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Kältekammerflimmern

Es war einer dieser kalten Tage, an denen Kinder mit der Zunge an Eisenstangen hängenbleiben. Sie wissen schon, Februar, in seiner kindischen sibirischen Phase halt. Perfektes Wetter um mir in der Kältekammer von „med&motion“ bei minus 85 Grad den Rest zu geben. Claudio Gasser, der Inhaber von „med&motion“, ist Dipl. Physiotherapeut, Dipl. Sportphysiotherapeut, Dipl. FIO Therapeut (Funktionelle Osteopathie), Sport- und REHA – Trainer. Na, wenn das nicht die optimale Grundausbildung ist, um meinen fiesen Männerbusenansatz fachmännisch ins Nirwana frieren zu können.

Viele Fussballer schwören auf einen Besuch in der Kältekammer, um sich schneller regenerieren zu können. Der FC Chelsea besitzt eine fahrende Kältekammer, damit die Spieler nach dem Match gleich reinhopsen können. Und Franck Ribéry soll sogar in einer Kältekammer wohnen, was seinen konstant grantigen Gesichtsausdruck erklärt.

Bevor es los ging liess mich Claudio Gasser einen Fackel ausfüllen, auf dem ich bescheinigte, dass ich bei – 85 Grad nicht in Flammen aufgehe, keine Alergie-Pusteln kriege und momentan nicht verschnupft bin. Reine Formsache. Danach führte er mich in „Die Kammer“. „Kannst du auch die Orangenhaut auf meinen Lovehandles wegeisen?“, fragte ich. Claudio lachte nur. Ich denke, das war ein Nein.

Nur noch in FCZ-Shorts und Turnschuhen trat ich wieder aus der Garderobe. Claudio gab mir einen Mundschutz, ein dickes Stirnband und Handschuhe. Netter Look! Gib mir noch ein paar Inline-Skates und ich fahre damit das Limmatquai auf und ab, ohne sonderlich aufzufallen.

Claudio erklärte mir, dass der Körper bei diesen extremen Temperaturen das ganze Blut von der Oberfläche nach Innen transportiert. Eine Art Schutzfunktion, um die inneren, „wichtigen“ Organe zu retten. Bei diesem Hin und Her werden die Muskeln extrem durchblutet, was eine erhöhte Regenration bewirkt und dem Körper ca. 1500 Kalorien abjagt. Hallo Gratis-Diät.

Das Thermometer zeigte – 87 Grad. Die nächsten drei Minuten soll nun dieses Gefrierfach mein Zuhause sein. Claudio hielt drei Schilder in der Hand: „Noch 2 Minuten“, „Noch 1 Minute“ und „Noch 30 Sekunden“.  Jedes Schild solle ich mit einem „Daumen hoch“ quittieren, um zu zeigen, dass alles gut ist. Okay, jetzt wurde ich allmählich nervös.

Claudio zählte auf drei und machte mir die Türe auf. Na dann, nix wie rein in die gute Stube, so schlimm kann es ja nicht…., ach du scheinheilige Eiszeit, war das kalt! Als würden man von 20 Schweden, die je einen Eimer „Fisherman’s Friend“ geext haben, stetig angehaucht. Ich drehte mich, wies Claudio befohlen hatte, gleich nach dem Eintritt um, mit dem Blick nach draussen. Ich spürte, wie sich meine ganze Haut zusammenzog. Selbst meinen Bauch musste ich nicht mehr künstlich einziehen. Bei -87 Grad passiert das von alleine. Das war jetzt wohl der Anti-Aging Effekt, den die Broschüre verspricht.

Claudio hielt das erste Schild hoch und ich gab ihm den Daumen. Ich lief an Ort und Stelle, um mich etwas von dieser unglaublichen Kälte abzulenken. Es war einfach so abartig, sich halbnackt in dieser Kälte aufzuhalten. Alle drei Sekunden gab die Ratio meines Hirns ein Du-bist-hier-sowas-von-falsch-Signal an den Körper. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich bestimmt hundert mal aus dieser Kabine flüchten. Da zeigte mir Claudio, das noch-1-Minute-Schild. Ich quittierte mit beiden Daumen. Nachdem man schon zwei Minuten in den Knochen hat, wird die letzte Minute noch viel kälter, als die erste – und die war schon bitterkalt.

Ich lief jetzt etwas schneller an Ort und Stelle, was in der Pantomimen-Sprache als „Mann muss dringend aufs Klo“ gedeutet würde. Da kam auch schon das noch-30-Sekunden-Schild. Aber wärmer wurde es dadurch nicht . Ich fühlte, wie auf meinen Haaren eine Eisschicht ansetzte. Welche anderen vorstehenden Körperteile werden wohl als nächstes dran glauben müssen? Claudio zeigte an der Scheibe mit zehn Fingern einen Countdown, den ich zitternd irgendwie in Zeitlupe sah. Dann flog die Tür auf und ich sprang wie ein junges Reh in die Freiheit.

Was dann folgte war pure Euphorie. Ein unglaubliches doch-nicht-gestorben-Glücksgefühl, das man nach einer Grenzerfahrung einfach hat. Meine Haut hatte jetzt etwa noch 3 Grad aber ich taute rassig wieder auf und ging voller Tatendrang noch eine viertel Stunde aufs Powerplate, um mir die kristallisierten Lovehandels-Fettzellen vom Leib zu schütteln. So einen Besuch in der Kältekammer kann ich allen wirklich wärmstens empfehlen.

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Autor: Midi Gottet

Midi Gottet ist 47 und war in diesem Leben schon Vegetarier, Alkoholiker, ein militanter Nichtraucher, Zauberkünstler in Vegas, Handmodel in Paris, Velokurier in Manhatten, Vater, Sohn und Heiliger Geist, vor Gericht wegen Verletzung religiöser Gefühle, im Knast, Sozialfall, die linke Hand von Rainer Kuhn, Stand-up Comedian, Präzisions-Schauspieler, Eden-TV-Moderator, Kolumnist, Autor, Poet, ein Singing Pinguin, ein schwules Murmeltier, Dr. Fleischmann, der DRS3-Rajiv, die Thomy-Senftube, der Schöpfer von "Handirr im Poulet speutzt", Ehemann, glücklich geschieden, eine Sportskanone, ein wenig impotent, ein Electric-Boogie-Tänzer, labil, ein Triebtäter, ein Erdengel, ein Schutzengel, ein Fussfetischist, ein Muttersöhnchen, ein Coop-Supercard-dabei-Haber, Götti, Onkel, Tante, das "Ich bin das ich bin", ein Orgasmusvortäuscher, betrieben, hoch verschuldet, tief verletzt, stinkreich, ein bornierter Snob, abgefuckt, demütig, reumütig, übermütig, übermüdet, klinisch tot, wieder wie neu, ein Drittel des Trio Eden, die Hälfte von Gottet & Landolt und ein Ganzes von Midi Gottet und somit die Summe seiner Höheren Selbste.

Danke für ihre Aufmerksamkeit.
(Wenn sie sich die Zeit genommen haben, diese Bio bis hierher zu lesen, haben sie kein Leben)

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