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JENE VERFLIXTE OPTIMIERUNG DES VERGNÜGENS AM SEXUALVERKEHR

Sie leben in einem rasend sich drehenden Kreisel. Dieser Kreisel hat eine dünne verletzliche, aber keineswegs durchsichtige Aussenhülle, schiesst wie eine Kanonenkugel durch einen unergründbaren Raum, den man – von einem gewissen Standpunkt aus – durchaus für unendlich nehmen könnte. Die Bewohner des Kreisels wissen dies alles nicht. Weil es halt von Anfang an so gewesen ist.

Sie können sich über das Aussen schliesslich keinerlei Rückschlüsse verschaffen.

Kennen sie doch nur das Innen.

In Wirklichkeit gibt es ja keine Unendlichkeit, lediglich verdammt grosse Räume. Und in jenem unergründbaren Raum, durch den unser Kreisel schiesst, der sich eben auch noch rasend dreht, ist er alles andere als allein. Er teilt ihn sich nämlich mit unzähligen anderen, ähnlich gearteten Kreiseln, die planlos durch die Gegend jagen. Manchmal kommt es dabei zu Zusammenstössen. Die dünnen Aussenhüllen der Kreisel zerbrechen dabei wie Eierschalen. Die Bewohner jener Kreisel, die bewohnt sind, das sind sie leider längst nicht alle, werden sodann in den unergründbaren Raum geworfen und dort gnadenlos zermanscht.

Doch auch dies wissen die Bewohner unseres Kreisels nicht. Denn sie haben natürlich noch nie einen derartigen Zusammenstoss erlebt. Und wenn sie einen erlebt hätten, könnten sie nicht mehr davon erzählen. Weil niemand ihn überlebt hätte.

So leben sie also in fröhlicher Ignoranz. Naja, so mittel-fröhlich halt. Denn sie erreichen nie ganz jenen Optimierungsgrad ihres Vergnügens am Sexualverkehr, den sie sich eigentlich wünschen würden. Sie können sich das Optimum in dieser Sache zwar vorstellen, können es in Gedanken förmlich spüren, vor allem, wenn sie die Augen schliessen.

Wenn es dann aber zur Sache geht, in der fleischlichen Realität, ist es nie ganz so gut, wie sie es sich in der Welt der Vorstellungen ausgemalt hatten.

Da bleibt einfach immer ein gewisses unignorierbares Element der Frustration übrig.

Wie kann es sein, überlegen sich die Bewohner des Kreisels, das man sich etwas so gut vorstellen kann, die reale Ausführung des Vorgestellten jedoch immer ein bisschen hinter der Vorstellungskraft zurückbleibt? Dabei geht es ja durchaus um etwas Handfestes. Etwas, das mit Körpern und Bewegungen zu tun hat.

Warum vermag die Vorstellung in dieser Sache mehr zu erreichen – als es die Realität im Ernstfall bieten kann?

Über diese Angelegenheit haben sich die Bewohner unseres Kreisels jahrtausendelang die Köpfe zerbrochen und gegenseitig eingeschlagen. Schon in der Urzeit hatten weise Frauen und Männer festgehalten, dass jenes Vorstellungsvermögen ein Wegweiser sei, dem die realen Verhältnisse zu folgen hätten. Demzufolge könne das optimale Vergnügen am Sexualverkehr durchaus realisiert werden, wenn man sich nur genug Mühe geben würde. Aufgrund der Vorstellbarkeit, müsse zwingend auch eine Realisierung möglich sein.

Und so sei es die noble Aufgabe der Zivilisation (im Kreisel natürlich, eine andere kannten sie eben nicht), das Optimum in dieser Sache zu erreichen. Die Kultur im Kreisel drehte sich von da an nur noch um jene eine Obsession, um die Optimierung des Vergnügens am Sexualverkehr nämlich. Die Bewohner wollten nicht ruhen, bis sich Fantasie und Anwendung endlich decken würden, bis restlose Zufriedenheit hergestellt sei.

Dafür wurde so manches in Kauf genommen.

Immer wieder gab es nämlich Bewohnergruppen, die davon ausgingen, dass sie die optimale Form des Sexualvergnügens erreicht hätten.

Meisten scharten sich diese Gruppen um eine Frau oder einen Mann oder ein Paar. Diese Leute wurden dann oft als grosse Heilige bezeichnet oder als mächtige Prophetinnen und Propheten, in einem späteren kulturellen Abschnitt hiess man sie Philosophinnen und Philosophen, noch etwas später Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler –, Leute halt, die anscheinend den heiligen Gral des Sexualvergnügens gefunden hätten, die ultimative Praxis, Stellung, Passion, Verirrung eben, welche dazu führe, dass sich Fantasie und Ausführung nun endlich decken würden.

Wenn es jemandem einmal gelungen war, eine Gruppe zu überzeugen, um sich zu scharen, versuchte diese Gemeinschaft umgehend, den Rest der Kreiselbewohner von ihrer Lösung zu überzeugen. Irrwitzigste Sex-Stellungen, die man nur unter Zuhilfenahme von – teilweise gigantischen und aberwitzigen –  Apparaturen einnehmen konnte, wurden diesbezüglich schon propagiert.

Doch was die einen ehrgeizig propagierten, wurde von den anderen verworfen, nicht minder engagiert.

Da wurden also hitzige Debatten geführt, die in Saalschlachten mündeten, welche sich dann in Strassenschlachten verwandelten, die sich wiederum zu blutigen Glaubenskriegen auswuchsen. So starben tausende, ja abertausende von Kreiselbewohnern. Im Namen des ultimativen Sexualvergnügens. Alleine in der neuern Zeit tobten im Kreisel vier grausame Auseinandersetzungen, die so genannten Sexkriege, die seine Bewohnerschaft derart dezimierten, dass die Lust, eine Lösung für das Problem der Deckung von Fantasie und Wirklichkeit – in Sachen Sexualvergnügen –  zu präsentieren, in weiten Kreisen deutlich abnahm.

Beinahe hätte sich sogar die Überzeugung durchgesetzt, dass die Suche nach dem ultimativen Sexualvergnügen nur eine persönliche Angelegenheit sein könne, dass dem einen sein Höhepunkt durchaus der Abgrund eines anderen sein möge, dass es keine perfekte Lösung für alle geben könne.

Da wird plötzlich folgende Meldung herausgegeben. Der oberste Wissenschaftsrat der Welt im Kreisel habe die Lösung nun doch noch gefunden. Sie würde am Donnerstagabend, um 17 Uhr, in genau einem Monat, präsentiert, in einem mächtigen Kuppelbau, der extra zu diesem Behufe von einem Künstlerkollektiv errichtet werden solle. Einzelheiten werden zunächst nicht preisgegeben, es wird lediglich bekannt gemacht, dass die Lösung einfach sei, von jedefrau und jedermann leicht durchzuführen, mit nur wenigen, banalen Hilfsmitteln.

Als dieser Donnerstag endlich naht, steigt die Spannung ins Unermessliche. Tausende ziehen in die mächtige Kuppel. Die anderen sitzen in ihren Aluminium-Iglus, denn in solchen leben die Bewohner des Kreisels seit Urzeiten, vor ihren Televisionsgeräten.

Schon ist es 16.30 Uhr. Dann 16.45. Und dann… Und dann…

Dann begibt sich Folgendes: Unser rasend sich drehender Kreisel, kreuzt – auf seinem Weg durch den unergründbaren Raum – die Bahn eines anderen Kreisels, der sich ebenfalls wie ein Geschoss durch denselben Raum bewegt.

Um exakt 16.59 Uhr kommt es zu einem heftigen Zusammenstoss. Dabei zerbricht die dünne Aussenhülle unseres Kreisels. Auch jene des anderen natürlich, aber der spielt in dieser Geschichte keine Rolle.

Die Bewohner werden nun in den unergründbaren Raum geschleudert. Und dabei allesamt zu Marmelade zermanscht. Sie haben ihr kollektives Ziel also eindeutig nicht erreicht. Die Geschichte der Zivilisation im Kreisel war halt keine Erfolgsgeschichte. Schade. Doch dies kommt eben schon häufiger vor, als man gemeinhin annehmen will.

Jener grossmächtige Dämon, der die Geschehnisse im unergründbaren Raum einst angestossen, die Kreisel auf ihre Reisen geschickt hatte, sich aber nur bedingt dafür verantwortlich fühlt, nimmt vom Zusammenstoss kurz Notiz, gähnt gelangweilt, kratzt sich hinter seinem grossmächtigen rechten Ohr und murmelt: „Schwamm drüber…“ Dann steigt er in seinen Harem hinunter, den er allerdings lieber als Sexarium bezeichnet, und treibt es dort ausserordentlich wild. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Er besitzt ihn natürlich, jenen Schlüssel, mit dem man das Sexualvergnügen ultimativ optimieren kann.

Er verspürt allerdings nicht die geringste Lust dazu, diesen Schlüssel mit jemanden zu teilen. Und schon gar nicht mit irgendwelchen Kreiselbewohnern!

 

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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