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Ein Haus, in dem zu jeder Tageszeit Nacht herrscht

Laura auf dem Weg

Die ganze Welt scheint erschöpft zu sein, das Wetter ist wenig entscheidungsfreudig – entfärbter Himmel, undefinierbar, unglaubwürdig. Es kommt Laura so vor, als würden da oben, hinter dem grauen Schleier, Kräfte wirken, die in aller Verborgenheit Tatsachen schaffen. «Vielleicht gibt es bald neue Farben am Firmament, wenn der Vorhang sich wieder öffnet», denkt Es in ihr, «Farben, die wir noch nie gesehen haben. Das würde uns vielleicht zu besseren Menschen machen.»

In ihrem Kopf plätschern die Gedanken an diesem Morgen einfach so vor sich hin, kein Fokus, keine Konsequenzen. Um diese Zeit ist sie an fünf Tagen der Woche unterwegs. Zur geräumigen Villa des Herzogs, hinter hohen Mauern und uralten Bäumen versteckt. Ein Haus, in dem zu jeder Tageszeit Nacht herrscht, die Fenster stehen nie offen. Ein raffiniertes Belüftungssystem sorgt für eine – etwas angefeuchtete, doch niemals modrig riechende – Frische.

Die Temperatur im Haus ist derart geregelt, dass man problemlos nackt durch Räume und Gänge schreiten kann, dabei aber nie ins Schwitzen kommt.

Der Herzog, für Laura nur eine Gestalt, die immer im Schatten verborgen bleibt, kaum kann sie seine Gesichtszüge erfassen, wenn sie im Lichte steht. Erahnen kann sie einen gewissen Leibesumfang, was weiter unten passiert, bleibt unsichtbar, hören kann sie eine tragende Stimme, eine ruhige Stimme, die sich immer durch ein Mikrophon meldet, die gerne insistiert, dabei jedoch nie schrill wird.

Sie hat fast nichts dabei, ihre geräumige Tasche enthält heute bloss Zigaretten, der Herzog mag es, wenn sie während der Arbeit raucht, aber nur, wenn er gerade Lust darauf verspürt, Taschentücher, mehrere Feuerzeuge, ein leichtes Beruhigungsmittel, das sie zu sich nehmen wird, kurz bevor sie in die Villa des Herzogs eintritt – und ein kleines Fläschchen Spumante, mit dessen Hilfe sie den Wirkstoff leichter schlucken kann.

Es ist ein Medikament von der angenehmen Sorte, keineswegs einschläfernd, absolut nicht beeinträchtigend, es schneidet der Realität bloss die schmerzhaften Spitzen ab. Laura konsumiert es gerne, will sie doch keine schweren Gedanken aufkommen lassen, während sie ihrem Wirken in der Villa nachgeht.

Ist es überhaupt eine richtige Arbeit, die sie beim Herzog verrichtet – oder bloss eine Tätigkeit? Ein bisschen anstrengend ist es schon, aber immerhin ganz ungefährlich, allerdings bleiben Fragen offen, bezüglich der Stunden, die sie hier täglich verbringt, aber solche Rätsel haben auch ihren Reiz.

Die «Sitzungen», so steht es in ihrem Vertrag mit dem Herzog, sind «zeitlich nicht begrenzt, sie können 50 Minuten dauern, aber auch volle acht Stunden». Manchmal ertappt sie sich beim Gedanken, dass ihr Alltag heute angenehmer ist als jener, den sie früher, als Fachkraft für Listenanfertigung, in der Meyer’schen Glockenanstalt verbracht hat. Einer weiteren Traditionsfirma, die ihre Tore schliessen musste, aus gar offensichtlichen Gründen.

Die Arbeit beim Herzog ist weniger mühsam, aber auch sie produziert Reste, die ihr Gemüt beschäftigen.

Laura, vor Ort angekommen

Sie steht vor dem kleinen Tor, jener einzigen Spalte in der Mauer, durch die man in die Villa eindringen kann, immer wenn sie auf den kleinen Klingelknopf drückt, kommt Laura ihr erster Tag hier in den Sinn.

Damals wurde sie von einer seltsamen Frau in Empfang genommen, einer hochbetagten Dame mit Eulenaugen, die ihr streng erklärte – und dabei keineswegs vor unanständigen Ausdrücken zurückschreckte –, wie sie ihre Tätigkeit für den Herzog auszuführen habe. Diese beginne in einer Woche, am Montagmorgen. Aber zunächst müsse sie zuhause üben, vor dem Spiegel, man würde ihr nun sofort Instruktionen in die Mailbox senden, mit Filmbeispielen.

Wahrlich, es war eine seltsamen Aufgabe, mit der Laura betraut wurde.

Der Herzog, so versicherte ihr die betagte Dame, würde nie etwas verlangen, das nicht im Vertrag stehe. Er würde sie nie berühren, es würde keinen Smalltalk geben, er verlange lediglich, dass sie während den Aufführungen mit voller Konzentration bei der Sache sei, seine Instruktionen ausführen, die Sätze und Worte sagen würde, es handle sich um ganz wenige, die sie jeweils von einem Bildschirm ablesen könne. Alles, ohne zu zögern, Bitteschön.

Die ganze Sache habe mit der Religion des Herzogs zu tun, sei also über jeden Zweifel erhaben. Der Lohn für die Mühe, so die Dame, sei hervorragend, ein Chef-Gehalt. Sie kritzelte eine Zahl auf einen Papierfetzen. In der Tat, dachte Laura, so viel habe ich in meinem Leben nicht verdient. Sie sagte also zu.

Die Eulendame überreichte ihr einen recht grossen Rollkoffer und sagte: «Das ist Ihre Trainingskleidung». Dies mit einem schmierigen Lächeln, welches man der Alten nicht zugetraut hätte, im Antlitz.

So war es am ersten Tag.

Darauf folgte die Woche der Übungen, endloses Turnen, so nannte es Laura für sich selber, vor dem Spiegel, stehend, sitzend, liegend, auf den Knien, auf Stühlen und anderen Möbeln, gemäss den Instruktionsfilmen und -bildern.

Ihr eigenes Spiegelbild begann dabei manchmal zu verschwimmen, zeigte ihr plötzlich Szenen aus anderen Zeiten, anderen Räumen, zeigte Ihr Wälder, Wüsten, Oasen, Gärten…

Die Übungen brachten sie von Zeit zu Zeit in sportliche Dimensionen, dann wieder zum Nachdenken, versetzten sie in allerlei Stimmungen, erzeugten Spannungen und lösten sie wieder auf, manchmal erregten sie Laura, manchmal nötigten sie ihr schallendes Gelächter ab oder Tränen.

Die Stunden vor dem Spiegel formten in ihr – paradoxerweise – eine ganz neue Form des Selbstbewusstseins, vielleicht auch ein bisschen wegen der Trainingskleidung aus dem Koffer.

Laura im Umkleideraum

Laura tritt nun durch das kleine Tor, das sich öffnet, weil das unsichtbare Sensorauge sie erkennt. Sie schreitet durch den prächtigen Park, in dem mächtige Skulpturen wachen, Abbilder von Frauen und Männern, die das Unvermeidliche tun, das gesamte Repertoire. Sie schreitet durch das grosse Tor, welches das Eindringen in die Villa ermöglicht, in den Bauch der ewigen Nacht.

Sie kennt den Weg, gewundenen Gängen entlang, zu ihrer Kammer.

Es ist eine einfache Kammer, ein Stuhl, ein Spiegel, ein Lavabo, eine Toilette im offenen Raum, wie im Gefängnis oder im Kloster.

Laura vermutet, dass sie hier immer gefilmt wird.

Jeden Tag gibt es eine stoffliche Überraschung, die an einem Kleiderständer hängt, davor stehen die Schuhe, die der Herzog heute wünscht, auf dem Rand der Waschschüssel liegen Schminksachen bereit.

Manchmal sind es opulente komplexe Garnituren, die Laura einige Rätsel aufgeben, bevor sie verstanden hat, wie man sie anziehen muss, manchmal sind es bloss einige Fetzen, die mehr blosslegen als bedecken.

Die Launen des Herzogs zeigen sich in der Beschaffenheit der – eindeutig massgefertigten – Lingerie, die er jeweils bereitstellen lässt. In letzter Zeit sind es eher knappe Sachen: Micro-Bodys aller Art, diminuitive Kreationen aus Strass, klitzekleine Bikinis, dazu hohe Stiefel oder Schnürstiefel oder gar Sandalen, die bis zu den Oberschenkeln hinauf reichen.

Wobei diese Reihe manchmal durchbrochen wird, plötzlich hängt wieder eine volle Garnitur am Ständer, mit Netzstrümpfen, Hüftgurt, PushUp, High Heels, einem kleinen Schwarzen. An jenen Tagen weiss Laura, dass vor der Zurschaustellungs-Gymnastik, so nennt sie ihre Brotarbeit für sich selbst, ein ausgedehnter Striptease angesagt ist.

Nicht so heute. Ein G-String, geschnitten aus einem gebleichten, ausgfransten Pärchen Levis Jeans, ein BH aus groben Netz, ein silberner Bauchgürtel, auf dessen Schnalle in goldenen Lettern «Zombie Porn Star» steht, ein silbernes Halsband sowie weisse, hüfthohe Stiefel sind die Garnitur des Tages. Auf dem Rand des Lavabo liegt ein schwarzer Lippenstift. Sie weiss sofort, dass die heutige Sitzung nicht ganz ohne körperliche Anstrengung verlaufen wird.

So beginnt Laura, sich zu entkleiden.

Um sich danach gleich wieder anzukleiden.

Laura auf den Brettern

Lauras Umkleideammer hat zwei Türen, eine grün, die andere rot bemalt, letztere führt direkt auf die kleine Bühne im Theater des Herzogs, das nur einen einzigen Zuschauersitz aufweist, im Zuschauerraum der Schatten. Jeden Tag findet sie auf dieser Bühne neue Kulissen vor, Landschaften, Burgverliesse, Weltraumszenarien, Kirchenräume, Bürgerstuben, Bauerndörfer etc., wechselnde Lichtstimmungen und eine immer andere Begleitmusik.

Nun tritt sie also durch die Tür, auf die Bretter, die die Welt bedeuten, da steht lediglich ein solider runder Tisch, wahrscheinlich mit einem Drehmechanismus versehen, unter rotem Licht, aus den Lautsprechern dröhnt «New Values» von Iggy Pop, auf dem Bildschirm leuchten die ersten Buchstaben ihres Texts.

Der Herzog begrüsst sie aus der Dunkelheit, er spricht wie immer in sein Mikrophon, um die Musik zu übertönen, ohne schreien zu müssen: «Einen schönen guten Tag Frau Vitz. Wollen wir?»

Die Antwort liest sie vom Bildschirm ab: «Ausserordentlich gerne, Herr Herzog, ich bin zu allem bereit.»

Der Herzog sagt: «Also dann hüpfen sie doch mal auf den Tisch und…»

Ein weiterer Arbeitstag nimmt seinen Lauf.

Manchmal fragt sich Laura, was der Herzog in den Nächten alles so treibt.

Sie freut sich auf das Wochenende. Nach anfänglichem Zögern hat sie nämlich vieles, das sie auf ihrer Arbeit gelernt hat, in ihr Privatleben eingebaut, worüber sich ihr Freund übrigens – manchmal errötend – irrsinnig freut. Sie freut sich darüber, dass am Ende dieser privaten «Sitzungen» jeweils eine Erlösung steht. Ihrem Freund sagt sie, dass ihre Arbeit für den Herzog aus der Führung eines Geheimarchivs bestehe.

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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