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Slowjob – Suck, baby, suck!

Schon mal von Herrn Schnarch gehört? Nein, das ist nicht der Dr. Best der Benzodiazepine. David Schnarch, ein amerikanischer Sexualtherapeut, hält „schlechten Sex“ für „einen Segen“. Jesus! Was ist schlechter Sex und wieso bedarf Sex irgendeines Segens? Schnarch prophezeit, dass sich jedes Paar irgendwann am „Resteessen“, d.h. an der „Schnittmenge der sexuellen Vorlieben“, den Magen verderben wird. Deshalb solle man ruhig den Tiefpunkt erreichen, um dann in Psy-Sitzungen den Einheitsbrei durchzukauen und zum Sex-Gourmet zu mutieren. Das klingt nach Tipps für Junkies: Down, down down… erst in der Gosse erkennst du die Notwendigkeit des Wandels! Weshalb wir allerdings erst kotzen müssen, um uns zu delektieren, ist mir unbegreiflich.

Vielleicht ist das der europäische Sonderweg, dass wir amerikanische Parolen wie „hands-on“ und „learning by doing“ tatkräftig umsetzen, ohne alles vorher auszudiskutieren, zu psychologisieren und zu therapieren. „Trial by error“… Hey! Wer hat sich nicht schon mal verirrt und kam bei seinen Irrungen und Wirrungen doch ganz besonders auf seine Kosten?

Wenn es einen Rat beim S.E.X. zu beherzigen gilt, dann ist das „Take your time!“. Das magische Wort heißt SLOW. Von entscheidender Bedeutung ist das Tempo beim Blowjob. Das Tempo spielt sogar eine so wichtige Rolle, dass der „Slowjob“ Eingang ins Urban Dictionary gefunden hat: „A slow job is a blow job at quarter speed.“ Für Speed-Junkies ist das natürlich die Hölle. Für Liebhaber des „Slowly but surely“, eines lasziven Steely Dan-Hippie-Sounds jedoch ein Hochgenuss. Die Entdeckung der Langsamkeit beim Blowjob zieht jetzt aber nicht den Appell nach sich, im Schneckentempo der Slow Sex-Bewegung in die Arme zu kriechen. Auch die Kriterien der Slow-Food-Bewegung „buono, giusto, pulito“ – gut, sauber, fair möchte ich nicht eins zu eins auf den propagierten Slowjob übertragen.

Dass ich dem Achtsamkeits-Vokabular ohnehin am liebsten eine verbale Watschn verpassen würde, ist ja ohnehin klar. „Also weißt du, erst in einem Sufi-Seminar hab’ ich meine körperliche Seite entdeckt. War ja eigentlich immer so intellektuell ausgerichtet.“ Poubelle! Auch frag ich mich, ob Dr. Sommer wiederauferstanden ist in den zahlreichen Sex-Kolumnen, die mit Verve in Pro/Contra-Kolumnen Anal oder Blowjob diskutieren. „Also, weißt du, du musst ihm wirklich keinen blasen, es sei denn, du willst das!“. „Echt jetzt, du schluckst?“. Zugleich sind Doctrix Sommer & Co. von einer Sexmüdigkeit erfasst, die sogar Viagra-Freaks staunen lassen.

Was mir aber wirklich am Herzen liegt, ist die Rückbesinnung auf den Genuss. Das Beziehungstrara abzustreifen und sich ganz dem Hedonismus hinzugeben, ist letztlich für Blowee und Blower lustbringend. Apropos Hedonismus: Als mich vor langer Zeit einmal ein Ethiklehrer des Hedonismus bezichtigte, fühlte ich mich schwer beleidigt, auf die Stufe eines Tiers gestellt (man hatte es damals noch nicht so mit Animal-Pampering), egoistisch… Heute fühle ich mich geschmeichelt und erkannt, denn Lust und Schmerz, sanfte Wellen und Stürme der Seele lassen mich höchstes Glück verspüren. Epikurs Ataraxia hingegen, vollkommene Seelenruhe und Schmerzfreiheit, ist mir far too tugendhaft-asketisch. Es sind die Glücks-Kicks, die ich sammle und hege, verschwende und aufblitzen lasse. Wenn es mich down, down, down zieht in the cold, cold night, rufe ich mir die Kyrenaiker in Erinnerung: „Auch ein einziger Genuss nur reicht für die Glückseligkeit.“ Und dann gehe ich auf in einer körperlichen Lust, die – Aristippos sei Dank – per se sinnerfüllend ist.

Ich spiele. Ich suche. Ich lecke. Slowly… Lick my balls! Genau! Nicht immer nur Deep throat. Behutsam ziehe ich die Haut zwischen meine Lippen, dehne sie und nehme meine Lieblings-Balls einzeln in den Mund. Ich rolle sie, glitschige, kleine Zwetschgen, überdimensionierte Kirschkerne, die ich ablutschen möchte, bis sie blitzblank sind.

Suck, baby, suck, with the CD of Chuck Berry, suck!

Aber Andante, bitte, Serge! Andante! At least today…

 

 

 

 

 

 

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Autor: Theresa S Grunwald

Ekstatische Verzückung, Devotion, deutsche Romantik – Theresa S. Grunwald, das Pseudonym dient als sprachliche Verhüllung, lebt nicht nur in einer pornographischen, von einem leisen Hauch Katholizismus durchwehten Welt. Der Durchbruch ins Animalische gelingt nicht immer, Hölderlins Liebe greift sie manchmal hart am Schopfe. Masken sind aber durchaus ein probates Hilfsmittel, um extreme Widersprüche, Sex und Liebe ist nur einer davon, in Genuss umzuwandeln.

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