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Liebe Veganer, erzählt doch keinen Käse

Ich habe letzte Woche einen Käsereibetrieb besucht und heute ein Rezept für veganen Käse gelesen. Zwei Welten, die weiter auseinander nicht liegen könnten.

Eines vorweg: Ich habe grosse Achtung für die vegane Lebensweise. Ganz Ehrlich. Wers schafft, sich und vielleicht gar seine Kinder nicht an Mangelernährung draufgehen zu lassen, ohne zu tierischen Produkten zu greifen, hat meine ungeteilte Bewunderung. Nicht, weils für mich dann mehr Steaks übrig hat, sondern weil ich ganz generell etwas übrig habe für Menschen, die ihren Prinzipien treu sind. Solange sie niemandem damit schaden oder einfach auf den Sack gehen. Dass Veganer bisweilen das Gefühl haben, alleine mit ihrer Predigerei die Welt retten zu können, und dass es notwendig sei, ihr Umfeld nonstop damit zu betexten, kann ich ihnen verzeihen. Schliesslich regen sie mit ihren Gedanken auch uns Normalos an und appellieren nicht zu Unrecht hin und wieder an die Verbrauchervernunft der Überflussgesellschaft – und, last but not least, schmeckt die vegane Küche (in der Regel) auch noch ziemlich lecker.

Nun bin ich im weltweiten Netz aber auf etwas gestossen, das mich meine üblicherweise babypoglatte Stirn runzeln liess: Ein Rezept für veganen Käse. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: VEGANER KÄSE. Käse ist ja per Definition „ein Nahrungsmittel, das aus der Milch von Kühen, Schafen oder Ziegen hergestellt wird.“ Ja, ich weiss. Es gibt auch Veganer, die ums Verrecken Schnitzel und Würste essen müssen. Natürlich nicht aus Fleisch, sondern aus Tofu, oder aus anderem vollkommen geschmacksneutralen Zeugs, das man in Schnitzel- und Wurstform presst und mit Gewürzen und Saucen in einen einigermassen geniessbaren Zustand bringt. Man merkt: Tofu zähle ich nicht zu oben genannten veganen Leckereien, die mir Spass bereiten. Es sei denn, in eine schmackhafte Sauce getunkt oder mit Marinade eingeschmiert. Aber mit diesen Hilfsmitteln kann man ja auch eine Scheibe Wellkarton oder Styropor essbar machen.

Doch zurück zum Käse. Dem „V.E.G.A.N.E.N. K.Ä.S.E.“. Ja, ich mache gerade wieder dieses Gesicht, bei dem man die Augen rollt, die Stirn runzelt und mit Zeige- und Mittelfinger der linken und der rechten Hand links und rechts von seinem Kopf in Gebärdensprache Gänsefüsschen in die Luft kratzt. Die Autorin des Rezeptes heisst Sophia, ist eine gutaussehende, junge Deutsche, die sich dem veganen Lebensstil verschrieben hat. Natürlich nicht, weils gerade ultra-hip ist, sondern weil sie sich dank gesundem Lebensstil einfach rundum gut fühlt. Item. Sophia lockt die Gemeinde mit: „Veganer, schnittfester Käser der auch noch schmilzt? Das ist jetzt kein Mythos mehr!“ Nun gut, denke ich mir. Ein Stück Gummi schmilzt auch, wenn ichs auf den heissen Herd lege. Würde ich das deswegen essen wollen? Sophia berichtet, dass sie lange tüfteln musste, bis sie auf das tolle Resultat gestossen ist, wie sies uns heute präsentieren kann. Die Vorbereitungsarbeiten dauern lediglich 15 Minuten, die anschliessende Zubereitung eine mickrige Stunde. Ha! HAHAHA! Denke ich mir. Vielleicht prustete ich beim ersten Lesen auch laut raus, ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Ganz genau erinnern kann ich mich hingegen an meinen Besuch eines Käsereibetriebes im Zürcher Oberland von vergangener Woche. Ein Erlebnis sondergleichen. Hier reifen wundervolle Käsekreationen monatelang heran, werden täglich gehätschelt und getätschelt, bis sie schliesslich Genussreife erlangen und in der Vitrine zwischen anderen Laiben um die Gunst von Käseliebhabern buhlen.

Ich zügle meine Emotionen und konzentriere mich auf die Zutaten, welche sich laut Sophia zu einer Masse zusammenkleistern lassen (ich will nicht werten, ich will nicht werten, ich will wirklich nicht werten), die schnittfest sein soll, bei Bedarf schmilzt und im Geschmack „ein wenig“ einem „würzigen“ Gouda ähneln soll. Für den Laien: Gouda ist ein ursprünglich aus Holland stammender Käse, der sich nicht zuletzt in Deutschland grösster Beliebtheit erfreut. Mit Käse hat dieses Produkt allerdings erdenklich wenig zu tun, liebe Freunde. Jedenfalls wenn wir vom industriell hergestellten Gouda sprechen. Selbstverständlich werfe ich den liebevoll auf Bauernhöfen aus frischer Kuhmilch hergestellten Gouda nicht in den selben Kupfertopf. Aber Sophia meint ganz offensichtlich den kunstoffähnlichen, lahmarschigen, massentauglichen, seelenlosen Instantfarbrikäse. Die Kittmasse, mit der man in Norddeutschland auch gerne Fenster von Leuchttürmen abdichtet.

Man kann zugegebenermassen seine Gründe dafür haben, der Kuh ihre Milch nicht wegnehmen zu wollen. In etwa den selben Grund, weshalb man auch der Biene den Honig lassen soll. Ich teile die Ansicht nicht und reibe mir verwundert die Augen, wenn Sophia aus Süsskartoffeln, Cashews, Hefeflocken, Wasser, Zitronensaft, Paprika- & Cuminpulver, Salz, Pfeffer und Agar Agar (what the hell!) einen „K.Ä.S.E.“ (Gänsefüsschen, Gänsefüsschen!) zubereitet.

Nicht mein Problem, wenn ihr keinen Käse essen wollt. Und keine Würste und keine Schnitzel. Aber auch nicht mein Problem, wenn ihr keine Namen findet für die Dinge, die ihr euch als Alternativen ausdenkt und zusammenbraut. Merke: Ein Käse ist ein Käse ist ein Käse. Es benötigt unheimlich viel Können, Geduld und Fingerspitzengefühl, um aus Milch und Bakterien und Zeit, viel Zeit, einen Käse auf die Käseplatte zu zaubern, einen richtig guten Käse. Im Tösstal werden sage und schreibe 250 verschiedene Käsesorten produziert, von denen jeder einzelne seinen eigenen Charakter besitzt. Einen Geschmack, eine Konsistenz und eine Farbe, die unter anderem davon beeinflusst wird, ob die Kuh am Morgen oder am Abend gemelkt wird, welche Gräser und Blumen gerade blühen, welche Jahreszeit herrscht, und mit welchen Kräutern man die Rinde über Monate hinweg massiert. Und da kommt eine vegane Bloggerin und will der Welt weismachen, dass sie in eben mal 1 1/4 Stunden einen „K.Ä.S.E.“ macht? B.I.T.T.E.!

Ich weiss, ich reagiere gerade wieder etwas emotional, aber: Wer keinen Käse isst, der soll verdammt nochmals auch keinen Käse predigen. Seid gut zu Tieren, esst euren gewürzten Kautschuk, haltet ihn für lecker und lasst gut sein. Aber mischt euch bitte nicht in unsere Wurst-, Schnitzel- und Käsewelt ein. Amen.

Referenz: Rawberryvegan – Veganen Käse selber machen

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Pete Stiefel

Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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