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Angel Airlines

Die Sonne war halt schon untergegangen. Ich wollte mich gerade, Signalkelle in der rechten Hand, auf der Start- und Landebahn einrichten. Die Nachtschicht des einsamen Lotsen antreten. Doch da trat der Chef an mich heran. Er sagte: „Heute fliegt kein Engel ab. Es wird auch nicht zu einer Landung kommen. Es wird hier überhaupt nie mehr ein Engel ankommen oder starten. Wir haben nämlich keinen mehr auf dieser Erde. Und der Himmel scheint offenbar auch keine weiteren dieser Himmelsgeschöpfe auf unseren Planeten hinab zu senden. Deshalb gibt es für Dich auf diesem Flughafen leider nichts mehr zu tun. Nimm es bitte nicht allzu persönlich. Pack Deine Signalkelle ein und Deinen Overall. Den darfst Du behalten. Ist schliesslich ein praktisches Kleidungsstück. Kann man immer brauchen. Also; leb wohl.“

Der Chef schreitet von dannen. Schnell. Beinahe fluchtartig. Schreitet aus dem Wirkungsbereich der Lichtkegel hinaus, die von mächtigen Scheinwerfern in die Finsternis gezeichnet werden. Fassungslos stehe ich da. Glotze ihm nach. Bis ihn die Dunkelheit vollends verschluckt hat. Mir bleibt nur noch die Nacht.

Und dieser hellblaue Overall mit den beiden aufgenähten weissen Flügeln auf dem Rücken, den aufgestickten Wölkchen am Revers, dem schwungvollen Schriftzug über der Brust, der da stolz verkündet: „Angel Air“. Das einzige Kleidungsstück in meinem Besitz übrigens.

Zugegeben. Es lief bei uns bereits seit einiger Zeit nicht mehr so erfolgreich wie einst. In den goldenen Tagen der Engelsluftfahrt. Damals, als sich Metatron und Abaddon, Michael und Ariel auf dem Engelsflughafen die sprichwörtliche Klinke in die Hand gegeben haben.

Damals, als massenweise Engel und Erzengel hier täglich angekommen sind oder abgehoben haben. Damals, als ich von den himmlischen Heerscharen oft ein schönes Trinkgeld und viele gute Wünsche entgegennehmen durfte. Weil ich immer so freundlich mit ihnen geplaudert, sie so zuvorkommend bedient habe: Ein bisschen Small Talk hier, einige frohe Worte dort, in ganz und gar angemessener Art und Weise, nie zu neugierig, nie zu aufdringlich, nie auftrumpfend, nie zu unterwürfig…

Ja, ich konnte es gut mit den himmlischen Heerscharen, habe den korrekten Ton immer getroffen.

Deshalb war ich am Engelsflughafen, während all der Jahre, die ich hier verbracht habe, eigentlich permanent Mitarbeiter der Woche, des Monats, des Jahres. In der hohen, weiten Ankunftshalle, die sich unter dem grossen Glockenturm ausdehnt und gleichsam dessen Sockel bildet, hing mein Konterfei, ein aufgeblasenes Passfoto, jedenfalls immer und gut sichtbar in jenem blattvergoldeten Rahmen, der mit kleinen, filigranen Flügeln verziert ist, und die Antlitze verdienter Mitarbeiter umschmeichelt. Ein Ehrenplatz. Fürwahr.

Weil mir die ankommenden und abfliegenden Engel so oft vergnügt auf die Schulter geklopft haben, war ich auch nie krank, hatte niemals Kopfschmerzen oder Zahnschmerzen, keine Depressionen oder Albträume.

Wenn die Hand eines Engels deine Schulter berührt, empfindest du in deinem Körper, deiner Seele jenes unbeschreibliche Gefühl der Segnung, der Heilung. Es ist, als würde jemand dein Innerstes aufräumen, entstauben, durchputzen.

Worte können dieses Gefühl kaum beschreiben Die Belegschaft des Engelsflughafens hat es gerne „den goldenen Schauer“ genannt.

Von uns wurde die Himmelsgeschöpfe immerzu professionell und tadellos bedient. Aber es gab dabei schon Unterschiede.

Manchmal ist ein ganzer Schwarm jener kleinen güldenen Glücksengelein oder Schutzengelchen gelandet, die für individuelle Menschen- oder Tierschicksale zuständig sind. Ihre Landungen wurden von der Zunge eines kleinen Silberglöckchens im Glockenturm angekündigt.

Sie wurden natürlich herzlich empfangen, erhielten einen soliden Service. Aber der ganz grosse Zirkus wurde für sie nicht veranstaltet…

Der war jeweils nur für die Ankunft jener Ober-Yehudis der Himmelssphären vorgesehen, der Generalstabsebene des Engelheers halt. Wenn etwa Abaddon ankam, um die Vorbereitungen für die Apokalypse voranzutreiben, wenn Metatron landete, weil er eine direkte Botschaft von höchster Stelle zu verkünden hatte, wenn Michael mit seinem Flammenschwert erschien, weil er einem grossmächtigen Dämonen den Marsch blasen musste, dann stand der Engelsflughafen Kopf.

Die fetten Zungen der gewichtigsten Glocken im Turm kündeten jeweils die Landungen dieser kapitalen himmlischen Hechte an. Der Flughafenchef stattete mich zu derartigen Anlässen mit der diamantenen Signalkelle aus, die normalerweise im Safe des Engelsflughafens aufbewahrt wurde. Wir entfachten dann ein Feuer im ganz grossen Weihrauchbecken. Hei, wie das duftete. Die schönsten Mitarbeiterinnen des Flughafens zogen sich splitternackt aus – bis auf die kniehohen Fallschirmspringerstiefel natürlich – und begrüssten die mächtigen Himmelskapitäne, begrüssten sie stolz, breitbeinig, Brust raus, Bauch rein, mit einem Spalier und herrlichen Chorälen.

Das war was fürs Auge! Das war was fürs Ohr!!

Gerüchteweise hätten einige der Damen sogar intensive erotische Begegnungen mit den Erzengeln erlebt, in deren Rahmen sie unter anderem anscheinend eine wundersame Substanz kosteten. Aber die Leute erzählen viel, wenn der Tag zu lang ist.

Vor einigen Jahren hat dann der Niedergang unseres schönen Flughafens begonnen.

Schleichend. Immer seltener kam es zu Abflügen oder Landungen. Die Geschwader wurden kleiner. Auch die kapitalen Hechte machten sich rarer. Seit dem letzten Jahreswechsel versammelte sich die Geschäftsführung des Engelsflughafens Tag für Tag zu Krisensitzungen. Man suchte alternative Geschäftsmodelle, umwarb potenzielle Neukunden, zum Beispiel den geflügelten Aztekengott Quetzalcoatl. Leider mit geringem Erfolg.

Immer seltener gerieten die Zungen unserer Glocken in Bewegung. Die schönsten Mitarbeiterinnen behielten ihre Kleider leider dauernd am Leib. Und die letzte Landung des Erzengels Metratron erfolgte unangekündigt, hastig, ohne grosses Zeremoniell.

Der Erzengel, sonst immer freundlich und redsam, klopfte mir bei seiner Ankunft nur schnell auf die Schulter. Seine Augen leuchteten deutlich weniger als sonst. Die Federn seiner Flügel glänzten kaum. Seine Abreise erfolgte bereits eine halbe Stunde später. Wortlos erhob er sich in die Lüfte. Keine Geste des Abschieds.

Da spürte ich, dass es nun unmittelbar bevorstand. Das Ende.

Nun stehe ich da. In der Nacht. Auf der Start- und Landebahn des Engelsflughafens. Ein Berufsleben lang habe ich hier die himmlischen Geschöpfe eingewiesen und startklar gemacht. Habe ihnen vor dem Abflug noch schnell den neusten Wetterbericht ins Ohr geraunt. Habe ihnen bei der Ankunft den Sternenstaub von den Flügeln gewischt.

Es war eine schöne Zeit.

Was soll ich nun mit dem Rest meines Lebens anfangen? Mein Metier kennt keine Pension. Ich seufze, setze mich auf den Teermantel der Start- und Landebahn, lege die Signalkelle auf den Boden und zünde mir eine indische Zigarette an. Die Scheinwerfer sind erloschen.

Ich blase leisen Trübsal. Mein Blick schweift zum Himmel hoch… Keine Sterne.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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