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Wenn man nicht mehr denken mag

Manchmal hab ich keine Lust zu denken. Mich davon überzeugen zu müssen, wie schön die Welt doch ist. Das ist anstrengend. Ewiger Optimismus ist kräfteraubend. Reden Sie sich doch einmal ständig etwas ein, obwohl ihre Wahrnehmung etwas anderes sieht. Es ist so, als würde man sich selbst für dumm verkaufen. Energieraubend ist das, sag ich Ihnen.

Dann denk ich trotzdem weiter. Ich denke lieber in Verschwörungstheorien, weil diese das einzige sind, was noch Sinn machen könnte in dem Durcheinander. Wie etwa, dass der Optimismus von den Mächtigen erfunden wurde, damit wir Wichtiges vergessen. Beispielsweise, dass gerade 700 Flüchtlinge im Mittelmeer gestorben sind, dass heute 11.000 Mädchen zwangsverheiratet wurden, oder dass Menschen kein Wasser haben, damit wir welches in Plastikflaschen geliefert bekommen. Wie soll das denn Sinn machen, wenn man sich denn Sinn nicht zurechtlegt, frag ich Sie?

Wollte ich mehr helfen, müsste ich mehr Zeit haben. Geld nicht. Denn Geld ist ja in diesem Land nie ein Problem, nicht? Diese schöne Tatsache ist wenigstens wunderbar, wahr. Sie haben keine 5 Franken monatlich? Doch bestimmt. Da müssen Sie aber trotzdem aufpassen, wem Sie die geben, wissen Sie. Davon kommen dann vielleicht einige Rappen irgendwo an. Auch ihr wohlgesinnter Gang zum Altkleidercontainer, hilft nicht. Ihre Kleider werden nämlich weiterverkauft an die Armen für ungefähr das Siebenfache dessen, was sie von der Spende erhalten haben. Aber wenigstens kann sich dann einer nach einigen Monaten sparen, mit Ihrer Spende, ihre alten Jogginghosen und ihr FC Amriswil T-Shirt kaufen. Es ginge vielleicht besser, wenn sich alle Helfer der Welt zusammenschliessen. Doch sie wollen nicht. Man kann es Ihnen nicht verübeln. Lieber abgeben. Das Shirt und die Gedanken. Sie sind schwer. Ich weiss genau, wie Sie sich fühlen. Die Gedanken sind sonst tonnenschwer. Sie haben ja auch keine Zeit für all das.

Die Grossen dort irgendwo halten uns wahrscheinlich so beschäftigt und mit falschen Reizen geködert, damit wir nicht auf dumme Ideen kommen. Etwa solche, den Unterdrückten helfen zu wollen. Sonst könnten sie sie ja nicht zu eigenen Zwecken unterdrücken. Es fühlt sich gut an, wenn ich so denke. Wenigstens kann ich auf diese Weise irgendjemandem die Schuld geben. Was sollte ich anderes tun? Ich habe gelernt, was mich stört zu akzeptieren, zu ändern oder zu eliminieren. Doch dann geht es nicht, für einmal. Da such ich die Schuld halt irgendwo sonst, wenn nicht bei mir. Das Optimisten Dasein kommt hier an seine Grenzen, sag ich Ihnen.

Deswegen mag ich nicht mehr denken. Es ist ein Teufelskreis. Ich mach weiter, im Kleinen, wie bis jetzt. Ein paar Menschen unterstützen, ist besser als nichts. Aber dann komm ich mir aber selbst klein und mickrig vor, wenn ich das eigentliche Problem betrachte. Hatten wir nicht gelernt, das Problem an der Wurzel zu packen? Ich fühle mich ohnmächtig, wenn ich es nicht packen kann. Was ja keine Rolle spielen müsste, denn es geht ja nicht um mich. Aber Sie verstehen schon. Wenn das Ausmass des Elends so unüberschaubar gross ist, da will man sich im Kleinen einfach nicht zufrieden geben. Man fühlt sich noch mickriger, wenn man sich eingestanden hat, wofür man lebt und arbeitet. Für Taschen, statt für jemandes Wasser. Sie wissen und ich weiss: Es bleibt einem nichts anderes übrig, als auch mitzuspielen hier. Unser Wasser hat keinen Wert, aber dafür unser Limited Edition Sneaker. Was, wenn man ausstiege aus dem System, um etwas Sinnvolles zu tun? Dann hätte man wirklich kein Geld es zu tun.

Denken im Kreis, das mag ich irgendwann gar nicht mehr. Es macht hundemüde.

Ich sage Ihnen: Denken wird überbewertet. Vor allem dann, wenn es nirgends hinführt.

Und trotzdem mach ich weiter – Stille wäre nämlich weitaus schlimmer.

 

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Jelena Keller

Autor: Jelena Keller

Jelena ist von Beruf Journalistin und Sprachlehrerin, Schweizerin serbischer Abstammung. Sie mag lange Texte und langes Grübeln. Sie hat sich daran gewöhnt zu viel zu denken und zu wenig zu schlafen. Wenn sie gar kein Auge zumachen konnte sieht sie die Welt nüchtern und in einem Grauton. Wenn sie ausgeschlafen hat, wandert sie mit ihrem Hund auf grüne Berge, durch bunte Blumenwiesen und rosa Weizenfelder. Schreibt auch mal Gedichte und Kurzgeschichten, reist am liebsten um die Welt und probiert Neues aus. Sie meint tatsächlich, dass sich alle Probleme lösen liessen, wenn man sich nur ab und zu in die Lage des Gegenübers versetzen könnte. Walk in my shoes und so. Trotzdem versteht sie manche Menschen nicht. Die, die sich vor dem Leben und dem Tod fürchten und andere verurteilen. Aber von den meisten anderen denkt sie, sie seien alle Freunde, die sie bloss noch nicht kennengelernt hat.

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