich aber nicht daran erinnern, wo, wann, warum wir uns kennengelernt hatten.

Mit folgenden Worten hast Du mich begrüsst: «Heh, mein Lieber, das progressive Moment einer Herzensbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung des Herzens, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch.»

Ich bewunderte Deine Locken, starrte in die dunklen Gläser Deiner Sonnenbrille, in denen ich mich spiegelte, auf Deine Lippen, Brüste, Beine, Schnürstiefel.

Plötzlich spürte ich eine unendliche Brunst in mir aufsteigen, eine ganz und gar verzweifelte, siedende.

So fragte ich Dich: «Gütige Dame, stört es Sie, wenn ich mich kurz selber befriedige?» Deine Antwort: «Behalte Deine Hände lieber am Steuer. Ich mache es gerne für Dich.» Beim Wort «gerne» lächelte Dein Mund. Gar freundlich, ja allzufreundlich. «Das darf doch nicht wahr sein», dachte ich, Glückseligkeit wärmte mein Herz, kaum zu glauben vermochte ich, an die Wunscherfüllung, die da angeboten wurde.

Dann sagtest Du: «Ach komm, ich würde eigentlich lieber…»

Dein Haupt nähert sich meinem Schritt, diese Locken, diese Locken, Dein Haupt, hinab, hinab… Meine Freude steigt ins Unermessliche. Deine Hände machen sich an der Haustür zu schaffen.

Traumerinnerung endet.

*

Schicht um Schicht bin ich später in mein Inneres vorgedrungen, während jener anderen einsamen Nacht, als ein böser Mond am Himmel stand und tausend Sterne mich auslachten. Zudem fegte ein Sturmwind über das Hausdach, der Ziegel und sogar Dachbalken mit sich riss, um sie dann irgendjemandem, irgendwo an den Kopf zu schmettern, mit tödlichen Folgen. Zweifelsohne.

So habe ich die erste Schicht durchdrungen, den Alltagsmenschen, mit seinem Beruf, seiner sachlichen Miene, seiner Höflichkeit, Dienstfertigkeit, Ernsthaftigkeit. Schon bin ich auf die zweite Schicht gestossen, den Nachtmenschen, mit seinen frivolen Ideen, seiner existenziellen Unruhe, seinen Ängsten und abgründigen erotischen Fantasien.

Schliesslich war ich beim Clown angelangt, mit seiner fiesen Lache, der nichts ernst nehmen kann, alle Worte verdrehen, alle Tatsachen in seinem Zerrspiegel einfangen, alle Autoritäten verspotten muss. Weiter begegnete ich einem kleinen Kind, das die grosse Welt noch nicht verstehen, nicht deuten kann, das dem Lauf der Dinge hilflos und doch vertrauensvoll zuschaut, ohne Macht, ohne Einfluss, das weint, gluckst, grinst, ohne sich um das Morgen zu kümmern.

Und dergestalt machte ich weiter, Schicht um Schicht. Es waren – ach ­– so viele.

Ein Prozess, der an das Öffnen einer Matrjoschka erinnert, einer jener russischen Hohlpuppen, die eine Vielzahl weiterer Puppen enthalten, bis man dann am Ende auf jene kleinste Puppe stösst, den soliden Kern der Sache.

Mit einem Unterschied: Da war kein Kern.

*

Und jetzt. – Schäbiges Hotelzimmer in der Stadt des Vergessens, jener unseligen Hafenstadt. Natürlich habe ich die Rechnung bezahlt. Schliesslich habe ich Dich überredet, zu einem Wiedersehen, mich hier zu treffen, mit Engelszungen, wochenlang.

Unbekleidet, bis auf Deine quer-gestreiften Kniestrümpfe, einen metallblauen Micro-Slingstring, den ich mitgebracht habe, und Dein samtenes Halsband kniest Du auf dem mottenzerfressenen dunkelroten Teppich, zu allem bereit, Höllenfeuer in den Augen. Es folgen die Stunden der letzten Parade. Während draussen alle Kirchenglocken Sturmwarnung geben, während die Sirenen auf der Leuchtturm-Insel heulen, ohrenbetäubend.

Der Schattenwurf Deines Leibs an der Wand…

Ohne Abschied will ich am Morgen verreisen, ein letztes Mal. Einem weiteren Horizont entgegen, alle Kraft meiner Hände werd` ich ins Ruder legen.

Das Land soll hinter mir verschwinden.

 

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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