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Zürcher Stadtrat im Drogenrausch

Es war eine der letzten Stadratssitzungen vor den Sommerferien, als sich folgendes zugetragen hat. Ein Sitzungsprotokoll liegt nicht vor, weil keiner der Anwesenden mehr fähig war, ein solches zu führen. Hingegen ein paar bunte Zeichnungen auf Papier und an den Wänden des gesamten Sitzungszimmers. Letzteres wird während den Ferien komplett saniert, damit im Herbst nicht weiterhin der Eindruck besteht, dass hier ein Haufen wild gewordener Bälger regiert. Zumindest nicht im Rathaus. Draussen in der Stadt ist der irreversible Schaden bereits angerichtet. Doch beginnen wir von vorne:

Die Stadtpräsidentin begrüsst alle Anwesenden zur Sitzung mit den Worten: «Hoi zäme, ich begrüesse oi zur aktuelle Sitzig. Händer es schöns Wuchenänd gha?» Alle im Chor: «Ja, danke!» Die Präsidentin darauf: «Isch irgend öppis Bsunderigs passiert, won ich müessti Bscheid wüsse?» Alle im Chor: «Nei, nüüt.» Darauf die Vorsteherin des Sicherheitsdepartements: «… bis uf die Razzia im Tanzpalascht* (*Name des Clubs geändert, der Redaktion bekannt) ade Langstrass am Samschtigaabig. Döt därfed die Junge ja sit Churzem wieder s Tanzbei schwinge.» Einer der beiden bürgerlichen Stadträte darauf: «Und? Händs wieder drögelet, die huere Taugenichtse?» Die Stadträtin: «He, he! Mir sind ali emal jung gsii und händ debii chli Gschiir verschlage!» Darauf enerviert sich der andere Bürgerliche: «Ja, bestimmt. Aber de Grossmueter ihri Tasse usem Schrank, und nöd im Thaipille-Delirium alli Porzellanläde ade Bahnhofstrass!» Der Präsidentin gelingt es, die Streithähne auseinanderzuhalten, schliesslich geraten die Gockel in ihrem Gremium nicht zum ersten Mal aufeinander. Jetzt schaltet sich der Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartementes ein: «Ja, mich nähmtis au wunder: Händer Stoff beschlagnahmt bi dere Aktion? Du weisch ja: Mir entsorged die War immer gern für oi!» (kichert) Darauf die Polizeivorsteherin: «Ja, gäll! Sit du nüme sälber ade Quäle bisch…» (stösst ihrem Kollegen schalkhaft den Ellenbogen in die Seite und spielt dabei auf dessen unlängst stattgefundene Abwahl aus dem Departement an) Auf diesen verbalen Ausrutscher sieht sich die Präsidentin wieder gemüssigt, einzugreifen: «Heh, ihr zwei! Ihr wüssed: D Wänd händ Ohre. Ich bitte also um es bitzeli Funkdisziplin.»

Und da kommts zum Augenblick, der die Zukunft verändern sollte: «Ja, mer händ es ganzes Arsenal vo illegale Subschtanze iizoge. Es paar Gramm Mariuhana und Haschisch – aber was viel interessanter isch: Au einigi Portione LSD und Halligalli Tablettli!» (kichert). «Und etz müender lose: Ich han es paar Müschterli debii! Ich han dänkt, wills ja scho so churz vor de Summerferie isch, chönntemer ruhig emal echli locker werde und wie die Junge s Läbe es bitz chille und weniger ernscht gseh.» Stille im Raum. Eine Drogenparty im Stadthaus? Die Präsidentin zögert einen kurzen Moment, während ihre Kolleginnen und Kollegen ihre Vertreterin aus dem Polizeidepartement fröhlich ermuntern, die Deliktgüter auf dem Sitzungstisch auszubreiten, und diese lässt sich nicht zweimal bitten.

Sichtlich stolz fängt sie an, die einzelnen Pillen vorzustellen, worauf ihr der Kollege aus der Entsorgung ins Wort fällt: «Äch, chum, kei Ziit verlüüre. Bilder säged ja meh als tuusig Wort. Ineschmiere!» und er steckt sich auch gleich den ersten LSD Filz in den Mund mit den Worten. «Mini Dame und Herre: Zuegriiffe, s hät, so langs hät!» Die Bürgerlichen zögern noch etwas, die Linken nicht. «Hämmer no e Fläsche Prosecco im Chüelschrank zum abespüele?» Jetzt gibts kein Halten mehr in der Runde. Jeder und jede hat unterdessen mindestens eine Substanz im Kreislauf, und bei  einigen tritt auch bereits die Wirkung ein: «Ui, mir isch ganz trümmlig! Und die Farbe! Und du, hihihi, du häsch ganz es luschtigs Gsicht!» – «Hät öppier Filzstift? Ich wett male!» – «Filzstift, hihi! Die zwe usem Bürgerliche Lager zum erschte mal uf Halluzinogene sind doch Filz-Stift! Hihihi!» – «He, he, du fräche Hagel! Hihi!» So ging das dann immer weiter und wurde kontinuierlich unkontrollierbarer. Dennoch fielen immer wieder mehr oder minder politische Aussagen, wie: «Farbe! So viel Farbe! Oisi Stadt müessti viel meh vo dene haa! Für es bunters Züri! Lönd ois en Vorstoss mache!»

Eine Woche später trifft sich das Gremium wieder. Jedem ist es etwas peinlich, denn von der eigenen Erinnerungen sind nur noch ein paar wirre (allerdings wunderschöne!) Fetzen übrig. Aber das Sitzungszimmer! Das Sitzungszimmer sieht vom Boden bis zur Decke aus wie ein KITA Raum, in dem ein wildgewordener Pulk von Schwersterziehbaren sämtliche Farbtöpfe und Stifte aus dem Haus in einem grossen Regenfass gesammelt und mit einem riesigen Böller zur Explosion gebracht hat. Und darin sollten nun neun schuldige erwachsene Menschen eine seriöse Sitzung abhalten. «Machemers churz, liebi Kolleginne und Kollege…» der Blick der Präsidentin zu Boden gerichtet. Um keinem in der Runde in die Augen blicken zu müssen – und wohl auch, um in dieser Farbhölle nicht womöglich ein Backflash zu erleiden und wieder in einen Rausch zu geraten. «Einigedmer ois da druff, dass die letschti Sitzig nie passiert isch. Und es söll nüt vo all dem nach usse dringe. Abgmacht?» – «Uuups, sch z schpaat…» darauf der Vorsteher Tiefbau- und Entsorgungsdepartement. «Mer chönd d Ziit leider nüme zruggdreihe.»

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Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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